In diesem Blog schreibe ich ueberwiegend ueber die positiven Seiten des Backpackerlebens, denn ich kann mich wirklich nicht ueber das Leben beklagen, das ich gerade leben darf. Dennoch gibt es auch fuer mich Situationen, in denen nicht alles "Friede, Freude, Eierkuchen" ist. Ich moechte dies hier an dieser Stelle als wichtiger Teil meiner Erfahrungen in Australien nicht unerwaehnt lassen und widme diesen Eintrag daher den Sorgen, Aengsten, Besonderheiten und Schwierigkeiten des Backpackerdaseins.
1. Angst vor dem Alleinsein...
...hat sicherlich jeder Backpacker. Haette mir jemand vor meiner Abreise gesagt, dass ich die meiste Zeit "allein" in Australien reisen werde, dann waere ich nicht in den Flieger gestiegen. Die Angst vor dem Alleinsein haette mich verrueckt gemacht, wenn ich nicht ins kalte Wasser geworfen worden waere, als ich voellig unerwartet Lisa und Owen innerhalb von 48 Stunden verlassen musste. Die Angst vor dem Alleinsein bleibt, aber ist wesentlich weniger stark als zu Beginn. Ausserdem war ich nie wirklich "allein", seitdem ich hier bin.
2. Freundschaft
Meine Freunde fehlen mir hier schon ziemlich stark und insbesondere die Tatsache, dass ich meinen Freund nun schon mit Ausnahme von 21 Tagen fast 14 Monate nicht gesehen habe, macht mich manchmal ganz schoen traurig. Ich bin hier nie allein, aber fuehle mich an schlechten Tagen selbst umgeben von anderen Backpackern allein. Weil Freunde mich kennen. Weil Freunde mich verstehen. Weil Freunde einfach unersetzbar sind. Anders als in Deutschland sind Freundschaften in Australien sehr schnell sehr intensiv, weil man sich beim Reisen sehr gut kennenlernt. Es ist oft so, dass man andere Backpacker trifft und sich schon nach wenigen Stunden fuehlt und auch so verhaelt, als wuerde man sich ewig kennen. Allerdings werden Freundschaften ebenso schnell geschlossen wie gebrochen, weil auch die negativen Eigenschaften schnell ans Tageslicht kommen und man schneller feststellt, ob es wirklich passt oder nicht.
3. Finanzen
Das Backpackerleben ist teuer. Das Geld, was man an einem Tag verdient, kann man ohne Weiteres auch an einem Tag ausgeben ohne dabei sonderlich viel zu erleben. Allein die Lebenshaltungskosten sind unglaublich hoch. Die Angst, ploetzlich mittellos zu sein, hat wohl auch jeder Backpacker und nachdem ich einmal nur noch umgerechnet 100 Euro hatte, weiss ich, wie schrecklich es sich anfuehlen kann, mit einer akuten finanziellen Unsicherheit zu leben. Als Backpacker geben wir uns gegenseitig Spartipps, teilen Lebensmittel- und Fahrtkosten und versuchen, unsere Ausgaben auf ein Minimum zu reduzieren ohne dabei einen extremen Verzicht zu spueren. Ich werde den Wert von "Kleinigkeiten" in Zukunft definitiv mehr zu schaetzen wissen.
4. Ernaehrung
Es faellt mir schwer, mich trotz meines Wissens um eine gesunde Ernaehrung so zu ernaehren, wie ich es in Deutschland tun wuerde und getan habe. Den meisten Backpackern bleibt allerdings aufgrund der mangelnden finanziellen Mittel keine andere Wahl. Gemma und ich versuchen, Obst und Gemuese als wichtigen Bestandteil unserer Ernaehrung in unseren Tagesplan zu integrieren, scheitern aber haeufig doch an leckeren Keksen und Snacks, weil eine vernuenftige Ernaehrung ein Vermoegen kosten wuerde.
5. Unsicherheit
Ist eigentlich immer vorhanden- an einigen Tagen besonders stark, an anderen Tagen nur unterbewusst, weil es zuviel zu erleben gibt. Ich habe aufgehoert, "Was waere, wenn...?" zu denken und mache mich dadurch so langsam wesentlich weniger verrueckt. Im Endeffekt hat hier alles besser funktioniert als erwartet und solange man nicht "aufgibt", sondern positiv in die Zukunft blickt, kann hier kaum etwas schiefgehen, auch wenn Unsicherheit immer eine gewisse Rolle spielt.
6. Arbeitgeber
Ich hatte bislang erst 4 Arbeitgeber und habe mit allen seltsamerweise dieselbe Erfahrung gemacht. Ob es an mir oder an der australischen Mentalitaet liegt, kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem kombiniert mit der Tatsache, dass ich Backpacker und auf Arbeitgeber angewiesen bin. Ich habe viele Backpacker getroffen, die mit Arbeitgebern dieselben Erfahrungen gemacht haben wie ich: Meine Arbeitgeber waren nette Menschen, die mir alles ermoeglicht haben solange ich mich 100% ihren Interessen gefuegt und mehr gemacht habe, als eigentlich von mir erwartet wurde. Im Endeffekt haben Owen und Lisa mich rausgeworfen, 300$ behalten und mir eine Email gesendet, die unter der Guertellinie war. Joe und Carol haben unseren Lohn im Nachhinein doch wieder zu ihrem Vorteil geandert, als sie gemerkt haben, dass wir fleissig sind ("Can we pay 100$ per day instead of 15$ per hour?") und einen Teil unserer Steuern einbehalten. Ich hatte mit beiden Arbeitgebern eine tolle Zeit, aber der bittere Nachgeschmack bleibt. Problem: Als Backpacker ist man auf Arbeitgeber angewiesen und genau das wissen und nutzen diese aus.
7. Vertrauen
...ist eine wichtige Voraussetzung, um hier zu ueberleben. Es ist manchmal schwer, einen gesunden Mittelweg zwischen blindem Vertrauen und uebertriebenem Misstrauen zu finden. Man muss hier immer einen "Plan B" haben und sich selbst absichern- in Bezug auf Reisepartner, Mitfahrgelegenheiten, Lohnauszahlungen und andere Versprechen. Ich wurde schon ein paar Mal "im Stich gelassen", hatte aber das Glueck, dass sich immer eine neue und meist bessere Option ergeben hat.
8. Das "Zuhause-Gefuehl"
...ist irgendwie da und auch nicht da. Ich habe mich daran gewoehnt, kein "richtiges" Zuhause zu haben und kann mich inzwischen fast ueberall zuhause fuehlen- ob im Hostel, im Auto, im Campervan oder auf dem Sofa von Australiern, die mir (wie z.B. Tony und Joy in Coolgardie) einen Schlafplatz bieten. Dennoch fehlt mir mein richtiges Zuhause wo ich alles habe, was ich brauche und machen kann, was ich will.
9. Negative Erfahrungen
...hatte ich schon einige, aber in einem anderen Ausmass als in Deutschland. Ich wurde an Silvester von einem Afrikaner verfolgt (und gluecklicherweise von einem australischen Paerchen gerettet), habe auf der Great Ocean Road einen Menschen sterben sehen und verzweifelt erste Hilfe geleistet, wurde von meiner australischen Familie auf die Strasse gesetzt und habe mein Gehalt nicht bekommen, wurde von Arbeitgebern angelogen und ausgenutzt von anderen Backpackern einfach im Stich gelassen und hatte einmal nur noch umgerechnet 100Euro. In all diesen Momenten waere ich sicherlich gerne in den Flieger zurueck nach Deutschland gestiegen. Die Tatsache, dass ich allerdings eine Loesung finden musste, hat mich in vielerlei Hinsicht staerker gemacht. Ich habe viel gelernt und bin froh, nicht aufgegeben zu haben.
Trotz all dieser negativen oder auch schwierigen Eigenschaften des Backpackerlebens liebe ich jede Sekunde, die ich hier verbringen darf und bereue keinen einzigen Tag, den ich hier war, denn auch die negativen Erfahrungen haben dazu beigetragen, dass ich jetzt gerade da bin, wo ich bin und das tue, was ich tue. Sie haben mich zu einem gluecklicheren Menschen gemacht, der das "Einfache" mehr zu schaetzen weiss und in schwierigen Situationen nicht den Kopf haengen laesst.
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