Montag, 26. Juli 2021

Time after time

2 Stunden und 20 Minuten vor Abflug

„Respekt! Du bist echt der erste Taxifahrer, der mich nicht verarscht hat. Du hast einen Orden verdient!“, sage ich und hüpfe an Terminal 3 gutgelaunt aus dem Taxi. Wer hätte gedacht, dass er tatsächlich ohne Umwege zum Flughafen und vor allem intuitiv zum richtigen Terminal fährt? Ich bin entzückt! Das ist mindestens so selten wie eine funktionierende Eismaschine bei McDonalds. Oder etwa ein Dreifach-Bingo bei meinem heißgeliebten Bingo-Bären, dessen Nummer ich tatsächlich in weiser Voraussicht mal mit einem Herz unter „Bingo-Bär“ in meinem Handy abgespeichert habe. Bis heute! Manches ist schließlich selten, aber kommt trotzdem vor. Und bei meinem Glück ist so ziemlich alles möglich.

Mein ehrlicher Taxifahrer steigt aus und setzt mir meinen Backpack auf den Rücken. Die warme Morgenluft weht mir ins Gesicht und ich laufe durch eine Glastür in die angenehm kühle Wartehalle des Flughafens. Auf nach Seattle!

 

1 h 50 min vor Abflug

Ich gucke zu den Emirates-Schaltern, vor denen sich die Menschen dichtgedrängt aufreihen. Ganz schön krass so früh am Morgen. Das erinnert mich ja fast ein bisschen an die Schlange aus Snake, Level 43. Damals auf dem Nokia 3210. Das waren noch Zeiten. Diese Warteschlange ist echt lang, aber zum Glück sind 6 Schalter geöffnet. Das dürfte also schnell gehen.

Der Sicherheitsmitarbeiter am Ende der 4-reihigen Warteschlange drückt mir einen Zettel in die Hand. „Bitte ausfüllen!“

Ich stelle meinen dunkelblauen, kleinen Rucksack auf dem Boden ab und gehe mit meinem grünen Rucksack auf dem Rücken in die Hocke. Fehlt nur noch der Stift und es kann losgehen. Während der Suche nach einem Kugelschreiber kippe ich samt Rucksack nach hinten und lande wie Hubert aus dem Meditationszentrum auf dem Hintern. Der Mitarbeiter lacht: „Stell dich lieber in die Schlange und fülle es dort aus. Dann sparst du Wartezeit!“ Gesagt, getan.

„Hatten oder haben Sie Corona blabla Symptome…blablablubb…sonst Strafe…Ich versichere, dass…blablubb…und blabla…“

Mit AGB‘s, Reisedokumenten und Corona-Richtlinien ist es eigentlich exakt so wie in Diskussionen mit Schwachmaten: Am Anfang versucht man noch, alles zu verstehen. Irgendwann stimmt man dann einfach zu oder befolgt blind die Anweisungen, um endlich seine Ruhe zu haben. Oder habt ihr euch jemals solche Dokumente vom ersten Buchstaben bis zum letzten Punkt durchgelesen?

Ich jedenfalls nicht. 

Datum, Unterschrift, fertig.

 

1 h 42 min vor Abflug

Mein Gedanke: Sind wir hier im Heidepark bei der Einweihung von Colossos oder was geht hier ab?


1 h 37 min vor Abflug

Ich habe es erfolgreich von Reihe 4 in Reihe 3 geschafft.

 

1 h 25 min vor Abflug

Sechs geöffnete Schalter und der Prozess ist ähnlich zeitintensiv wie die Wohnsitz-Ummeldung in Bremen. Man könnte eigentlich meinen, dass es schnell geht, aber ich habe mich in den letzten 12 Minuten ungefähr so wenig bewegt wie die Grenadier Guards vor dem Buckingham-Palace. Mit dem einzigen Unterschied, dass ich keine flauschige, schwarze Bärenfellmütze oder eine rot-schwarze Uniform, sondern sexy halterlose, hautfarbene Oma-Kompressionsstrümpfe unter einer Sportleggings trage. Sieht ja keiner, aber sollte an dieser Stelle trotzdem mal erwähnt werden.

Ich hab inzwischen so richtig Bock, auch mal mein Bein zu heben und mit Klapperschuhen auf den Boden zu stampfen um dann stumpf ohne jegliche Mimik zum Schalter zu patrouillieren und meinen Pass auf den Scanner zu klatschen.

Wieso dauert das denn so lange?

 

1 h vor Abflug

Ladies and Gentlemen. Eine Stunde vor Abflug!!! und Julia steht in Reihe 2. Eigentlich müsste ich jetzt nicht in dieser Schlange stehen, sondern in der Schlange, die in den Flieger führt.

„Sag mal…fliegst du auch nach Seattle?!“, frage ich den jungen Mann hinter mir. „Nee, nach Chicago. Abflug um 9:55 Uhr…und bei dir?“

„Ja, auch!“, antworte ich und gucke auf die Uhr. „Aber ich fliege nach Seattle.“ Es ist fast 9 Uhr.

„Ganz ehrlich: Ich frage mich, ob ich das schaffe.“ „Du auch?“, fragt er. „Dann sind wir ja schon zu zweit.“

Eine Emirates-Mitarbeiterin steht wedelnd vor dem Schalter und ruft „Anyone going to Seatttttleeee?“ Die Frau vor mir sagt „YESSS!“ und schnappt sich ihren Koffer. Ich sage: „Ich auch!“ und hebe meine Hand. Die Mitarbeiterin löst 2 Sicherheitsbänder und läuft auf uns zu: „Komm mit!“

Na endlich.

Ich hebe meinen Rucksack auf und will der Frau vor mir folgen, die sich gerade direkt auf den Weg zu einem freien Schalter macht. Noch bevor ich überhaupt loslaufen kann, ist die Schnalle des Sicherheitsbandes wieder eingerastet. „Ich sag gleich Bescheid“, antwortet Frau Emirates und verschwindet.

 

55 Minuten vor Abflug

Frau Emirates hat sich aus dem Staub gemacht. Noch immer 30 Personen vor mir und so langsam habe ich denselben Puls und Schweißausbrüche wie eine Person, die sich gerade 6 Espressi und 4 Energydrinks in die Birne geknallt hat.


50 Minten vor Abflug

„Seattle now boarding!“, höre ich Emirates-Mitarbeiter Nr. 1 zu Emirates-Mitarbeiter 2 sagen. Nach dem Motto: Schließt endlich die Gepäckannahme, das Ding ist eh bald in der Luft. Jesus Maria, das war’s dann wohl. EK 0229 boardet gerade ohne Julia.

 

40 Minuten vor Abflug

„Es dauert zu lange wegen Corona Check“, erklärt mir der Mitarbeiter, den ich gerade angesprochen habe. Ja, merk ich. Und jetzt?

 

30 Minuten vor Abflug

„Baggage drop now closing!“, sagt Emirates-Mitarbeiter Nr. 2 zu Emirates-Mitarbeiter Nr. 1

„Keep it open!“, lenkt Mitarbeiter 3 ein und führt mich zu einem freien Schalter.

Ist es Wasserstoffperoxid? Ist es Glück? Keine Ahnung.

Ich werfe meinen Rucksack auf das Band und lege meinen Pass auf den Tresen. „Hast du eine Powerbank dabei?“, fragt mich die Mitarbeiterin. „Oh shit“, denke ich und schaue auf das Hinweisschild. Alle Powerbanks und weitere „Electronic devices“ müssen angegeben und dürfen ausschließlich im Handgepäck mitgeführt werden. ZONK:

Option A: Lügen und beten. Option B: Die Wahrheit sagen und beten, dass ich das Ding in meiner Tasche finde.

Ich entscheide mich für Option B.  Julia, mach es wie Brigitte am KIK-Wühltisch auf der Suche nach ein paar neuen Schlüppis für ihren Bernd. Alles geben.

BOOM CHAKALAKA. Ich ziehe meine Powerbank mit nur einem Griff aus den Tiefen meiner Tasche als hätte ich gerade am Greifautomaten auf der Kirmes Pikachu gefangen.

„HIER!“, antworte ich und lege die Powerbank ab.

 

20 Minuten vor Abflug

Ich renne die Rolltreppe hoch und schubse jeden vor mir mit einem „SOOOOOORRY“ aus dem Weg.

 

18 Minuten vor Abflug

Ich schwinge mich wie Spiderman unter den Sicherheitsbändern hindurch zur Passkontrolle. Ein paar Bändern lösen sich und fliegen weg. Klick Klick. SOOOORRY.

Die 5-köpfige Familie lässt mich vor. Das Pärchen lässt mich vor. Die 3-köpfige Familie lässt mich vor. „THAAAANKKK YOUUU“, rufe ich und rausche mit meinem Pass an der Schlange vorbei. Die Mitarbeiterin mit der rosa Maske legt meinen Pass auf den Scanner, bittet mich, meine Maske kurz abzusetzen und lässt mich weiterrennen.

 

15 Minuten vor Abflug

„Ohhhhh she is running!“, lacht der Mitarbeiter am Security-Check und reicht mir eine graue Box. Ich schmeiße meinen Laptop in die graue Box und freue mich, dass mich der Mann vor mir vorlässt. THANK YOUUUUU, Misterrrrrrr. „Und lass dich zu Gate B17 fahren. It is veeeeery far!“.

Das auch noch.

Schmeiß die graue Box zurück auf den Stapel und dann lauf Julia, lauf! Du bist auf der Flucht vor einem Serienkiller und das hier ist dein Training. Also Attacke! 

Ich hüpfe um ein paar im Weg stehende Leute herum, rausche links an den Leuten auf der Rolltreppe vorbei und renne, was das Zeug hält. Du kriegst mich nicht, du böser Killer.

 

14 Minuten vor Abflug

Ich erreiche Gate 17. Der Mann hatte zum Glück ausnahmsweise nicht Recht: Während alle anderen Gates weit entfernt sind, ist Gate 17 direkt oben links von der Rolltreppe. Heiliger Bimbam.

 

13 Minuten vor Abflug

30 Sekunden nachdem ich mein Ticket vorgezeigt habe, schließt das Boarding. Ich betrete durchgeschwitzt den Flieger und bin erleichtert.

Aus den Lautsprechern der EK 0229 tönt Musik als ich durch den Gang zu meinem Platz laufe. Ist es ein Zufall oder nicht, dass sie gerade „Time after time“ von Cyndi Lauper spielen?

If you fall, I will catch you, I'll be waiting
Time after time.
If you're lost, you can look and you will find me
Time after time

Ich hab es tatsächlich geschafft, ungebremst in den Flieger zu rennen.

Time after time (= Immer wieder).

Nein, danke.

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