Dienstag, 17. Juli 2012

In einem Land vor unserer Zeit


"Wo leben diese Menschen und vor allem: WIE leben diese Menschen?", fragte ich mich, als ich in Tom Price mein Gesicht in das trockene Gras drueckte und auf dem Bauch liegend in Richtung des Spielplatzes blickte, wo eine Aboriginal-Familie ein Picknick machte. Bislang hatte ich nur negative Aussagen ueber die Ureinwohner Australiens gehoert: Sie rauchen, sind haeufig betrunken, handeln mit Drogen und haben einen schlechten Ruf bei der Polizei. Tatsaechlich habe ich in Cairns und Perth in der Stadt viele Aboriginals gesehen, die diesen Vorurteilen gerecht wurden. Doch nun beobachtete ich eine Mutter mit 6 Kindern, die nicht in mein bisheriges Bild passte, sondern auf einer Schaukel sitzend jedem ihrer Kinder ein Laecheln entlockte. Sie nahmen sich in den Arm, kicherten und sie schienen ueberaus gluecklich zu sein. Ich wollte so gern mehr ueber diese voellig andere und doch gleiche Gesellschaft wissen, wusste aber nicht, wie ich einen Einblick in das Leben der Ureinwohner erhalten koennte.


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Wir sassen nur 6 Stunden spaeter am Lagerfeuer und lauschten gespannt den Erzaehlungen von Wayne, der neben mir auf einem Baumstass hockte und seine Gitarre mit seiner Hand fest umklammerte. In Gedanken versunken blickte ich in die Flammen, die mein Gesicht erwaermten. "I am happy being who I am", fluesterte Wayne und und laechelte mich an. Er erzaehlte von den unterschiedlichen Staemmen in Tom Price, die die hoechste Stadt Australiens  und damit das erste Land auf der Erde ist. Von der Bedeutung der Hautfarbe innerhalb der Staemme, den unterschiedlichen Bezeichnungen dieser Hautfarben, dem starken Zusammengehoerigkeitsgefuehl der Aboriginals und seinen 7 Geschwistern, die viele Kilometer entfernt leben und einem anderen Stamm angehoeren. Von Zeremonien, bei denen die Maenner singen und mit ihrer leuchtenden Koerperbemalung mit einem Schild und einem Tanzstock um das Feuer tanzen. Von Liedern in der Muttersprache der Ureinwohner, die von der Bedeutung des Seins und von der Entstehung des Lebens handeln. Von der Bedeutung der Koerpersprache und den Unterschieden in der Sprache in Abhaengigkeit von den Staemmen. Von der Beschneidung, die Teil des Erwachsenwerdens ist und den Uebergang eines Jungens zu einem Mann markiert. Von den 8 Wochen, die ein Junge nach der Zeremonie im Busch verbringen muss, bis die Wunden geheilt sind und er als Mann zurueckkehrt und von seinen 8 Wochen in der Wildnis. Von den Rivalitaeten der Staemme untereinander und Unterschieden im Umgang miteinander je nach Hautfarbe und Stammeszugehoerigkeit. Von Wildschweinjagden, dem Geschmack frischer Emus, Fischen mit dem Speer und Kaengurus. Von Naechten im Schlafsack unter dem Sternenhimmel in der Wueste und im Buschland, der Bedeutung der Gestirne und des Mondes. Von Uluru, der als Mittelpunkt Australiens die Verbindung aller Kulturen und Staemme symbolisiert. Von seinem Vater, der wie er versucht hat, die Rituale der Ureinwohner zu schuetzen und zu wahren und der westlichen Welt zu mehr Verstaendnis seiner Kultur zu verhelfen. Von seiner Kindheit und Schulzeit. Von den Problemen, die seine Hautfarbe mit sich bringt, dem mangelnden Verstaendnis der hellhaeutigen Australier und von Rassismus. Vom Gefuehl, von der Gesellschaft verstossen zu werden, von Einsamkeit und dem fehlenden Zuhause. Von seinem Stamm als Zufluchtsort, Verfolgungen in anderen Laendern auf Reisen, der Ungleichheit und Ungleichverteilung und der Andersartigkeit der Lebensbedingungen. Von den Problemen der Technisierung, Kommunikationsschwierigkeiten, falschen Erwartungshaltungen, Vorurteilen und fehlender Akzeptanz . Von Alkoholismus und Drogenmissbrauch infolge der Isolation und Intoleranz der westlichen Bevoelkerung. Vom Tod seines Vaters. Vom Tod seiner Mutter. Von der Erhaltung seines Landes und seiner Kultur und der Zerstoerung durch die Minen. Von Materialismus, Habgier und Arroganz. Von Verwandten in Europa, von Lebenstraeumen, einer geplanten Reise mit einem Freund und von seinem Glauben an das Gute im Menschen. Von bedingungsloser Liebe und Ehrlichkeit, der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und Respekt gegenueber fremden Kulturen. Und von Freundschaft, Hilfsbereitschaft, der Menschheit als grosse Familie und von Frieden.



Ich habe Wayne nur eine Stunde nachdem ich im Park die Familie beobachtete, kennen gelernt. Als ich mir vor einem Internetcafé die Sonne ins Gesicht schienen liess, hatte ich Probleme, die Schiebetuer unseres blauen Vans zu oeffnen. Wie der Zufall es wieder einmal will, ist ausgerechnet Wayne in diesem Moment an mir vorbeigelaufen und hat gefragt, ob er mir behilflich sein kann (Corinna und Markus haben eine Minenfuehrung gemacht). Dadurch bin ich mit ihm ins Gespraech gekommen und habe ihn gefragt, ob er mir mehr ueber seine Kultur erzaehlen kann. Er hat mir daraufhin angeboten, ihn zu besuchen. 

Wayne ist ein Aboriginal, der gerade plant, in Zukunft Touristenfuehrungen anzubieten, um der westlichen Welt einen Zugang zum Leben der Ureinwohner zu ermoeglichen und ihnen dadurch zu einem besseren Verstaendnis der Kultur zu verhelfen. Er hat dafuer ein "Camp" mit 15 Zimmern, Kueche und Waschraum auf seinen 16qkm (ja, Quadtratkilometer) Landbesitz errichtet und erst kuerzlich eine Lizenz zum Touristenfuehrer erworben. 

Zusammen mit Corinna und Markus bin ich am Nachmittag zu ihm gefahren, um ein paar Tage zu bleiben und ihm beim Aufraeumen und Putzen seines Camps zu helfen. Es ist gerade alles extrem spannend und ich fuehle mich wie in einer voellig anderen Welt. Ich haette nicht erwartet, dass ich SO einen Einblick in das Leben der Aboriginals erhalten wuerde direkt nachdem ich kurz darueber nachgedacht habe, wie das Leben der Ureinwohner wohl sein mag. 

So langsam hoere ich auf, an Zufaelle zu glauben ;-) Das ist doch alles verrueckt hier...

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