Ich kann es vorwegnehmen: Es war hart. 24 km bergauf und bergab in 3 Tagen. Jeden Tag 7-8 Stunden wandern und klettern. Camping auf einem Vulkan in einem kaputten Zelt ohne Luftmatratze, ohne Dusche, fließendes Wasser und ohne Strom. Ich bin körperlich und psychisch ziemlich an meine Grenzen gekommen, aber am Ende war es eine unfassbare Erfahrung, die mir im wahrsten Sinne des Wortes den Atem geraubt hat.
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26.10.,5:00 Uhr
Ich schnappe mir meinen weinroten Rucksack, den mir meine Mama noch am Tag meiner Abreise mitgebracht hat und mache mich auf den Weg zum Tor des Hostels, wo bereits mein Taxifahrer im Dunkeln auf mich wartet. Ich hüpfe auf den Sitz und wir fahren los. Ich lehne meinen Kopf gegen das Fenster und starre auf die menschenleere Straße. Keine Ahnung, was mich in den nächsten 3 Tagen erwartet. Ich hoffe, dass ich an alle wichtigen Dinge gedacht habe und dass das reicht, was ich gestern Abend in meinen Rucksack gestopft habe. Naja. Lässt sich jetzt ohnehin nicht mehr ändern, falls ich etwas vergessen habe.
5:14 Uhr: Mein Taxifahrer mit dem weiß-blau gestreiften Gewand und der bäckerähnlichen Gebetsmütze hält an einem Gebäude mit weißer Fassade. „Ich geh kurz beten und komm‘ wieder.“ Ich grinse. „Ok.“ Dann hole ich mein graues Nackenkissen aus dem Rucksack, puste es auf und lehne mich zurück. Ich bin Relaxo, das schlafende Pokémon. Fast 1,5 Stunden habe ich noch. ZzzzZZZZZzz
6:45 Uhr
„Warum haben eigentlich hier so eine professionelle Ausrüstung dabei?“, frage ich mich, als ich in Senaru am Hostel ankomme wo unsere Tour starten soll. Ich schaue mich um. Ein Typ mit einem riesigen Trekkingrucksack. Ein Pärchen mit Wanderschuhen und noch ein Pärchen, das sogar einen Schlafsack dabei hat. Ist ja fast so ein bisschen wie damals meine „Ferien auf dem Reiterhof“, bei denen ich der einzige Trottel in bunter Leggings mit Fahrradhelm war während alle anderen ihre Profi-Reitausrüstung anhatten.
6:50 Uhr.
Ich sitze auf dem Boden vor einem riesigen Stapel Wanderschuhe und teste nacheinander alle Schuhe in Größe 40 und 41. Schrott, Schrott, zu klein, kaputt. Mh. Vielleicht diese hellbraunen hier? Ob ich darin 3 Tage laufen kann? Ich ziehe die Schnürsenkel etwas fester und laufe durch den Raum, in dem noch ein paar Klamotten auf einem Regal liegen und 2 Hochbetten ohne Matratzen stehen. Ok. Die nehme ich. Wird schon passen. Besser als Flipflops. Besser als meine Sneakers. Fehlt jetzt nur noch eine Jacke. Ich entscheide mich für eine senfgelbe Jacke mit kariertem Fleece auf der Innenseite. Nicht die Schönste, die ich je gesehen habe, aber Hauptsache warm.Ich glaube, ich hab jetzt alles.
“Ok. Let’s go!“, sagt ein junger Typ in weißem Shirt mit der Aufschrift „MOUNTAIN EXTREME“ und ich verschlinge rasch den letzten Bissen meines Pfannkuchens und kippe noch schnell einen Schluck Lombok Kaffee hinterher.
Und dann klettere ich zusammen mit Luca und Alissa aus Deutschland, Matt aus Kanada und Oorna und Mika aus Finland auf die Ladefläche des schwarzen Jeeps. Neben uns 2 indonesische Männer mit dicken Bambusstangen, an denen an jeder Seite Körbe und aufgerollte Isomatten befestigt sind. „Hat jeder eine Stirnlampe?“, fragt Mountain Extreme und ich sage leise „Oh fuck“ während alle anderen kommentarlos nicken. Ähm. Hallo? Ich brauch‘ noch eine. Upsie. Kann ich eine leihen?
1 Minute später stecke ich eine kleine orangefarbene Plastikstirnlampe in meine Tasche und wir fahren los.
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Ich trage meinen Namen, meine Reisepassnummer und mein Alter in ein kleines Buch mit rosafarbener Hülle ein. Dann nehme ich noch einen großen Schluck Wasser aus meiner Plastikflasche, die mir einer der Männer gegeben hat. Wir betreten durch einen gelben Bogen mit der Aufschrift „Mt. Rinjani“ den Wald. Es kann losgehen. Ich bin gespannt!
Wir stapfen durch den Wald und klettern über den feuchten Waldboden und dicke Wurzeln bergauf. Vorbei an Farn, Gras, Sträuchern und Baumstümpfen. Über uns ein Dach aus Blättern, durch das die Sonne im zarten Nebel auf den Waldboden scheint. Fühlt sich ein bisschen wie im botanischen Garten an.
Nicht einmal 40 Minuten unterwegs und mein Top ist komplett nassgeschwitzt.
Ich hüpfe von einem Hügel auf den nächsten und folge den Füßen von Alissa, die sich vor mir als vorletzte der Gruppe durch den Wald schlängelt. Konzentration, Julia. Nicht auf die Fresse legen und immer schön weiterlaufen.
Unglaublich, mit was für einem Tempo wir gerade unterwegs sind.
Ich wische mir den Schweiß aus dem Gesicht und spüre, wie die Rückwand meines Rucksackes langsam nass wird und sich an mein Top heftet.
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Ok. Wenn unser Guide jetzt die restlichen 3 Tage so ein Tempo vorgibt, dann werde ich bereits heute Nachmittag krepieren. Das ist kein entspanntes Wandern auf dem Vulkan. Das ist bestimmt ein Bootcamp und ich Trottel habe es überlesen, dass es irgendwo im Kleingedruckten mit 2 Sternchen stand, dass das alles hier von Anfang an kein Zuckerschlecken wird. Irgendwann kommt bestimmt endlich die Info: Herzlich willkommen bei The Biggest Loser oder so. Du bist die Auserwählte. Nicht einmal 5% der Gesamtstrecke sind geschafft. Herzlichen Glückwunsch, dass du es bis hierhin geschafft hast.
“Hi! Ihr seid die ersten, die heute an uns vorbeikommen“, sagt eine Frau mit Wanderstöcken, die uns von oben in einer Gruppe entgegenläuft. „Ihr habt das Schlimmste noch vor euch hahaha.“
Ich hole tief Luft. Natürlich sind wir die Ersten. Wir haben ja auch gerade alle anderen Gruppen, die vor uns waren, ganz elegant überholt, weil unser Guide am liebsten diesen Berg hochrennen würde wenn nicht die Natur ein paar natürliche Hindernisse eingebaut hätte.
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10:02 Uhr.
Mein Rucksack klebt jetzt richtig an meinem Rücken fest und ich atme wie eine alte Oma nach dem Treppenaufstieg in den ersten Stock für einen Kontrolltermin in der Hausarztpraxis. Hallohoho. Ist das hier eine Trekkingtour oder sind wir hier beim Detlef D! Soost I MAKE YOU SEXY. COM Bootcamp? Das kann doch nicht wahr sein. Ich hüpfe von einer Waldbodenstufe auf die nächste und ziehe mich an vorstehenden Wurzeln nach oben. Feiner Nebel zieht durch den Wald. Und unser Guide mit dem Ninjastirnband schwebt wie eine Elfe durch das feine Kondenswasser den Berg hinauf.
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Als wir um 10:40 Uhr eine kleine Holzhütte auf einer Wiese erreichen, fühle ich mich bereits wie nach einem 10km-Lauf. Ich setze mich auf einen Holzbalken und trinke einen großen Schluck Wasser. Ich habe keine Ahnung, wie ich den Rest des Tages überleben soll, wenn das so weitergeht.
„LUNCHTIME, GUYYYS“, sagt Mr. Extreme, zündet sich eine Zigarette an, setzt sich zu ein paar anderen indonesischen Männern auf den Waldboden und fügt ein „Wir bleiben hier jetzt ungefähr eine Stunde“ hinzu.
Soso. Lunch um 10:40 Uhr. Vermutlich sollten wir hier erst um halb 12 oder so ankommen.
Ich starre auf den Boden und beobachte, wie unsere 2 Equipment-Träger ein paar Nudeln in einen Blechkochtopf werfen.
So langsam geht es mir wieder ganz ok, aber ich verstehe den Sinn nicht. Erst rennen wir diesen Hügel hoch und dann zündet sich der Typ seelenruhig erstmal eine Zigarette an und wir chillen hier bis alle anderen Gruppen in normalem Tempo nach und nach eintrudeln.
Mr. Extreme drückt mir einen Teller mit Suppe in die Hand.
20 Minuten und einen Kaffee später geht es direkt weiter. Detlef oder auch Mr. Usain Bolt Vulkanversion lässt es nämlich nicht zu, dass irgendjemand vor uns starten könnte. Also rennen wir los und BÄM! geht der Puls wieder auf 180. Detlef würde es Intervalltraining mit genau der richtigen Herzfrequenz nennen. Oder auch: Effektive Fettverbrennung. Direkt zur Höchstform auflaufen und einen angemessenen Vorsprung sichern, falls doch eine andere Gruppe Vollgas gibt. Weiter durch den Wald, über Steine und Wurzeln.
Ich weiß nicht, ob ich das 3 Tage aushalte ohne diesen Typen irgendwann umzuhauen. Was soll denn das? Können wir nicht einfach wie Normalsterbliche diesen Vulkan hochklettern?
Ich atme tief ein und wische mir noch einmal den Schweiß von der Stirn. Nicht aufgeben, Julia. Das wird schon. Irgendwann ist auch Usain Bolt am Ende.
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13:50Uhr
Nächster Stop. Vor lauter Nebel sieht es hier aus wie eine Mischung aus Herr der Ringe und Alice im Wunderland.
Detlef zündet sich eine Zigarette an und setzt sich entspannt auf einen Baumstamm.
Ich hechle wie ein Hund in der Saharasonne und stelle meinen Rucksack auf den Boden. Alles klebt als ob ich gerade samt Kleidung geduscht hätte.
Stille. Blitz. Donner.
Ich hole meine Regenjacke aus der Tasche und ziehe sie über meine Tasche.
Nach 10 Minuten ist es wieder ruhig, Detlef hat seine Raucherpause beendet und das nächste Intervall kann kommen. Ich schiebe ein paar Gräser zur Seite, steige über Äste und Sträucher. Immer den Füßen der anderen hinterher. Nicht zu viel nachdenken, Julia. Du schaffst das schon.
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Ja, das ist wahrscheinlich das Schlimmste, für das ich jemals Geld ausgegeben habe.
Ich ziehe mich an einem Ast eine riesige Wurzel hoch. Ich hätte nicht gedacht, dass schon die ersten Stunden so unfassbar anstrengend werden und mich an meine Grenzen bringen. Wahrscheinlich wäre das auch alles gar nicht so dramatisch, wenn wir einfach ein normales Tempo hätten und nicht wie eine wildgewordene Wildschweinherde auf der Flucht sind.
„What’s your name?“, rufe ich und mein bis Dato als Detlef getaufter Guide dreht sich um. „My name is MUL“, erwidert er und läuft ohne einen weiteren Kommentar direkt weiter.
Yay. Fehlen ja nur noch die 2 Pünktchen auf dem U und ein zweites L und schon würde ich sagen, dass seine Eltern einen äußerst passenden Namen gewählt haben. Ich grinse. Wenigstens etwas Lustiges auf diesem Trip.
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“Ey, Mr. Müll. Lass mich mal ‚n Foto von diese geilen Monsterwurzeln machen“, sage ich und hole mein Handy aus der Tasche. Ist mir egal jetzt. Der Typ kann jetzt auch mal kurz warten. Ich freue mich, dass er mir 30 Sekunden gestatten und bin fasziniert von den Wurzeln, die sich wie überdimensionale Asia Mie-Nudeln über den dunklen Waldboden schlängeln. Klick klick. Sieht das cool aus!
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Die Landschaft hat sich inzwischen von einem mystischen Wald in ein Meer aus Schotter und Steinen verwandelt.
Hechelhechel. Meine Fresse, wo ist denn hier der Fahrstuhl? Ich sollte mal einen dieser LIFTA-Vertreter hier herschicken und ihm zum Umsatz seines Lebens verhelfen. Könnte sich lohnen.
Na vielleicht ist das hier ja alles wie eine Geburt. Alle sagen, dass es gruselig ist und trotzdem will jeder Babys. Und dann sind sie alle schwanger und es gibt kein Zurück mehr. Und irgendwann ist es dann kurz schrecklich und am Ende kommt dieser unfassbare Geburts-Glücksmoment und alle Schmerzen sind vergessen. Hat man mir zumindest schon öfter mal so erzählt. Na vielleicht ist das ja bei diesem Trip auch so. Ich bin gerade in den Übungswehen. Das Schlimmste kommt also noch.
Ich schleppe mich inzwischen die Felsbrocken hoch und bin nach 30 Minuten Klettern völlig am Ende. Die Sonne scheint mir auf den Kopf trocknet meinen Rucksack. Meine braunen Wanderschuhe fühlen sich bei jedem Schritt wie kleine Gewichtsmanschetten an meinen Knöcheln an, die manche Leute beim Sport tragen, um die Intensität zu erhöhen. Ich glaube, gleich explodiert nicht der Vulkan, sondern mein Kopf. „Wie lange noch, Müll?“, frage ich mit Schnappatmung und füge grinsend ein „I hate you“, hinzu. Bestimmt ist er auch einer von diesen Leuten, die normalerweise 20 kg hier hochschleppen und er ist heute mal inkognito als Guide unterwegs und denkt –sich „Ich mach‘ mir heute mal einen Chilligen“ während sich das Ganze hier für mich wie Sterben mit Anlauf anfühlt.
„Nur noch 1 Stunde“ versichert Müll, als unser Equipmentträger gemütlich an uns mit „Don’t you give up na na na“ Justin Bieber Musik an uns vorbeispaziert
Ok. Eine Stunde. Das sind nach seiner Zeit dann vielleicht 30 Minuten. Das schaffe ich irgendwie.
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Wir kommen um 15:30 Uhr –1,5 Stunden eher als geplant- an einem flachen Teil an einem auf etwa 1700m Höhe gelegenen Punkt an. Hier wird unser erstes Basecamp sein. Hier werden wir die erste Nacht in einem Zelt auf diesem Vulkan verbringen. „Wie fühlst du dich,Julia?“, fragt Mul. „Good, but I hate you“, grinse ich und werfe meinen Rucksack auf den steinigen Boden. Mul lächelt zufrieden.
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Was für ein unglaublicher Ausblick. Ja, Müll, ich hasse dich, aber das hier ist ziemlich geil.
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Die untergehende Sonne taucht den Himmel in zartes Flieder und die Wolken ziehen wie rosafarbene Zuckerwatte über den See. Ich atme tief ein und starre abwechselnd in den Himmel und in die Ferne. Vor mir im Wolkenmeer die Umrisse des Mount Rinjani. Am Ende des Abhanges der See. An der anderen Seite eine Ansammlung von in goldenes Licht getauchten Felsbrocken und rechts von mir ein Hügel, auf dem ein weißer Mast und bunte Zelte stehen.
Ich bin ich einfach nur noch glücklich, dass ich das hier erleben darf. Es ist ein bisschen wie Fastfood - nur umgekehrt. Es fühlt sich beim Essen ziemlich geil an und danach kommt doch ein bisschen das schlechte Gefühl.
Das hier ist genau andersherum. Erst das schlechte Gefühl und jetzt einfach nur noch: WOW.























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