2 Stunden und 20 Minuten vor Abflug
„Respekt! Du bist echt der erste
Taxifahrer, der mich nicht verarscht hat. Du hast einen Orden verdient!“, sage
ich und hüpfe an Terminal 3 gutgelaunt aus dem Taxi. Wer hätte gedacht, dass er
tatsächlich ohne Umwege zum Flughafen und vor allem intuitiv zum richtigen
Terminal fährt? Ich bin entzückt! Das ist mindestens so selten wie eine
funktionierende Eismaschine bei McDonalds. Oder etwa ein Dreifach-Bingo bei
meinem heißgeliebten Bingo-Bären, dessen Nummer ich tatsächlich in weiser
Voraussicht mal mit einem Herz unter „Bingo-Bär“ in meinem Handy abgespeichert
habe. Bis heute! Manches ist schließlich selten, aber kommt trotzdem vor. Und
bei meinem Glück ist so ziemlich alles möglich.
Mein ehrlicher Taxifahrer steigt
aus und setzt mir meinen Backpack auf den Rücken. Die warme Morgenluft weht mir
ins Gesicht und ich laufe durch eine Glastür in die angenehm kühle Wartehalle
des Flughafens. Auf nach Seattle!
1 h 50 min vor Abflug
Ich gucke zu den
Emirates-Schaltern, vor denen sich die Menschen dichtgedrängt aufreihen. Ganz
schön krass so früh am Morgen. Das erinnert mich ja fast ein bisschen an die
Schlange aus Snake, Level 43. Damals auf dem Nokia 3210. Das waren noch Zeiten.
Diese Warteschlange ist echt lang, aber zum Glück sind 6 Schalter geöffnet. Das
dürfte also schnell gehen.
Der Sicherheitsmitarbeiter am
Ende der 4-reihigen Warteschlange drückt mir einen Zettel in die Hand. „Bitte
ausfüllen!“
Ich stelle meinen dunkelblauen,
kleinen Rucksack auf dem Boden ab und gehe mit meinem grünen Rucksack auf dem
Rücken in die Hocke. Fehlt nur noch der Stift und es kann losgehen. Während der
Suche nach einem Kugelschreiber kippe ich samt Rucksack nach hinten und lande wie
Hubert aus dem Meditationszentrum auf dem Hintern. Der Mitarbeiter lacht: „Stell
dich lieber in die Schlange und fülle es dort aus. Dann sparst du Wartezeit!“
Gesagt, getan.
„Hatten oder haben Sie Corona
blabla Symptome…blablablubb…sonst Strafe…Ich versichere, dass…blablubb…und blabla…“
Mit AGB‘s, Reisedokumenten und Corona-Richtlinien ist es eigentlich exakt so wie in Diskussionen mit Schwachmaten: Am Anfang versucht man noch, alles zu verstehen. Irgendwann stimmt man dann einfach zu oder befolgt blind die Anweisungen, um endlich seine Ruhe zu haben. Oder habt ihr euch jemals solche Dokumente vom ersten Buchstaben bis zum letzten Punkt durchgelesen?
Ich jedenfalls nicht.
Datum, Unterschrift, fertig.
1 h 42 min vor Abflug
Mein Gedanke: Sind wir hier im
Heidepark bei der Einweihung von Colossos oder was geht hier ab?
1 h 37 min vor Abflug
Ich habe es erfolgreich von Reihe
4 in Reihe 3 geschafft.
1 h 25 min vor Abflug
Sechs geöffnete Schalter und der Prozess
ist ähnlich zeitintensiv wie die Wohnsitz-Ummeldung in Bremen. Man könnte eigentlich
meinen, dass es schnell geht, aber ich habe mich in den letzten 12 Minuten ungefähr
so wenig bewegt wie die Grenadier Guards vor dem Buckingham-Palace. Mit dem
einzigen Unterschied, dass ich keine flauschige, schwarze Bärenfellmütze oder
eine rot-schwarze Uniform, sondern sexy halterlose, hautfarbene Oma-Kompressionsstrümpfe
unter einer Sportleggings trage. Sieht ja keiner, aber sollte an dieser Stelle
trotzdem mal erwähnt werden.
Ich hab inzwischen so richtig
Bock, auch mal mein Bein zu heben und mit Klapperschuhen auf den Boden zu stampfen
um dann stumpf ohne jegliche Mimik zum Schalter zu patrouillieren und meinen Pass
auf den Scanner zu klatschen.
Wieso dauert das denn so lange?
1 h vor Abflug
Ladies and Gentlemen. Eine Stunde
vor Abflug!!! und Julia steht in Reihe 2. Eigentlich müsste ich jetzt nicht in
dieser Schlange stehen, sondern in der Schlange, die in den Flieger führt.
„Sag mal…fliegst du auch nach
Seattle?!“, frage ich den jungen Mann hinter mir. „Nee, nach Chicago. Abflug um
9:55 Uhr…und bei dir?“
„Ja, auch!“, antworte ich und
gucke auf die Uhr. „Aber ich fliege nach Seattle.“ Es ist fast 9 Uhr.
„Ganz ehrlich: Ich frage mich, ob
ich das schaffe.“ „Du auch?“, fragt er. „Dann sind wir ja schon zu zweit.“
Eine Emirates-Mitarbeiterin steht
wedelnd vor dem Schalter und ruft „Anyone going to Seatttttleeee?“ Die Frau vor
mir sagt „YESSS!“ und schnappt sich ihren Koffer. Ich sage: „Ich auch!“ und
hebe meine Hand. Die Mitarbeiterin löst 2 Sicherheitsbänder und läuft auf uns zu:
„Komm mit!“
Na endlich.
Ich hebe meinen Rucksack auf und will
der Frau vor mir folgen, die sich gerade direkt auf den Weg zu einem freien
Schalter macht. Noch bevor ich überhaupt loslaufen kann, ist die Schnalle des
Sicherheitsbandes wieder eingerastet. „Ich sag gleich Bescheid“, antwortet Frau
Emirates und verschwindet.
55 Minuten vor Abflug
Frau Emirates hat sich aus dem
Staub gemacht. Noch immer 30 Personen vor mir und so langsam habe ich denselben
Puls und Schweißausbrüche wie eine Person, die sich gerade 6 Espressi und 4
Energydrinks in die Birne geknallt hat.
50 Minten vor Abflug
„Seattle now boarding!“, höre ich
Emirates-Mitarbeiter Nr. 1 zu Emirates-Mitarbeiter 2 sagen. Nach dem Motto: Schließt
endlich die Gepäckannahme, das Ding ist eh bald in der Luft. Jesus Maria, das
war’s dann wohl. EK 0229 boardet gerade ohne Julia.
40 Minuten vor Abflug
„Es dauert zu lange wegen Corona
Check“, erklärt mir der Mitarbeiter, den ich gerade angesprochen habe. Ja, merk
ich. Und jetzt?
30 Minuten vor Abflug
„Baggage drop now closing!“, sagt
Emirates-Mitarbeiter Nr. 2 zu Emirates-Mitarbeiter Nr. 1
„Keep it open!“, lenkt
Mitarbeiter 3 ein und führt mich zu einem freien Schalter.
Ist es Wasserstoffperoxid? Ist es
Glück? Keine Ahnung.
Ich werfe meinen Rucksack auf das
Band und lege meinen Pass auf den Tresen. „Hast du eine Powerbank dabei?“,
fragt mich die Mitarbeiterin. „Oh shit“, denke ich und schaue auf das Hinweisschild.
Alle Powerbanks und weitere „Electronic devices“ müssen angegeben und dürfen
ausschließlich im Handgepäck mitgeführt werden. ZONK:
Option A: Lügen und beten. Option
B: Die Wahrheit sagen und beten, dass ich das Ding in meiner Tasche finde.
Ich entscheide mich für Option B.
Julia, mach es wie Brigitte am KIK-Wühltisch
auf der Suche nach ein paar neuen Schlüppis für ihren Bernd. Alles geben.
BOOM CHAKALAKA. Ich ziehe meine
Powerbank mit nur einem Griff aus den Tiefen meiner Tasche als hätte ich gerade
am Greifautomaten auf der Kirmes Pikachu gefangen.
„HIER!“, antworte ich und lege
die Powerbank ab.
20 Minuten vor Abflug
Ich renne die Rolltreppe hoch und
schubse jeden vor mir mit einem „SOOOOOORRY“ aus dem Weg.
18 Minuten vor Abflug
Ich schwinge mich wie Spiderman
unter den Sicherheitsbändern hindurch zur Passkontrolle. Ein paar Bändern lösen
sich und fliegen weg. Klick Klick. SOOOORRY.
Die 5-köpfige Familie lässt mich
vor. Das Pärchen lässt mich vor. Die 3-köpfige Familie lässt mich vor. „THAAAANKKK
YOUUU“, rufe ich und rausche mit meinem Pass an der Schlange vorbei. Die
Mitarbeiterin mit der rosa Maske legt meinen Pass auf den Scanner, bittet mich,
meine Maske kurz abzusetzen und lässt mich weiterrennen.
15 Minuten vor Abflug
„Ohhhhh she is running!“, lacht
der Mitarbeiter am Security-Check und reicht mir eine graue Box. Ich schmeiße
meinen Laptop in die graue Box und freue mich, dass mich der Mann vor mir
vorlässt. THANK YOUUUUU, Misterrrrrrr. „Und lass dich zu Gate B17 fahren. It is veeeeery
far!“.
Das auch noch.
Schmeiß die graue Box zurück auf
den Stapel und dann lauf Julia, lauf! Du bist auf der Flucht vor einem
Serienkiller und das hier ist dein Training. Also Attacke!
Ich hüpfe um ein paar im Weg stehende Leute herum, rausche links an den Leuten auf der Rolltreppe vorbei und renne, was das Zeug hält. Du kriegst mich nicht, du böser Killer.
14 Minuten vor Abflug
Ich erreiche Gate 17. Der Mann
hatte zum Glück ausnahmsweise nicht Recht: Während alle anderen Gates weit
entfernt sind, ist Gate 17 direkt oben links von der Rolltreppe. Heiliger Bimbam.
13 Minuten vor Abflug
30 Sekunden nachdem ich mein
Ticket vorgezeigt habe, schließt das Boarding. Ich betrete durchgeschwitzt den
Flieger und bin erleichtert.
Aus den Lautsprechern der EK 0229
tönt Musik als ich durch den Gang zu meinem Platz laufe. Ist es ein Zufall oder
nicht, dass sie gerade „Time after time“ von Cyndi Lauper spielen?
If you fall, I will catch you,
I'll be waiting
Time after time.
If you're lost, you can look and you will find me
Time after time
Ich hab es tatsächlich geschafft,
ungebremst in den Flieger zu rennen.
Time after time (= Immer wieder).
Nein, danke.
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