Dieser Blogeintrag ist lang und wieder einmal fast zu absurd, um wahr zu sein.
Heute hatte ich meinen schlimmsten und zugleich aufschlussreichsten Arbeitstag. Ich habe herausgefunden, wer Julie wirklich ist.
Nachdem ich gestern 12 Stunden gearbeitet habe, stand ich heute morgen wieder um 6.30Uhr im Shop, um fuer Les einen Teil der Morgenschicht zu uebernehmen, anschliessend Zimmer zu putzen und dann mit Rebel die Abendschicht im Shop zu verbringen. Um 10 Uhr hat mich Rebel an der Waescheleine getroffen.
"Hey chick, how long are you working today?", hat sie gefragt und auf den Waescheberg in meinem Einkaufswagen gestarrt.
"I have to clean 7 rooms, but I don't know whether I can be finished by 4.30. I've just started an hour ago and I am supposed to work again at 6."
"Julia, you're killing yourself...", antwortete sie und fuegte dann ein "you can't be working in the evening...I'll talk to Les about it" hinzu und verschwand wieder.
"Was auch immer", habe ich mir gedacht und das naechste Bettlaken ueber die Leine geworfen. Hier gibt es nichts zu tun ausser Arbeit, also ist es mir egal, ob ich 8 oder 12 Stunden arbeite solange ich eine vernuenftige Mittagspause machen kann. Je mehr ich arbeite, desto mehr Spass kann ich haben, wenn mein letzter Job in Australien beendet ist. Meine Selbstmotivation ist wieder gewachsen, seitdem ich ein schoenes Ziel vor Augen habe: Ich fliege am 4. Oktober von Darwin nach Bali!
Kurze Zeit spaeter ging ich in den Shop, um den letzten Schluessel fuer eines der Zimmer zu holen, das ich putzen sollte.
"Ahh, there she is", sagte Tina (die Nichte von Les und Julie), die in eine Diskussion mit Les, Rebel und Julie vertieft war. Daraufhin wurde ich belaechelt und mit Fragen und Beleidigungen bombardiert:
"Are you tired, Julia?" (Les)
"Now she is feeling it...I've told you." (haemisch grinsende Tina)
"No, not really. It is just impossible to be finished with 7 rooms until 4.30pm after having done a few hours in the shop in the morning. I usually start cleaning at 8 and now it is 10 already. It is gonna take at least until 5.30 to get eveything done...and then it might happen that I can't have a break in between the two shifts. As long as I can have a short break I'm fine with the working hours." (ich)
"YOU need the money...so are you gonna work tonight?!" (Les)
"Just a few hours...just from 6-8.30." (Les)
"I could do all these rooms by myself within minutes and I've been working at the office all day long. I am 61 and you're telling me you can't do these rooms?" (abwertend schauende Julie)
"Yes, I can. That's not the point. I am just asking whether I could have a short break in between." (ich)
"Just take your time with the cleaning darl." (Les)
(EGAL.
Sie verstehen nicht, dass ich nicht von 6.30 Uhr morgens bis 8.30Uhr abends pausenlos durcharbeiten kann.)
"I can work in the evening, but not without having a single break." (ich)
"Alright, see you later then. Keep on working." (Les)
(Ok. Sie verstehen es wirklich nicht. Sie ignorieren, was ich sage.)
Daraufhin habe ich mir den letzten Schluessel geschnappt und schnell einen Take-Away-Kaffee gemacht, meine Wasserflasche aufgefuellt und zurueck auf den Weg zu meinem Putzwagen begeben.
Denk an Bali. Denk an etwas Schoenes, Julia. Denk an die tolle Zeit, deinen Heissluftballonflug und weitere spannende Erlebnisse in Australien, die du dir durch diesen Job ermoeglichen kannst.
"What are you up to?!", wurde ich aus meinen Gedanken gerissen.
Julie war mir unbemerkt in den Waescheraum gefolgt.
"I just grabbed a coffee...so now I am having a quick drink and then I'll start with the rooms', erklaerte ich.
"Come on, we'll do this together. I'll show you how to do it properly", sagte sie und bewegte den Putzwagen ein paar Meter.
Die neachsten Stunden waren der Horror.
Ich weiss, dass Rebel es gut meinte. Im Endeffekt haette ich allerdings lieber 14 Stunden ohne Pause allein gearbeitet. Denn statt in meinem eigenen Tempo musste ich nun unter Beobachtung und kontinuierlicher Demuetigung doppelt so schnell mit Julie zusammen putzen, die mich bei jedem Handgriff korrigierte und beleidigte.
"You do the showers. I don't bend over."
"You have to do it like this..."
"Have you never done this before...?"
"You don't know how to do it."
"Let me show you something."
"This is WAY better..."
"Look how I am doing it."
"Don't use the small rags..."
"Don't use the eucalyptus spray. I don't like the smell..."
"Don't mop the floor like this..."
"Don't..."
Beleidigung. Geringschaetzung. Verbesserung.
"Come on, hurry up!."
"Do it faster!"
"Keep on moving!"
"Let's get this done quickly!"
"Come on, don't waste our time!"
"Do it all at once."
Befehl. Befehl. Befehl.
Wie mit einem Hammer haben ihre Worte auf mich eingeschlagen und Stein fuer Stein meine Schutzmauer zum Fallen gebracht. Mein Take-Away-Kaffee war inzwischen kalt, ich hatte immer noch Durst und war seit 6.30Uhr pausenlos in der Gegend herumgerannt und wurde in jeder Sekunde, in der ich kurz durchatmen und etwas trinken wollte, aufgefordert, weiter zu arbeiten.
Nach 2 Stunden Psychoterror wurde ich wieder allein gelassen ohne zu wissen, wann Julie fuer eine Kontrolle zurueckkehren wuerde.
Ich muss beschissen ausgesehen haben, als ich um 3 Uhr nach 8,5 Stunden pausenloser Arbeit in den Speisesaal fuer meine um 3 Stunde verspaetete Mittagspause gegangen bin. Meine Gefuehle waren mir ins Gesicht geschrieben.
"What's wrong with you?", hat Tina neugierig gefragt.
Und dann habe ich mein Schweigen gebrochen- mit dem Wissen, dass ich meinen Job verlieren koennte, weil in diesem Roadhouse Widerspruch und Kritik unerwuenscht sind.
Ich habe gesagt, dass ich mich unter Druck gesetzt fuehle und nicht besser oder schneller arbeite, wenn mir jegliche Pause untersagt und ich kontinuierlich gedemuetigt und zurechtgewiesen werde.
Tina ist natuerlich sofort zu Julie gerannt.
News des Tages: Die daemliche Deutsche macht den Zwergenaufstand.
Nur fuenf Minuten spaeter sass Julie an meinem Tisch, als ich gerade mein Mittagessen essen wollte.
"What's wrong, Julia?"
Ich versuchte, ihr zu erklaeren, wie ich mich fuehle.
"If you can't deal with this you CERTAINLY couldn't deal with what I am doing over there", unterbrach sie mich inmitten meines Satzes und schaute aus dem Fenster Richtung Office.
[...]
"I could be your grandma. You are young. You should be full of energy. You should have enough energy to clean 7 rooms!"
(Ok. Sie hat es immer noch nicht verstanden, worum es mir geht. Es ist zwecklos, es erneut zu erklaeren.)
"I don't have a problem with the working hours at all, but it is impossible to be working under such a psychological pressure in this environment.
[...]
Maybe it is also the language barrier. I still find it hard to read between the lines when it comes to conversations in English..."
[...]
Schweigen.
Sie hat mich zunaechst verwirrt angestarrt und dann "What nationality are you?", gefragt. Als ich dann sagte, ich kaeme aus Deutschland, war sie verdutzt. "I thought you were from England."
Ich versuchte, es als Kompliment aufzufassen, dass mein Englisch in Unterhaltungen mit ihr scheinbar tatsaechlich so gut war, dass sie mich ganze 3 Wochen fuer eine Englaenderin gehalten hat ohne meine Nationalitaet in frage zu stellen.
Mir wurde bewusst, warum sie wegen Kleinigkeiten an die Decke gegangen war.
Wenn ich mir Dinge aufgrund der Sprachbarriere doppelt erklaeren lassen oder etwas anders als von ihr erwartet umgesetzt habe, hielt sie mich automatisch fuer eine ziemlich daemliche Englaenderin.
Ich habe ihr anschliessend gesagt, dass ich es nicht in Ordung finde, wie sie mich behandelt - unabhaengig von der Sprachbarriere.
"I also have a lot of pressure to cope with", war ihre erste Reaktion.
[...]
"It doesn't make it any better or easier if you're passing it on to the next person", habe ich nach einer Weile geantwortet.
STILLE.
Ihre Augen fingen ploetzlich an zu glitzern. Sie holte tief Luft, blinzelte und blickte dann aus dem Fenster.
Ich war verwirrt aufgrund ihrer Reaktion und schaute ihr in die Augen als sie ihren Kopf wieder zu mir drehte.
Ich realisierte, dass sie den Traenen nahe war.
[...]
"Julia, I was thinking a lot about you", fuhr sie fort.
"...I like you. You are a really nice girl and I don't want you to leave this place. I didn't want to affend you. [...] You are travelling all by yourself. I wouldn't have the confidence to do the same. I wish I had done it in the past, but now I am too old and there's too much that needs to be done...[...] and you are really attractive [...] I wish I was in your shoes [...]"
Sie beleidigt mich also, weil sie in mir ihre unerfuellten Wuensche sieht.
Es ist traurig, aber wahr, dass dies der Grund ist, warum sie mich die letzten 3 Wochen nur niedergemacht hat.
"Nobody ever comes to my place to have a chat with me", sagte sie und eine Traene kullerte ihre Wange herunter. Ich erklaerte ihr, dass ich mir aufgrund ihres Umganges mit mir nicht vorstellen koenne, nach 8 Stunden Demuetigung zu ihr fuer weitere Geringschaetzung zu kommen.
Sie war schockiert ueber ihre Fremdwahrnehmung und konnte ihre Traenen nicht mehr zurueckhalten. Sie stand auf, holte eine Box mit Taschentuechern und kehrte an den Tisch zurueck.
Daraufhin gab sie mir einen Einblick in ihre Vergangenheit und Gefuehle. Sie sagte, dass sie keinen Menschen an sich heranlassen wuerde aus Angst, verletzt zu werden und dass sie auch deshalb andere Menschen in ihrer Umgebung herumkommandieren und geringschaetzen wuerde; dass es einfach ihre Art sei und sie nach aussen hin nicht zeigen koenne, wie fuersorglich sie eigentlich sei.
[...]
"It is just the way I am. I can't do anything about it."
[...]
Wir redeten noch eine Weile, sie entschuldigte sich weinend fuer ihr Verhalten und dann ass ich mein inzwischen kaltes Mittagesssen.
Das Roadhouse ist der mit Abstand seltsamste Ort, an dem ich je gearbeitet habe.
P.S. Seit diesem Tag habe ich Julie nur einmal kurz wieder gesehen und ein kurzes Gespraech mit ihr gefuehrt, bei dem sich mich zum ersten Mal nicht beleidigt hat. Seitdem habe ich nicht mehr mit ihr gesprochen, weil sie seit gestern fuer 2 Wochen verreist ist. Sie wird wiederkommen, wenn ich diesen Ort nach fuenf Wochen Arbeit endlich verlassen habe. Ich kann es kaum abwarten, zu gehen und den Rest meiner Zeit am anderen Ende der Welt an einem Ort zu verbringen, an dem ich mich wohler fuehle.
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