Mittwoch, 28. Juli 2021

Sleepy Julia

Mit 11 Stunden Zeitunterschied vs. Dubai komme ich am Samstag in Seattle an. Das muss man sich mal reinziehen: Ich bin morgens geflogen und komme nachmittags an, obwohl mein Flug 17 h nonstop dauert. Also falls nochmal jemand behauptet, dass man nicht in die Vergangenheit reisen kann: Doch, das geht! Genau genommen habe ich am 26.6. nach meinem Frühstück in Dubai direkt mein Abendessen im Flieger genossen, um dann etwa 6 Stunden später im Flieger nochmal am selben Datum zu frühstücken.

Verwirrend? Ja!

Jetlag? Nein!

Ich verrate euch jetzt mal meine geheime Superpower, die total beneidenswert, aber auch extrem nervig sein kann. Sie heißt: Richtig gut schlafen, wann und wo auch immer ich will. Der Vorteil: Manchmal verpasse ich im Flieger sogar den Start und wache dann verwirrt bei der Landung wieder auf.

Früher war das undenkbar, aber seitdem ich ein Jahr durch Australien gereist bin, sind meine Ansprüche an Schlafplätze so tief gesunken wie das Niveau der Sendungen auf RTL II. Man könnte auf einen Haufen Backsteine zeigen und mir sagen: „Hey Julia, dies ist dein Schlafplatz!“ und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ich am nächsten Tag von einer fantastischen, erholsamen Nacht auf dem Backsteinhaufen berichte.

Das ist jetzt kein Scherz, sondern ein Erfahrungswert! In Australien habe ich mehrfach ohne Luftmatratze und ohne Schlafsack auf einem Steinboden und in Lombok bei maximal 10 Grad Außentemperatur mitten auf einem Vulkan gezeltet. Ich durfte mir mehrere Wochen lang einen 1,90 m breiten Bulli mit 2 weiteren Personen teilen und auf den Philippinen bin ich mehrfach trotz Verkehrslärm und rasanter Fahrweise fast schlafend aus dem Tuktuk gefallen. Mariana hat mich nicht umsonst „Sleepy Julia“ getauft.

Dabei schlafe ich gar nicht grundsätzlich so viel, sondern nur, wenn mir langweilig ist oder ich gerade nichts Anspruchsvolles zu tun habe.

Fürs Fliegen ist das absolut genial. Entweder ich schlafe 14 Stunden oder bleibe einfach wach, indem ich mehrere Stunden so richtig verbissen versuche, endlich ein verkacktes Mal bei Mahjong Level 1 zu schaffen. Das Spiel macht mich echt so passiv-aggressiv wie diese Wartehotline-Musik von AOK Bremen, so dass ich nach jedem Fehlversuch noch motivierter bin, es beim nächsten Mal endlich zu schaffen. Da ich es eigentlich nie schaffe, bleibe ich wach (wenn ich wachbleiben will). Auf dieser Reise habe ich schon ungefähr 80 Mahjong-Fehlversuche für das Einsteiger-Level und meine Sitznachbarn müssen denken, dass ich geistesgestört bin.

In manchen Situationen nervt es trotzdem, dass meine Superpower „Einschlafen“ ist.

1. Wenn du einen Film oder eine Serie schauen möchtest, dann bin ich so ziemlich die schlimmste Gesellschaft, die du dir vorstellen kannst. Variante A: Ich quatsche dich immer wieder von der Seite an und frage, worum es denn eigentlich im Film geht, weil ich in Gedanken schlafe und mich nicht mehr an die Szene davor erinnere. Variante B: Ich schlafe einfach direkt ein.

Ganz wichtig: Erst tue ich so, als würde ich dieses Mal alles geben, um wach zu bleiben und zack sind die Augen zu. Ganz so wie Krankenhaus-Patienten vor der Gabe des Narkosemittels.

Somit kann ich die Filme, an die ich mich vollständig erinnere, an einem Boxhandschuh abzählen. Nicht einmal von Klassikern wie Titanic könnte ich die Geschehnisse chronologisch wiedergeben, sondern erinnere mich nur bruchstückhaft an einzelne Szenen. Also wenn ihr mich nach meiner ganz persönlichen Filmrezension fragt: Ich glaub, bei Titanic ist ein Schiff gegen so einen Eisberg gefahren und gesunken. Das wars. Blubb blubb.

Achja. Was mir gerade doch noch einfällt: Es  gibt da noch diese romantische NEEEEEAAAR-FAAAAAAR-WHEREEEEEEVER-YOU-ARE-Szene. Die ist bestimmt auch nicht zu vernachlässigen und im Zweifel könnte ich sie euch vorspielen (inklusive Gesang!). Das wars dann aber auch.

2. Zum Einschlafen höre ich oft „True Crime“-Podcasts über wahre Verbrechen. Zu Beginn denke ich immer „Ohh, voll gruselig“ und hab kurz Angst vor dem Monster unter meinem Bett. Nicht einmal 5 Minuten später bin ich im Land der Träume während der Täter im Podcast gerade einen Ablageort für seine Leiche sucht oder der Kannibale von Rotenburg dem Diplom-Ingenieur Bernd Jürgen Brandes seinen Penis absäbelt

Am nächsten Tag höre ich dieselbe Folge nochmal und das geht dann mindestens 7 Tage in Folge so bis ich alles in 5-10-Minuten-Abschnitten gehört habe.

3. Die besten Orte zum Einschlafen im Urlaub sind Flugzeuge, Tuktuks, Busse und Taxis. Dabei fühle ich mich einfach wie ein Baby in seiner Wiege. In Sri Lanka hat mich tatsächlich mal ein Taxifahrer schlafend durch die ganze Stadt gefahren und damit den Umsatz seines Lebens gemacht. Ich hätte mich gern selbst gesehen und ausgelacht.

 

Auch dieses Mal habe ich mich direkt wie ein Chamäleon der neuen Uhrzeit angepasst und den halben Flug verschlafen.

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