Sonntag, 15. Mai 2016

Karley

17-24-29-35-37-38-39-40-41. Im Flieger geht im wahrsten Sinne des Wortes die Sonne für mich auf. „Is this your Seat?“, fragt mich eine knallrot angelaufene Frau in sonnengelbem Shirt und tupft sich die Schweißperlen von der Stirn. Sie greift die Kopflehne der vorderen Reihe, stemmt sich angestrengt nach oben und quetscht sich dann durch die Sitze in den Gang.

Ich hab ja schon viel gesehen, aber DAS ist echt krass.

„My Name is Karley and I am from the US“, begrüßt sie mich, als ich leicht neben ihr eingequetscht auf meinem Fensterplatz in unserer Zweiersitzreihe Platz genommen habe. Ich stelle mich kurz vor und muss mir ein Grinsen verkneifen. Wenn ich im Dezember schon Mr Curly Blonde Hair ich bin gesponsert von Oakley Sunglasses und der Best Surfer in the US Ryan kennen gelernt habe, dann könnte das hier das weibliche Pendant zu Peter Griffin aus Family Guy sein. Wir Deutschen tragen ja Socken mit Sandalen, aber meine US-Vorurteile sind scheinbar auch nicht ganz unbegründet, dass es nur extrem oder EXTREM gibt.

„Are you religious?“, fragt mich Karley und fährt sich mit den Fingern durch ihre schulterlangen blonden Haare und blickt mich erwartungsvoll an. Was für eine seltsame Frage, denke ich mir und schüttel den Kopf. „OH…ok“, erwidert sie mit einem Sorry-dein-Lieblingseis-ist-ausverkauft-Blick. Ich verstehe die Bedeutung dieser Frage auch erst, als sie mir von ihrem religiösen Wir-besuchen-Kathedralen-und-katholische-Heiligtümer-Selbstfindungstrip durch Spanien, Frankreich und Portugal erzählt, den sie gerade hinter sich hat. „It´s been wonderful, Julia!“, lächelt sie und versucht nebenbei, ihren Gurt zu verlängern und stellt dann fest, dass es kein „länger“ gibt und zieht dann angestrengt ihren Bauch ein. Rüttel. Rüttel. KLICK. Erleichterung.

Nur noch 10 Stunden bis Dallas.

„Chicken or Pasta?“, fragst uns die sympathische Stewardess in blauer Uniform und drückt uns ein Tablett in die Hand. Karley versucht, ihr Tablett auszuklappen. Ich blicke unauffällig zur Seite und bin ein bisschen schockiert-amüsiert, dass die zweite Hälfte des Tabletts plötzlich kurzzeitig irgendwo im Nirgendwo komplett zwischen Karleys Bauch und Brust verschwunden ist. Und dann stellt auch sie schockiert-amüsiert mit einem Na-gut-dann-nicht-Blick fest, dass es wohl besser ist, auf die zweite Tabletthälfte zu verzichten, wenn sie beim Essen noch atmen möchte. Sie parkt ihr weißes Essenstablett auf Tabletthälfte eins und ihrem Schoß. Und dann faltet sie die Hände und betet und segnet mit gesenktem Kopf die Crackerpackung und die Cola, die wir soeben erhalten haben. Ich frage mich, ob sie das auch tut, wenn sie sich abends mit ihrem 10kg Eimer Ben und Jerrys Eiscreme auf dem Schoß und einem Esslöffel in der Hand die Sonntagsausgabe von BIBLE TV reinzieht und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.

2 Cola Light und 3 Kaffees später frage ich mich, warum ich eigentlich 10 Stunden Fliegen aushalte, aber damals in den Vorlesungen immer alle Kommilitonen schon nach 5 Minuten zum Schiffeversenken-Spielen animieren wollte. Warum es mir egal ist, dass ich hier in einer Art Erdmännchenhaltung sitze und meine Arme nicht ablegen kann, weil hier einfach kein Platz ist. Ich blicke auf Karley, die inzwischen zwischen Vordersitz und ihrem Sitz eingeklemmt ist, weil unsere Vordermänner beschlossen haben, ihr Sitze in Schlafposition zu bringen. Und dann lehne ich meinen Kopf gegen die weiße Kunststoffwand und schaue aus dem Fenster in den blauen Himmel.

Ich stelle mir vor, wie ich über die weißen Wattewolken spaziere, meinen Kopf in die Sonne halte und irgendwann einfach auf meiner Lieblingswolke liegen bleibe. Stelle mir vor, wie mir ein angenehmer Luftzug der vorbeifliegenden Flugzeuge die Haare aus dem Gesicht weht. Schließe meine Augen, streife meine Haare aus dem Gesicht und genieße es, wie die warmen Strahlen in mein Gesicht fallen und drehe meinen Kopf noch ein bisschen mehr nach in Richtung Sonne. Und dann stelle ich mir vor, dass ich irgendwann wieder jemanden an meiner Seite habe, der Reisen so liebt wie ich und den ich so sehr liebe wie Reisen. Der spontan genug ist, um mit mir Montags einen Flug für Freitag zu buchen, mit mir ans Meer fährt und diese ganzen bekloppten Momente und Erinnerungen mit mir teilt.

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Irgendwie ist Fliegen etwas anderes. Fliegen macht glücklich.

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