Montag, 24. November 2025

Du lässt sie aber nicht allein!


„Du lässt sie aber nicht allein, oder?“


Ich muss herzhaft lachen. 


Es ist Juli und meine Schwester Marieke und ich haben gerade Flüge nach Thailand gebucht. Keine fünf Minuten später kommt von Mama der Satz, den wahrscheinlich alle Kinder mit jüngeren Geschwistern schon mal gehört haben: „Pass bitte gut auf deine Schwester auf!“ Nur dass diese Bitte in diesem Fall verpackt ist in eine Frage.


„Mama“, sage ich. „Was glaubst du? Ich flieg mit ihr nach Thailand, setze sie da aus und reise dann alleine weiter? Oder wie stellst du dir das vor?“, sage ich. Ich schaue sie an. Sie schaut zurück.


Diese Pause, in der man sieht: Ja, sie glaubt das vielleicht wirklich ein bisschen. Zumindest scheint sie es mir zuzutrauen.


„Nein. Ich mein ja nur“, sagt sie und nimmt einen Schluck Kaffee.


Meine Schwester ist fast 30. Ich mein ja auch nur.


„Mensch Mama, was denkst du denn immer?“, antworte ich und muss lachen.


„Das ist wie mit unserer Reise nach Ägypten als du in der Bild-Zeitung gelesen hast, dass dort ein Boot gesunken ist und wahrscheinlich im Kopf hattest, dass die Rede von ein paar Touristen ist, die sich in einem brüchigen Holzboot übers Meer schippern lassen haben und dann einfach im Sturm gekentert und gesunken sind. Du weißt aber inzwischen schon, dass das ein U-Boot war?“


„Ja-ha“, sagt Mama. „Ich sag ja gar nichts mehr.“


„Richtig“, sage ich. „Du hast ja eh keine Wahl.“



Vielleicht bin ich irgendwann mal selbst Mama und kann die wilden Gedanken von Müttern mit Klapphandys und Cappuccino-Bildern in der Küche nachvollziehen. Außer dass ich dann wahrscheinlich ohne Handy mit Klapphülle und auch ohne Cappuccinobild am Start bin und man an meinem WhatsApp-Profilbild auch dann noch nicht erkennt, in welcher Jahreszeit wir gerade sind.


Papa meinte neulich, er sei mit seinen Ausflügen an die Mosel total happy. Wir haben zusammen einen Zaun gestrichen - er auf der einen Seite und ich auf der anderen - und er meinte: „Mama will ja nochmal nach Spanien, aber vielleicht könnt ihr das dann mit ihr machen. Ich bin total zufrieden, wenn wir schön an der Mosel unsere Radtour machen.“


Ich glaube ja, das ist dieser Punkt im Leben, an dem man sagt: Ich muss nicht mehr um den Globus jetten, um was zu erleben. 


Als ich das streichend hinter dem Zaun gehört habe, dachte ich erst: „Ihr verpasst was“ und kam dann zu der Erkenntnis, dass es bestimmt auch irgendwie befreiend sein kann, gar nicht den Drang zu haben, alle möglichen Länder sehen und ständig reisen zu wollen. Man kann schließlich nur etwas verpassen, wenn man unbedingt reisen will.


Mama ist auch noch nicht an diesem Punkt, an dem sie das Reisen aufgeben möchte. Sie reist ständig: Nur nicht in ferne Länder, sondern in Gedanken und hauptsächlich in die Katastrophen, die theoretisch passieren könnten, wenn ich oder in diesem Fall wir außerhalb bekannter Ziele und Territorien wie Mosel, Borkum oder der Nordsee unterwegs sind. Dabei ist Aufenthalt im Ghetto von Berlin Neukölln oder auf einem deutschen Weihnachtsmarkt inzwischen deutlich risikoreicher als eine Tuktuk-Fahrt durch Bangkok!


Ich würde ja zu gern mal einen Ausflug in den Kopf von Mama machen und herausfinden, was sie wirklich über Reisen in entfernte Länder denkt. Und ob sie überrascht wäre, wenn sie mitkäme und in Thailand feststellen würde, dass die zuckersüße Thai-Massagelady mit dem Blümchen im Haar keiner Fliege was antun würde während der nächste Attentäter gerade auf den nächsten Glühweinstand zubrettert, weil er die Uhrzeiten der Amok-Sperrzone übersehen hat.


Im April waren Harry und ich in Ägypten und in mir gab es dieses leise Gefühl, dass sie wahrscheinlich vermutet, dass wir auf Kamelen zum Frühstück reiten und nicht in einem Hotel, sondern IN einer Pyramide übernachten und dann jeden Morgen jemand vorbeikommen muss, um uns Wasser zu bringen. Oder dass die Taliban nur darauf warten, uns in Gefangenschaft zu nehmen sobald wir unser Hotel verlassen. So stelle ich mir ihre wilden Reisen in Horrorszenarien zumindest vor während Papa von der nächsten Moseltour träumt und sie beruhigen muss.


In Wahrheit waren wir nicht etwa in einem Beduinenzelt, sondern in einem leicht…sagen wir mal charaktervollen…Drei-Sterne-Hotel, das zunächst in puncto Sauberkeit und Komfort ganz nah dran war. Wir kamen ziemlich müde mitten in der Nacht an und  haben uns beim Betreten des Zimmers gefragt, ob man uns extra die in die Jahre gekommene 1-Stern-Unterkunft vermacht hat, weil Reisende um diese Uhrzeit zu müde für große Beschwerden und Zimmerwechsel sind. Im Bad roch es nach Abfluss, auf dem Sofa waren komische Flecken und Harry meinte am ersten Abend: „Ich laufe auf jeden Fall mit meinen Straßenschuhen bis zur Bettkante und zieh die dort aus. Wie machst du das?“ Und das will bei ihm schon was heißen.


Zum Glück konnten wir am nächsten Tag das Zimmer tauschen. Ab da war’s dann -verglichen mit Tag 1- fast luxuriös (wenn man von der Dusche absieht, die regelmäßig überlief und die Wohnung flutete).



Dieses Mal geht’s aber nach Thailand und ich bin da ganz entspannt.


„Thailand ist super sicher, Mama!“, sage ich mit der maximal möglichen Überzeugungskraft, die ich gerade abrufen kann.


„Also Mama“, sage ich: „Ich passe auf. Ich fliege mit Mary hin und liefere sie dann persönlich wieder am Flughafen ab.“


„Ok“, erwidert sie mit einem Seufzer, der mir verrät, dass es eigentlich nicht ganz in ihrem Sinne ist und ihr ein Strandurlaub in Travemünde lieber wäre.


„Und nochmal Mama: Thailand ist echt sicher! Ich war doch schon mal dort!“


——


Als ich am nächsten Tag die Instagram-App öffne, springt mir ein Beitrag der Bild-Zeitung ins Auge:


Kriegsgefahr an thailändischer Grenze!“


Ich schicke Marieke sofort den Beitrag und ergänze mit scharfem Ton: Zeig das bloß nicht Mama!“


Da hat man seine Mama gerade frisch besänftigt und schon kommt es am nächsten Tag zu Gefechten inkl. Artillerie, Raketen und Luftangriffen an der thailändisch-kambodschanischen Grenze. 


Zufälle gibt’s, die gibt’s doch gar nicht. 


Anscheinend hat sie es aber nicht gesehen, denn anders als zum Beitrag über das gesunkene U-Boot in Ägypten kamen später keinerlei Einwände oder Sicherheitshinweise mehr zu unserer Reise.


Also alles im grünen Bereich. 


Am 23.11. kann es losgehen!



———


P.S. Mama: Heute ist der 23.11. Diese Begebenheiten liegen in der Vergangenheit. Ein Waffenstillstand wurde erzielt und Thailand ist - bis auf die Straße, die gerade frisch in Bangkok eingestürzt ist und ein 30 x 30 Meter großes und 50 Meter tiefes Loch hinterlassen hat - gerade echt wieder supidupi sicher. 


Also passt gut auf euch auf, falls ihr auf den Weihnachtsmarkt geht!


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