Ich nehme mir eine kleine Tasse Tee und drücke eine der gelben Tabletten aus der Blisterpackung und stecke sie mir in den Mund.
Sicher ist sicher, Julia.
Der Mitarbeiter in gelbem Polo-Shirt zieht das Ende des langen Seils auf das blau-weiße Boot und wir verlassen langsam den Hafen.
Ich lehne mich beim Rauschen des Motors zurück und blicke auf die Sitzreihen vor mir.
„Welcome to our whalewatching tour“, rauscht es aus den Lautsprechern im vorderen Teil des Bootes. „Please take a few minutes and listen to our safety instructions…“.
“If you feel seasick…” Blablabla…
Ich mache einen 360° Kontrollblick und schaue, wer vor, neben und hinter mir sitzt. Warum sind eigentlich schon wieder so viele Asiaten auf diesem Boot?, frage ich mich, als ich nach links schaue. Ich muss direkt wieder an Ed Sheeran denken.
Als ein weiterer Mitarbeiter in schwarzem Polo-Shirt mit einem silbernen Tablett voller Brötchen über das Boot spaziert, bin ich eine der wenigen, die sich ein Brötchen nimmt.
Nicht einmal 5 Minuten später rennt bereits die erste Inderin in orangefarbenem Gewand auf die Toilette.
Fängt ja gut an.
10 Minuten später hat sich auch das Kind hinter mir auf dem Schoß der Mutter in die Schwimmweste übergeben während die Mutter ihrem Mann rechts von ihr die schwarze Plastiktüte vors Gesicht hält.
Ich presse mich in den Sitz und versuche, an etwas Schönes zu denken. Dann frage ich den Koreaner neben mir, ob es ihm gut geht. „Yes…OK“, nickt er und lächelt mich müde an. Als er 2 Minuten später zu seiner Tüte greift, frage ich mich, wie gut es mir gerade geht, wenn das die Definition von „OK“ ist.
Mir geht es gerade unfassbar galaktisch gut, aber ich muss hier leider weg, lieber Koraner.
Ich frage das Personal, ob ich aufs Deck darf. „Sorry, top deck only for VIP people.”
Warum bin ich kein VIP…und wie werde ich das so schnell wie möglich?, frage ich mich, laufe auf die andere Seite des Bootes und setze mich in die letzte Sitzreihe.
Puh. Eigentlich gar kein schlechter Platz. Wenigstens niemand hinter mir. Ich halte mir die Ohren zu und schließe meine Augen. Lalalalalala.
„Are you ok?“, tippt mich ein weiterer Mitarbeiter an und hält mir eine schwarze Plastiktüte vors Gesicht.
Nein, danke. Mir geht es unfassbar galaktisch gut.
Als ich realisiere, dass hinter mir eine Tonne steht und der Mitarbeiter beginnt, im 2-Minuten-Takt benutze Tüten in die Tonne zu werfen, die ihm ein weiterer Mitarbeiter aus dem vorderen Teil des Bootes durchreicht, stehe ich auf.
Kann ich genau jetzt bitte aussteigen und einfach mit dem Wal zurückschwimmen? Das wäre unfassbar galaktisch gut. Danke.
Scheinbar sehe ich tatsächlich irgendwann so bemitleidenswert aus, dass mich der Mitarbeiter mit einem „You can go to the front“ zum vordersten Teil des Bootes schickt.
Ich wanke nach vorne, gehe nach draußen und setze mich auf den Boden.
FREIHEIT.
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„Your skin is getting red“, grinst der Mitarbeiter namens Gayan und tippt auf meinen Arm.
Wenn ich gewusst hätte, dass es hier so heiß ist, hätte ich mir definitiv einen Hut mitgenommen. Ich ziehe mein Handtuch aus der Tasche und lege es mir über den Kopf. Dann bitte ich Gayan, meinen Rucksack wegzulegen und er verschwindet wieder.
Etwa eine Stunde später fühle ich mich wie das Grillhähnchen vom Grillhähnchenmann auf dem Combi-Parkplatz, dessen Haut langsam aber sicher knusprig gebraten wird.
Hoffentlich sehen wir gleich einen Wal und können umdrehen.
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„Miaumiaumiaumiau“, quiekt die kleine Asiatin mit dem Smartphone in der roten Bärchengummihülle. Dann lehnt sie sich gegen die Reling und macht mit ihrer Hand eine Delfinbewegung. Ihr Freund mit der runden Brille, dem weißen Shirt und der Shorts mit den blauen Seepferdchenabzeichen grinst.
„Miaumiaumiau“. Sie schießt ein Foto.
95 Selfies und 63 unerfolgreche Delfin-Anlockversuche später bin ich nicht nur halb gegrillt, sondern stehe auch noch kurz vor einem Tinitus.
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1 Stunde später.
Ich klammere mich an die Reling und drücke meine Füße auf den rutschigen Boden.
Mit jeder Welle neigt sich das Boot zunächst nach oben und klatscht dann wieder nach unten.
Dies könnte die perfekte Titanic-Szene sein.
KÖNNTE.
Leider steht aber weder irgendein heißer Typ hinter mir, noch weht mir der warme Wind einer lauen Sommernacht ins Gesicht. Stattdessen stehe ich hier allein und halte mich mit geschlossenen Augen an der Eisenstange fest, weil mit jeder Welle auch ein großer Wasserschwall über die Reling schwappt und mir ins Gesicht klatscht, so dass ich etwa alle 30 Sekunden einmal komplett geduscht werde.
Ich würde ja jetzt spontan doch ganz gerne wieder zurück zu den Seekranken gehen, aber wenn ich die Stange jetzt loslasse, könnt ihr mich tatsächlich bei den Walen abholen
.
Miaumiaumiauuuuuuuu.
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Als die See wieder etwas ruhiger wird, wische ich mir das Salzwasser aus den Augen und blicke aufs Meer. Immer noch keine Wale in Sicht.
Aber gegrillt, gesalzen und jetzt wieder bereit, zu trocknen.
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Plötzlich ist er da, dieser „Miaumiaumiau“-Moment, wie die kleine Asiatin sagen würde. Der Moment, in dem die Seekranken kurz vergessen, dass sie sich eigentlich gerade übergeben wollen.
Etwa 15 Menschen quetschen sich plötzlich in den vorderen Teil des Bootes während das Personal laut „WHALE WHALE“ ruft.
Als in der Ferne eine hellblaue Oberfläche im Wasser sichtbar wird, kreischen mir plötzlich 15 Leute so ins Ohr, als hätte man sie gerade auf dem Bremer Freimarkt mit der Bungeekugel in die Luft geschossen.
Und dann beschleunigt das Boot so stark, dass den Seekranken jetzt nicht nur wieder schlecht ist, sondern auch noch die eigene Tüte ins Gesicht fliegt.
MIAUUUUUU
Das Personal ruft "WHALEEE ON THE LEFT SIDE" und 30 wildgewordene Bungeekugel-Asiaten rennen mit ihren meterlangen Spiegelreflexkameras auf die LINKE Seite des Bootes.
Das Personal ruft "WHALEEE ON THE RIGHT SIDE" und 30 wildgewordene Bungeekugel-Asiaten rennen mit ihren meterlangen Spiegelreflexkameras auf die RECHTE Seite des Bootes.
...und das Boot neigt sich so stark, dass ich den Eindruck habe, dass es bei der einseitigen Überlast bei der nächsten Walankündigung umkippt.
Nimmst du mich dann mit, Wal?
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Als wir nach insgesamt 7 (ja, 7!) Stunden, einer stürmischen Rückfahrt (die ich ausnahmsweise auf dem Deck verbringen durfte)und weiteren Seeduschen wieder im Hafen ankommen, geht es mir unfassbar galaktisch gut.
Tagesbilanz: 3 Blauwale, eine Asiatin, die miauend Delfine anlockt, ein Sonnenbrand, salzige Haut, nasse Klamotten und ein „Seasickness-Highscore“, den ich bitte nie wieder knacken möchte.
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