„Stell dir mal vor, deine einzige Sorge im Leben ist, Tiere für irgendwelche Touristen zu finden“, lacht Mariana, als wir nachmittags zum ersten Mal auf dem Boot sitzen und in der Umgebung Ausschau nach Tieren halten.
„Kein Internet, keine E-Mails, keine Post, keine Probleme. Einfach nur Tiere finden!“
Ich muss lachen. „Stell dir das mal ernsthaft vor: Dein größtes Problem ist nicht etwa, dass du ein schwieriges Projekt mit engen Timings hast, sondern, dass du deinen Kunden seit zwei Stunden keinen besonderen Affen zeigen konntest.“
„Irgendwie klingt das gut!“, sagt Mariana. „Aber nur für 2 Tage oder so. Danach würde ich durchdrehen.“
„Ich auch.“
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Links und rechts von uns erstreckt sich dichter Regenwald während wir langsam den Fluss entlangfahren. Immer wieder entdeckt unser Guide irgendwo zwischen den Bäumen einen Affen oder Vogel und zeigt mit einem grünen Laserpointer auf das Tier.
„Irgendwie beruhigt das echt meine Seele“, sagt Mariana. „Keiner kann mir hier wegen der Pflege meines Vaters auf den Sack gehen. Ich bin einfach mal ein paar Tage nicht erreichbar. Tiere suchen statt familiäre Probleme. Das hat doch auch was.“
„Nennen wir das hier einfach deine Rehab“, schlage ich vor.
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„Julia, das war eine richtig gute Idee, sich jetzt zu duschen“, sagt Mariana.
Wir stehen im Halbdunkeln nackig zusammen wie zwei kleine Kinder in einem etwa 2 Quadratmeter großen, betonierten „Raum“, der sich hier Dusche nennt. Die Tür ist geöffnet, weil wir in der Abenddämmerung nicht mehr besonders viel sehen können. Ich gieße mir mit einem kleinen grünen Eimer Wasser über meinen Rücken. „Deine Seife ist komplett scheiße“, sage ich zu Mariana. „Das Zeug lässt sich ja echt schlecht abwaschen.“
„Siehst du Julia, das sind echte Sorgen, die du hier haben musst“, grinst sie.
Neben uns steht ein großer pinker Eimer, der sich gerade plätschernd immer wieder mit Wasser füllt.
Aber jetzt mal ehrlich: Welcher Depp duscht sich denn im Jahr 2026 mit einem Eimer Wasser und einem Stück Seife? Bin ich hier in den Fünfzigern gelandet oder was?
Das ist eigentlich schon wieder zu witzig, um wahr zu sein.
In genau solchen Momenten fühle ich mich aber immer extrem frei und denke: Du stehst hier nackig im Dschungel mit deinem Eimer und deiner beschissenen Seife und hast mit so wenig Komfort so viele skurrile, unvergessliche Momente. Das bekommst du in keinem 5-Sterne-Hotel dieser Welt geboten.
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Nach dem Abendessen machen wir uns bereit für die Nachtwanderung. Wir sind mit Stirnlampen bewaffnet und warten vor der Veranda auf Jay. Ich ziehe mir meine Regenjacke über den Kopf. „Keine Chance für Mücken“, sage ich zu Mariana, die sich gerade den ganzen Körper mit irgendeinem „Extreme“ Mückenabwehrgel eingeschmiert hat.
Kaum verlassen wir das Camp und stapfen in den Wald, ist um uns herum einfach nur noch Dunkelheit. Ich leuchte mit meiner Stirnlampe abwechselnd den Boden und dann die Umgebung an. Mal schauen, ob mir gleich die erste Spinne aus dem Gebüsch ins Gesicht springt.
Es raschelt und die Grillen feiern scheinbar nachts noch härter eine Party als am Tag. Äste knacken unter unseren Füßen und aus der Ferne ertönen Geräusche, die ich keinem Tier zuordnen kann. Ich leuchte Mariana an: „Hier nachts allein? Das könnte ein guter Horrorfilm sein.“
„Ja…und diese Monsterschmetterlinge attackieren mich die ganze Zeit!“
Unser Guide läuft derweil seelenruhig voran und leuchtet immer wieder mit seiner Taschenlampe ins Dickicht. Wir bleiben stehen, wenn er oder jemand anderes aus unserer Gruppe etwas entdeckt. Mal ist es eine riesige Heuschrecke, mal ein Frosch, eine Spinne, ein Insekt, das wie ein Stock aussieht oder ein Käfer, den ich so noch nie in meinem Leben gesehen habe.
Es fühlt sich an, als würden wir gerade durch ein riesiges Terrarium spazieren.
Zuhause versuche ich, jedes Insekt aus meiner Nähe zu vertreiben, aber hier freue ich mich wie ein Kleinkind an Weihnachten, wenn ich eine Monstergrille oder einen Skorpion auf einem Blatt entdecke. Kannst du keinem erklären, wie geil das ist, ohne es selbst gesehen zu haben.
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„Mein kompletter Arsch ist zerstochen, Julia“, sagt Mariana und hält mir ihren Hintern ins Gesicht. Wir sind wieder in unserem Plastikzimmer angekommen und der Ventilator pustet warme Luft durch unsere Gummizelle.
Sie hat Recht: Ihr kompletter Hintern ist zerstochen. Ich habe keine Ahnung, wie sie das geschafft hat, denn sie hat sich doch vor der Wanderung sogar inklusive ihrer Klamotten mit diesem komischen Insektenschutzmittel eingerieben.
Meine Bilanz: Null Stiche.
Ihre Bilanz: Alle
Ein Dankeschön an meine Regenjacke!
Als um 10 Uhr mit einem Klacken das Licht ausgeht, lege ich mich auf mein Plastikbett, das bei jeder Bewegung wie Geschenkfolie knistert und schlafe ein.
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Am nächsten Tag klingelt schon um 5:45 Uhr unser Wecker. Mein Nacken tut etwas weh von dem superungemütlichen Kissen, das original so aussieht wie die Kissen, die ich in meiner Kindheit gemalt habe. Ich glaube wenn ich dauerhaft auf so einem Kissen schlafen würde, hätte ich irgendwann die Körperhaltung einer Schildkröte.
Mariana und ich ziehen uns an und verlassen das Zimmer. Noch vor dem Frühstück starten wir mit der nächsten Bootstour. Hoch oben in den Bäumen entdecken wir verschiedene Affenarten. Am Ufer finden wir sogar ein kleines Krokodil.
Außerdem scheint ein Vogel vor unseren Augen Selbstmord begangen zu haben. Nachdem unser Guide ihn mit dem grünen Laserpointer angeschienen hat, ist er einfach von einem Ast ins Wasser gefallen und nicht wieder aufgetaucht. Dabei meinte die Mutter vor uns noch zu ihrem Sohn: „Guck mal, ein toller Vogel“ und hat auf dem Ast gezeigt kurz bevor der tolle Vogel mit dem Laserpointer angestrahlt wurde und für immer in den Tiefen des Wassers verschwunden ist.
„Did he commit suicide in front of the child?“, flüstert Mariana und blickt kritisch auf die Familie, die mit ihrem etwa zehnjährigen Jungen vor uns sitzt.
Ups.
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Nach dem Frühstück liegen wir mehrere Stunden in den Hängematten unseres Camps. Bis zur Bootstour am Nachmittag gibt es hier nämlich nichts zu tun.
Keine E-Mails. Keine Anrufe. Einfach nur entspannen, den Naturgeräuschen lauschen und den Waran am Ufer unseres Camps dabei beobachten, wie er versucht, die Fische, die einer der Guides gefangen hat, aus dem Netz zu klauen.
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