Um 2:18 Uhr weckt uns Mul nach einer windigen Nacht, bei der es sich so angefühlt hat als würde ich in einem Käfig schlafen, an dem permanent jemand ruckelt. Ich schlüpfe ein letztes Mal in meine Wanderschuhe. Dann ziehe ich mir meine Regenjacke als Windschutz an (hab ich eigentlich schon erwähnt, dass das immer noch meine coole Regenjacke in Größe 152 vom Frankreichschüleraustausch damals ist und ich immer zu faul war, mir eine neue zu kaufen und das Ding nur aufgekrempelt tragen kann, weil die Ärmel nur bis zur Hälfte meines Unterarms gehen?!) und darüber meine sexy senfgelbe Jacke.
Stirnlampe an und ab geht’s.
Ich stehe vorm Zelt und starre in den sternenklaren Himmel. Beste Voraussetzung für eine unfassbare Aussicht.
Mit uns klettern noch etwa 50 andere hochmotivierte Bergsteiger den Vulkan hoch. Die Stirnlampen reihen sich wie eine Lichterkette am Hang entlang und wandern in Zeitlupe nach oben. Zeitlupe, weil dieser Boden einfach wie Treibsand ist. Ich fühle mich wie ein Skifahrer, der gerade mit seinen Boots durch den Schnee auf den Weg zur Piste ist. 1 Schritt vorwärts. 10cm einsinken. 30cm zurückrutschen.
Vor mir eine Gruppe Asiaten, die sich mit ihren Wanderstöcken wie eine Giraffenherde durch die Lavarinne schlängelt. Whoopwhoop. Ich überhol euch jetzt mal, ihr Nordic Walking Profis. Hab ich nämlich von Mul gelernt, dass man schneller oben ist, wenn man ein bisschen Gas gibt.
Ich hüpfe durch den Sand, ziehe mich an einer Wurzel hoch und stapfe dann Schritt für Schritt weiter durch die weiche Erde.. Immer wieder lande ich auf allen Vieren wie ein Kind im Schnee.
IST DAS ANSTRENGEND!
Ich ziehe meine Jacken aus und stopfe sie zurück in meinen Rucksack. Langarmshirt reicht. Wenn die Jacken nämlich jetzt nass werden, dann werde ich oben zu einem Eisklotz.
Wenn ich es bis nach oben schaffe, heißt das.
Matt und ich stapfen durch die Lavarinne nach oben. Dieser Scheiß ist wie Pulverschnee. Das hält doch kein Mensch aus, so 3 Stunden zu laufen. Vorher werfe ich mich hier hin und mache einen Vulkanerdschneeengel und bleib‘ hier einfach liegen.
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Zooom. Gerade einmal 40 Minuten unterwegs und meine Stirnlampe hat den Geist aufgegeben. Ich hätte es ahnen sollen, dass sie mir nur so ein billiges Schrotteil leihen, wenn ich schon nichts dafür zahlen muss. Hier ist nämlich eigentlich gar nichts umsonst. Na dann geht es jetzt ohne Lampe weiter und ich muss mir das Desaster wenigstens nicht im Detail anschauen.
Matt scheint mit seiner Taschenlampe auf den Weg, der sich inzwischen zum Glück in etwas festere Erde mit Schotter verwandelt hat. Jetzt sind wir etwa doppelt so schnell wie auf der Skipiste.
Ich starre immer wieder nach oben in die sternenklare Nacht und bin geflasht, als gleich mehrere Sternschnuppen vom Himmel fallen. Ich wünsche mir, dass ich es bis nach oben schaffe. Und dass es oben Kekse gibt. Das hat uns Mul nämlich versprochen!
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Ich versuche, Matt’s Schritte zu kopieren und so ein bisschen mehr Halt zu haben. Je 1,5 Meter links und rechts von uns der Abhang. Also wenn du da runterfälltst, dann war’s das.
Nicht nachdenken, Julia. Mul hat schließlich gestern nur gesagt, dass mal eine Asiatin am 2. Tag von einem Fels gestürzt ist, aber von einem Gipfelunfall war bisher nicht die Rede.
Matt und ich bleiben zwischendurch immer wieder stehen und atmen durch. Kein Mul, der uns jetzt stressen könnte und noch genug Zeit, bis die Sonne aufgeht.
“Take one step after another“, motiviert mich Matt, als der Boden wieder weicher wird und stapft voran. Tok tok tok.
Mamma mia. Ist das diese großartige Expedition, von der alle Pfadfinder träumen, wenn sie im Harz aus 3 Stöckchen ein Lagerfeuer bauen? Ist das hier der Vulkan-Jakobsweg, der dich in ganz neue Sphären bringt?
Mein Elan-Empfang ist aufgebraucht. Kein Tatenvolumen mehr auf diesem Berg.
Ich versinke mit beiden Füßen in der Erde und blicke den Hang hinauf. Kann doch nicht wahr sein. Wir haben vielleicht gerade mal die Hälfte geschafft.
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Jajaja, Julia. Du wolltest die Erfahrung-hier hast du sie! Du musst da jetzt einfach durch…nein….hoch!
Immer wieder bröckeln kleine Steinchen unter meinen Füßen den Hang hinunter. 2/3 sind geschafft. Jetzt nur noch diesen letzten Teil bewältigen, der an einen überdimensionalen Maulwurfshügel erinnert und tatatataa hast du es geschafft. Die Schwangeren würden jetzt von Presswehen sprechen. Augen zu und durch.
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Ganz ehrlich. Ich kann nicht mehr. Wo ist hier der Fahrstuhl? Dieser beschissene Berg hat irgendwie kein Ende. Jeder Schritt, den ich mache, ist nie ein ganzer Schritt, weil ich immer wieder einige Zentimeter nach unten rutsche. Ich stoppe und lasse mich nach vorn fallen. Mensch, Matt. Ich geh kaputt.
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Papa sagt, du bist fit wie ein Turnschuh und wenn Papa das sagt, dann ist das auch so. Zum Glück ist die Definition von „Turnschuh“ variabel. Auch ein billiger, durchlöcherter Baumwollturnschuh mit abgetretener Plastiksohle, der schon einen versehentlichen Waschgang bei 60 °C und ein paar Festivals hinter sich hat, ist ein Turnschuh. Und genau so fühle ich mich gerade. Die letzten Meter nach oben sind der Horror. Es ist windig, kalt und anstrengend.
Ich krame meine Regenjacke aus meiner Tasche und ziehe mir die Kapuze über den Kopf. Matt gibt mir einen seiner Handschuhe, den ich im 3-Minuten-Takt abwechselnd über meine rechte und linke Hand ziehe, damit meine Finger nicht abfrieren.
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Das letzte Stück kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Gibt es hier vielleicht irgendwo eine versteckte Sommerrodelbahn? Könnte ziemlich cool werden. Jetzt so ein kleiner Vulkanausbruch und in einer feuerfesten Schale mit der Lava einfach wieder nach unten schwimmen. DAS wäre was.
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Matt und ich wandern keuchend durch ein paar Felsbrocken und dann erreichen wir den Gipfel. Wir jubeln zusammen mit Mika und Oorna, die auch heute noch das krasse Tempo der letzten Tage gehalten haben und mit 2 Indonesiern zuerst oben angekommen sind.
Ich starre von oben auf den See als sich der Himmel langsam orangerot verfärbt und die Sonne aufgeht.
Es ist einfach der Wahnsinn. Wer hätte gedacht, dass ich nach fast 3 Stunden bergauf pünktlich zum Sonnenaufgang ankommen und sagen würde, dass jeder Schritt es absolut wert war?
Dieser Ausblick ist einfach unbezahlbar. 3.726 Höhenmeter. 12 Kilometer bis zum Gipfel. Ich hab es geschafft! Ein Hoch auf die Dinge im Leben, die sich nicht in Worte fassen lassen.

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