Ich weiss nicht, ob ich es bevorzuge, 8 Stunden bei 35 Grad halb gebueckt in der Sonne Kuerbisse zu pfluecken und dabei mit einem Fernrohr vom Farmer ueberwacht zu werden oder 8-12 Stunden in einem Roadhouse zu stehen und fuer eine Arbeitgeberin zu arbeiten, die mich permanent zurechtweist, jeden Schritt beobachtet, mich auf jeden klitzekleinen Fehler hinweist und als ihre persoenliche Sklavin missbraucht.
Vielleicht sollte ich von vorne beginnen:
Die Inhaber des Roadhouses sind ein Ehepaar Mitte 60. Les und Julie. Julie ist im Wesentlichen fuer alle organisatorischen Dinge verantwortlich waehrend Les Reperaturen etc. durchfuehrt, neue Mitarbeiter einstellt und sich um die Instandhaltung kuemmert.
Les ist ein Kontrollfreak, der immer wieder aus dem Nichts auftaucht und mich mit sinnlosen Aufgaben beschaeftigt, wenn ich aussehe, als ob ich nichts zu tun haette, weil ich waehrend meiner Arbeitszeit einen Schluck Kaffee trinke. Wenn ich alle von ihm schriftlich festgehaltenen Aufgaben erledigt habe, fange ich mit derselben Arbeit von vorne an. Es geht hier im Wesentlichen darum, beschaeftigt auszusehen auch wenn es genau genommen nichts zu tun gibt, was in meinem Aufgabenbereich liegt. Das ist nicht besonders effizient. Ich hoffe, dass ich in der Zukunft nie in so einem Arbeitsumfeld landen werde. Da Anregungen der Mitarbeiter weder zur Kenntsnis genommen, noch toleriert werden, bleibt mir allerdings nichts anderes uebrig. Also putze ich fuenfmal pro Tag dasselbe Fenster, fege gefuehlte zwanzig Mal den Boden an derselben Stelle und wische alle Oberflaechen mehr als zehnmal. Taeglich werden mir allerdings 30 Minuten meiner Arbeitszeit als Pause vermerkt, obwohl ich diese nicht in Anspruch nehmen kann, weil es einfach immer etwas sehr Wichtiges zu tun gibt, wenn ich eine Pause machen moechte.
Von Julie habe ich bereits seit unserer ersten Begegnung nur Geringschaetzung erfahren und wurde entweder direkt oder indirekt beleidigt und kritisiert. Der fuer mich einzige Weg, mit ihr auszukommen ohne mein dazu gewonnenes Selbstbewusstsein zu zerstoeren, ist, ihr zuzustimmen, was auch immer sie sagt und zu vergessen, was sie gesagt hat, wenn der Tag vorbei ist und ich alle von ihr geforderten Aufgaben zu ihrer Zufriedenheit erledigt habe.
Manchmal sind ihre Aussagen allerdings so absurd, dass ich selbst nach aussen hin ein Grinsen nicht verbergen kann:
Begegnung 1
Ich stelle mich ihr vor.. Das Einzige, was sie sagt, ist: "There's a lot you have to learn."
Begegnung 2
Sie rastet aus, weil ich vergessen habe, die 5 fehlenden Lollies im Chupa-Chups-Lollyhalter zu ersetzen. Daraufhin demonstriert sie mir, wie ein Kind mit waessrigem Mund den Lollyhalter erblickt und ausgerechnet auf die Stelle zwischen den 50 Chupa Chups starrt, wo ein Lolly fehlt und dann mit traurigem Blick den Laden verlaesst. "It is all about presentation, Julia. You have to learn so much."
Begegnung 3:
Ich putze mit Michelle Motelraeume. Julie kommt, reisst das Bettlaken vom Bett und sagt mir, dass ich keine Ahnung habe. Daraufhin bezieht sie das Bett vor meinen Augen neu, verrueckt das Bettlaken um 5cm nach oben und erklaert mir, dass ich es VIIIIEL zu weit nach unten gezogen habe. Sie haette frueher fuer die Bundeswehr Betten bezogen und die Jungs haetten ihr 20Cent auf das Bett gelegt, weil sie so ein guter Bettenbezieher war. Ich hingegen haette einfach nichts zuhause gelernt und muesse noch viel dazulernen.
Begegnung 4:
Ich lese eine Zeitschrift beim Fruehstueck, die ich mir vom Zeitschriftenhaufen aus dem Waescheraum geholt habe. Eine Ausgabe von 2010. Nachdem ich mir einen Kaffee geholt habe, komme ich zurueck zu meinem Tisch und die Zeitschrift ist verschwunden. Wenige Minuten spaeter finde ich sie zwischen den neuen Zeitschriften im Shop.
Begegnung 5:
Julie erklaert Michelle und mir, dass sie nicht bereit ist, Klobuersten in den Toilettenbloecken zur Verfuegung zu stellen: "I can't afford to do that. Backpacker LIKE YOU just take everything and I don't want to replace the toilet brushes every day."
Begegnung 6:
Julie kommt in den Souvenir-Shop mit einem Karton voller Anstecknadeln. Wirft den Karton auf die Ablage, oeffnet ihn und haengt 2 Anstecknadeln an den Halter, an dem bereits etwa 60 Anstecknadeln haengen und freier Platz fuer 2 weitere Anstecknadeln ist. "Do I have to come and do all that? It is no my task to do YOUR job, Julia!", sagt sie und fordert mich auf, die restlichen 2 Anstecknadeln an den Halter zu haengen. (Dies ist nicht die einzige Begegnung in dieser Art. Sie liebt es ausserdem, mit ihrem Finger entlang der Oberflaechen zu fahren und dies so lange zu tun, bis sie genug Staub aufgenommen hat, mir ihren Finger unter die Nase halten und mir sagen kann, wie schlecht ich geputzt habe).
Begegnung 7:
Ich hoere beim Putzen der Motelzimmer Musik (ich bin allein). Julie kommt. Ich reisse meine Kopfhoerer aus den Ohren und schaue zu, wie sie das Zimmer inspiziert. Sie findet keinen Fehler und sagt dann: "When I was your age, we had strict rules. We were not allowed to listen to the music at work. Are you gonna put your earplugs back into your ears?" (Sie schaut auf meine Kopfhoerer, die aus meiner Hosentasche herunterhaengen und leicht den Boden beruehren). Ich sage: "Yes...why?". Sie: "They slightly touched the floor and the floor is dirty, because you certainly haven't cleaned it. You'll definitely get an ear infection. You're such a silly child. Seems like you're parents haven't tought you anything."
Begegnung 8:
Sie inspiziert mein Zimmer (Zimmerinspektionen werden 1x pro Monat durchgefuehrt). "Has your mum been doing everything for you at home?", sagt sie und schaut dabei auf den einzelnen winzigen Stein, der auf meinem Zimmerboden nach dem Staubsaugen uebrig geblieben ist.
Begegnung 9:
Am Ende meiner 2 Wochen wurde ich zum ersten Mal bezahlt. Sie ruft mich in ihr Buero, um mir zu sagen, dass ich ALLES falsch ausgefuellt habe und sie SO keine Abrechnung machen kann. Daraufhin demonstriert sie mir, wie ich meine Zeiten fuer 2 Schichten in das 0,5mm hohe Kaestchen quetschen soll und sagt mir, ich haette dies bereits in der Grundschule gelernt haben sollen. Wir gehen gemeinsam noch einmal alle meine Arbeitszeiten durch und sie schreibt exakt dieselben Zahlen auf ein neues Blatt Papier.
Begegnung 10:
Ich erhalte meine Abrechnung und stelle fest, dass sie 2 Arbeitsstunden in ihrer Kalkulation vergessen hat. Gehe zu ihr und bitte sie, dies zu korrigieren. Sie holt einen Taschenrechner. "I need my calculator. I am a decent type of person and I am sure I've done it correctly." Sie schreibt meine Zeiten erneut auf und als offensichtlich wird, dass sie falsch liegt, sagt sie: "Sorry. I can't deal with this bullshit on a Saturday. Don't annoy me when I am not at the office. I'll check it again when I'm doing your next payment. I can't make a calculation here. I have to check my paperwork as well and you better see me again on Wednesday."
PUUUUUH.
Jeder Tag ist eine Aneinanderreihung von Laecherlichkeiten und dies ist nur ein winziger Auszug aus meiner Zeit im roadhouse. Ich arbeite bereits seit 2 Wochen in diesem Umfeld und weitere 14 Tage liegen vor mir. Trotz der unmoeglichen Arbeitsbedingungen habe ich vor, insgesamt 4 Wochen zu bleiben. Da dies definitiv nicht mein zukuenftiger Arbeitsplatz ist, motiviere ich mich, indem ich an all die tollen Dinge denke, die ich unternehmen kann, wenn meine Arbeit hier beendet ist.
Ich habe in 2 Wochen 139 Stunden gearbeitet und eine Menge Geld verdient. Mehr, als ich auf der Farm haette verdienen koennen...
...dennoch bevorzuge ich -besonders in Bezug auf das Arbeitsumfeld und die -bedingungen- definitiv das Kuerbisfeld :-)
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