Donnerstag, 21. November 2024

Am Ende klappt es eh

17.11.2024


Es ist 15 Uhr. Eigentlich wollte ich ja um 15 Uhr an der Bushaltestelle sein, aber jetzt sitze ich hier auf dem Boden und begutachte leicht genervt meine 3 „Packhaufen“. Ich frage mich, ob ich noch etwas aussortieren kann und realisiere dann, dass ich keine Zeit mehr für kreative Experimente habe. Also alles rein in die Tasche! Ich muss nur dafür sorgen, dass ich während meiner dreiwöchigen Reise mindestens 2 Flaschen Sonnencreme, eine Haarkur und zwei Mal Conditioner aufbrauchen kann. Dieses Mal werde ich nämlich nicht den Fehler begehen, meine Haare bei der nächsten Tauchtour zu schrotten und mir den Rücken bei einer Bootfahrt zu verbrennen. In weiser Voraussicht werde ich jetzt also genau die Produkte mitnehmen, die vor Ort meist nicht so günstig oder zumindest qualitativ nicht mit deutschen Produkten vergleichbar sind. Wahrscheinlich reichen die Haarpflegeprodukte für 6 Monate und meine Schlübbis für 1 Woche. 


Ich denke meine Prioritäten wurden sinnvoll gesetzt. Oben hui, unten pfui.


Allerdings ärgere ich mich heute tatsächlich zum ersten Mal ein bisschen über mich selbst, dass ich mal wieder alles auf den letzten Drücker gepackt habe. Ich musste unbedingt noch einen Fön von Amazon auspacken, meine vor kurzem bestellten 7 Hosen anprobieren und anschließend zwei Pakete zur Post bringen damit ich nicht wieder die Rücksendefrist verpenne. Dann bin ich noch auf die äußerst kluge Idee gekommen, dass schöne Füße in Sandalen ein Must-Have sind und habe mir mit diesem Hornhauthobel nahezu beide Zehen abgesäbelt. Anschließend musste ich dann zweimal meinen Boden wischen, weil ich beim Auftreten Blutspuren hinterlassen habe und konnte auch noch meinen Teppich und meine Treppe einer Grundreinigung unterziehen. Dann habe ich alle Pflanzen in meiner Wohnung auf einen Haufen gestellt, die nochmal gegossen und mich von meinen Hausstaubmilben verabschiedet. Was man halt am Tag der Abreise alles so macht.


Wenn ich so ein Verhalten google, klingt das ganz stark nach ADHS-Symptomen, aber mein Burnout-Coach (ohne dass ich jemals ein Burnout hatte oder gefährdet wäre) sagt, dass ich mein Leben viel zu gut auf die Kette kriege als dass man mir Retalin verordnen müsste. Nennen wir es einfach kreatives Chaos. 


Ich wünschte, ich hätte ein bisschen mehr die Ordnungsgene von Mama geerbt, aber bei der Verteilung des Erbmaterials wurden sie nur für Marieke aufgespart und ich hab das Gen für mysteriöse Gedankensprünge abbekommen. Letztens wollten Harry und ich nämlich ein Sascha Huber YouTube Workout machen und als ich dann 1,5 h später in meinem Sportoutfit mit einer Glühbirne und einem Lampenschirm in der Hand auf einer Leiter stand, ist mir selbst aufgefallen, dass das manchmal etwas wild ist, wenn „nur kurz“ etwas dazwischen kommt.


Aber zurück zum Packen: Am Ende klappt doch eh immer alles! Daher bin ich an solchen Tagen zwar genervt von mir selbst und gehe dann auch anderen richtig schön auf den Sack, aber gleichzeitig bin ich tiefenentspannt, weil ich das tiefe Vertrauen habe, dass sowieso alles klappen wird.


So auch dieses Mal! 

Um 16:19 Uhr komme ich in Hamburg am Flughafen an und habe plötzlich noch alle Zeit der Welt.


——


„Visum machen Sie vor Ort?“, fragt mich die Dame am KLM-Schalter wo ich soeben meinen 15 kg schweren Backpack aufs Band geworfen habe (davon 4 kg Conditioner, Sonnencreme und Co.).


„Yes“, antworte ich.


„Und die Gesundheitsvereinbarung und Zollerklärung haben Sie ausgefüllt?“


Das Fragezeichen steht mir in mein Gesicht geschrieben.


„Das höre ich zum ersten Mal. Ist meine Einreise jetzt gefährdet?“, frage ich und vertraue darauf, dass auch diesbezüglich alles klappen wird.


„Können Sie auch vor Ort machen, aber dauert dann.“


„Easy.“


Wirklich easy, denn noch während ich in der Schlange zur Sicherheitskontrolle stehe, fülle ich den unnötigen Mist kurz online aus. Als ich das Ablageband erreiche, sind beide Formulare eingereicht. Tadaaaa! Geht doch. Ich bin jetzt top vorbereitet und innerhalb von 5 Minuten bis auf das Visum wahrscheinlich auf dem gleichen Stand wie Alman-Anette, die sich schon 2023 gekümmert hat.


Den Rest meiner neu gewonnenen Wartezeit verbringe ich damit, schon mal ein bisschen diesen wilden Tag für euch zu rekonstruieren. Um 18:40 ist es dann soweit: Das Boarding startet.


———-


25 F ist der Fensterplatz in der allerletzten Reihe der KLM-Maschine, die mich nach Amsterdam bringen wird. 


„Das war wieder riiiiiichtig klug von mir“, sage ich zu dem Mann,der mich zu meinen Sitz durchgehen lässt und links von mir am Gang sitzt.


Es wäre sicherlich smart gewesen, möglichst weit vorn zu sitzen.


„Ich mach mich schon mal mental bereit für meine Bestzeit in Amsterdam, wenn ich wieder über den Flughafen renne.“


„Ja. Einige hier haben nur 40 Minuten Umsteigezeit, aber das geht ja noch,wenn man den Schengenraum nicht verlässt“.


„Tu ich aber“, antworte ich und vertraue auch hier darauf, dass wieder einmal alles gut geht und ich in spätestens 1,5 h kreischend und verschwitzt in den nächsten Flieger renne.


„Wohin geht’s denn?“, fragt der Mann.


„Ach,nach Bali. Da gibt’s Direktflüge von Amsterdam?!“


„Ich glauuuube schon“, erwidere ich unsicher und ergänze dann „ähhh keine Ahnung“ auf seine Frage, wie lang denn der Flug dauert. Ich zücke meinen Boardingpass.


„Ähhh ich flieg um 20:40 Uhr und lande um 20:20, aber die sind da ja 7 Stunden voraus.“


Mir fällt dabei auf, dass er spätestens jetzt bemerkt haben müsste, dass ich mal wieder bessssstens vorbereitet bin. 


„Oh wow. Da haben Sie ja noch ein bisschen Flugzeit vor sich.“


„Ja, das ist ganz schön lang“, antworte ich als ob ich jetzt zum ersten Mal selbst gecheckt hätte,dass ich 17 Stunden fliege,denn Fakt ist:  Ich habe soeben zum ersten Mal selbst gecheckt, dass die Flugzeit ganze 17!! Stunden beträgt. Mama hat mich zwar vorab schon mehrfach danach gefragt, aber „lang“ hat ihr genauso wie mir bis heute als Antwort gereicht.


17 Stunden oder besser gesagt 24, wenn wir davon ausgehen, dass ich 24 h später lande und zusätzliche 7 h Zeitverschiebung verloren habe. Ich verbringe also einen ganzen Tag meines Lebens in der Luft. 


Na das kann ja luftig werden.


—-

Als wir in Amsterdam ankommen, habe ich eine SMS empfangen. „Ihr Flug KL0835 nach SIN ist verspaetet. Wir bitten Sie dafür um Entschuldigung! Die voraussichtliche neue Abflugszeit ist 21:15…“


Wieso SIN? Hä? Haben wir etwa doch eine Zwischenlandung? 


So oder so: Das Glück ist mal wieder auf meiner Seite! Ich hab etwas mehr Zeit und am Ende klappt es eh. Sag ich doch.


Da ich von ganz hinten etwas länger zum Aussteigen brauche und der Weg von Gate A zu F recht lang ist, entscheide ich mich trotzdem, am Flughafen zu rennen. Ich frag mich ja immer, wie das denn alte Menschen machen oder Leute, die nicht über den Flughafen rennen können. Bleiben die dann einfach eine Nacht in Amsterdam wegen „zu langsam und Anschlussflug verpasst?“


Aber eins muss ich sagen: Wenn ich so in Highspeed über diese Rollbänder renne, fühle ich mich immer wie Speedy Gonzales. Ich liebe das gleichzeitig auch irgendwie. Jedes Mal, wenn ein Band endet, hüpfe ich ganz elegant auf den Weg als würde ich auf ein Skateboard springen.


Um 21:10 bin ich fast am Gate angekommen. Mir ist ganz schön warm vom Rennen, aber jetzt kann ich die letzten Meter ganz entspannt spazieren. Boarding in 4 Minuten. Juhu, ich hab‘s geschafft.


Jetzt bin ich mir ganz sicher:

Singapur-Bali, ich komme! 

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