Samstag, 22. April 2017

The "Cocro"

“I hate InselAir“, sagt Mariana und zeigt auf den Bildschirm an Gate B. „Flight 404-new time: 14:15“.

Wir sind inzwischen seit fast 3 Stunden am Reina Beatrix Airport in Aruba und warten auf unseren Flieger nach Curacao. Nachdem diese Airline mir 2 Wochen vor Abflug in die Karibik einen Schrecken eingejagt hat, weil ich eine „Sorry-your-flight-has-been-cancelled-Email“ in meinem Postfach entdeckt habe und dann nach einem Anruf in Aruba doch alles ok war, haben sie jetzt bereits 2x die Abflugzeit geändert.

Also warten wir hier jetzt noch ein bisschen länger in dieser antarktis-temperierten Halle, frieren uns ein bisschen den Arsch ab und freuen uns zumindest darüber, dass uns gerade bei der Gepäckabgabe ein Mitarbeiter ernsthaft gefragt hat, ob wir unter 18 sind („WHOOOP WHOOP HIGH FIVE, JULIA, WE STILL LOOK LIKE CHILDREN AFTER ALL THAT SLEEPLESS PARTY NIGHTS“).

Als wir um 14:30 endlich in unseren für 12:35 Uhr geplanten Flieger steigen, haben wir aus Langeweile bereits 200 g Lindtschokolade gegessen und Mariana hat 3 Parfüms, einen Nagellack und ein Babykleid für ihre Nichte gekauft. Uns ist ein bisschen schlecht, aber wenigstens riechen wir jetzt nach ungefähr 15 verschiedenen Parfüms und können und in unserer 35 minütigen Flugzeit (ja, 4 Stunden Wartezeit für 35 Minuten Fliegen) darüber Gedanken machen, welches uns am besten gefällt.

------------

Angekommen in Curacao, bekomme ich an der Passkontrolle einen kleinen Lachanfall als ich sehe, wie Mariana auf ihrer Einreisekarte unterschreibt. Ein McDonald’s „M“ und darüber ein Halbkreis. „Are you serious about that?“, frage ich sie und zeige lachend auf das Unterschriftenfeld. „Ja, Julia. Als ich den neuen Pass beantragt habe, hab ich beschlossen, nicht mehr soviel Lebenszeit für Unterschriften zu verschwenden. Und da ich jetzt eh einen neuen Pass habe, dachte ich, ich ändere das einfach in ein einfaches „M“ und einen Kringel und schaffe doppelt so viele Unterschriften in der Hälfte der Zeit.“

Also: JA, sie meint das ernst. Falls ihr mal ein Dokument mit einem geschwungenen „M“ findet, ist das nicht von Ronald Mc Donald persönlich, sondern von Mariana.

---------

“When does the chef arrive?“, fragt Mariana den Mitarbeiter mit den Glitzerohrringen im Oporto-Restaurant und zeigt auf ihren Teller. Sie hat ein Stück Fisch in der Größe eines halben Knäckebrotes, das von der Konsistenz an ein totgekochtes Hähnchen erinnert. Dazu 2 Kugeln Kartoffelbrei, die wie Matschbälle aussehen, die man im Kindergarten immer aus Sand und Wasser geformt hat und als Deko ein bisschen harter Brokkoli. 28 Dollar. Auf meinem Teller ein Caesar Salad – bestehend aus 99 % Eisbergsalat mit 1% Fake-Parmesan. Dazu Hähnchenfilet, das 2 x gestorben ist (1 x auf dem Schlachthof und einmal in der Pfanne). 16 Dollar.

„Meinst du den Koch, der euer Gericht zubereitet hat?”, erwidert unser braungebrannter Kellner mit dem silbernen Zungenpiercing und lacht uns mit breitem Grinsen an.

“Ich glaube nicht, dass ihr einen Koch habt. Ihr verarscht uns doch“, sagt Mariana und erklärt ihm detailliert den Zustand der einzelnen Zutaten auf ihrem Teller. „The brokkoli is really hard. Too hard…and the fish is cooked to death. Ich werde das essen, weil ich keine Lust habe, heute noch mehr Lebenszeit mit Warten zu verschwenden, ABER: THIS MAKES ME MORE ANGRY THAN THE FACT I LOST MY IPHONE.“ Ich drehe mich zur Seite und versuche, ein Grinsen zu unterdrücken. Als ich aus dem Augenwinkel sehe, wie sich soeben Kellner Nr. 2 an der Theke von hinten an Kellner Nr.3 schmiegt und ihm grinsend in den Arsch kneift, kann ich ein Lachen plötzlich nicht mehr unterdrücken als Mariana auf ein „Soll ich den Koch holen?“ mit „YES PLEASE, so I can yell at him“, antwortet.

Gesagt, getan. Keine 5 Minuten später steht ein kleiner indischer Mann neben unserem schwulen Profikellner und sagt „Sorry, my English really bad“ und unser Glitzertyp erklärt uns, dass der Koch in diesem menschenleeren Restaurant gerade „too busy“ ist und er uns deswegen mal ersatzweise den Facilty Manager (Facility was?) geschickt hat. Dass er versteht, dass das Essen eine Katastrophe ist und Mariana wütender ist als an dem Tag, an dem das Iphone seinen Geist aufgegeben hat.

Ende vom Lied: Wir zahlen nur die Getränke, ich habe inzwischen 100 g Lindtschokolade und ungefähr einen halben Kopfsalat mit Schuhsohlenhähnchen gegessen. Jetzt sitze ich in unserem Zimmer auf dem Boden und esse den langweiligsten Snack des Universums: nämlich Reiswaffeln.

--------------------

Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo eine Kakerlake her. Die mag nämlich auch Reiswaffeln.

“JUUUUULIA. WHAT THE FUCK…THERE IS A COCRO (ja, sie meint cockroach)“, quiekt Mariana und deutet auf die Reiswaffelpackung, in der gerade eine Kakerlake auf einer Reiswaffel wie auf einer kleinen Insel chillt nachdem wir vom Tanzen am Strand ins Hotel zurückgekehrt sind.

Ich habe keine Angst vor Spinnen, keine Angst vor Bungeesprüngen und Skydiving, Horrorfilmen oder Spaziergängen durch die Dunkelheit, ABER: ICH HASSE KAKERLAKEN. Diese Viecher tun nichts, aber sie erinnern mich immer an meine Arbeit in diesem Roadhouse in Australien wo ich nachts im Bett lag und die Viecher die Wände hochgekrabbelt sind und ich nichts anderes tun konnte als mich in meine Bettdecke wie eine Raupe in ihren Kokon einzuhüllen. Ich habe irgendwie immer die Vorstellung, dass diese unkontrollierbaren Insektenmonster ungefragt über mein Gesicht spazieren und mich dann einfach aufessen. Denn meine einzige echte Naherfahrung mit einer Kakerlake war, als ich sie in Thailand auf dem Floating Market frittiert und unbeweglich in meiner kleinen Pappschale beobachten konnte und wusste, dass ich in diesem Fall das Monster bin.

“Düdüdüdüdüdüüü…düdüdüdüdüdüdüüü….GHOST BUSTERS“, singe ich und bin bereit, diese Scheißkakerlake auf ihrer Reiswaffelinsel mit einem umgedrehten Papierkorb zu fangen. Mariana steht inzwischen kreischend auf dem Tisch um nicht auf dem Fußboden von diesem Monster attackiert zu werden und sich das Ganze aus sicherer Entfernung anzusehen. Und ich wette, dass unsere Zimmernachbarn –wenn sie denn jetzt endlich wach sind– denken, dass wir gerade A: Einen Horrorfilm schauen. B: Ich Mariana umbringen will oder C: Wir einfach nur einen Vollschaden haben.

Circa 15 Minuten und 10 Mariana-Kreischanfälle später (ich kann nicht kreischen, wenn ich Angst habe), habe ich es geschafft, den Papierkorb ungefähr 10 Meter samt Reiswaffel und Kakerlake über den gesamten Hotelflur bis zur Eingangstür zu schieben. Falls das jetzt von irgendeiner Überwachungskamera aufgenommen wurde, werden sie uns auf jeden Fall für die Obervolltrottel halten. Ein Mädchen, das gebeugt mit Ghostbusterssong einen umgedrehten Papierkorb über den gesamten Flur schiebt während ein anderes Mädchen in ungleichmäßigen Abständen abwechselnd kreischt und „You are doing a gooood job, Julia“, sagt.

Um etwa 1 Uhr morgens fallen wir endlich todmüde ins Bett. Wir schlafen zum Glück direkt ein nachdem Mariana mich noch „Was, wenn die jemand freilässt und die den Weg zurück ins Zimmer findet?“, fragt, sich dann aber nach meinem „Nee, die ist ja jetzt auf Rice Waffle Island“ grinsend auf unser Bett fallen lässt, die Decke über den Kopf zieht und ihre Augen schließt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen