Dienstag, 8. September 2026

Blutegel, Wespen und Orang Utans

 „Ich gehe doch noch mal schnell auf die Toilette“, sage ich, als wir uns unten vor den Zimmern nach dem Frühstück mit zwei Amerikanern, zwei Belgiern und unserem Guide namens Donny für die erste Wanderung treffen.


Eigentlich soll man seine Wanderschuhe ausziehen, sobald man den Flur betritt. Aber da wir bisher noch gar nicht im Regenwald waren, sprinte ich mit meinen Wanderschuhen über den Flur zu unserem Zimmer und gehe noch einmal auf die Toilette.


Mariana und ich sind von unserer Kinabatangan-Tour direkt mit dem Bus erst nach Lahad Dazu und von dort weiter ins Danum Valley gefahren, um dort vier Tage und drei Nächte mitten im Regenwald zu verbringen. Wir sind gestern angereist und haben abends noch eine Nachttour mit einem Jeep gemacht.


Während wir auf unserer Flusstour weder eine Dusche, noch warmes Wasser, noch Internet oder 24 Stunden Strom hatten, ist das hier ein echtes Upgrade. Unser Zimmer sieht aus wie ein durchschnittliches Hotelzimmer und hat sogar eine warme Dusche. Wenn man zwei Tage mit den absoluten Basics lebt, freut man sich plötzlich über die banalsten Dinge.


Ich wollte nicht im Regenwald pinkeln“, erkläre ich unserem Guide als ich wieder draußen angekommen bin.


„Das ist auch gut so“, erwidert Donny. „Ich hab das letztens einmal gemacht. Dann haben mir Blutegel in die Eier gebissen und ich musste hier jemanden fragen, ob er mir die Wunden verbinden kann. Mein Sack hat richtig doll geblutet. Das war echt nicht schön!“


Kopfkino. Aber alle lachen.


Was für eine lustige erste Begegnung mit unserem Guide. Das schreit ja geradezu nach weiteren witzigen Erlebnissen im Regenwald.


Ich hoffe nur, dass die beiden Amerikaner Zac und Nuria, die gestern gemeinsam mit uns hier angereist sind, auch ein wenig Humor haben. Denn die beiden Belgier, ein etwas älterer Mann und sein Sohn, scheinen eher extrem ruhig zu sein. Im Zweifel sorgen Mariana und ich einfach allein für genug Entertainment im Regenwald.


Dann stapfen wir los. Nach unserer Kinabatangan-Flusstour ist das heute tatsächlich mein erster richtiger Blick auf den Regenwald bei Tageslicht. Am Fluss haben wir den Dschungel mit einer Stirnlampe in völliger Dunkelheit erlebt und jetzt kann ich mir endlich auch bei Tageslicht reinziehen, was sich hier alles so tummelt. 


Ich schaue mich um.


Über uns ragen riesige Bäume in den Himmel. Überall hängen Lianen, Farne und dichtes Blattwerk. 


Unter unseren Füßen knistert und knackt es bei jedem Schritt und der Boden ist mit einer dicken Schicht aus Blättern, Ästen und abgestorbener Rinde bedeckt. Dazwischen ragen überall Wurzeln aus der Erde, die mich an Mie-Nudeln erinnern.


Zwischen den Baumkronen fällt ein wenig Sonnenlicht auf den Pfad. Ich glaube, das wird ruf der unvergesslichste Teil unserer Reise, denn genau dafür haben Mariana und ich uns hier am anderen Ende der Welt getroffen.


Direkt als wir den Regenwald betreten, habe ich deshalb dieses Gefühl von „Julia in ihrem natürlichen Habitat“. Gib mir ein bisschen Wald oder Wasser und ich fühle mich direkt wohl. Ganz unabhängig davon, was für Kreaturen sich hier tummeln.


Und so streifen wir durch das Gebüsch auf der Suche nach Tieren. Ich bin jetzt für alles offen außer für Blutegel, die es auf Geschlechtsteile abgesehen haben.


„Wie lange können diese ekelhaften Viecher eigentlich ohne Blut überleben?“, frage ich Donny, als er auf ein Blatt deutet, an dem ein Blutegel haftet, der mit einem Körperende am Blatt klebt und mit dem anderen in der Luft kreist.


„Sechs Monate ohne Blut. Danach sterben sie. Und wenn sie Blut bekommen, können sie sich vermehren und noch etwas länger leben.


Ich erinnere mich gut daran, wie wir damals völlig planlos in Australien in den Blue Mountains herumspaziert sind und die Drecksviecher gleich mehrfach einen leckeren Bloody Mary bei uns ergattert haben.


„Blutegel können sich übrigens komplett ohne Partner vermehren und sind sowohl männlich, als auch weiblich“, erklärt Donny.


Endlich habe ich etwas gefunden, das die Bezeichnung „divers“ plausibel erklärt.


Kurz nachdem wir die ersten Blutegel entdeckt haben, zeigt der Belgier auf ein weiteres Insekt, das sich bei Berührung zu einem kleinen Ball zusammenrollt und aussieht wie der Goldene Schnatz aus Harry Potter.


„Ich glaube, das wird mein Lieblingstier im Dschungel“, sage ich zu Mariana.


Wir entdecken weitere Insekten, wie zum Beispiel eine extrem flauschige Raupe, Grillen und kleine Spinnen. Außerdem zeigt uns Donny ein paar Blätter, die angeblich die Durchblutung fördern sollen und erklärt uns, dass es Blätter für Männer seien. Ich habe es „Viagra of the Rainforest“ getauft.


Irgendwann entdecken wir zwischen den Bäumen ein paar spielende Affen, die sich gegenseitig jagen und vor uns von Baum zu Baum hüpfen. Solange die nur sich und nicht mich jagen, ist alles okay.


———


„Ich bin jetzt schon verliebt in den Regenwald“, sage ich zu Mariana als wir mittags im Speisesaal unserer Unterkunft sitzen. 


„Me,too!“, antwortet sie und nimmt einen Schluck Kaffee. 


Um 3 Uhr geht es direkt weiter mit der nächsten Wanderung und auf uns warten weitere 2 Stunden Regenwald.


Mariana und ich nutzen die Pause für eine Dusche nach unserem fast vierstündigen „Morning Walk“. 


„Come on, Julia. Just a few squats before we shower“, sagt Mariana und macht ein paar Kniebeugen. 


„Okay. Lass uns hundert Stück machen“, erwidere ich. 


Das ist einfach das Allercoolste an unserer Verbindung. Ich kenne keinen Menschen, der mit mir ein Workout im Hotelzimmer machen würde. Das hätte ja schließlich auch meine Idee sein können. 


——-


Pünktlich um 15 Uhr stehen wir in unseren Wanderklamotten inklusive Anti-Blutegel-Socken wieder auf dem Parkplatz der Unterkunft. Ich bin wirklich SO dankbar, dass ich mir noch diese passenden Wanderschuhe gekauft und nicht die zu kleinen Schuhe mitgenommen habe.


Dann stapfen wir wieder los in den Regenwald.


„Erzähl uns ein bisschen aus deinem Leben, Donny“, sage ich, als wir gerade über einen umgekippten Baumstamm klettern.


Donny grinst. 


„Ich habe insgesamt drei Frauen einen Heiratsantrag gemacht und am Ende keine davon geheiratet, weil alle ein Problem damit hatten, dass ich hier im Regenwald arbeite und ständig in der Natur abhänge“, erzählt er. „Aber dann habe ich bei einer Regenwaldexpedition meine jetzige Frau kennengelernt.“


„Das war bestimmt Liebe auf den ersten Blick“, vermutet Mariana.


„Ja! Sie versteht meinen Job und interessiert sich auch für Tiere“, erklärt Donny.


Er erzählt uns von seinen drei Kindern, die ihn ab und zu hier im Regenwald besuchen, verrät uns, dass er immer drei Monate am Stück arbeitet bevor er zwei Wochen frei hat und dass sein Sohn gerade ein Musikinstrument spielt, was ihn häufiger dazu veranlasst, die Wohnung zu verlassen und sich mit seinen Freunden in einer Kneipe zu treffen wenn sein Sohn übt.


„Diese Geige ist ein Albtraum“, lacht Donny.


———


Als wir einen schmalen Weg heruntergehen, sagt Mariana plötzlich: „Au!“ und haut sich auf die Hose. Ich laufe direkt hinter ihr und habe keine Ahnung, was gerade abgeht. Dann muss ich schmerzhaft selbst feststellen, dass wir scheinbar in ein Wespennest spaziert sind. Ich schaue auf meine Beine und versuche, die Wespen wegzuscheuchen, die gerade auf meiner Hose gelandet sind. 


„Au!“, rufe ich.


Ich glaube, dass ist das erste und hoffentlich letzte Mal in meinem Leben, dass mich etwa zehn Wespen gleichzeitig stechen.


„Run!“, ruft Donny und animiert die Belgier und Amerikaner, die gerade hinter mir laufen, schnell am Wespennest vorbeizurennen.


„Das kann doch echt nicht sein“, denke ich. 


Vorletzte Woche habe ich mich noch über eine einzige Wespe auf meinem Balkon geärgert.  Harry meinte, dass das echt skurril ist, dass ich vor einer Wespe flüchte, weil ich doch freiwillig zu ganz anderen Tieren in den Regenwald gehen will und jetzt werde ich tatsächlich von zehn Wespen gleichzeitig gestochen.


Aber ich sag euch was: Von zehn Wespen gleichzeitig in einem wunderschönen Regenwald gestochen zu werden, fühlt sich nicht ansatzweise so schlimm an, wie von einer einzigen, aggressiven deutschen Wespe auf dem eigenen Balkon attackiert zu werden. Der Schmerz ist nämlich schnell vergessen, als wir nur etwa eine halbe Stunde später einen Orang-Utan hoch oben in den Bäumen entdecken.


„A-M-A-Z-I-N-G!“, sagt Mariana als wir beobachten, wie sich der Affe oben in den Baumkrone auf seinem Ast bewegt und die Blätter zur Seite schiebt.


Es gibt nur wenige Orte auf der Welt, an denen man Orang-Utans in freier Natur sehen kann, und ich verbuche es definitiv als „Once-in-a-Lifetime“-Erlebnis, dass wir hier tatsächlich Orang-Utans in freier Natur entdeckt haben.


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Nächster Beitrag 10.09.







































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