Es gibt ein paar Dinge im Leben, die sich vermutlich nie ändern werden – und meine Pack-Moral gehört definitiv dazu. Sie ist ungefähr so zuverlässig wie gute Vorsätze an Silvester: Ambitioniert und mit dem richtigen Mindset gestartet, spätestens Mitte Januar wieder aufgehört.
Falls irgendjemand denkt, Packen wäre bei mir ein logischer Vorgang, der mit Verstand oder irgendeiner Form von Planung zu tun hat, dann Fehlalarm. Und falls irgendjemand glaubt, ich würde immer so schnell und auf den letzten Drücker packen, weil ich nach meiner jahrelangen Reisekarriere ein gutes System entwickelt habe, dann ist das genauso falsch wie die Vermutung, ich würde mich extrem gesund ernähren und jeden Morgen mit einer ordentlichen Portion Birchermüsli und Obst in den Tag starten.
Mein Problem: Ich hasse das Packen genauso wie das Planen. Deshalb packe ich ohne Plan auf den letzten Drücker. So überzeuge ich mich wie in einer selbsterfüllenden Prophezeiung vor jeder Reise erneut davon, dass ich Packen hasse und es beim nächsten Mal bestimmt anders handhaben werde.
Spoiler: Nein
Und dann gibt es auf der anderen Seite aber Menschen wie Sonja, die ihre Urlaube Monate im Voraus planen, eine Packliste nach dem Marie-Kondo-Prinzip pflegen und den Aufbau ihres Gepäcks wie einen Pax-Kleiderschrank planen. Bei unserer kleinen, 3tägigen gemeinsamen Kreuzfahrt im Oktober fragte sie mich vorab, ob ich auch einen Fahrradhelm für eine eventuelle Fahrradtour einpacken werde. Das alles zu einem Zeitpunkt, an dem ich noch nicht einmal wusste, wo wir überhaupt hinfahren. Tatsächlich hab ich eine Woche vor Abreise noch ein paar Leuten ganz stolz erzählt, dass meine allererste Kreuzfahrt nach Norwegen geht, obwohl wir Kopenhagen und Aarhus gebucht haben.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon die Lage unserer Zimmer auf einem Deckplan inspiziert, wusste, was sie gern vom À-la-Carte-Menü an Tag 2 essen möchte und konnte mir wesentliche Eckdaten im Entertainment-Programm nennen während ich immer noch rumerzählte, dass wir nach Norwegen und nicht nach Dänemark fahren.
Das verrate ich übrigens jetzt erst, weil das fast schon zu dämlich ist, um wahr zu sein…aber es ist wahr! Norwegen oder Dänemark - Hauptsache Schweden oder wie war das nochmal?
Mein Motto ist: Am Ende klappt es immer irgendwie. Also Sonja: „Falls es wieder gemeinsam in den Urlaub geht, frag mich am besten einen Tag vor Abreise, aber doch nicht 5 WOCHEN VORHER.“
So sitze ich auch heute wieder - allerdings 2 und nicht einen Tag vor Abreise - vor meinem Kleiderschrank mit meinem Backpack als würde ich das zum ersten Mal tun. Und würde ich nicht planen, in 4 Stunden nach Bremen zu fahren, um von dort aus morgen am Bremer Flughafen zu sein, wären mir auch 4 Stunden vor Abreise ganz recht.
Damit ihr euch das ein wenig besser vorstellen könnt, nehme ich euch jetzt mit in die einzelnen Phasen meines ganz persönlichen Pack-Prozesses. Dies ist genau genommen ein hochgradig emotionaler Prozess, der jedem Psychologen so einige Persönlichkeitsstrukturen von mir offenbaren würde und bei welchem ich am Ende meist nicht nur den Überblick im Koffer, sondern auch mich selbst verliere.
Phase 1: Die Grundsatzfrage oder auch: Wo geht es überhaupt hin?!
Da Norwegen, wie wir nun alle hoffentlich festgestellt haben, nicht Dänemark ist, beginnt das Packen bei mir selbstverständlich damit, dass ich einmal im Schnelldurchlauf den anstehen Urlaub in Gedanken durchgehe und versuche, in dieser Kurzanalyse zu ermitteln, welche Kleidungsstücke angesichts der Kombination aus der Wettervorhersage und geplanter Erlebnisse sinnvoll erscheinen.
In dieser Phase haben Menschen, die für eine Radtour an die Mosel fahren, bereits realisiert, dass sie
1.:An DIE Mosel fahren = Unbeständiges Wetter je nach Jahreszeit
2.:An DER Mosel fahren = Das bevorzugte Fortbewegungsmittel ist ein Fahrrad und somit müssen fahrradtaugliche Outfits ins Gepäck.
Und 3.: Mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in DIE Mosel fahren und sich somit sowohl den Bikini, als auch das Notfalloutfit für unerwartete Expeditionen sparen können.
Menschen, die wie ich Pläne hassen und deshalb oft nicht einmal das konkrete Reiseziel innerhalb des Ziellandes kennen, stellen direkt in dieser Phase fest, dass es nur wenige valide Indikatoren für passende Kleidungsstücke gibt.
Phase 1 A: Der Hoffnungshaufen
In dieser ersten Phase meiner Packpsychologie wird erstmal alles – wirklich ALLES – das irgendwie irgendwo am Zielort auf dem Flugticket nützlich sein könnte, auf einen großen Haufen geschmissen.
Ohne Reihenfolge, ohne Logik und ohne Sinn.
Pullover neben einen Wet Bag für Bootstouren. Wasserschuhe neben Flipflops. Die Regenjacke neben den Bikini für sonnige Strandtage.
Ich betrachte dann den Berg – irgendwas zwischen Kleiderschrank-Explosion und Altkleidercontainer-Futter – und schwöre mir fast schon mantrenhaft bei jeder Reise aufs Neue:
„Ich weiß zwar nicht so recht, was ich brauche, aber dieses Mal nehme ich WENIGER mit.“
(Spoiler: Nein.)
Phase 1B: Das Pseudo-Sortieren
Jetzt kommt der Moment, in dem ich kurz so tue, als hätte ich mein Leben im Griff und auch ein bisschen Marie Kondo inhaliert. In dieser Phase werden meine zuvor wild im Zimmer verteilten Kleidungsstücke stolz in groben Kategorien in neuen Stapeln angeordnet.
Hosen zu Hosen, Shirts zu Shirts und so weiter.
Dabei steigt nicht nur das leise Gefühl in mir auf, dass gerade mein halber Kleiderschrank vor mir liegt, sondern ebenfalls, dass ich das Packen zwar immer noch hasse, aber dieses Mal bestimmt den absoluten Durchblick haben werde. Meine Vision: Am Ende habe ich so effizient gepackt, dass dieses Mal noch genügend Platz für Souvenirs und Spontankäufe ist.
(Spoiler: Nein.)
Phase 2: Das ambitionierte Testpacken
Nachdem Phase 1 ohne Nervenzusammenbruch, aber mit einer ordentlichen Portion Genervtheit erfolgreich von mir beendet wurde, geht es langsam in die nächste Phase der Pack-Psychose.
Ich sitze inzwischen mit einem Kaffee auf dem Boden, höre Musik und verlagere die zuvor erstellten Kleidungsstapel in meine superpraktischen Amazon-Packwürfel.
Ich nehme zwischendurch einen Schluck Kaffee und fühle mich für einen kurzen Moment wie Marie Kondo höchstpersönlich. Ich glaube, Packwürfel sind der erste Schritt in die richtige Richtung.
Nur um dann 5 Minuten später festzustellen, dass die ganzen frisch gepackten Würfel niemals in meinen Backpack passen werden. Und falls doch, dann nur so, dass darin kein Platz mehr für Neues sein wird und ich an Tag 2 meiner Reise fluchen werde, so chaotisch gepackt zu haben.
Phase 3: Die große Selbsttäuschung
Da die jetzt gewählten Kleidungsstücke nun wirklich nicht die Crème de la Crème der Modeindustrie sind, entsteht bei mir plötzlich ein völlig neuer Gedanke:
„Ich kann ja später vor Ort ein paar Sachen aussortieren, wenn mein Rucksack zu voll ist!“
Das ist der Moment, in dem sich eine tückische Fehlannahme ganz im Sinne der Selbsttäuschung ihren Weg in mein Hirn bahnt: „Ich nehme genügend Sachen mit, die hässlich und alt genug sind, um sie einfach dort zu lassen, falls ich vor Ort was Neues kaufe.“
Plötzlich wirkt jedes Kleidungsstück, das ich seit 2018 nicht mehr getragen habe oder im letzten Urlaub nach demselben Prinzip aussortieren wollte nicht mehr wie ein Fall für den Altkleidercontainer, sondern wie eine logische Entscheidung.
„DIE Hose! Ja, genau DIE muss mit! Die ist zwar echt kein optisches Highlight mehr, aber voll bequem und gleichzeitig perfekt zum im Urlaub wegwerfen.“
Und so packe ich dann genau diese Kleidungsstücke in den ohnehin zu vollen Rucksack und parke sie in Gedanken schon mal im Müllsack damit im Gepäck auf dem Rückweg auf jeden Fall noch genug Platz für die neuesten Fashion-Errungenschaften ist.
Phase 4: Die Realisation
Jetzt ist mein Rucksack proppevoll und gleichzeitig quält mich das Wissen um die Teile, die fast unausweichlich vor Ort aussortiert werden müssen damit die Pack-Euphorie nicht zu Lasten sinnfreier Souvenirs ausartet.
Ich frage mich: „Wie kann es sein, dass ich jetzt doch wieder so viel eingepackt habe?! SO VIEL ist das doch eigentlich gar nicht?!“
Und so räume ich den eben gepackten Rucksack ambitioniert in Erinnerung an den ursprünglichen Vorsatz wieder aus und entferne alles, was nicht unbedingt mit muss.
Phase 5: Ich kann es im Zweifel doch einfach vor Ort kaufen!
Weiter geht’s mit der nächsten Phase, in der sich mein innerer Kritiker und Pack-Experte einschaltet und mir leise zuflüstert: „Julia, wozu überhaupt der ganze Stress? Du kannst doch im Zweifel alles vor Ort kaufen!“ Ich ermahne mich, mich wieder zu disziplinieren und darauf zu fokussieren, was ich wirklich brauche.
Plötzlich fällt mir ein, dass ich dieses Mal sogar noch einen Joker habe: Auf dieser Reise ist meine Schwester dabei und im Zweifel bediene ich mich einfach aus ihrem wahrscheinlich perfekt austarierten Bestand!
Also reiße ich alles wieder auseinander und bilde neue Packwürfel nach dem Minimalprinzip.
Während ich auf meine Kleiderhäufchen starre, schleicht sich ganz heimlich meine Pack-Coach-Identität an die Oberfläche.
Ein Teil von mir erwacht, der sich seeeehr kompetent fühlt.
Diese innere Version von mir kann plötzlich strukturiert denken, logisch planen und Mode kategorisieren. Ich verwandle mich in eine Mischung aus Stylistin, Logistikexpertin und Reisecoach und schreibe Marieke: „Nimm eine Jeans, zwei Shorts, vier Tops, ein Kleid, ein Strandkleid, einen Pulli für den Flug und zwei Paar Schuhe mit.“
Im Kopf zähle ich mit, gestikuliere, habe Argumente, Prioritäten und sogar eine klare Logik.
„Danke, DAS ist echt voll hilfreich!“, lese ich auf meinem Display und lege währenddessen schon wieder zu viele neue Kleidungsstücke auf meine soeben neu gebildeten Haufen.
Phase 6: Die Umfunktionierungsphase oder auch: Kreatives Schönreden auf Profi-Level
Irgendwann, irgendwo zwischen dem anfänglichen Chaos und dem jetzt pseudo-logischen Outfithaufen passiert ein sehr spezieller Moment in meinem Packprozess: Ich beginne, Kleidungsstücke umzufunktionieren.
Das funktioniert ungefähr so: Ich nehme ein Top in die Hand. Ich schaue es an. Ich überlege.
Ich lege es zurück auf den Haufen, der doch eigentlich gerade erst auf eine humane Größe geschrumpft ist. Dann sehe ich:
Ich habe bereits ein fast identisches Top eingepackt.
Die logische Konsequenz wäre: Eins reicht! Stattdessen folgt dann aber dieser Gedanke: Das kann ich im Zweifel doch auch als Schlafshirt tragen!
Und zack: Das Top hat eine neue Existenzberechtigung und mein soeben reduzierter Stapel sieht binnen weniger Minuten wieder exakt so aus wie vorher.
Phase 7: Der Kampf zwischen Funktion und Fantasy-Ich
Nach weiterem Überlegen und einer kleinen Anprobierphase beginnt eine neue innere Krise.
Eine, die nicht meinen Körper betrifft, sondern die Identität. Es ist die Phase, in der ich plötzlich nicht mehr nur Kleidung packe, sondern versuche, eine Version meiner selbst zu erschaffen, die nur im Urlaub existiert.
Der innere Dialog klingt ungefähr so: „Ich will funktionale, bequeme und luftige Kleidung und gleichzeitig auf Bildern aussehen wie ein Travel-Influencer, der am Wasserfall rein zufälligerweise ein tolles Kleid aus dem Rucksack zieht.“
Da diese beiden Wünsche absolut nicht kompatibel sind, widmen wir uns jetzt dem Kategorisieren von Kleidungsstücken.
Diese fünf Kategorien der Kleidungsstücke sind:
1. Praktisch
– atmungsaktiv und bequem
– angenehm zu tragen
– zero Drama
– null Glam-Faktor
– perfekt zum Wegschmeißen
– zu pennermäßig, um sie in Deutschland zu tragen
2. Schön
– sitzen nur in sitzender Position
– bewegen sich NICHT mit dem Körper
– reagieren empfindlich auf: Hitze, Bewegung, Schwerkraft, Luftfeuchtigkeit
– perfekt für Fotos, um euch neidisch zu machen
3.Funktional / Die so genannte Was-wäre-wenn-Kleidung
– super für eine spontane Bergbesteigung oder eine unerwartete Naturkatastrophe
– Lieblingsstücke aus dem Bestand von Almans mit dem Sternzeichen „Jack Wolfskin“
– angepasst für jedes Wetter und jede Aktivität
– Klimazonen-geeignete Multifunktionsdinger, die alles bieten, um eine spontane Himalaya-Expedition zu planen
4. Absolut untragbar, aber „für später“
– letztes Jahr schon NICHT angezogen
– dieses Jahr genauso unwahrscheinlich
– aber: „man weiß ja nie“
Und dann gibt es es da noch eine 5. Kategorie: Das Highlight-Stück.
Dieses Kleidungsstück ist ein Wunder der Textilindustrie. Es sieht gut aus, ist bequem, universell kombinierbar und nahezu komplett flexibel einsetzbar.
ABER man kann es nicht 3,5 Wochen am Stück tragen.
Und genau hier beginnt das Hadern mit Kategorie 1 bis 4. Du suchst dir ein schickes Outfit raus und denkst: Dieses Outfit ist völlig unbequem und bei Hitze ein Magnet für Schweißflecken, aber stellt euch vor wie GEIL es auf Fotos aussieht!“
Und dann gehst du am Ende zur Full-Moon-Party und trägst doch das 2-€-Fullmoon-Party-2025-Shirt, das du dir bei einem Shop gekauft hast.
Phase 8: Die Endphase – auch bekannt als: „Jetzt ist es mir egal, alles kommt rein“
Nachdem ich nun eingepackt, ausgepackt und umgepackt habe, darf ich mich damit konfrontieren, dass die Zeit so langsam knapp wird.
„Welche Idiot packt auch auf den letzten Drücker kurz bevor er nach Bremen zum Kegeln fahren will?“
Ich.
Also mache ich es kurz und verfahre nach dem Prinzip: Alles kommt mit.
Im Zweifel stehen mir ja so einige Optionen zur Verfügung: Vor Ort wegwerfen, vor Ort neu kaufen, am Rucksack der Schwester bedienen oder einfach einen separaten Rucksack befüllen und herumschleppen.
Ich schmeiße alles blitzschnell in den Rucksack und packe alle Überhänge in eine Ikeatasche und schwöre mir: Du hast ja ausnahmsweise noch einen Tag Zeit. Das macht du einfach morgen!
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