26.September 2023. Ende September. Also bald Oktober.
Ich wache auf und mich überkommt das Gefühl, dass ich mir ja eigentlich fest vorgenommen hatte, im Oktober zu verreisen. Keine Ahnung, wohin, aber auf jeden Fall weg. Wir haben jetzt Ende September und der blaue Balken, den ich schon vor Monaten in meinem Outlook-Kalender mit der Beschriftung „Urlaub“ eingefügt habe, kommt immer näher. Delila hat noch vor kurzem gesagt: „Wenn du wieder keinen Urlaub machst, obwohl du es dir vorgenommen hast, dann bescheißt du dich selbst.“ Das Problem: Der blaue Balken kommt näher, ohne dass ich überhaupt eine Idee habe, wohin ich verreisen möchte oder bereits einen Flug gebucht hätte. Trotzdem fühlt er sich für mich an wie eine dieser fiesen Abgabe-Deadlines aus dem Studium, die man auf jeden Fall einhalten muss, weil sonst der Zweitversuch, die Exmatrikulation und vielleicht sogar das Ende der nicht einmal gestarteten beruflichen Karriere droht. Mit anderen Worten: Der Druck ist groß!
Abgabefrist: Oktober. Thema: Bisher undefiniert. Ziel der Ausarbeitung: Unklar. Geschriebene Zeilen: 0. Tage bis zur Abgabe: 4.
Jesus Christus, ich muss dringend etwas buchen! Ok. Jesus hat damit nichts zu tun, aber ich bin gerade sozusagen von den Toten erwacht mit der Erkenntnis, dass ich die mir selbst gesetzte Urlaubs-Abgabefrist verpasse, wenn ich heute nicht in die Buchungstasten haue. Das darf auf keinen Fall passieren.
Die Spanne von „Ich will einen Flug buchen“ und „Ich buche jetzt verdammt nochmal einen Flug Ausrufezeichen AUSRUFEZEICHEN“ ist bei mir ähnlich lang (oder auch kurz?) wie bei den meisten Menschen die Zeitspanne zwischen einem „Mir ist schlecht“ und „Würg“ nach einer wilden Achterbahnfahrt mit drei Schrauben und zwei Loopings.
Also klappe ich kurze Zeit später meinen Laptop auf und fange an, zu googeln. Das Lustige ist, dass man nicht einmal weiß, wonach man überhaupt googeln soll, wenn man sich nicht vorab wenigstens damit beschäftigt hat, wohin man verreisen möchte. Aber nunja. Planlos geht mein Plan los.
Starten wir mal die Suche.
Bali? Irgendwie recht teuer im Oktober und eigentlich war ich dort ja auch schon zwei Mal. Trotzdem liebe ich den Bali-Vibe irgendwie. Ich könnte mich nach meiner spirituellen Transformation irgendwo im Schneidersitz segnen lassen, bei Räucherstäbchenduft eine Runde meditieren oder mir eine Healing Massage bei Ketut gönnen. Aber 1.000 € für einen Flug ausgeben? Nee. Leider nein, leider gar nicht.
Also next.
„Was ist eigentlich mit Vietnam?“, frage ich mich und haue „Hanoi“ in die Suchfunktion. Ich muss zugeben, dass ich vorab erstmal googlen musste, wie denn überhaupt der Vietnam-Flughafen heißt.
Anschließend springe ich gedanklich rüber zu Mauritius, dann nach Bangkok, nach Nepal, nach Bombay und nach Delhi. Dann nach Spanien, Singapur und Abu Dhabi. Wenn Skyscanner ein Mitarbeiter wäre, würde er mich spätestens jetzt fragen, ob bei mir der Helm brennt und ich mich nicht wenigstens mal für einen Kontinent entscheiden könnte bevor ich die nächste Suche starte.
Oder wenigstens für ein Thema, wenn ich meine Ausarbeitung bis Oktober rechtzeitig abgeben möchte.
Nach ungefähr dreißig Minuten komme ich zu der Erkenntnis, dass ich nicht nur meinem imaginären Skyscanner-Mitarbeiter, sondern auch mir selbst mit meiner Planlosigkeit gerade zu sehr auf den Sack gehe und es keinen Sinn ergibt, weiter nach etwas zu suchen, wo aktuell noch undefiniert ist, was „etwas“ denn überhaupt ist. Gleichzeitig bin ich so wuselig, dass ich meine Suche jetzt auch nicht einfach beenden und mich meiner Arbeit widmen kann.
Ich beschließe, mir beim Asialaden um die Ecke meine Füße verschönern zu lassen und mir eine Pediküre zu gönnen. Das ergibt jetzt von außen betrachtet wahrscheinlich mal wieder überhaupt keinen Sinn, aber manchmal sind meine Gedankensprünge genauso wenig rational zu erklären wie die Anzahl und Auswahl an Brötchen, die Bäckerei Bruns in Stapelmoor am Wochenende in seiner Auslage präsentiert. Für alle, die Bäckerei Bruns nicht kennen: Manchmal gibt’s um 7.30 Uhr morgens keine Brötchen mehr und man fragt sich: What the fuck? So ähnlich passiert das gerade in meinem Kopf.
Ich ziehe mir meine lila Latschen an, schnappe mir den Haustürschlüssel und hüpfe aus der Tür. Weil ich seit Februar durch einen Spontanumzug (ja Mama, ihr liebt es, wenn ich umziehe) in Hamburg gelandet bin und jetzt in Altona wohne, ist der Weg zu sexy Füßen gerade einmal 3 Minuten Gehzeit entfernt.
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„Nicht der Mann“, sage ich und lächle die Asiatin an, die
gerade einer blondhaarigen Frau den Zeigefinger feilt. „Pediküre und Shellac. Gerne
bei ihr“, füge ich hinzu. Ich ernte einen verwirrten Blick und merke, dass es
offenbar gerade eine kleine Sprachbarriere gibt. „Frau ok, Mann nicht“,
wiederhole ich und zeige auf die andere Asiatin, die gerade wahrscheinlich an
ihrem Handy Candy Crush spielt und das auch den Rest des Tages tun wird, wenn
ich jetzt nicht explizit darauf bestehe, dass sie sich meinen Füßen widmet.
Ohne Witz. Ich habe sie wirklich noch nie arbeiten sehen seitdem ich dieses
Nagelstudio besuche. Sie sitzt immer an ihrem weißen Nagelmach-Tisch (finde keine andere Bezeichnung dafür) und übt entweder an einer Puppenhand, wie man Gelnägel macht oder starrt auf ihr Handy. Heute könnte allerdings ihre Arbeitspremiere an einem echten Testkunden sein, denn lieber sie als ER. Es darf
auf keinen Fall passieren, dass mir noch einmal dieser Typ die Nägel versaut, aber dazu gleich mehr.
„Mh?“, sieht mich die arbeitende Asiatin fragend an, zückt
ihr Handy und drückt das Telefonhörer-Symbol. „Ähhh. No“, erwidere ich und
frage sie, ob sie vielleicht Englisch spricht. Kopfschütteln. Sie (ich deute
auf Miss Candy Crush): Daumen hoch. Telefon: Daumen runter. Bitte auf keinen
Fall deinen Kollegen anrufen. Sonst Tschüßli-Müsli Ciao Kakao.
Er nix können oder so ähnlich, aber das wäre jetzt zu viel für eine Pantomime-Session und bei Activity bestimmt das Niveau einer „offenen Runde“ mit 6 Punkten, falls man es errät.
Ich will ja nix sagen, aber ER beherrscht seinen Job ungefähr so gut wie ich das Gitarrespielen: Gar nicht. Und ich glaube sogar, dass ihm der Laden gehört, weil er der Einzige ist, der einen Funken Deutsch spricht. Das ist als wenn ich morgen einen Musikladen eröffne und mir den Titel „Gitarrelehrer“ gebe.
Vielleicht fragt ihr euch, woran ich das festmache, aber beim letzten Mal sahen meine Füße NACH der Pediküre ungefähr so aus wie das Vorher-Bild von anderen Studios oder wie das, was in der Bildersuche erscheint, wenn man "Hornhaut" oder "Totalzerstörung der Nädel" googelt. Meine Freundin Laura war etwas geschockt als ich von der Pediküre kam und ihr lachend meine Füße präsentiert habe. Falls ihr diese Anzeigenbilder für die Anti-Hornhaut-Creme in der Apotheken-Umschau kennt: Ungefähr so.
Zusätzlich waren meine Nägel so unfassbar hügelig gefeilt, dass selbst er mir am Ende geraten hat, erstmal eine Pause zu machen und bitte ein paar Monate nicht wieder zu kommen (das war definitiv auch nicht meine Absicht). Kein Scherz. Eine Blattlaus hätte auf meinen Fußnägeln problemlos Skateboard in einer Halfpipe fahren können. Auf Nachfrage meinte er damals sogar, dass er sein soeben kreiertes Ergebnis selbst nicht so geil findet, aber dass es ja vielleicht an der Farbe liegen könnte. Die war nämlich schon etwas alt und angetrocknet, weil offensichtlich keiner außer mir auf Neonpink steht.
Zum Glück bin ich heute bei Frau Candy Crush. Drückt mir die Daumen, dass sich ihre Übungssessions an den Puppenhänden gelohnt haben!
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„581“ sage ich und deute auf das knallige Orange, was rechts von mir auf dem kleinen Regal steht. Meine Füße sind in ein Becken mit blauem Wasser getaucht und ich lehne mich zurück. Blaues Wasser statt blauer Urlaubsbalken. Schöne Hufe statt schöne Reise. Das ist doch auch mal was.
Während Frau Candy Crush dafür sorgt, dass meine Füße heute wieder wie das Versprechen der Anti-Hornhaut-Creme aussehen (sorry, ich hab echt viel Hornhaut), schweift mein Blick durch den Laden. Zwischen UV-Geräten, bunten Nagellack-Fläschchen und Musternägeln mit Farbbeispielen entdecke ich auf dem Tresen ein paar Serengeti-Park-Flyer.
„Sergenti-Park, du hast alles was ich mag. Wilde Tiere, Karussells den ganzen Tag“ singe ich in meinem Kopf vor mich hin halte meinen Fuß unter die UV-Lampe.
„Warum eigentlich nicht Afrika?“, frage ich mich nach einiger Zeit und zücke mein Handy, um noch einmal eine Suchaktion zu starten. „Afrikareise Oktober“, „Wetter Afrika“ und „Nairobi im Oktober“. Anschließend zurück zu Skyscanner und gedanklich schon mal nach Nairobi.
Als meine Nägel – dieses Mal übrigens ohne Wellen – in knalligem Orange erstrahlen, steht die Entscheidung fest: Ich fliege nach Afrika!
Manchmal muss man sich erst die Nägel lackieren lassen, um
zu den wichtigen Entscheidungen des Lebens zu kommen. Denn mit der Entspannung
kommen die besten Erkenntnisse. Es kann kein Zufall sein, dass
ausgerechnet beim Nagelstudio ein Serengeti-Park-Flyer auf mich wartet.
Klick klick. Gebucht. In zwei Wochen geht’s los.
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