"Heute buche ich mir einen Flug!", sage ich und klappe entschlossen Hendrik's MacBook auf.
"Wo willst du dieses Mal hin?", fragt er.
"Keine Ahnung. Irgendwo hin, wo es schön ist!"
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Irgendwie beginnt inzwischen jede meiner Reisen so. Ich klicke mich durch verschiedene Reisewebsites von Flynder über Urlaubspiraten bis hin zu Urlaubsguru und lasse mich erst einmal inspirieren. Rufe Klimatabellen auf, google Orte und Bilder, zoome in Maps über verschiedene Kontinente, vergleiche parallel Flugpreise über Flugladen und Skyscanner. Kritzle wild auf einem Notizblock herum und schreibe mir nebenbei Datumskombinationen auf, die gutes Wetter, einen guten Flugpreis und maximale Urlaubszeit versprechen.
Ich habe an einem Rechercheabend etwa 4-10 Urlaubsziele auf meinem Zettel, verwerfe davon 3-9 und habe am Ende plötzlich 1 Ziel, das ich nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Weil das Angebot unfassbar gut ist, ich an dem Ort noch nicht war, mich in die Google-Bilder verliebt habe, mir die Klimatabelle genug Sonnenstunden verspricht oder der Ort in Maps einfach vielversprechend aussieht. Und weil ich es mir jetzt in den Kopf gesetzt habe!
Und wenn ich es erst einmal im Kopf habe, will ich mit dem Kopf durch die Wand. Ohne Helm. Mit Anlauf. Und vor allem SOFORT. Leider nicht nur, wenn es um Urlaub geht. Mama, du weißt das: IMMER.
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Mein Buchungsprozess ist fast abgeschlossen, als Henni zurück in die Küche kommt. "Ey...guck mal...AIR FRANCE SALE. 120€ Rabatt auf Flüge nach Manila. Ich fliege auf die Philippinen, Henni!" Ich grinse und tippe parallel Kreditkartendetails in die Felder der Air France Website ein.
Das Häkchen bei "Ich habe die Geschäftsbedingungen gelesen und verkaufe Ihnen meine Seele und alles, was ich sonst noch besitze blablablubb ist noch nicht gesezt, als ich auf OK klicken will. "DA würde ich jetzt nicht hinfliegen, Julia. Hendrik guckt skeptisch über meine Schulter auf den Bildschirm. Hast du nicht die Nachrichten gelesen und mal auf der Seite des Auswärtigen Amts geschaut?! Überleg dir das nochmal genau." Nach den Wörtern "Taifun", "Drogen", "seltsamer Präsident", "Entführung", "Flutwelle" und "Kriminalität" bin ich verwirrt.
Ich breche den Buchungsprozess ab und klappe Hendriks Macbook zu.
2 Minuten später klappe ich es wieder auf und buche mir 10 Minuten später auf der RyanairWebsite einen Flug für ein Wochenende in Alicante.
Heute buche ich mir einen Flug!
Und wenn es erstmal nur Spanien ist.
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Am nächsten Tag sitze ich im Büro und denke nach.
Was soll passieren? 7000 Inseln und das Unglück soll ausgerechnet da sein, wo ich mich dann aufhalte? Was ist, wenn das Auswärtige Amt wieder alles dramatisiert? Und was ist, wenn ich mich im Hier und Jetzt aus Angst gegen den Flug entscheide und in der Zukunft aus i-r-g-e-n-d-w-e-l-c-h-e-n Gründen gar nicht mehr hinfliegen kann? Wenn ich i-r-g-e-n-d-w-a-n-n vielleicht nicht mehr allein bin und diese Alleinreisen mache. Oder oder oder. Wenn ich heute nicht das tue, was sich richtig anfühlt, kann ich morgen auf jeden Fall nicht zurückblicken und sagen, dass ich meine Entscheidung gestern aus Überzeugung getroffen habe. Und übermorgen liege ich auch nicht auf einer einsamen Insel am weißen Strand und starre auf das kristallklare Wasser und lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen. Und kann dann überüberübermorgen auch nicht sagen, dass es die beste Entscheidung EVER war, doch getan zu haben, was ich eigentlich möchte. Wenn ich aber im Hier und jetzt das mache, was mich glücklich macht, dann kann doch auch morgen etwas passieren und ich habe gestern noch versucht, das Beste aus jedem Moment zu machen. Und dann gibt es auch nichts zu bereuen,oder? Also was soll schon passieren?!
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12:22.
"Du-huu...Mama? Ich habe den Flug auf die Philippinen doch gebucht. Und ähäähm...irgendwie habe ich jetzt auch noch aus Versehen einen Flug nach Alicante im Oktober gebucht,weil ich gestern unbedingt was buchen wollte."
"Kind, du spinnst."
"Ja ich weiß, Mama. Aber ich freu ich grad voll!"
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Willst du normal sein oder glücklich?, Robert Betz, S.37:
"In jedem Fall wirst du in einigen Jahren oder Jahrzehnten mit absoluter Sicherheit dieses Leben in deinem Körper beenden und-vielleicht zu deiner großen Überraschung- alles andere als tot sein. Du wirst entweder vor dem Sterben deines physischen Körpers, auf jeden Fall aber danach mit sehr klarem Geist auf dieses Leben zurückblicken - und dich dann nicht mehr belügen können. Kristallklar wirst du wie in einem Protokoll nachlesen und sehen können, wie du es gemacht hast an jedem einzelnen Tag. In welchem Maße du deinen Verstand oder deinem Herzen gefolgt bist, wie oft dir das Leben Signale geschickt hat, doch endlich aufzuwachen und zu begreifen, was dein Herz hier leben wollte, und wie oft du diese Signale ignoriert hast. [...] Nutze also deine Zeit, es lohnt sich!"
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Wenn ich im Leben ein Gefühl beschreiben müsste, das ich niemals in der Zukunft haben möchte, dann ist es das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Seitdem ich aus Australien zurück bin, hat es irgendwie KLICK in meinem Kopf gemacht. Was bringt es mir, jetzt darauf zu hoffen, dass in der Zukunft alles besser ist, die Philippinen plötzlich vom Auswärtigen Amt als sicheres Reiseziel eingestuft werden und ich mit neuester Technologie in Watte gepackt fliegen kann? Was bringt mir das alles, wenn ich doch eigentlich schon heute grinsend durch das Leben spazieren und manchmal einfach ein bisschen später als geplant zur Arbeit gehen kann, weil ich ein paar Minuten länger singend durch meine Wohnung getanzt bin? Was habe ich davon, mein Leben totzuplanen, wenn es die spontanen Momente sind, die mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern? Wenn es die kleinen unvorhersehbaren Überraschungen und nicht die festgelegten Termine sind, die das Leben so lebenswert machen? Muss ich heute wissen, wo ich nächstes Jahr wohne, was ich morgen esse und wechen Film ich übermorgen gucke?
Blicke ich in 30-40-50 Jahren auf eine Zeit zurück, in der ein schickes Auto vor meiner Haustür stand oder Tage, an denen ich am Strand in einem anderen Land lag? Denke ich an Momente zurück, in denen ich mir den neuesten Flatscreen Fernseher gekauft oder mein Haus renoviert habe, für das ich ewig gespart habe? Oder an die Menschen, die ich auf meinen Reisen traf? An die Wochenenden, die ich fernsehguckend mit Chips auf der Couch verbracht habe oder die verrückten Spontanaktionen, in denen ich ohne Planung einfach meiner Intuition gefolgt bin?
Meine Antwort steht fest:
Ich bin dann mal weg!
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