„Wir haben Tour B gebucht“, sagen Mariana und ich zu einem der Mitarbeiter. Wir haben gerade auf den beiden Plastikstühlen am Tisch an der linken Seite des kleinen Shops Platz genommen, in dem wir gestern Abend einen Schnorcheltrip gebucht haben.
Der Mitarbeiter schaut uns zunächst verwirrt an und signalisiert uns dann, dass wir kurz warten sollen. Er redet mit einem anderen Mitarbeiter, kommt zurück an unseren Tisch und sagt: „Bleibt einfach hier. Um 7:50 Uhr werdet ihr abgeholt.“
Ich muss ja sagen, dass ich ein paar Fragezeichen habe. Eigentlich sollten wir für unseren Schnorcheltrip direkt zum Hafen gehen, aber dann hat uns die Mitarbeiterin gesagt, wir könnten auch einfach ins Office kommen und würden dann zum Boot gefahren werden. Was auch immer das bedeutet.
„Wollen wir das kaufen?“, sage ich zu Mariana und greife mir ein in Plastik verpacktes, rotes Teil aus einer Kiste. „Was ist das?“, fragt Mariana. „Ein Mundstück für Schnorchel“, erkläre ich.
„Ich wusste gar nicht, dass man die Mundstücke separat kaufen kann“, sagt Mariana. „Aber für umgerechnet zwei Euro sollten wir das tun. Wer weiß, wer schon alles an den Mundstücken gelutscht hat.“
Wir müssen lachen. Eigentlich ist das eine ziemlich eklige Vorstellung, wenn man mal drüber nachdenkt. Also lassen wir das lieber.
„Wir hätten gerne zwei Stück“, sage ich zu dem Mitarbeiter und drücke ihm etwas Bargeld in die Hand. Er zückt sein Handy und macht ein Foto von den beiden roten Mundstücken und meinem Geldschein. Das ist mir hier jetzt schon häufiger aufgefallen, dass dies das gängige System zur Erfassung von Verkäufen zu sein scheint. Einfach ein Handyfoto und daneben die Geldscheine. Dem deutschen Finanzamt würde das gar nicht gefallen, aber hier scheint es völlig normal zu sein. Während ich mir Gedanken über künstliche Intelligenz mache und mich frage, wann wir alle ersetzt werden, werden hier Verkäufe noch ganz professionell händisch mit einem Foto dokumentiert und der Gedanke an KI scheint Lichtjahre entfernt zu sein.
Ich stecke das Mundstück in meine Tasche. Dann werden wir auch schon gebeten, den Shop zu verlassen und zum Boot zu laufen.
Als wir an der Anlegestelle angekommen sind, schauen Mariana und ich uns um. „Jetzt verstehe ich, was der Taxifahrer gestern meinte“, sagt sie und grinst.
Ich schaue mich um und nicke. Semporna scheint wirklich ein Urlaubsparadies für Chinesen zu sein.
„Ich glaube, das wird ein seltsamer Trip heute“, sage ich zu Mariana und lache. „Frag mich nicht, warum…ich hab es einfach im Gefühl.“
Wenn der Trip so skurril wird wie das, was ich hier alles sehe, dann KANN es nur seltsam werden.
Ich stelle mir vor, dass mich hier jemand aussetzt und ich raten muss, was die Leute vorhaben, die hier am Hafen sind.
Wenn du mich fragst, wüsste ich wirklich nicht, ob sie gleich zu einer Hochzeitsparty fahren oder einen Schnorcheltrip gebucht haben. Viele Mädels tragen ausgefallene Kleider und hohe Schuhe. Andere sehen aus, als würde gleich ein Fotoshooting anstehen und dann gibt es da noch die Fraktion „Badeanzug mit Nylonstrumpfhose“.
Ja, richtig gelesen.
Das scheint bei den Chinesen irgendwie ein neuer Trend zu sein, unter einem Badeanzug eine Nylonstrumpfhose zu tragen. Und ich habe mich schon kurz gefragt, warum die meisten Frauenbeine hier so außergewöhnlich hell, glatt und glänzend aussehen.
„Die wollen schön weiß bleiben und ich will unbedingt noch bräuner werden!“, lacht Mariana.
So unterschiedlich können Schönheitsideale sein. Ich möchte trotzdem nicht wissen, wie kompliziert es sein muss, mit diesem Outfit mal schnell zur Toilette zu müssen.
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„Euer Boot ist das Boot Nummer 20“, sagt die Frau zu uns, die gerade unseren Namen auf einer Liste abgehakt hat.
Keine 20 Minuten später betreten wir zusammen mit etwa 20 Chinesen das Boot Nummer 20. Vielleicht sind es auch nicht nur Chinesen, aber mein erster Eindruck ist, dass wir gerade auf einer Exkursion in China unterwegs sind.
Ein Mann drückt uns eine Schwimmweste in die Hand und wir nehmen im mittleren Teil des Bootes Platz.
„Ich bin ja jetzt schon froh, dass ich keinen Tauchgang gebucht habe“, sage ich zu Mariana. Auf dem Boot ist kaum freie Fläche und ich bin gespannt, wie das mit den Tauchgängen aussehen soll.
Einer der Guides versucht, uns ein wenig zu sortieren. „Alle, die heute tauchen werden, bitte nach vorne!“, ruft er.
Wildes Getummel auf dem engen Boot bis sich schließlich alle „Taucher“ in den vorderen Reihen befinden.
„Alle, die einen Tauchgang machen, unterschreiben jetzt bitte so einen Zettel“, sagt ein anderer Guide und verteilt wild Blätter und Stifte während unser Boot bereits losgedüst ist und eine Welle nach der anderen mitnimmt.
„Sorry“, sagt der Chinese vor mir, der gerade versucht, auf dem Rücken der Schwimmweste seines Vordermannes die angebliche Tauchschule von sämtlichen Haftungsrisiken zu befreien und bei der nächsten Welle nach hinten in den Sitz gedrückt wird und fast gegen meinen Kopf haut.
Ich bin froh, dass keiner meine Gedanken lesen kann auch wenn Mariana meinte, dass sie mir oft ins Gesicht geschrieben sind. Mein Gesichtsausdruck müsste mit Blick auf die 8 männlichen Guides, die den Bums hier koordinieren sollen, gerade in etwa „Wie-könnt-ihr-Vollidioten-bloß-schon-zu-Beginn-so-dermaßen-chaotisch-sein“ lauten. Ich bin echt gespannt, wie das gleich ablaufen soll.
Im hinteren Bereich des Bootes scheint das Tauch-Equipment zu sein. Normalerweise gibt es Schwimmflossen in verschiedenen Größen, eine Kiste mit Blei und Wetsuits. Aber ich sagte ja schon: Normalerweise. Hier ist es „etwas“ anders und nichts davon scheint da zu sein.
Und während ich mir Gedanken über die Tauchausrüstung mache, findet bereits die kürzeste Taucheinweisung statt, die ich je mitverfolgt habe.
„Das ist das Zeichen dafür, dass alles okay ist“, erklärt der Guide und formt seinen Daumen und Zeigefinger zu einem Kreis. Wenn etwas nicht in Ordnung ist, dann macht ihr so“, sagt er und streckt seine flache Hand nach vorne und kippt sie von links nach rechts.
Die Chinesen vor mir nicken und machen brav das Minimum an Handzeichen nach, das ihnen gerade im Schnelldurchgang erklärt wird.
„Das ist wirklich die dümmste, kürzeste und banalste Taucheinführung, die ich jemals gesehen habe“, denke ich. Ich war noch nie so dankbar dafür, NICHT an einem Tauchgang teilnehmen zu müssen, obwohl ich Tauchen wirklich liebe.
„Aber erstmal fahren wir zu unserem Fotostop und dort gibt es auch unser Mittagessen“, erklärt der Guide nach seiner Blitzeinweisung.
Ich wette, dass die das gleich eh alles wieder vergessen haben.
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Nachdem wir bei Insel Nummer 1 auf einer Liege entspannt und zugeschaut haben, wie viele Bilder so in einen durchschnittlichen, chinesischen Handyspeicher passen, sitzen wir wieder auf dem Boot.
Einer der Guides zählt durch, ob alle Passagiere wieder an Board sind und da er scheinbar zu dem Entschluss kommt, dass wir vollständig sind, düst sein Kollege los.
Als ich mich umdrehe, sehe ich zwei wild winkende Chinesen am Steg, den wir gerade verlassen haben. „Ey…meine Freunde sind noch auf der Insel“, sagt der Mann neben mir und bittet den Guide, das Boot zu stoppen und umzudrehen.
„8 Guides und nicht mal ein ganzes Hirn an Board“, flüstere ich Mariana ins Ohr und wir müssen laut lachen.
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Als wir die beiden wieder eingesammelt haben, ist es auf dem Boot auf dem Weg zu Insel 2 plötzlich verdächtig ruhig.
„Alles gut?“, frage ich das Mädchen vor mir, das in ihrem Sitz hängt und schon halb aus dem Fenster gebeugt ist.
Sie zeigt mir ihre Hand und macht das „nicht ok“- Tauchzeichen. Wenn die hier gleich bei der nächsten Welle alles vollreiert, weiß ich, wer es abbekommt.
Mariana grinst mich an, denn sie hat es auch gecheckt. „Ich hasse es, dass DU hier im mittleren Teil sitzen wolltest“, sage ich zu Marina und lache. „Jaja, sorry“, antwortet sie.
„Äh darf ich vielleicht hier bei dir sitzen?“, frage ich den Mann ganz vorne, neben dem noch ein Platz frei ist. Trick 17: Einfach so tun als würde MIR schlecht werden und mich ganz elegant umsetzen, um die Quelle des möglichen Übels geschickt zu verlassen. Folgt mir für weitere Reisetricks.
Zum Glück scheint bei allen das fiese Essen aus der Lunchbox, das Mariana und ich dankend abgelehnt haben, dringeblieben zu sein, aber das soll sich auf dieser Tour noch ändern.
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