Nachdem Gemma und ich eine Nacht im Hostel in Coral Bay verbrachten, holten mich Corinna und Markus am kommenden Morgen mit ihrem blauen Van fuer ein gemeinsames Fruehstueck ab. Gemma blieb fuer eine Kanutour im Hostel. Wir fuhren zur Strandpromenade und stellten unsere Stuehle und den Tisch neben dem Van auf, um unser Fruehstueck in der Sonne mit Blick auf das Meer zu geniessen. Ich biss gerade in mein Sandwich, als ploetzlich ein aelterer Mann auftauchte und vor unserem kleinen Campingtisch stehen blieb. "Ahh, you're from Germany!", sagte er und stellte sich vor: "My name is Otto. Nice to meet you!". Wir plauderten eine Weile und erfuhren, dass Otto wie Markus und Corinna urspruenglich aus Dortmund kommt. Er lebt bereits seit 50 Jahren in Australien und hat den Kontinent mit seinem weissen Van schon fuenfmal umrundet. "What are you guys up for today? Enjoying the sunshine?", fragte er und schlug vor, eines der kleinen Paddelboote zu leihen. Corinna und ich warfen uns einen kurzen Blick zu und ich fragte daraufhin Otto, ob er nicht mitkommen wolle. "Yes, we can do that", antwortete er nach kurzem Ueberlegen und machte sich dann mit mir auf den Weg zum Bootsverleih. Wir liehen 2 Glass Bottom Canoes. Ich merkte, dass mich einige Australier verwirrt anstarrten, als ich mit Otto am Strand entlang lief, aber es war mir egal. Ich teilte mir ein Boot mit ihm. "You just sit there and have a look at the fish. Just lean back and enjoy the sun. Let an old man do all the paddling. I've done it before!".
Es war der Beginn einer Bootstour, die ich so schnell nicht wieder vergessen werde.Otto paddelte unser Boot etwa eine Stunde ueber das hellblaue, glasklare Wasser waehrend ich durch den Glasboden, der sich zwischen uns befand, Fische betrachtete und gespannt Otto's Geschichten lauschte. Er erzaehlte von seiner Reise um die Welt, seiner Zeit auf einem Segelschiff und seinen Erfahrungen in Australien. Von Backpackern, die er mitgenommen hatte, lustigen Abenden in Hostels bei Bier und Chips, seinem Haus mit Swimmingpool in Perth, seiner Frau, die sich fuers Reisen zu alt fuehlt und seinem Wunsch, sein Haus in eine Unterkunft fuer Backpacker zu verwandeln. "Young people like you help to keep me young".
Ich war fasziniert und konnte es kaum glauben, dass gerade ein Mann unser Boot vorantrieb, der mehr als dreimal so alt war wie ich. Es haette mein Grossvater sein koennen, mit dem ich gerade ein Boot teilte. Ich wuenschte mir, dass ich spaeter auch noch fit genug sein wuerde, um um die Welt zu reisen und bewunderte ihn fuer seinen Enthusiasmus.
Den restlichen Nachmittag verbrachten wir am Strand. Ich konnte nach mehr als 7 Monaten zum ersten Mal mit meinem Schnorchelset Fische und Korallen betrachten und war mit meinem Kopf halb eingetaucht in das kuehle Wasser voelllig in Gedanken im September 2010. Das Schnorchelset erinnerte mich an meinen ersten Urlaub mit meinem Freund in Spanien. An all die Momente, in denen wir Traenen lachten, weil ich mit dem Schnorchel und der grossen Taucherbrille so lustig aussah und an all die Stunden, die wir in Cala D'Or gemeinsam entlang der Klippen schnorchelten.
Ich vermisse dich. Du fehlst mir.
Voellig gedankenverloren lief ich zurueck an den Strand und setzte mich zu Otto, Corinna und Markus in den weissen Sand, der inzwischen an meinen nassen Fuessen klebte und zwischen den Zehen kitzelte. "Was haltet ihr davon, wenn ich euch heute in meinen Wohnwagen zu mir auf den Campingplatz einlade und etwas Leckeres fuer euch koche?!", schlug Otto vor. Ich war verwundert, dass er ploetzlich Deutsch sprach. Ein deutlicher englischer Akzent hatte sich im Laufe der Jahre mit seiner Muttersprache vermischt und es dauerte eine Weile, bis er die richtigen Worte fand. "Dann trinken wir einen guten Wein und haben eine kleine Party!", fuhr er fort und fuegte "Ich bezahle den Stellplatz, damit ihr noch eine Nacht bleiben koennt" hinzu. In meinem Kopf widersprach das Wort "Party" der Tatsache, dass mir dies soeben von einem 75-Jaehrigen vorgeschlagen wurde. Ich konnte es immer noch nicht glauben, dass Otto tatsaechlich schon so alt und doch so "jung" war. Wir zoegerten eine Weile, weil urspruenglich eine Weiterreise nach Exmouth geplant war. "Ist es nicht unhoeflich, das alles anzunehmen?", schwirrte uns durch den Kopf. Doch wir sahen an Otto's Gesichtsausdruck, wie viel es ihm bedeuten wuerde. Wir sagten zu.
Otto's Van erstrahlte von innen im Kerzenlicht und war in Raeucherstaebchenduft eingehuellt. Es war bis auf die andere Farbe der gleiche Van, in dem wir zur Zeit herumreisten. Otto hatte einen kleinen Tisch in die Mitte der Sofaecke gestellt und bat uns, es uns gemuetllich zu machen. "Kommt herein. Es ist genug Platz fuer alle." Er praesentierte uns daraufhin mehrere Weinsorten und schenkte uns nach kurzer Ueberlegung einen Rotwein ein. Es war unglaublich, was Otto alles in seinen Wohnwagen integriert hatte. Von Solarzellen auf dem Dach, einen Fernseher an der Innenwand ueber ein Gewuerzregal und eine kleine Kuechenzeile besass er alles, was das Herz begehrt. "Geniesst den Abend, denn dieser Abend kommt nur einmal und nicht wieder. Diesen Abend gibt es nur ein einziges Mal und wir muessen unser Leben geniessen", fluesterte Otto und drehte sich laechelnd in Richtung seiner urigen Kuechenzeile, in der er Reis und eine Satay-Sauce fuer uns zubereitet hatte. Dann assen wir gemeinsam und lauschten den Rest der Nacht bei Unmengen von Kaffee, Kakao und Keksen weiteren Geschichten, an denen uns Otto teilhaben liess. Er zeigte uns Fotos und erzaehlte von Franzosen, Kanadiern, Deutschen und Japanern, die mit ihm gereist waren. Zeigte uns sein Gaestebuch, in das sich andere Backpacker auf seiner Reise eingetragen hatten und bat uns an, zu ihm nach Perth zu kommen wo er ein riesigen Haus mit beheiztem Swimmingpool, einen Billiardtisch und seine Bierkrugsammlung hat.
Otto ist ein Mensch, der nach seinem 18. Geburtstag Deutschland verlassen und schon die halbe Welt gesehen hat und noch soviel mehr erleben will. Er ist in 7 Jahren ueber mehrere Kontinente gesegelt und am Ende in Australien gelandet. Er redete ueber seine Zukunftsplaene und all das, was er noch erreichen wollte. Ueber seine geplante Reise nach Thailand, den Kauf eines anderen Wohnwagens und seine Rueckfahrt nach Perth. Er schien ein Mensch zu sein, der bedingungslos gluecklich ist und sein Leben in vollen Zuegen geniesst. Ein Mensch, der laechelnd an die Vergangenheit zurueckdenkt, Bekanntschaften und Freundschaften auf der ganzen Welt hat und sorgenfrei in den Tag hineinlebt.
Nur in einem Moment liess er uns wissen, was ihn bedauerte:
"Das Einzige, was mir fehlt, ist..." Otto machte eine Pause und holte tief Luft "ist natuerlich Jugendlichkeit" sagte er mit waessrigen Augen und ihm war die Traurigkeit ins Gesicht geschrieben. Er sagte, wie gern er noch einmal jung sein wuerde und ermutigte uns, frueh genug die Welt zu erkunden. Wir redeten bis tief in die Nacht.
"Dieser Abend kommt nur einmal".
Am naechsten Tag lud uns Otto zum Fruehstueck ein. "Ich habe noch 4 Pancakes vom Vortag", sagte er und drueckte uns je einen Pfannkuchen in die Hand als wir uns auf seinen Campingstuehlen die Morgensonne ins Gesicht schienen liessen. Daraufhin verschwand er fuer wenige Sekunden in seinem Van. Er kramte ein wenig und kam dann mit 2 Bananen zurueck. "Die sind von meiner eigenen kleinen Plantage in Perth", sagte er. Bei Kaffee und Kakao trugen wir uns in sein Gaestebuch ein und ich erstellte eine Anzeige fuer ihn, die ihm helfen sollte, einen Reisepartner fuer seinen Rueckweg nach Perth zu finden.
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| "Unser" Van und Otto's weisser Van |
Wir hinterliessen unsere Telefonnummern, liessen uns seine Adresse fuer eine Postkarte geben und verliessen gegen 11 Uhr Coral Bay. Es ist traurig mit dem Wissen zu gehen, dass es "diesen Abend" wirklich nur einmal geben wird.
Ich moechte den "Otto-Tag" als Bestandteil meiner Reise nicht missen und weiss jetzt, dass so ziemlich alles bis ins hohe Alter moeglich ist, wenn man es wirklich moechte und alles macht, um seine Traeume wahr werden zu lassen..









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