Freitag, 4. September 2026

Glibbersuppe und Plastikgeruch

Am nächsten Morgen machten wir ein kleines Workout im heruntergekommenen Fitnessstudio unserer Unterkunft, bevor wir um 12 Uhr für unsere 3-tägige Kinabatagan Flusstour abgeholt werden


Mit heruntergekommen meinte ich wirklich heruntergekommen, denn der Raum ähnelt eher einem staubigen Keller, in dem drei kaputte Fitnessgeräte abgestellt sind. Unter anderem eine dieser Bauchmaschinen, die man früher immer im Teleshopping ergattern konnte. Aber für ein kleines Tabata-Workout ohne Verwendung der brüchigen Maschinen hat es gereicht.


Als wir um Punkt 12 frisch geduscht mit all unseren Sachen an der Rezeption auf unseren Fahrer warten, sind wir voller Vorfreude auf die nächsten drei Tage. Es geht zwei Nächte in ein Camp am Kinabatangan-Fluss irgendwo im Nirgendwo.


„Julia?“ fragt mich unser Taxifahrer.


„Yes!“, antworte ich. 

„Mariana, let’s go!“


Wir schnappen uns unsere Taschen, den kaputten Koffer, schmeißen alles in das Auto und fahren los.


Auf dem Weg halten wir bei einem Restaurant.


„Lunchtime for you“, erklärt uns unser Fahrer.


Mariana und ich nehmen auf den Plastikstühlen Platz und werfen einen Blick auf das Menü.


„Ich habe keine Ahnung, was das ist“, sage ich und gucke sie fragend an. Die Karte enthält weder Bilder, noch Beschreibungen und auch die Kellner können uns aufgrund ihrer schlechten Englischkenntnisse nicht weiterhelfen. 


„Lass und zwei Mal Chicken nehmen“, schlage ich vor. „Keinen Bock auf eine Lebensmittelvergiftung mit Fisch.“ 


„Ok“, erwidert Mariana, die sonst immer bei Garnelen ähnliche Emotionen entwickelt wie ich bei Kaffee.


Als die Kellnerin etwa 10 Minuten später einen Teller mit einer fragwürdigen Glibber-Suppe und einen weiteren mit bräunlichen Nudeln bringt, verdrehe ich die Augen. „Ohne Witz. Das sieht aus wie Sperma mit Gemüseeinlage“, sage ich und tauche einen Löffel in die Glibbersuppe. Ich lasse sie fädenziehend vom Löffel zurück auf den Teller tropfen und muss lachen: „Ich glaube, meine freiwillige Diät startet GENAU hier und heute, aber falls du Bock auf Spermasuppe mit Chicken hast…here you go. Ganzer Teller nur für dich my darling.“


„Schmeckt nicht so schlecht, wie du denkst“, erwidert Mariana und schiebt sich einen Löffel Glibbersuppe in den Mund.


Nein, danke. Ich bin ja mal gespannt, was wir in den nächsten Tagen so aufgetischt bekommen.


„Lass mal noch zum Supermarkt“, schlage ich vor. 


Im Supermarkt frage ich eine Mitarbeiterin, ob sie vielleicht Proteinriegel haben. Sie antwortet: „Yes.“ Dann führt sie mich zum Süßigkeitenregal, deutet auf Snickers und Mars und sagt: „Here. But maybe no protein.“


Ach was.


Ich muss schon wieder lachen. 


Die banalsten Situationen sind hier einfach so komisch!


Wir holen uns und unserem Fahrer ein Eis und laufen zurück zum Auto.


„Mach dir keine Sorgen, wenn ich mich erst mal nicht melde. Ich werde die nächsten Tage an einem Ort ohne Internet sein“, schreibe ich meiner Mama kurz bevor auf einer Schotterstraße die Verbindung abbricht.


———


Nach einer Bootsfahrt von einer Seite des Flusses zur anderen, einer kurzen Wanderung durch den Regenwald und einer weiteren Fahrt mit einem Boot erreichen wir schließlich unser Camp. Mit uns kommen auch ein paar Schweizer und ein Mädchen aus Chile an. Und was soll ich sagen? Mariana und ich sind die einzigen Idioten, die echt viel Gepäck dabei haben. „Hab die Anweisung nicht verstanden, dass wir nur das Nötigste mitnehmen sollen. Upsiiiiie“, sage ich zu Mariana. 


—-


Unsere Unterkunft liegt am Ufer des Flusses (der genau genommen ein See ist wie ich später feststellen durfte) und sieht ungefähr so aus, wie man sich eine Unterkunft mitten im Nirgendwo vorstellt: Ein einfaches, auf Stelzen gebautes Holzhaus, das über einen Steg mit wackeliger Treppe erreichbar und von dichtem Regenwald umgeben ist. Unter dem Gebäude plätschert der schlammig-braune „Fluss“ und auf der Veranda weht eine malaysische Flagge im Wind.


Ich wette, dass dieser Ort weder eine konkrete Postleitzahl, noch Adresse hat. Scrollt mal nach unten für ein Bild. 


„Das ist euer Camp für die nächsten Tage“, erklärt uns ein Mitarbeiter namens Jay. Ich mag es, dass er irgendwie superstolz auf diese Location wirkt.


„Lass mich euch kurz alles zeigen und erklären“, fährt er fort.


Bei „alles“ muss ich ein bisschen grinsen, weil er damit bestimmt in unter 5 Minuten fertig sein wird. 


„Also da drüben sind die Toiletten“ startet Jay seinen Rundgang und zeigt mit dem Finger auf ein Toilettenhäuschen auf der linken Seite am anderen Ende des Camps wo auch einige blaue Regentanks aufgebaut sind. „Wichtig ist, dass ihr immer mit dem kleinen Eimer, der neben der Toilette steht, spült. Bitte kein Papier in die Toiletten werfen. Dafür ist der Mülleimer da.“


Ich grinse Mariana mit einem „Du-wolltest-den-Dschungel-jetzt-kriegst-du-den-Dschungel“-Blick an. Modernes Plumpsklo nennt sich das wohl, wenn es eine normale Toilette ist, deren Spülung aber von Hand betrieben werden muss. Wäre cool, wenn zumindest diese Arschdusche funktioniert, aber ich bezweifle es. Diese Arschdusche ist übrigens insgeheim mein Lieblings-Asien-Gadget und Marieke musste darüber in Thailand schon lachen. Ohne Witz. Ich würd mir so ein Teil direkt in mein Haus bauen, falls ich jemals ein Haus bauen sollte! Da ich das in diesem Leben aber nicht tun werde, muss ich mich zuhause mit „Happy Po“ zufrieden geben. Vielleicht sollte ich das gute Teil beim nächsten Mal einfach mit in den Urlaub nehmen. Die Leute von der Sicherheitskontrolle freuen sich bestimmt über komische Gegenstände auf ihrem Screen.


„Direkt gegenüber findet ihr die Dusche“, werde ich aus meinem Gedanken an die Podusche gerissen. „Die Dusche ist hier eine Bucket Shower.“


Ich grinse Mariana an. Frei nach dem Motto: Ich hab gebucht, also bitte keine Einwände.


Aber auch irgendwie geil, einen Plastikeimer als Dusche zu bezeichnen. Nach eigenen Berechnungen habe ich somit 4!! Duschen in meine Wohnung in Hamburg. Ich werde das für das nächste Immobilienscout-Inserat berücksichtigen, falls ich einen Nachmieter suche.


„Ja…und hier ist die Küche“, sagt Jay und zeigt auf einen Tisch, der an der Rückwand der Veranda aufgebaut ist. „Ihr könnt euch jederzeit Kaffee, Tee und Kekse nehmen“, fügt er hinzu und deutet auf drei Thermo-Plastikbehälter mit Tee, Kaffee und Wasser.


Hab ich da etwa Kaffee gehört?!


Egal, in welcher Ramschbude irgendwo im Nirgendwo ich gerade bin: Wenn meine Ohren das Wort „Kaffee“ hören, ist es direkt ein Upgrade und Gefühl von Zuhause. Also scheiß auf die Eimerdusche. Wenn es Kaffee gibt, dann ist zumindest meine Koffeinversorgung gesichert.


„Und jetzt zu den Zimmern“, sagt Jay. „Hier ist euer Schlüssel.“ Er drückt uns die Nummer 3 in die Hand und deutet auf den Eingang gegenüber der Veranda.


„Ihr schlaft ja ohnehin da drüben draußen“, sagt er zu den Schweizern, die sich offensichtlich das Outdoor-Camp bzw. eine Nacht auf einer Matratze auf einer hölzernen Empore unter einem Fliegengitter gebucht haben.


Eigentlich wäre das auch ganz nach meinem Geschmack gewesen, aber ich wollte Mariana jetzt auch nicht zu krass in meine wilden Ideen involvieren.


Als wir unser Zimmer mit der Nummer 3 betreten, ist uns trotzdem schnell klar, dass auch das hier kein besonderer Komfort ist. Der Boden ist mit einem braunen Material verkleidet, das den Plastiktischdecken gleicht, die meine Oma früher auf ihren Geburtstagspartys auf ihre Tische gelegt hat. Genau so riecht es hier auch: Warm, stickig und nach diesem ganz typischen Plastikgeruch, der einem sofort in die Nase steigt, wenn man eine neue Luftmatratze aus ihrem Karton auspackt. 


Die Matratzen der Betten sind ebenfalls mit einer Plastikfolie überzogen. Wahrscheinlich damit nicht jeder hier bei der Hitze alles vollschwitzt. Ich hab nämlich vergessen, euch zu erzählen, dass es in diesem Camp nur 7 Stunden (von 16-22 Uhr) Strom gibt und der Ventilator im Zimmer somit eher ein Deko-Objekt ist.


„I'm a Barbie girl, in the Barbie woooorld.

Life in plastic, it's fantastic“, singe ich in meinem Kopf und werfe meine Sachen auf den Boden. 


Anschließend setze ich mich auf das steinharte Bett mit der Plastikmatratze.


Wusstet ihr eigentlich, dass mein Hirn in jeder Situation den passenden Hintergrundsong einbaut? Fast immer singe ich in meinen Gedanken gerade irgendwas. Mariana meinte mal, dass es bei ihr auch so ist. Vielleicht ist es deshalb auch oft so lustig, denn häufig singt sie plötzlich genau das, was in Gedanken bei mir längst auf Repeat läuft.


„Lass uns wieder nach draußen gehen“, sage ich zu Mariana. „Das ist ja nicht auszuhalten hier.“


Mariana nickt.


Der Plastikgeruch ist wirklich sehr dominant und ich hoffe, dass ich in zwei Tagen keine Atemwegsvergiftung habe. Aber eins muss man sagen: Einfach zu reinigen ist es definitiv, denn das Ganze ähnelt mehr einer Gefängniszelle denn einem Hotelzimmer.


Wenn es keinen Bettlaken gibt und alles aus Plastik ist, kann ja schließlich auch kaum etwas dreckig werden.


Wir setzen uns auf die Veranda des Camps und nehmen auf  seltsam angelaufenen Plastikstühlen Platz. Ich will nicht wissen, woraus die Schicht, die sich darauf abgelagert hat, eigentlich besteht. Vielleicht ein Mix aus eingetrockneter Sonnncreme und Schweiß?


Aber egal. Es gibt Kaffee und Kekse und das ist, was zählt! Dann plaudern wir ein wenig mit den anderen Leuten, die sich das hier ebenfalls freiwillig antun. 



—— 



Nächster Beitrag: 5.9.




























Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen