"Stay safe and send a message when you`re there", sagt Debbie und drückt mich. Es ist 19:12 Uhr und wir stehen nach einem letzten gemeinsamen Sonnenuntergang am Strand jetzt im Dunkeln am Ausgang des Hostels, wo bereits das Tuktuk auf mich wartet. Nach einem weiteren Tag mit Debbie verlasse ich jetzt Boracay. Ok, noch nicht jetzt sofort, aber morgen früh, weil dann der einzige Direktflug nach Boracay geht. Genau genommen sind es noch 10 Stunden und 23 Minuten bis ich um 5:35 Uhr in den Flieger von Kalibo nach Cebu steige, wenn der Flieger ausnahmsweise keine Verspätung hat. Noch 15 Minuten Tuktukfahrt zum Hafen, 15 Minuten Fähre bis nach Caticlan und etwa 2 Stunden Taxi nach Kalibo. Heißt, ich komme hoffentlich spätestens um 21:45 Uhr in Kalibo an, schlafe dort noch ein paar Stunden im Hotel und mache mich dann um 3 Uhr morgens auf den Weg zum Flughafen.
"Nimm ein möglichst großes Boot und entscheide dich am besten für ein Taxi mit vielen Leuten", sagt Debbie und hebt meinen Rucksack auf das Tuktukdach. "Ja, werde ich", antworte ich und hüpfe auf den Sitz. "Danke, Debbie. War schön, dich kennen zu lernen. Danke für die gemeinsame Zeit! Wir sehen uns auf jeden Fall in Schottland!", sage ich und winke. "Bye, Julia. Have a nice trip", ruft sie dem gelben Tuktuk hinterher.Und dann fahren wir los.
Vorbei an anderen Tuktuks, kleinen beleuchteten Shops, Menschen auf der Straße und Gebäuden, die bereits mit Weihnachtslichterketten geschmückt sind. Ich blicke zwischendurch immer wieder auf mein Handy und kontrolliere zur Sicherheit über GoogleMaps, ob mein Tuktukfahrer den richtigen Weg zum Hafen eingeschlagen hat.
Nach 15 Minuten Fahrt erreichen wir den Hafen. Ich drücke meinem Fahrer 150 Pesos in die Hand, schnalle mir mein Backpack auf den Rücken und laufe zum Ticketschalter. Gerade einmal 25 Pesos (50 Cent) für die Überfahrt zum Caticlan Jetty Port. "Ist das ein großes Boot?", frage ich und schiebe mein Geld durch den kleinen Schlitz in der Plastikscheibe.
Nicht einmal 15 Minuten Bootfahrt später erreiche ich den Hafen. Puh. Das Schlimmste wäre geschafft. Jetzt nur noch ein Taxi und dann ab ins Bett.
"Are you travelling by yourself?", fragt mich der dunkelhäutige Filipino in gelbem Shirt, als ich zu 9 anderen Leuten in den Bulli mit einem runden Aufkleber mit der Aufschrift "TAXI"" steige. "No, I am meeting friends", lüge ich und drücke ihm meinen Rucksack und 200 Pesos in die Hand. Ich hasse es, wenn mir diese Frage gestellt wird, weil sie in mir immer ein seltsames Gefühl auslöst und ich mich frage, warum die Antwort eine Rolle spielt. "Where are your friends?", blickt er mich fragend an. "In a different taxi", lüge ich ein zweites Mal. Ich schließe die Tür, nachdem 2 weitere Personen sich auf die Sitze neben mir gequetscht haben und schaue mich noch einmal um. Hauptsächlich Frauen, 2 Kinder und ein paar jüngere Männer in diesem Taxi. Das sollte ok sein. "Entscheide dich am besten für ein Taxi mit möglichst vielen Leuten, Julia", höre ich Debbie`s Stimme in meinem Kopf.
Und dann steigt unser Fahrer ein und fährt endlich los.
Ich blicke auf mein Handy: 19:36 Uhr.
Wir fahren durch die Dunkelheit am Meer entlang. Ich presse mein Gesicht an die Scheibe links von mir und schaue nach draußen. Nichts außer sperrige Leitplanken, die sich an einem Hügel entlangschlängeln, das Meer und der Sternenhimmel. Keine Tuktuks, keine beleuchteten Shops, keine Menschen auf der Straße und keine Weihnachtslichterketten. Ich starre in den Sternenhimmel.
Nach einigen Minuten spreche ich meine Sitznahbarin an. "Are you also travelling to Kalibo Airport?", frage ich.
Joy ist 34, kommt aus Boracay, arbeitet dort in einer Bar und fährt jetzt mit ihrem Sohn zur Beerdigung ihres Großvaters. Ihr Sohn ist 12, wohnt in Manila bei ihrer Mutter und ist gestern allein nach Boracay geflogen.
"No, he will drop us somewhere on the way", antwortet Joy und erklärt mir, dass sie sich von ihrem Onkel abholen lassen.
Als nach und nach Leute aus dem Taxi aussteigen, realisiere ich, dass offensichtlich niemand außer mir zum Flughafen fährt. Ich bin zuerst verwirrt und dann nachdenklich. Entspann dich Julia, es ist ein Taxi.
Um 21:02 Uhr verlässt plötzlich die letze Person den Bulli.
"Entscheide dich am besten für ein Taxi mit möglichst vielen Leuten, Julia".
Ich habe es versucht, Debbie.
Das Licht geht an und der Taxifahrer dreht sich zu mir um. "You look so beautiful. You can move to the front and sit next to me", sagt er und grinst mich an. Ich sage freundlich "Nein" und rücke auf den Sitz vor mir, der sich direkt neben dem Türgriff befindet. Das Licht geht wieder aus.
"So where are we going now?", schaut mich der Fahrer über seine rechte Schulter erwartungsvoll an. "Are we gonna have dinner together?".
Ich merke, wie das Gefühl aus dem Massagezimmer zurückkommt und blicke durch das Fenster auf die menschenleere Straße in die Dunkelheit. "Nein, ich habe schon gegessen. Bring mich zum nächsten Hotel. Ich muss da um 21:15 Uhr sein. Mein Freunde warten auf mich", lüge ich ihn zum dritten Mal an.
Mir ist schlecht.
Ich beschließe, ihn ein bisschen auszufragen.
"Wie oft fährst du jeden Tag vom Hafen zum Flughafen?", frage ich.
"NIE."
"Wie meinst du das?", erwidere ich und merke, dass ich dieses Mal nicht einfach die Massagezimmertür aufreißen und nach einem neuen Fahrer fragen kann. Ich schaue auf den Türgriff.
"Naja, Maaaam, ich bin KEIN Taxifahrer", grinst er. "Today I am doing it just for fun", lacht er und fügt ein "also gehen wir jetzt zusammen Austern essen, beautiful?", hinzu.
--------------------------
Als ich am rechten Straßenrand das erste Gebäude erblicke, bitte ich meinen Pseudo-Taxifahrer mit dem gefälschten Taxi-Aufkleber, anzuhalten. Ich reiße die Tür auf, schnappe mir meinen Rucksack und laufe kommentarlos auf den Eingang des Gebäudes zu, das zufälligerweise ein Stundenhotel ist. Der Taxifahrer folgt mir. Als er das Sicherheitspersonal erblickt, das vor einem kniehohen Gatter steht, dreht er um.
---------------------------
PUH.
Danke, australische Glückssträhne. Es gibt dich noch.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen