Dienstag, 31. Juli 2018

Die Lebendigkeitsfrage

AUGUST 2017.

„In welchen Momenten hast du dich besonders lebendig gefühlt?“, lese ich auf meinem Handy-Display und mache dabei einen Blick als hätte ich gerade ein fliegendes Meerschwein gesehen. Was ist das für eine seltsame Frage? Und warum ist das die erste Frage, die mir jemand bei Tinder stellt? Ich grinse. Wieder so ein FREAK.

Erstens: Wir sind hier bei Tinder und nicht bei Elitepartner. Bei Tinder stellt man keine tiefgründigen Fragen. Bei Tinder fragt man höchstens, warum ich „so einen geilen Arsch habe“ (machst du etwa Sport??!) oder ob meine Eltern Terroristen sind (du bist so scharf wie eine Bombe) oder auch, was ich mache. Also jetzt gerade auf mein Handy schauen und deine Antwort lesen falls du es genau wissen möchtest, du Depp.

Zweitens: Was ist das für eine seltsame Frage? Und vor allem: Was antworte ich darauf?! Vielleicht: Ich habe mich besonders lebendig gefühlt als ich nach meinem Fallschirmsprung nicht wie erwartet auf dem Strand aufgeprallt bin? Oder: Ich habe mich besonders lebendig gefühlt als ich an Karneval nach 23 Shots trotzdem am nächsten Tag in einem Bett und nicht auf dem Gehweg aufgewacht bin? Oder auch: Ja, besonders lebendig habe ich mich gefühlt als ich vor 29 Jahren geboren wurde und nicht mehr in dieser komischen Fruchtblase schwimmen musste. Wurde nämlich auch Zeit, dass ich da endlich rauskomme! Meine Hände waren schon ganz aufgeweicht.

Drittens: Fakt ist, dass die Frage offensichtlich so außergewöhnlich ist, dass ich jetzt schon mehrere Minuten über eine vernünftige Antwort nachdenke.

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Nach ungefähr 124 Nachrichten mache ich einen Online-Persönlichkeitstest, zu dem mich Thomas nach weiteren Fragen überredet hat. 16-Persönlichkeiten-Test heißt der – falls ihr den auch mal machen wollt. Der Test ist tatsächlich extrem interessant und sehr aussagekräftig. Und das ist an dieser Stelle wirklich ernst gemeint. Es lohnt sich also wirklich, wenn ihr 12 Minuten eures Lebens in den Test investiert.

Thomas ist Mitte 30 und reist gern. Und er ist laut Test ein Protagonist. Genau wie ich. Vielleicht passen wir also tatsächlich ganz gut zusammen? Könnte ja sein, dass ich in den nun fast vier Jahren meines Singledaseins doch das Tinder-Match meines Lebens habe. Vielleicht ist er der Richtige.

Außerdem: Was soll denn noch Verrücktes kommen? Ich hatte schließlich in meiner Tinderkarriere bereits einige seltsame Dates. Zum Beispiel mit einem Typen, der in seiner Wohnung noch kein Licht hatte und mit dem ich die neue mintgrüne Couch ganz romantisch gemeinsam bei Kerzenschein aus der Plastikfolie reißen durfte. Wo mir sogar auf dem Weg ins Bad eine Röhrenleuchte in die Hand gedrückt wurde damit ich auch etwas beim Pinkeln sehe . Aber das war nur eines der Dates. Es gab da nämlich noch Weitere: Mit Typen, bei denen in der Wohnung noch die Badezimmertür fehlt und es kein fließendes Wasser gibt (ich kann übrigens sehr gut auf dem Klo singen, falls ihr es genau wissen möchtet und das sogar im Extremfall mit Röhrenleuchte in der Hand als Mikro). Mit Männern, die mir stolz das Fotoalbum ihrer gescheiterten Ehe präsentieren. Mit Typen, die so großkotzig mit Geld umgehen dass sie mich zum Frühstück einladen und ich mich frage, wer denn die restlichen 12 Brötchen, 4 Pancakes und das Omelette noch essen soll. Oder sogar mit Typen, die behaupten, dass die Oma im 56km entfernten Dorf vom Fahrrad gefallen sei damit sie ein zweites Treffen elegant mit einer glaubwürdigen Oma-Rettungsaktion absagen können. Ich hoffe dabei allerdings wirklich, dass die Oma in der 50 minütigen Anreisezeit von jemand anderem vom Gehweg aufgesammelt wurde. Und ich finde es wirklich bewundernswert, dass sie trotz des gefährlichen Sturzes direkt ihr Smartphone gegriffen hat um ihren Star-Enkel aus Hannover höchstpersönlich anzurufen anstatt sich vor Ort Hilfe zu holen! Von so viel Vertrauen und Liebe könnten sich einige Männer bestimmt eine Scheibe abschneiden.

Zum Beispiel diejenigen, die noch an der Ex hängen, sich irgendwann seltsame Dinge auf den Körper tätowieren lassen, sich ihre Kusstechnik bei den Fenstersaubermach-Fischen (jaja Google…die Dinger heißen Welse) aus dem Aquarium bei Fressnapf abgeschaut haben oder mich anfassen wie ein schwuler Alpaka-Hirte auf Drogen.

Also: Was soll schon passieren, Julia? Entweder er ist ein cooler Protagonist. Charismatisch, nachdenklich, leidenschaftlich, kontaktfreudig und inspirierend. Oder er kommt ins Sammelsurium der wildesten Tinderstories mit denen du inzwischen schon einen ganzen Abend oder ein Buch füllen kannst.

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Thomas und ich sitzen nach einem Spaziergang in der Heldenbar. Er trinkt Minztee, ich Kaffee. Um 21 Uhr abends. Wir reden über Reisen, persönliche Ziele, die Lebendigkeitsfrage, Beziehungen und Glücksmomente. Thomas erzählt mir von einer Reise ohne Geld, von Couchsurfing und von den Menschen, die ihn inspiriert haben. Davon, dass er jetzt gerade keinen festen Wohnsitz braucht und an einer eigenen Projektidee arbeitet. Und davon, dass er vor einigen Monaten zehn Tage lang jeden Tag 10 Stunden meditiert hat und seitdem bewusster lebt.

Ich höre den Begriff „Vipassana-Meditation“ zum ersten Mal.

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