Samstag, 31. Juli 2021

Welcome to Seattle

Ich nehme meinen Backpack vom Band und laufe Richtung Ausgang. Schnell noch den Weg zum Hotel bei Google-Maps eingeben und dann bin ich wieder bereit, mich vom Taxifahrer veraschen zu lassen. „USA-Taxifahrer“ steht noch ohne grünes Häkchen auf meiner „Bitte-verarsch-mich-Bucketlist“. Es wird also Zeit!

Manchmal frage ich mich ernsthaft, was eigentlich alles Teil der internationalen Taxifahrer-Ausbildung ist. Gibt es da vielleicht so ein Taxifahrer-Handbuch namens „Wortwörtlich mehr Geld einfahren: Die Taxifahrer-Bibel“?

Kapitel 14: 86 kreative Ausreden für ein Abkommen von der geplanten Route: Von „Das ist der schnellste Weg“ bis „Google hat nicht immer Recht“

Kapitel 22: Fünf clevere Taximeter-Tricks: Wie Sie durch simulierte Systemausfälle Ihren Umsatz maximieren.

Kapitel 26: Entspannt reich werden: Wie Sie Wartezeiten an Ampeln und Co. exponentiell in die Höhe treiben.

Kapitel 28: „Kiss and ride“: Warum es sich lohnt, Kunden am Flughafen zu bedienen.

Kapitel 35: Von einer Mautstraße zur nächsten: Der lukrative Umweg über einen „Tollway“.

Kapitel 38: We no speak Americano: Vorsätzliche Sprachbarrieren für mehr Cash.

Und zu guter Letzt:

Kapitel 47: Wie Sie sich als Taxifahrer verkaufen, obwohl Sie keiner sind. Das exklusive Bonus-Kapitel für Halter der Führerscheinklasse B aus Indien, Indonesien und Sri Lanka.

„Wie viel kostet es ungefähr bis zum Belltown Inn?“, frage ich meinen Taxifahrer mit dem weißen Gewand und dem hellblauen Turban. Der Mann mit weißem Rauschebart schaut mich verwirrt an. „Keine Ahnung. Das ist immer unterschiedlich.“

Dass jemand seine eigenen Preise nicht kennt, habe ich bisher eigentlich nur in Dubai im Hotel erlebt, aber auch als Taxifahrer kann man sich ja mal kurz unwissend stellen. „Maybe 40 Dollars?“

Uff. Vielleicht doch lieber den Bus nehmen?

„Naja…ok“, antworte ich und steige ein. Google verrät mir, dass es 22 Minuten sind. Wie viel können schon 22 Minuten maximal kosten. 

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„Ey Taxifahrer, du musst rechts abfahren!“, sage ich und schaue genervt auf mein Handy. „Nee, das ist nicht der kürzeste Weg!“, erwidert Mr. Rauschebart.

Welche der 86 Ausreden aus Kapitel 14 ist das? Und gibt es vielleicht auch ein Handbuch für Taxi-Passagiere à la „Gewaltfreier Widerstand: Wie Sie garantiert ohne körperliche Gewalt und Umwege günstig am Zielort ankommen“? Ich vergleiche das ja immer mit dem freien Fall im Freizeitpark: Bist du einmal angeschnallt, hast du ohnehin keine Wahl mehr. Du musste diese Fahrt jetzt mitmachen. Ob du es willst, oder nicht.

„Nee, du musstest abfahren!“, wiederhole ich.

„Oh. Keine Ahnung. Ist erst mein zweiter Tag heute!“ „Dein zweiter Tag?!“, frage ich ungläubig und denke: „Dann schmeiß mal besser dein Navi an!“

„Ja, mein zweiter Tag. Ich hab mein Haus wegen Corona ein Jahr nicht verlassen.“ „Achsooooo!“ "Ich bin jeden Abend sogar im Wohnzimmer spaziert und war gar nicht draußen." 

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„It’s a waste of time and money!“, sagt mein Taxifahrer und schaut empört auf den nicht enden wollenden Zug, der gerade rechts von uns vorbeirauscht. „A waste of my time and your money!“ Ich lache. Mein Money vor allem. Das Taxineter zeigt schon 52 statt der ursprünglich geschätzten 40 Dollar. Was für ein Zufall, dass wir ausgerechnet rechts abbiegen müssen. "Können wir vielleicht ein Preislimit vereinbaren?“ 

Kapitel 14, Ausrede 23: „Naja. Mit dem anderen Weg wäre es sehr langweilig gewesen. Der wäre vll kürzer und schneller, aber du siehst nur Straße und Bäume. Wenigstens hast du jetzt eine schöne Stadtführung durch Seattle von mir bekommen.“ 

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Als Harri mich abholt und wir nach draußen gehen um etwas zu essen, traue ich meinen Augen nicht.

 „Schön“ und „Seattle“ passen ungefähr so gut zusammen wie die ehemalige First Lady und ihr Donald. Auf den Straßen ist die halbe Kundschaft der Betty Ford Klinik versammelt. Besser gesagt: Die potenzielle Kundschaft. Sollte die Entzugsklinik jemals neue Patienten akquirieren wollen, ist Seattle eine gute Wahl: Direkt vor dem Hotel sitzt eine Frau und zündet sich gerade genüsslich ihre Crackpfeife an. In der Nachbarstraße sitzen drei weitere Junkies. Einer davon auf einem Rollator, an dem 20 Rollen Klopapier baumeln, die anderen beiden auf einer Fensterbank. Mitten auf dem Gehweg ein paar heruntergekommene Zelte und weitere Obdachlose, die lethargisch zugedröhnt auf dem Bürgersteig liegen. Marijuanaduft liegt in der Luft, Müll türmt sich in den Gassen. Wen wundert es jetzt noch, dass Kurt Cobain ausgerechnet in Seattle 1994 mit einer Überdosis Heroin und einem Kopfschuss tot in seiner Wohnung gefunden wurde? Mich jedenfalls nicht. Es grenzt aber fast schon an ein Weltwunder, dass ausgerechnet Bill Gates hier geboren wurde und es trotzdem zu etwas gebracht hat. 

Der Weg entlang des Hafens ist ein Catwalk bizarrer Persönlichkeiten. Eine Mischung aus Bad-Taste-Party, Entzugsklinik-Stammkundschaft-Versammlung, Freizeitpark und Flohmarkt. Ich fühle mich wie im falschen Film.

Ein Mann schleudert betrunken eine Wasserflasche in die Luft und redet dabei wirres Zeug, wir begegnen 26 Beth Dittos in Hotpants mit heraushängenden Arschbacken und am Straßenrand sind flohmarktähnlich Tische aufgestellt. Zu kaufen gibt es künstliche, neonfarbene Softdrinks, die im Dunkeln als Straßenbeleuchtung dienen könnten. Durch die Menge fährt ein Touristen-Taxifahrrad mit lautstarkem "Ring of Fire" - Sound, der aus den großen Boxen hallt. 

Die Suche nach einem "ganz normalen" Restaurant verläuft für uns ähnlich erfolgreich wie für Deutschland die EM. Überall Triple-Bacon-Double-Cheese-Burger, Hot Wings in überdimensionierten Eimern, Ice Cream und French Fries. Fastfood in allen Formen und Farben. Bisher erfüllt Seattle erfolgreich alle amerikanischen Vorurteile in puncto Nahrungsaufnahme. Fakt ist: Es gibt hier nix, das halbwegs "gesund" ist und nicht die Fettzellen zum Tanzen bringt. 

Wir entscheiden uns also für einen Burgerladen, in dem man an die „Wall of Fame“ kommt, wenn man 7 Chicken Nuggets in Schärfegrad 7 in unter 7 Minuten isst und auf Wunsch anschließend ein „Recovery Kit“ bestellen kann. Schafft man es nicht, kostet es $7.77. Frei nach dem Motto: Lass dir erst alles wegbrennen und sorge dann mit Milch und einem Eiscreme-Sandwich für schnelle Linderung.

Ich verrate euch was: Unser Chickenburger, den wir gerade bestellt haben, hat Schärfegrad 3. Auch genannt "ALARM 3". Harri guckt mich mit offenem Mund und Tränen in den Augen an. Ich muss lachen. So wird das nix mit der Wall of Fame. 

Welcome to Seattle!

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