Freitag, 28. November 2025

Tanja Porn

Als wir nach 31 Stunden Reisezeit endlich in Bangkok aus dem Flieger steigen und uns warme Luft ins Gesicht weht, sind die Strapazen der Reise schon fast wieder vergessen. Glücklicherweise war unser Flieger so leer, dass wir jeder eine komplette Reihe für uns hatten und die 10 Stunden Flugzeit dadurch mehr als erträglich waren. Wir konnten beide sogar ein wenig schlafen und sind nicht mehr ganz so stark im Zombie-Modus.

Wir bestellen uns über Bolt ein Taxi und fahren zu unserem Hotel namens Kanyakorn, in der Nähe der berühmt-berüchtigten Khao San Road und einiger Tempel, die wir besuchen möchten.

„Tanja Porn?“, wiederholt der Mitarbeiter, den ich soeben gefragt habe, ob das gelbe Gebäude, vor dem wir stehen, unsere Unterkunft sei.

„Bestimmt ist das irgendein öffentliches, wichtiges Gebäude und er denkt sich, wir sind komplett deutsche Vollidioten“, sage ich zu meiner Schwester.

Der Mitarbeiter muss herzhaft lachen. Ich muss ebenfalls lachen, aber nicht, weil wir falsch liegen, sondern weil Tanja Porn wie eine Erotikdarstellerin und nicht wie der Name eines Hotels klingt. Generell liebe ich es, wie die Asiaten Englisch oder Deutsch sprechen. Der Akzent treibt mir wirklich jedes Mal ein fettes Grinsen ins Gesicht. So auch, wenn ich der Vietnamesin zuhöre, die bei mai-mai arbeitet - einem kleinen asiatischen Restaurant im Eckhoff Center in Lurup. Oft gehe ich dort allein oder mit Harri essen und werde inzwischen von der Mitarbeiterin in kurze Gespräche verwickelt, weil ich schon zu den Stammkunden zähle.

„Heut gan allein? Wo Ih dein Mann? Ah bei Abeit! Wie lange shon zusamme? Un ihr sei shon verheirat? Ah nein, aber habe Kinda?

Letztes hat sie mich sogar gefragt, was er beruflich macht und ich musste ihr ein Hubschrauberfoto zeigen, weil ihr das Wort nicht geläufig war.

„Ahhh jetz ih vers tehe: Wenn Mens kaputt, dann abhole. S pannend!“

Auch da habe ich herzhaft lachen müssen so wie jetzt, wo wir vor einem Gebäude stehen, das definitiv nicht unsere Unterkunft ist und wo wir später feststellen, dass es sich nicht etwa um TANJA PORN, sondern eine Staatsbibliothek handelt.

Wir bringen unsere Sachen in das Zimmer von Kanyakorn und beschließen, den Rest des Tages damit zu verbringen, ein wenig Bangkok zu erkunden.

Zuerst gehen wir in ein kleines, schnuckeliges Café namens Mango, das fußläufig von unserer Unterkunft entfernt ist. Dort möchten wir frühstücken. Die Wände sind aus türkisfarben gestrichenem Holz und mit bunten Masken geschmückt. Der Verkaufsthresen besteht aus einer Glasvitrine, über welcher eine Kreidetafel hängt, die von Grünpflanzen wie Farn und Blättern eingerahmt wird. Die Tische sind ebenfalls im türkisfarbenen Vintage-Look und durch das Café streunern zwei Katzen, die sich immer mal wieder vor die Glastür setzen, die auf die viel befahrene Straße führt und nach draußen blicken. Das seltsam trockene Omelette, das wir während unseres Fluges bekommen haben, hat meine Geschmacksknospen nicht ganz so erfreut und umso mehr freue ich mich jetzt über mein Frühstück: Eine leckere Avocadostulle mit Ei, ein Joghurt mit Früchten – über den nicht ich, sondern meine Schwester sich freut – und ein leckerer Kaffee. Einzig und allein der Salat, der mit sandigen Blättern und komplett ohne Dressing daherkommt, überzeugt mich nicht so recht. Sonst: 5 Sterne.

Unsere erste Anlaufstelle nach dem Frühstück ist nicht etwa irgendein spektakulärer Tempel, sondern der 7-Eleven.

Ich weiß auch nicht, was das ist, aber so ein 7-Eleven macht nicht nur mich happy, sondern lässt auch bei meiner Schwester reichlich Glücksgefühle aufkommen. Es gibt dort nicht nur besondere Getränke, sondern auch allerlei Gadgets für den täglichen Gebrauch – wie zum Beispiel die in Thailand so beliebten Inhalationsstifte, von denen wir uns direkt ein paar gönnen.

Als ich zum letzten Mal in Thailand war, habe ich Wetten abgeschlossen, wie häufig sich die Thailänderin, die mit uns auf einem Boot war, den Stift in die Nase steckt. Jetzt halte ich selbst so ein Teil in meiner Hand und genieße das freie Atmen, das sich schon kurze Zeit nach dem Inhalieren einstellt.

Wir stöbern ein wenig durch die bunten und wild eingeräumten Regale, inspizieren allerlei seltsame thailändische Köstlichkeiten und verlassen den Store am Ende mit ein paar Getränken, 3 Mentholstiften, Mückenspray und zwei Haarkuren da wir auf einen Mindestumsatz von 400 Baht kommen mussten, um mit der Karte zahlen zu können.

Dann beschließen wir, zuerst den großen Tempel zu besuchen. Auf dem Weg kommen wir vorbei an zahlreichen mit beigen Baumwolle-Zweiteilern bekleideten Menschen, die gerade wild Pflanzen in Plastiktöpfen um Baumstämme herum dekorieren, akribisch die Statue vor dem Gerichtsgebäude putzen oder goldene Ornamente mit einem Pinsel ausbessern.

„Sieht ganz so aus, als wäre heute irgendein besonderes Event“, vermute ich.

Wir laufen ein paar Meter weiter und ich ernte ein paar skeptische Blicke für meinen heutigen Look: Kurze Hose, kurzes Top. Für den Eintritt in den großen Tempel soll man seine Schultern und Knie bedecken und ich bin outfittechnisch wieder bestens vorbereitet. Glücklicherweise hat Marieke mir ihren Rock geliehen, den ich an einer Kreuzung unter den fragenden Blicken der Einheimischen über meine Shorts ziehe. Nein, ich bin nicht Tanja Porn und entblöße mich gerade auf der Kreuzung. Ich bedecke jetzt ganz vorbildlich alles, was der Tempel nicht sehen darf. Mein neuer Look gewinnt auf jeden Fall keinen Preis und Coco Chanel würden spätestens jetzt die Haare zu Berge stehen.

„Sieht gar nicht SO schlimm aus“, sagt Marieke.

Ich mag ihren Optimismus.

Outfit hin oder her - die Frage ist heute, ob der Tempel meine modische Zusammenstellung überhaupt zu Gesicht bekommt. Zuerst erzählt man uns, der Tempel sei heute komplett geschlossen und erst nachmittags wieder geöffnet. Dann sind wir aber doch misstrauisch und möchten uns ein eigenes Bild verschaffen. Wir laufen auf den Tempel zu.

Ab 15:30 Uhr geschlossen. Letzter Einlass: 13:30 Uhr.

Geht doch!

Genug Zeit, den Königspalast zu besichtigen. Wir holen uns zwei Tickets und an uns schlängeln sich Schüler in Schuluniform an uns vorbei. Heute scheint hier wirklich irgendein besonderes Ereignis zu sein.

Wir betreten die Tempelanlage. Überall bunte Wandmalereien mit Fantasiefiguren und Elementen aus dem Leben Buddhas, mit Mosaiksteinen besetzte Säulen, Statuen und goldene Dächer, die in der Sonne glänzen.

Filigrane Architektur-Details: Märchenhafte Dächer, die wie goldene Türme in den Himmel ragen, bunte Mosaiken und jahrhundertealte Ornamente.

In der Haupthalle der legendäre, beleuchtete Emerald Buddha: Eine kleine Buddha-Statue aus grünen Jade-Steinen, die mit Gold und Juwelen geschmückt ist. Wunderschön, winzig und doch mindestens so kitschig wie die Weihnachtsabteilung im 1€-Shop. Der perfekte optische Mix aus Kirche und Trödelladen. Hätte man den Miniaturbuddha nicht beleuchtet und auf eine Empore gestellt, wäre man vielleicht darüber gestolpert.

Nachdem wir alles gesehen haben, verlassen wir den Tempel und laufen Richtung Hafen.

„Lass uns doch lieber erst zum Goldenen Buddha fahren“, schlage ich vor.

„Okay“, antwortet meine Schwester und wir laufen auf ein Tuk-Tuk zu.

Dort angekommen beginnt sogleich einer der Fahrer direkt auf uns einzureden und uns eine einstündige Hafentour für umgerechnet 40 Euro anzubieten.

„Wir können euch da hinfahren. 20 Minuten Fahrt, 10 Minuten Fahrt, Preis nur 50 Cent.“

„Okay“, antworten wir und steigen auf die mit Plastikfolie bezogenen Sitze des grashüpfergrünen Tuk-Tuks.

Inzwischen sind wir beide wieder ziemlich müde, denn wir haben während des Fluges nur ein paar Stündchen geschlafen.

„Ist mir jetzt auch egal, wo wir hinfahren“, sagt meine Schwester, nachdem wir uns entschieden haben, nicht bei der 40-Euro-Bootstour-Abzocke mitzumachen.

„Lass uns einfach nach Chinatown fahren.“

„Okay. Ab nach Chinatown!“

Den Rest des Tages verbringen wir damit, in einem kleinen Café Kaffee zu trinken, Qwixx zu spielen und die Augen offen zu halten. Wir haben beide vor lauter Müdigkeit das Interesse an Sightseeing verloren. Am Abend machen wir noch einen kleinen Abstecher in die legendäre Khao San Road, essen dort eine Suppe und sind heilfroh, als wir um 8 Uhr im Bett liegen.

Um 3:45 Uhr klingelt nämlich schon wieder unser Wecker, weil wir mit dem Bus und dann mit der Fähre nach Koh Kut fahren wollen.




















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