Dieser Job hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich habe bislang fast jede Sekunde gehasst und doch versucht, das Positive zu sehen. Vielleicht ist es einfach Schicksal, dass ich hier bin. Dieser Job hat mich schon jetzt viele Nerven gekostet, aber gleichzeitig auch so viel staerker gemacht.
Ich muss kein Geheimnis daraus machen, dass ich ein emotionaler Mensch bin, der haeufig gefuehlsbetonte Entscheidungen trifft. Jeder, der meine Reise in diesem Blog bis hierhin verfolgt hat, weiss, dass ich auf meinem Weg aus Emotionen heraus viele spontane Entscheidungen getroffen habe, die mich letztendlich dahin gefuehrt haben, wo ich gerade bin.
Ich habe mehr gesehen, als ich je erwartet und mehr erlebt, als ich je gedacht haette.
Und ich werde in den kommenden Wochen nach meiner Arbeitszeit noch so viele tolle Dinge erleben, die ich mir ohne die Arbeit an diesem Ort nicht ermoeglichen haette koennen.
Vielleicht soll das hier alles so sein. Nach all dem, was hier in Australien passiert ist, nach all meinem Glueck, das ich hatte, glaube ich immer noch daran, dass alles im Leben irgendeinen Sinn hat. Vielleicht bin ich in einem Roadhouse in Kulgera im Zentrum Australiens gelandet, damit ich etwas Wertvolles fuer die Zukunft dazulerne bevor ich Australien in 2 Monaten verlasse.
Ich habe gelernt, mir Aussagen nicht so sehr zu Herzen zu nehmen und etwas rationaler zu denken. Ich habe gelernt, manche Dinge etwas nuechterner zu betrachten und vor allem solche Aussagen zu ignorieren, die voellig aus der Luft gegriffen sind, um mich zu schuetzen.
Ich habe gelernt, mich mehr auf das Wesentliche zu konzentrieren, sachliche Kritik zu beherzigen und persoenliche Kritik, die wenig mit meiner Arbeitsleistung zu tun hat und einzig und allein dazu dient, mich voellig unberechtigt nieder zu machen, zu ignorieren anstatt mir darueber den Kopf zu zerbrechen.
Vor allem aber habe ich gelernt, meine positive Lebenseinstellung zu behalten auch wenn ich zur Zeit an einem Ort arbeite, an dem ein extrem negatives Klima herrscht.
Ich habe erfahren, wie es ist, voellig abgeschottet zu leben und zu arbeiten. Dadurch habe ich noch staerker realisiert, wie wichtig mir meine Familie, mein Freund und meine Freunde sind und wie sehr ich mich eigentlich darauf freue, in 8 Wochen zurueck nach Deutschland zu fliegen, um wieder bei ihnen sein zu koennen.
Es war nicht leicht fuer mich, zu akzeptieren, dass ich weder in Deutschland anrufen, noch Anrufe entgegen nehmen kann. Ich musste kaempfen, um wenigstens die Erlaubnis zu erhalten, meine Eltern wissen zu lassen, wo ich bin und was mache und mir dennoch nach ihrem Anruf bereits an meinem zweiten Tag trotz "Erlaubnis" harte Worte anhoeren ("You're not allowed to receive private phone calls!").
Das Muenztelefon ist voller Muenzen und funktioniert nur noch mit Telefonkarten. Die Telefonkarten sind ausverkauft und das Internet kostet unglaubliche 12$ pro Stunde mit einer Ladezeit von mehr als einer Minute pro Seite. Es ist unvorstellbar, dass ich an einem so abgelegenen Ort gelandet bin, an dem nichts anderes gibt ausser dieses Roadhouse. Keinen Supermarkt, keine Haeuser und keine anderen Einwohner als die Mitarbeiter an diesem Arbeitsplatz. Der naechste Supermarkt ist mehr als 200km entfernt und es gibt nichts, was ich hier machen koennte ausser zu arbeiten. Ich fuehle mich eingesperrt, obwohl dieser Ort von unberuehrtem Land umgeben ist und ich stundenlang laufen koennte, bis ich an eine Grenze stosse.
Es gab Momente, in denen ich fast aufgegeben haette, weil ich mich so isoliert gefuehlt habe. In solchen Momenten hat mein Schicksal es wieder einmal gut mit mir gemeint und mich zum Grinsen gebracht, weil ich es inzwischen vollig absurd finde, wie viel Glueck ich hatte und habe.
Einmal habe ich wuetend 2$ in den extrem langsamen Computer geworfen und die Zeit ist ploetzlich eingefroren, sodass ich ein paar Stunden online sein konnte. Dadurch konnte ich mir einen Flug nach Bali und einen Heissluftballonflug ueber das rote Zentrum buchen. Ich weiss nicht, wie ich es ohne diesen Zufall haette machen sollen.
An einem anderen Tag wurde ich wieder einmal nur kritisiert und zum Putzen animiert und es sind am Ende des Tages, als ich immer noch mit meiner "Spray-and-wipe-Flasche" auf der Suche nach Staub durch den Shop gelaufen bin wie durch ein Wunder 50$ aus dem Geldautomaten gefallen, als ich die Oberflaeche gewischt habe. Ich weiss nicht, wie das passieren konnte, aber ich habe mir Schokolade und eine Internetkarte gekauft und meine Mama und meinen Freund ein paar Minuten angerufen als das Muenztelefon noch funktionierte.
Es ist gut, dass ich diese Erfahrung mache. Ich bereue keinen Tag, den ich in Australien verbracht habe und auch negative Erfahrungen wie diese haben dazu beigetragen, dass ich jetzt persoenlich da bin, wo ich bin.
Diese Erfahrung ist eine Erfahrung, die es fuer mich leichter macht, positiv in die Zukunft zu blicken und mich auf meine Zeit zurueck in Deutschland zu freuen. Vielleicht muss ich so etwas in meinem letzten Job erleben, um mich langsam gedanklich von Australien verabschieden und mit dem Gedanken anfreunden zu koennen, dass ich in nur 8 Wochen den Kontinent nach einer unglaublich schoenen Zeit verlassen muss.
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