Es ist 9:30 Uhr und ich sitze allein im Frühstückssaal des Signature Grand Kuala Lumpur. Irgendwie ist das komisch. Ich reise zwar extrem gerne alleine, aber jetzt, wo ich darauf eingestellt bin, nicht allein zu reisen, finde ich es total komisch, hier alleine an diesem mit dunklem Stoff überzogenen Tisch mit meinen 3 Pancakes zu sitzen.
„Ich werde so oder so das Beste draus machen“, habe ich gestern zu Papa gesagt.
Mariana, die gerade in Istanbul ist, ist der gleichen Meinung. „Ich habe mir für morgen einen Trip nach Princess Island gebucht“, hat sie gesagt. „Und am Montag werde ich dann direkt zur Behörde spazieren und dann bin ich spätestens Mittwoch da.“
Na, das ist doch mal eine gute Einstellung. Auch wenn ich persönlich wirklich nicht glaube, dass sie so schnell an einen neuen Reisepass kommt. Wir werden sehen.
„Que sera,sera“, hat Mariana gesagt. „Wenn das Universum will, dass wir uns sehen, dann werden wir uns sehen!“
Ich mache mir - auch wenn das nicht meine Aufgabe war - schon ein paar Vorwürfe, dass ich sie nicht noch stärker auf den Reisepass hingewiesen habe. Ich hatte ihr zwar geschrieben, dass ihr Reisepass nur noch bis Februar gültig ist und sie das mal checken soll; habe mich aber dann darauf verlassen, dass schon alles gut gehen wird, obwohl mein Kopf mir beim ersten Blick auf ihren Reisepass gesagt hat, dass da ein paar Wochen fehlen.
„Eigentlich ist das alles nicht deine Aufgabe“, hat meine Schwester gesagt. Wahrscheinlich hat sie Recht. Ich habe ja bereits die ganze Reiseplanung übernommen - worüber Mariana übrigens sehr dankbar ist, weil sie seit zwei Jahren ihren Vater zuhause pflegt und dringend eine Auszeit braucht.
Also „abwarten und Tee trinken“ beziehungsweise in meinem Fall einen Kaffee ohne Klumpen. Das ist doch auch was!
Nach dem Frühstück rufe ich Mariana an: „Du hattest nur EINE Aufgabe“, sage ich und muss lachen.
„Ja, Julia. Ich hab’s verkackt. Soooooorry!“, antwortet sie.
„Und jetzt?“, frage ich.
„Jetzt muss ich unbedingt schlafen, weil ich einen Jetlag habe! Wir reden später. Goodbye.“
Typisch, Mariana, aber es ist ja auch gerade erst 8 Uhr morgens in Istanbul. Hier ist es immerhin schon Mittag.
Den Rest des Tages spaziere ich durch Kuala Lumpur, schaue mir die Petronas Towers an, verbringe Zeit im Park, hole mir ein Eis und mache ein kleines Workout im Fitnessstudio des Hotels.
Wer glaubt, dass Mariana währenddessen in Istanbul ihrem verpassten Flug hinterhertrauert, liegt komplett falsch. Sie hat sich eine Bootstour zu den Prinzeninseln gebucht, Bier gekauft, mit dem Kapitän eine Shisha geraucht und sich Weisheiten aus dem Koran erzählen lassen während sie in ihrem Bikini auf dem Boot gechillt hat. Keine Spur von Sorgen um einen ungültigen Reisepass oder verpassten Tag in Kuala Lumpur.
„I had a great day, Julia!“, schreibt sie mir am Abend.
„Ich auch…und meine Rückenschmerzen sind schon etwas besser!“
Wir machen jetzt das Beste draus. Egal, ob zusammen oder alleine!
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Am nächsten Morgen mache ich mich um 5:30 Uhr auf den Weg zum Flughafen, um nach Borneo zu fliegen.
Ich bestelle mir ein Taxi über „Grab“ und beobachte in der App, ob der Fahrer auf dem richtigen Weg ist. „Jetzt bloß nicht einschlafen“, ermahne ich mich als meine Augen schwerer werden. Mit nur 40 Minuten Schlaf würde es mich nicht wundern, wenn ich gleich völlig verwirrt an einem anderen Ziel aufwache so wie damals in Sri Lanka als ich in einem Bus eingeschlafen und an der Endhaltestelle irgendwo im Nirgendwo vom Busfahrer geweckt wurde. Das passiert mir nicht nochmal!
Als ich eine Stunde später am Flughafen ankomme, frage ich mich, wie ich es geschafft habe, wachzubleiben. „Gleich im Flieger erstmal schön eine Runde muckeln“, würde meine Schwester jetzt sagen. Genau das mache ich auch!
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„Warst du schon mal beim Kinabatagan Fluss?“, frage ich meinen Taxifahrer, der mich in Sandakan zum Sepilok Jungle Resort fahren soll. „Natürlich. Ich lebe doch da“, lacht er und erzählt mir ein bisschen über die Gegend. Ich dachte ja ehrlich gesagt, dass es eine ziemlich kluge Frage sei, weil die Einheimischen oft ihre eigene Umgebung nicht kennen, aber in diesem Fall scheint es so zu sein, als hätte ich gerade jemanden gefragt, ob er sein Zuhause kennt.
„Bist du ganz allein?“, fragt mich der Fahrer. Ich nicke und erkläre ihm, dass meine Freundin immer noch in Istanbul festhängt. „Heute geht sie zur Behörde und bekommt hoffentlich einen neuen Pass!“, ergänze ich. „Na dann good luck!“, lacht er.
„Es wäre wirklich schade, wenn Mariana dieses Hotel verpasst“, denke ich als ich im Sepilok Jungle Resort über eine Brücke zu meinem Hotelzimmer spaziere. Das Hotel liegt mitten im Dschungel. Der Eingangsbereich ist eine Holzhütte, deren Decke mit dunklen Eierkartons verkleidet ist. Vom Eingangsbereich, der gleichzeitig auch das Restaurant der Unterkunft ist, verlaufen mehrere Brücken über einen Tümpel zu den Zimmern. Bäume, Palmen und Sträucher machen dem Namen „Jungle Resort“ alle Ehre und die Geräuschkulisse gibt mir einen Vorgeschmack auf den Regenwald.
Ich setze mich an einen der runden Tische des Restaurants und beobachte bei einem Kaffee die Wasserschildkröten, die sich in einem kleinen Gehege direkt neben dem Restaurant befinden. Bei Schildkröten muss ich jetzt immer an Nina denken und grinsen. Ihre Kinder haben letztens in den Ferien draußen eine Schildkröte gefunden und sie mit nach Hause gebracht. „Ich hab die Schildkröte jetzt in eine Auffangstation gebracht. Sie ist jetzt im Paradies“, hat Nina mir damals geschrieben. Nur, um kurze Zeit später festzustellen, dass die Besitzerin das Bild ihrer Schildkröte in ihrem WhatsApp-Status entdeckt hat und ihr Haustier ausgerechnet dann zurückwollte, als es bereits mit zahlreichen anderen Schildkröten im Paradies angekommen war.
Ich könnte diesen Wasserschildkröten wirklich stundenlang zuschauen. Besonders gut gefällt mir eine Schildkröte mit einem außergewöhnlich flachen Panzer, die so aussieht, als ob sie mal plattgefahren wurde.
Als ich meinen Kaffee ausgetrunken habe, beschließe ich, meine Schildkrötenbeobachtungen später fortzusetzen und ein wenig das Gelände zu inspizieren.
Ich mache mich auf den Weg zum Pool, um dort den Abend ausklingen zu lassen. Der Weg dorthin führt durch die üppig bewachsene Anlage des Resorts und fühlt sich ein bisschen wie ein Spaziergang durch den Dschungel an.
Als ich gerade auf der Holzliege Platz genommen habe, klingelt mein Telefon.
„Du wirst es nicht glauben, aber sie drucken meinen Pass“, quiekt Mariana am anderen Ende der Leitung. „Ich bin heute brasilianischen Konsulat gegangen, habe all meine Dokumente eingereicht und dann fehlte nur noch das Passfoto und Bargeld, um zu bezahlen. Der Mitarbeiter ist mit mir schnell zu einer Bank gefahren, hat ein Foto von mir vor einer weißen Wand gemacht und während wir zurück zur Botschaft gefahren sind, habe ich denen das Bild gesendet und es wurde alles für meinen Pass vorbereitet. Jetzt sehe ich gerade, wie er frisch aus dem Drucker kommt! Um 5 Uhr steige ich in den Flieger. Ich brauche jetzt nur noch das Ticket.“
Ich habe echt keine Ahnung, wie sie das gemacht hat. Sie hat sich in einem fremden Land innerhalb von nur zwei Stunden einen neuen Reisepass und Flug organisiert, sodass sie schon morgen hier ankommt.
In Deutschland braucht die Behörde manchmal zwei Monate. In Istanbul zwei Stunden. Ich sollte meinen Reisepass in Zukunft glaube ich lieber in Istanbul beantragen.
„Du bist verrückt“, sage ich.
„See you tomorrow.“
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Kuala Lumpur












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