Samstag, 29. August 2026

5 Monate und 20 Tage

 Abgesehen vom Essen war der Flug bis zur nächsten Essensausgabe recht entspannt. Die Frau rechts neben mir ist ab und zu aufgestanden, um sich Wasser für ihren selbstgebrauten Kräutertee zu holen und ich konnte ein wenig entspannen und Podcasts hören. 


Außerdem habe ich kurz ein Spiel namens "Magic Forest" gespielt, wo man mit einem kleinen Vogel durch einen absolut banal aufgebauten Wald fliegen und blinkende Sterne einsammeln muss. Man muss dabei auf den Screen tippen, damit der Vogel fliegt.


Ich bin exakt bis Level 3 gekommen, als sich der Typ vor mir umgedreht hat und meinte: „Das ist ein TOUCHscreen, du musst da nicht so raufhämmern. Ich spüre ALLES in meinem Rücken."


Ich habe erst nicht gecheckt, was er meint und einfach nur „Danke für die Info“ gesagt und nett gelächelt. Wie hätte ich ihm erklären sollen, dass ich alles gegeben habe, damit mein kleiner Vogel nicht im Wald abstürzt?


Und so habe ich mich dann wieder auf mein eigenes Handy zum Spielen beschränkt und nur noch auf den Bildschirm getippt, um die Turbulenzen-Mitteilung sanft wegzuklicken. Wobei die Turbulenzen dieses Mal wirklich harmlos waren.


Ganz anders sah es auf meiner Rückreise von den Malediven nach Abu Dhabi aus. Da hat die Frau auf der Nachbarbank mit einer Panikattacke die ganze Zeit wild in ihre Kotztüte geatmet. Während im Hintergrund der Servierwagen klapperte, hat ihr Mann verzweifelt versucht, die drei Kinder zu bändigen und ich dachte wirklich kurz, wir stürzen gleich ab. Heute ist es zum Glück deutlich entspannter. 


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Es ist 1:40 Uhr nachts (Shanghai-Zeit), als im Flieger die zweite Runde Essen serviert wird. Ich bin schon ganz gespannt, welche Dschungelprüfung mich dieses Mal erwartet.


In Runde zwei gibt es Reis mit Schweinefleisch in Glibbersoße. Kennt ihr noch die Werbung von diesem Chappi-Hundefutter in der Dose? Ich glaube, das hier kommt dem ziemlich nah. Dazu gibt es einen griechischen Joghurt ohne Geschmack und einen kleinen Erdbeer-Rührkuchen. Ich könnte schwören, dass dieser Kuchen mit den 27 E-Nummern noch nie eine Erdbeere gesehen hat.


Brot darf natürlich auch nicht fehlen. Dieses Mal sieht es allerdings so aus wie dieses Aldi-Pseudo-Vollkornbaguette im Sechserpack. Das mag ich! Mit Butter und einem ganzen Tütchen Salz ist es ein guter Ersatz für das Chappi-Hundefutter.


Ich würde ja echt gerne mal einen Tag in so einer Küche in der Produktentwicklung verbringen und mir reinziehen, wer diese ganzen Gerichte eigentlich freigibt. Was zur Hölle denken die sich dabei?


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"Was zur Hölle?", denke ich auch, als wir um 5:30 Uhr landen und noch ein bisschen im Flieger warten müssen. 


Beziehungsweise: Nicht nur ein bisschen, sondern etwa eine halbe Stunde insgesamt.


„Bitte bleiben Sie sitzen, solange wir im Taxi-Modus sind.“


Das scheint den Mann neben mir zu kreativen Zeitsparmaßnahmen verleitet zu haben.


Er zückt ein schwarzes Gerät aus seiner Tasche und ich versuche, unauffällig rüber zu schauen, um zu prüfen, ob es das ist, was ich denke. Das kann doch eigentlich nicht sein.


Brrrrrrrrrrrrr.


Ja. Es ist das, was ich denke. 


Ich habe ja echt vieles erlebt, aber dass sich jemand im Flieger auf seinem Platz neben mir mit einem Elektrorasierer den Bart trimmt, ist selbst mir neu. Er scheint es völlig normal zu finden, dass seine Barthaare gerade auf den Sitz rieseln. Vielleicht sollte ich mir auch mal spontan die Achseln im Flieger rasieren, um frisch bei unserem nächsten Stop in Shanghai anzukommen.


Man könnte hier immer meinen, dass ich einen an der Murmel habe, aber ich bin echt ein Magnet für komische Dinge, die auf Reisen passieren.


Nachdem wir weitere 20 Minuten über den Flugplatz gefahren sind, ist sein Gesicht wieder glatt wie ein Babypo. 


Wir dürfen endlich aufstehen. Ich schnappe mir meinen Rucksack und betrete den Flughafen in Shanghai.


Noch 1,5 Stunden bis zum nächsten Flug. Endlich kurz durchatmen, ein wenig herumlaufen und vielleicht einen VERNÜNFTIGEN Kaffee trinken.


Pustekuchen.


Wir müssen erst durch eine Gesichts- und Temperaturkontrolle laufen. Dann geht es erneut zur Passkontrolle. 


Versuch 1. Versuch 2. Versuch 3. Es klappt einfach nicht. Scheinbar gucke ich am digitalen Schalter so genervt, dass die Software mein Gesicht nicht erkennt.


Ich laufe zur händischen Kontrolle. Dort muss ich wieder anstehen. Inzwischen erschleicht mich der Gedanke, dass es trotz der 1,5 Stunden zwischen den Flügen zeitlich schon wieder knapp wird. Also ein bisschen Gas geben! Beim Security Check drängle ich mich vor und halte allen mit einem „Sorry!“ meine Bordkarte unter die Nase.


Boarding in 15 Minuten.


Es überrascht mich kaum, dass ausgerechnet mein Rucksack rausgefischt wird. Die Kontrolleurin bittet mich, alles auszupacken und fragt, ob in meiner Tasche ein Laptop-Ladekabel sei. „Bitte alles raus aus dem Rucksack!“ 


Ich hoffe, dass sie keine Gedanken lesen kann, denn sonst wüsste sie, dass ich sie für diese Aktion gerade gekillt habe.


Als die Frau selbst beginnt, in meinem Rucksack herumzuwühlen und jedes Teil einzeln in eine Box zu legen, sage ich ihr leicht genervt, dass sie bitte damit aufhören soll. 


„10 Minuten bis zum Boarding! Ich habe keine Zeit!“


Die Frau nickt und packt meinen Laptop, das Kabel und die Powerbank hektisch in die Plastikschale und schiebt sie erneut durch den Scanner.


Als die Box wieder auf meiner Seite ankommt, reiße ich alle Sachen aus der gescannten Plastikschale, stopfe sie in meinen Rucksack und mache mich auf den Weg zu Gate 208. Eigentlich hatte ich nicht vor, schon wieder zu rennen! Ich wollte doch ganz genüsslich einen richtig guten Kaffee trinken und nur kurz abchecken, wo Mariana gerade ist.


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„Darf ich mich kurz in euren Hotspot einloggen?“, frage ich ein asiatisches Pärchen, das bereits am Gate auf einer Sitzbank Platz genommen hat.


„Probier es doch mit dem kostenlosen WLAN!“, erwidert das junge Mädchen und dreht sich wieder zu ihrem Freund um.


"Vielen Dank für den Tipp, da wäre ich selbst nicht drauf gekommen", antworte ich in Gedanken. 


Stattdessen sage ich: „It doesn‘t work.“


Es will einfach nicht funktionieren, mich mit dem Flughafen-WLAN zu verbinden, um ein kurzes Update zu bekommen, wo Mariana gerade steckt.


Als das Boarding startet, bin ich ein wenig frustriert, dass es nicht geklappt hat. Ich scanne meine Boardkarte, laufe durch das Gate und erblicke von weitem wieder einen Bus, der auf uns wartet.


Dieser Flug ist wirklich auf allen Ebenen skurril.


Draußen gießt es in Strömen und vor dem Ausgang liegen kostenlose, blaue Einweg-Plastikregenjacken. Ich schnappe mir einen der Müllsäcke und stehe kurze Zeit später mit 40 blauen Männchen im Bus der Bretterklasse 3000.


Gerade war ich noch genervt, aber jetzt muss ich ein wenig lachen, dass wir tatsächlich alle Einweg-Regenjacken bekommen haben und jetzt wie Deppen in Mülltüten in diesem Bus stehen.


Ich nutze die Gelegenheit, um mit den anderen Fahrgästen ins Gespräch zu kommen.


„Darf ich vielleicht deinen Hotspot kurz nutzen?“, frage ich einen Mann, der im Bus neben mir steht.


„Na klar“, sagt er. „Mein Hotspot heißt „w“ 


„Und dein Passwort?“


„1 2 3 4 5 6 7.“


Ich lache. Da hätte ich auch selbst drauf kommen können.


„Wenn du nicht aus China kommst, dann wird der Zugriff geblockt“, erwidert ein anderer Mann, der mitbekommen hat, dass ich weiterhin keinen Empfang habe. "Du kannst gern meinen Hotspot nutzen."


Gesagt, getan. 


„Mich wundert eigentlich gar nichts mehr“, lache ich.


„Was ist los?“, fragt mich der Mann.


„Nun ja, meine Freundin hat mir gerade geschrieben, dass sie in Istanbul festhängt, weil ihr Pass nur noch fünf Monate und zwanzig Tage gültig ist, aber sie für die Einreise sechs Monate braucht. Jetzt wurde sie am Gate abgewiesen.“


„Und jetzt?“


„Ich denke, ich werde alleine reisen. Mich wundert einfach gar nichts mehr. Es überrascht mich nicht einmal.“


„Mariana, ich hab’s dir doch gesagt“, antworte ich und fühle mich ein bisschen wie Mama, wenn sie zu mir „ich wusste es“ sagt. 


Aber dieses Mal wusste ich es wirklich, denn ich habe ihr doch noch vor einer Woche gesagt, dass ihre einzige Aufgabe auf dieser Reise ist, die Einreisebestimmungen und ihren Pass zu checken.


Und jetzt stehe ich hier auf der Treppe in meinem Flieger und frage mich, ob ich es noch hätte deutlicher sagen können.


„Aber was hast du nun vor?“


„Ich werde mir einen neuen Pass organisieren“, antwortet sie. „Montag oder Dienstag bin ich da. Auf keinen Fall fliege ich zurück nach Brasilien.“


„Ok. Ich muss jetzt einsteigen.“


Dann bricht unsere Verbindung ab.


———


„Warum geht eigentlich immer etwas schief, wenn jemand mit mir reist?“, frage ich mich,als ich an meinem Platz angekommen bin.


Beim letzten Mal crasht meine Schwester bei unserer Rollerpremiere gegen ein Verkehrsschild und hat anschließend drei gebrochene Rippen und jetzt hängt meine Reisepartnerin in Istanbul fest. 


Ich bin ja eigentlich immer positiver Dinge und glaube daran, dass am Ende alles irgendwie funktioniert, aber dieses Mal habe ich ein wenig Zweifel.


Mariana ist scheinbar felsenfest davon überzeugt, sich völlig unkompliziert innerhalb von drei Tagen einen neuen Reisepass in Istanbul organisieren zu können, obwohl der ganze Prozess in Deutschland locker vier Wochen dauert. Sicherlich ist nicht jede Behörde auf der Welt so langsam wie Deutschland, aber wenn sie es wirklich in drei Tagen schafft, dann hat sie einen Award verdient.


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„Willst du eine Pommes?“, fragt mich das kleine Mädchen, das neben mir mit ihrer Mutter sitzt.


Sie hat gerade einen runden Karton geöffnet und alles riecht jetzt nach Burger.


„She loves that“, erklärt ihre Mutter.


Wenn ein Kind mir im Flieger eine labberige Pommes gibt, kann ich unmöglich Nein sagen, denn das ist Level besser als Chappi-Hundefutter.


„Ja, gerne“, antworte ich und schiebe mir die kalte Pommes in den Mund.


Ihre Mutter erklärt mir, dass sie auf dem Weg in den Urlaub nach Kuala Lumpur sind und sie schon ziemlich aufgeregt ist. Das ist auch unschwer zu erkennen, denn bei der Landung hüpft sie super aufgeregt auf ihrem Sitz herum und kann es kaum abwarten, aus dem Fenster zu schauen.


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Nach fast 24 Stunden Reisezeit bin ich jetzt endlich in Kuala Lumpur angekommen.


Anders als erwartet, werde ich gleich am Flughafen aber nicht von einer lustigen Brasilianerin empfangen, sondern bin erstmal allein. 






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