"Wo leben diese Menschen und vor allem: WIE
leben diese Menschen?", fragte ich mich, als ich in Tom Price mein Gesicht
in das trockene Gras drueckte und auf dem Bauch liegend in Richtung des
Spielplatzes blickte, wo eine Aboriginal-Familie ein Picknick machte. Bislang
hatte ich nur negative Aussagen ueber die Ureinwohner Australiens gehoert: Sie
rauchen, sind haeufig betrunken, handeln mit Drogen und haben einen schlechten
Ruf bei der Polizei. Tatsaechlich habe ich in Cairns und Perth in der Stadt
viele Aboriginals gesehen, die diesen Vorurteilen gerecht wurden. Doch nun
beobachtete ich eine Mutter mit 6 Kindern, die nicht in mein bisheriges Bild
passte, sondern auf einer Schaukel sitzend jedem ihrer Kinder ein Laecheln
entlockte. Sie nahmen sich in den Arm, kicherten und sie schienen ueberaus gluecklich
zu sein. Ich wollte so gern mehr ueber diese voellig andere und doch gleiche
Gesellschaft wissen, wusste aber nicht, wie ich einen Einblick in das Leben der
Ureinwohner erhalten koennte.
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Wir sassen nur 6 Stunden spaeter am Lagerfeuer und
lauschten gespannt den Erzaehlungen von Wayne, der neben mir auf einem
Baumstass hockte und seine Gitarre mit seiner Hand fest umklammerte. In
Gedanken versunken blickte ich in die Flammen, die mein Gesicht erwaermten.
"I am happy being who I am", fluesterte Wayne und und laechelte mich
an. Er erzaehlte von den unterschiedlichen Staemmen in Tom Price, die die
hoechste Stadt Australiens und damit das erste Land auf der Erde ist. Von
der Bedeutung der Hautfarbe innerhalb der Staemme, den unterschiedlichen Bezeichnungen
dieser Hautfarben, dem starken Zusammengehoerigkeitsgefuehl der Aboriginals und
seinen 7 Geschwistern, die viele Kilometer entfernt leben und einem anderen
Stamm angehoeren. Von Zeremonien, bei denen die Maenner singen und mit ihrer
leuchtenden Koerperbemalung mit einem Schild und einem Tanzstock um das Feuer
tanzen. Von Liedern in der Muttersprache der Ureinwohner, die von der Bedeutung
des Seins und von der Entstehung des Lebens handeln. Von der Bedeutung der
Koerpersprache und den Unterschieden in der Sprache in Abhaengigkeit von den
Staemmen. Von der Beschneidung, die Teil des Erwachsenwerdens ist und den
Uebergang eines Jungens zu einem Mann markiert. Von den 8 Wochen, die ein Junge
nach der Zeremonie im Busch verbringen muss, bis die Wunden geheilt sind und er
als Mann zurueckkehrt und von seinen 8 Wochen in der Wildnis. Von den
Rivalitaeten der Staemme untereinander und Unterschieden im Umgang miteinander
je nach Hautfarbe und Stammeszugehoerigkeit. Von Wildschweinjagden, dem
Geschmack frischer Emus, Fischen mit dem Speer und Kaengurus. Von Naechten im
Schlafsack unter dem Sternenhimmel in der Wueste und im Buschland, der
Bedeutung der Gestirne und des Mondes. Von Uluru, der als Mittelpunkt
Australiens die Verbindung aller Kulturen und Staemme symbolisiert. Von seinem
Vater, der wie er versucht hat, die Rituale der Ureinwohner zu schuetzen und zu
wahren und der westlichen Welt zu mehr Verstaendnis seiner Kultur zu verhelfen.
Von seiner Kindheit und Schulzeit. Von den Problemen, die seine Hautfarbe mit
sich bringt, dem mangelnden Verstaendnis der hellhaeutigen Australier und von
Rassismus. Vom Gefuehl, von der Gesellschaft verstossen zu werden, von
Einsamkeit und dem fehlenden Zuhause. Von seinem Stamm als Zufluchtsort,
Verfolgungen in anderen Laendern auf Reisen, der Ungleichheit und
Ungleichverteilung und der Andersartigkeit der Lebensbedingungen. Von den
Problemen der Technisierung, Kommunikationsschwierigkeiten, falschen
Erwartungshaltungen, Vorurteilen und fehlender Akzeptanz . Von Alkoholismus und
Drogenmissbrauch infolge der Isolation und Intoleranz der westlichen
Bevoelkerung. Vom Tod seines Vaters. Vom Tod seiner Mutter. Von der Erhaltung
seines Landes und seiner Kultur und der Zerstoerung durch die Minen. Von
Materialismus, Habgier und Arroganz. Von Verwandten in Europa, von
Lebenstraeumen, einer geplanten Reise mit einem Freund und von seinem Glauben
an das Gute im Menschen. Von bedingungsloser Liebe und Ehrlichkeit, der
Hoffnung auf eine bessere Zukunft und Respekt gegenueber fremden Kulturen. Und
von Freundschaft, Hilfsbereitschaft, der Menschheit als grosse Familie und von
Frieden.
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Ich habe Wayne nur eine Stunde nachdem ich im Park
die Familie beobachtete, kennen gelernt. Als ich mir vor einem Internetcafé die
Sonne ins Gesicht schienen liess, hatte ich Probleme, die Schiebetuer unseres
blauen Vans zu oeffnen. Wie der Zufall es wieder einmal will, ist ausgerechnet
Wayne in diesem Moment an mir vorbeigelaufen und hat gefragt, ob er mir
behilflich sein kann (Corinna und Markus haben eine Minenfuehrung gemacht).
Dadurch bin ich mit ihm ins Gespraech gekommen und habe ihn gefragt, ob er mir
mehr ueber seine Kultur erzaehlen kann. Er hat mir daraufhin angeboten, ihn zu
besuchen.
Wayne ist ein Aboriginal, der gerade plant, in Zukunft Touristenfuehrungen anzubieten, um der westlichen Welt einen Zugang zum Leben der Ureinwohner zu ermoeglichen und ihnen dadurch zu einem besseren Verstaendnis der Kultur zu verhelfen. Er hat dafuer ein "Camp" mit 15 Zimmern, Kueche und Waschraum auf seinen 16qkm (ja, Quadtratkilometer) Landbesitz errichtet und erst kuerzlich eine Lizenz zum Touristenfuehrer erworben.
Zusammen mit Corinna und Markus bin ich am Nachmittag zu ihm gefahren, um ein paar Tage zu bleiben und ihm beim Aufraeumen und Putzen seines Camps zu helfen. Es ist gerade alles extrem spannend und ich fuehle mich wie in einer voellig anderen Welt. Ich haette nicht erwartet, dass ich SO einen Einblick in das Leben der Aboriginals erhalten wuerde direkt nachdem ich kurz darueber nachgedacht habe, wie das Leben der Ureinwohner wohl sein mag.
So langsam hoere
ich auf, an Zufaelle zu glauben ;-) Das ist doch alles verrueckt hier...
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