Donnerstag, 27. November 2025

Sorry, ihr Flug wurde gestrichen

Ganz schön kalt.“ denke ich und schließe die Autotür. Ich habe soeben in einer Straße geparkt, von welcher der Bremer Flughafen in nur zwei Haltestellen oder auch fußläufig in etwa zehn Minuten zu erreichen ist.


Jetzt stehe ich hier auf einem Parkplatz, im Pullover und in Leggings, und warte darauf, dass meine Schwester die Straße findet, in der wir uns heute um 17:30 Uhr treffen.


„Ist das dein Gepäck?“, frage ich lachend, als sie mit einem kleinen schwarzen Rucksack auf mich zuläuft, der aussieht, als wäre er ursprünglich ein normal großer Rucksack gewesen, der im Trockner zu heiß getrocknet wurde und auf die Hälfte geschrumpft ist.


„Nein“, lacht sie. „Ich wollte dich erstmal drücken.“


Wir holen unsere Backpacks aus unseren Autos und machen uns zu Fuß auf den Weg Richtung Flughafen. Eine Winterjacke haben wir beide nicht dabei, weil wir keine Lust haben, sie auf unserer Reise herumzuschleppen. „Und du hast noch zu mir gesagt, ICH soll nicht so viel mitnehmen!“, sagt meine Schwester und begutachtet mein Gepäck. Während sie sich strikt an meine Packtipps gehalten hat und nur mit einem Backpack und dem Miniatur-Rucksack unterwegs ist, schleppe ich einen Backpack inklusive Strandmatte (im Zweifel perfekt zum Wegwerfen), einen normalgroßen Rucksack mit meinem Laptop und eine Handtasche mit mir herum, in der ich alle wichtigen Sachen für den Flug verstaut habe.


„Das sind auf jeden Fall mindestens 5 kg zuviel“, sage ich und rechtfertige mich, wie es dazu gekommen ist, dass ich im Gegensatz zu ihr zu viel Gepäck dabei habe.


„Ich wollte doch eigentlich gestern nach dem Kegeln direkt in Bremen bleiben, aber meine Pack-Orgie ist etwas ausgeartet“, erkläre ich. „Am Ende habe ich alles in eine IKEA-Tüte gehauen und mir vorgenommen, das dann heute in Bremen bei Sonja zu sortieren…aber kurz bevor ich ins Auto gestiegen bin, habe ich gemerkt, wie hirnrissig das alles ist, einen Rucksack und eine IKEA-Tüte, die mindestens genauso voll ist wie der Rucksack, dabei zu haben. Und dann kam ich zu der Erkenntnis, dass es vielleicht doch klüger wäre, nach dem Kegeln nochmal zurück nach Hamburg zu fahren, um dort nochmal ganzzzz genau zu überlegen, was ich nun wirklich mitnehmen möchte.


Tja. Dann ist es am Ende doch wieder ausgeartet, …aber hey: ich habe sogar eine Strandmatte für uns dabei und Wasserschuhe. Und das Schnorchelset habe ich auch noch mitgenommen. Und falls wir Lust haben, etwas zu spielen, dann können wir uns zwischen Skip-Bo, Qwixx, Kniffel oder Tac entscheiden“, sage ich und lache.


„Und ICH habe mich schon gewundert, wie ich noch Spiele in mein Gepäck quetschen soll nachdem du mir deine tollen Anweisungen gegeben hast, dass ich nicht so viel mitnehmen darf“, sagt Marieke.


„Ja, ich weiß auch nicht. Im Zweifel muss ich dann einfach Sachen vor Ort wegwerfen.“


Am Flughafen angekommen, sind wir ganz schön durchgefroren. „Ich spüre meine Füße gar nicht mehr.“


„Ich auch nicht“, antworte ich. „Es ist echt kalt.“


„Das ist aber auch einfach zu perfekt, jetzt der Kälte zu entkommen und in die Sonne zu fliegen“, stelle ich fest und trinke einen Schluck von meinem Cappuccino, den ich mir gerade gekauft habe. Ich spüre, wie sich mit jedem Schluck mehr Vorfreude auf die anstehende Reise in mir ausbreitet.


„Was für eine Befreiung“, stelle ich fest, als ich meinen Backpack am Sperrgepäckschalter abgegeben habe. 16 kg. Weniger als gedacht und doch mindestens 5 kg mehr als geplant.


Dann laufen wir zur Sicherheitskontrolle am wie immer relativ leeren Bremer Flughafen. Meine Schwester kauft sich noch ein paar Kopfhörer, wir halten Ausschau nach Reiselektüre und dann warten wir darauf, endlich in unseren Flieger Richtung München einzusteigen für den Umstieg in die Maschine, die uns heute Abend ins Paradies bringen soll.


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„Fängt gut an“, sage ich als plötzlich eine Mitteilung von Lufthansa als Pop-Up-Nachricht in roter Schrift auf meinem Handy-Display aufleuchtet: Flug gestrichen.


Dann folgt auch schon die Durchsage: „Aufgrund des schlechten Wetters muss ihr Flug LH 2199 nach München leider gestrichen werden“, tönt es aus den Lautsprechern.


„Wir können jetzt eh nichts tun“, sagt Marieke und setzt sich zu mir auf den Boden. „Die Almans verfallen natürlich direkt in Panik und stürmen den Schalter.“


Da verfällt man einmal in einen Planungswahn und plant seinen kompletten Urlaub – und schon kommt es direkt zu Beginn zu unvorhergesehenen Ereignissen, die alles zunichte machen. Wir sind nämlich tatsächlich vor zwei Wochen in eine kleine Buchungsorgie verfallen und das Ganze ist so weit ausgeartet, dass wir nun unseren gesamten Trip inklusive Hotels, Inlandsflügen und Bootsfahrten geplant haben und nur noch entscheiden müssen,was wir am jeweiligen Ort unternehmen. Keine Ahnung,was da passiert ist, aber da ich ja nicht allein reise, lasse ich mich auf Experimente ein. 


Jetzt sitzen wir hier am Bremer Flughafen und die Schneeflocken, die gegen die großen Fensterscheiben des Terminals fliegen, machen uns wortwörtlich eiskalt einen Strich durch die Rechnung. Wir werden unseren Flug nach Bangkok ab München zu 100 % verpassen.


Also was nun? Regel Nummer 1: Entspannt bleiben und nicht wie ein Otto zum Schalter rennen und mit den wild gewordenen Giselas in Panik verfallen. 


Regel Nummer 2: Selbst umbuchen und die beste Option finden


Option 1: In Bremen bleiben, im Hotel übernachten und dann erst morgen nach München und übermorgen nach Bangkok fliegen.


Option 2: Mit dem Zug nach München fahren, um dann morgen Mittag ab München zu fliegen.


Option 3: Zu einem anderen Flughafen mit dem Zug fahren und uns dann von dort auf die Reise machen, aber eine Zwischenlandung in Kauf nehmen 


„Lass uns das jetzt einfach durchziehen und nach München fahren. Nicht, dass wir morgen dann noch einen Tag in Bremen festhängen, weil die nächsten Schneeflocken vom Himmel kommen“, sage ich.


„Sehe ich auch so“, erwidert Marieke.


„Na dann. Lets go!


Wenn alles nach Plan läuft, starten wir um 21:44 Uhr am Bremer Flughafen und kommen gegen 6 Uhr morgens am Münchner Flughafen an. Dann steigen wir hoffentlich um 13:35 in den Flieger nach Bangkok. Ich kann mir zwar schönere Dinge vorstellen als mehr als 10 Stunden im Zug zu sitzen, aber was tut man nicht alles, um seinem neu kreierten Urlaubsplan hinterherzuhecheln und nicht zuviel Zeit zu verlieren.


„Das einzige Problem ist, dass wir keine warme Jacke dabei haben“, sage ich und ziehe meine Plastik-Regenjacke aus dem Rucksack.


„Wieso? Ist doch kein Problem! Wir sind doch die ganze Zeit im Zug!“, erwidert Marieke.“


Dass sie damit nicht recht behalten soll, stellen wir bereits fest, als wir – nur mit unserer dünnen Regenjacke bekleidet – an der S-Bahn-Station des Bremer Flughafens in der Kälte warten und uns die Schneeflocken unkontrolliert ins Gesicht rieseln.


Nächste Bahn: 19 Minuten


„Das wird dann aber zeitlich schon wieder knapp, um den Zug zu bekommen“, stelle ich fest. „Wollen wir ein Taxi nehmen?“


„Ja, lass uns das machen.“


„Willst du auch zum Bahnhof?“, frage ich den dunkelhaarigen Mann, der sich soeben neben uns gestellt hat und – wie wir – verwirrt auf die Anzeigetafel starrt.


„Ja. Sollen wir uns ein Taxi teilen?“


„Gerne.“


Daniel ist auch auf dem Weg nach München. Allerdings nicht, um weiterzufliegen, sondern weil er dort wohnt.


„Bremen Bahnhof… aber kalt. Luft hier, Luft da. Links, rechts, kalt“, sagt unser südländischer Taxifahrer namens Yassar. „Glaube, wird nix mit Bahn“, fährt er fort. 


„Wir brauchen positive Vibes. Sei mal nicht so negativ“, sage ich.


An einigen Punkten soll er Recht behalten.


Bereits unser erster Zug fällt aus, aber zum Glück haben wir eine seit 21 Uhr verspätete Alternative entdeckt, die uns zumindest bis nach Hannover bringen soll. Auch bezüglich seines Hinweises, dass wir uns am Bahnhof den Arsch abfrieren werden, hat er ins Schwarze getroffen.


Wir stehen zitternd am Gleis und es ist so kalt, dass man seinen eigenen Atem sehen kann. 


Ich hauche in meine Hände.


Als um kurz nach zehn unser Zug in den Bahnhof einfährt, ertönt nur wenige Minuten später die Durchsage, dass eine Weiche kaputt sei, wir den Bahnhof nicht pünktlich verlassen können und wahrscheinlich einen Umweg über Bremerhaven fahren müssen.


Wir sitzen im deutlich wärmeren Zug und sind aktuell noch an einem Punkt, an dem wir mit anderen Reisenden darüber lachen können, dass schon wieder etwas schiefgeht.


Angelos, ein Student aus Hannover, bietet uns sogar an, dass wir mit ihm in sein Studi-Wohnheim kommen können, falls wir unseren Anschlusszug um 00:07 nicht erreichen, um die fast zwei Stunden zu überbrücken, die wir dann in Hannover am Bahnhof auf den nächsten Zug warten müssten.


Es kommt kurz Hoffnung auf als wir in der Bahn-App lesen, dass der Folgezug auf die Anschlussreisenden warten wird. Wenige Minuten später verschiebt sich die Ankunftszeit allerdings so weit nach hinten, dass unsere kleine Seifenblase der Hoffnung doch schneller als gedacht wieder platzt.


Wir kommen definitiv zu spät in Hannover an. Dort müssen wir bis mindestens bis viertel vor zwei auf den nächsten Zug warten, der uns nach Frankfurt Süd bringen wird. Dann wollen wir dann in die S-Bahn nach Hanau steigen und anschließend geht es von Hanau aus weiter mit dem ICE nach München.


Unsere geplante Ankunftszeit ist jetzt nicht mehr sechs, sondern zehn Uhr.


„Damit wir um 13:35 fliegen können, wäre es gut, wenn wir um spätestens 11:30 Uhr ankommen“, sage ich und schaue meine Schwester skeptisch an. 


„Meinst du, wir schaffen das?“


In Hannover vertreiben wir und ein wenig die Zeit bei McDonald’s und steigen dann in den Nightjet, den wir – wie wir nachträglich feststellen – gar nicht hätten nehmen dürfen. Wir setzen uns zu einem anderen Typen ins Abteil und versuchen ein wenig zu schlafen, was leider für beide Seiten nicht von Erfolg gekrönt ist da wir Bedenken haben, unseren Ausstieg zu verschlafen.


Glücklicherweise fährt die Bahn nach Hanau am gegenüberliegenden Bahnsteig nur fünf Minuten nach unserer Ankunft pünktlich ab. 


In Hanau müssen wir leider wieder warten. Wir schlendern durch den kleinen Bahnhofsshop, um uns aufzuwärmen. Marieke versucht, mit einem Red Bull die Augen offen zu behalten.


Eine Viertelstunde vor Abfahrt sitzen wir wieder am Bahnsteig. Wir sind inzwischen nicht nur völlig übermüdet, sondern uns ist auch so kalt, dass ich es mit der Wim-Hof-Atemtechnik versuche, um nicht am ganzen Körper zu zittern.


Neben uns auf der Bank sitzt ein Südländer in Jogginghose und Camouflage-Jacke, dem – als er aufsteht – scheinbar drei Euro aus der Tasche gefallen sind. Als Marieke diese auf dem inzwischen freien Sitz entdeckt, fragt sie mich, ob das ein Trick sei, dass hier jetzt drei Euro liegen.


Wir müssen beide herzhaft lachen, weil wir inzwischen vor Müdigkeit so gaga in der Birne sind, dass wir vermuten, ein Trickbetrüger sei am Werk nur weil jemandem 3€ aus der lockeren Jogginghose fallen.


Im Zug nach München stecke ich mir meine Kopfhörer in die Ohren, puste mein Nackenkissen auf und versuche, zu schlafen. Als kurze Zeit später Heuschrecken-Naturgeräusche aus einem Handy ertönen, tippe ich Marieke an. Sie nimmt ihre Kopfhörer ab und schaut mich fragend an. „Ey Mary, mach mal deinen Wecker aus!“


„Das ist nicht mein Wecker“, antwortet sie und schaut sich um. 


Wir stellen fest, dass der Klingelton vom Handy des rechts von uns sitzenden Bauarbeiters kommt, der in tiefsten Träumen immer noch mit dem Kopf ans Fenster gelehnt schläft.


„Weck den mal“, sage ich. „Der muss doch gleich aussteigen.“


Sie tippt ihn vorsichtig an: „Hallo? Hallo? Entschuldigung!“ Aber der Mann scheint auch so müde zu sein, dass er einfach nichts mitbekommt.


„Ich will nicht, dass er sich erschreckt“, sagt Marieke.


„Der arme Mann muss zur Arbeit, jetzt weck ihn endlich auf“, antworte ich.


Wir diskutieren eine Weile darüber, wer den Weckdienst übernimmt und überlegen kurz, ob wir jemand anderen dazu anstiften sollen. Dann ertönt auch schon die Durchsage, dass wir gleich Nürnberg erreichen.


Der Mann wird wach und wir müssen beide herzhaft über uns selbst lachen.


Als wir gegen 9 Uhr endlich am Münchner Hauptbahnhof ankommen, sind wir zuversichtlich, dass wir unseren Flug um 13:35 auf jeden Fall erreichen werden. Jetzt nur noch einmal umsteigen und dann sind da.


Wir erreichen um kurz nach zehn den Flughafen. 

„Andere sehen total fit aus, wenn sie in den Urlaub fliegen und strahlen voller Vorfreude.

Wir hingegen laufen wie zwei kleine Zombies umher“, lacht meine Schwester.


„Aber hey, wir haben es geschafft! Jetzt nur noch zehn Stunden fliegen bis wir endlich ankommen!“


Ich frage mich wirklich, wie ich früher freiwillig solche langen Trips in Kauf nehmen konnte nur um beim Flugticket 50 € zu sparen.



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