Montag, 25. November 2024

Jaga Roni House

Als ich an einem Gebäude ankomme, an dem unscheinbar auf einem Holzschild „Jaga Roni House“ steht, bleibe ich stehen. „Sieht gar nicht wie ein Hotel aus“, denke ich als ich den Bauschutt und einen angeketteten, schwarzen Hund vor der Holztür erblicke. 


„Hello miss!“, begrüßt mich ein oberkörperfreier Mann mit schulterlangen fettig wirkenden schwarzen Haaren, der gerade rechts von der Eingangstür vor einem Metall-Garagentor inmitten von Holzlatten, grün verfärbten Steinskultpturen, schwarzen Kunststoffabdeckplanen, einem Kies-Schotterhaufen und schwarzem Sand auf einer umgedrehten Plastiktonne sitzt und Fliesen zersägt.


Er steht auf und öffnet mir die Tür.


Ich betrete einen Innenhof und schaue mich um. Rechts ist ein Tisch aufgebaut, auf dem etwa 30 gelb-grün-weiß-pinke Wachs-Mandalas (ich hab keine Ahnung, ob es das wirklich ist) liegen. Scheinbar verdienen sie ihr Geld mit der Fertigung hässlicher unnützer Souvenirs, für die es keinen Verwendungszweck außer vielleicht als Deko auf dem Gästeklo gibt. 


Dahinter führt eine Tür in einen Raum, den selbst Familie Flodder persönlich als Messi-Wohnung bezeichnen würde. Ein Sammelsurium aus kaputten Möbeln, Plastikkanistern und Kleidungsstücken, die sich bis zur Decke türmen. Plastiktüten, Flipflops, ein Ventilator, eine bunte Thermoskanne. Plastikschüsseln, Palmenwedel, ein blauer Plastikhocker, dreckiges Geschirr. Edelstahlkochtöpfe auf den ursprünglich weißen Fliesen, Pappkartons und zerrissene Kartonreste. Müll. Dazwischen ein Holztisch, zwei Stühle und eine Sitzbank. Es ist soviel Schrott, dass ich es nicht einmal aufzählen geschweige denn überhaupt identifizieren kann. Der Boden sieht genauso sauber aus wie ein vollgekackter Hühnerstall und irgendwie riecht es auch so als würden sie hier regelmäßig ein paar Gockel köpfen.


Nach Indien schockt mich echt eigentlich fast gar nix mehr. Aber hier denke ich: Selbst ein Obdachloser in den USA kommt in seinem Zelt auf dem Gehweg mit weniger Ramsch aus. 


Sagrotan ist da so zwecklos, dass es nur noch helfen würde, die Bude einmal vollständig abzufackeln und dann ggf. neu zu errichten. Wenn hier irgendwann ein Entrümpelungsdienst oder die Müllabfuhr anrücken würde, wäre der Raum danach vielleicht bis auf den Tisch und die Sitzgelegenheiten komplett leer. Gewöhnt man sich vielleicht irgendwann daran wenn man hier lebt?


Ich gehe weiter und schaue mich im Innenhof um.


Im Innenhof sieht es dagegen fast paradiesisch aus. Also nicht grundsätzlich, aber wenn man dieses Zimmer als Referenz nimmt.


Der Mann führt mich ein paar Treppenstufen nach oben zu zwei Zimmern, vor denen jeweils ein Holztisch und zwei Stühle aufgebaut sind.


„This your room“, sagt der Mann und zeigt auf das linke der beiden Zimmer und verschwindet dann wieder nach draußen um sich seinem Fliesenprojekt zu widmen. 


Am liebsten würde ich ihm sagen: Spar es dir einfach. Selbst Tine Wittler würde hier keinen Renovierungsansatz sehen außer die Bude mit einer Abrissbirne erstmal in eine Baustelle zu zerlegen um dann nochmal komplett neu anzufangen.


„Jasmiiin?“, rufe ich vorsichtig. Mit einem Knarzen öffnet sich die rechte Holztür. Diese dunkle Holztür sieht ja mit ihren aufwendigen Verzierungen tatsächlich echt schön aus und ich bin positiv überrascht, dass das Zimmer von innen sogar recht normal und sauber aussieht. 


„Ich glaube, das war eine Fehlbuchung.“


„Sind ja nur 3 Nächte“, sage ich und muss lachen. Irgendwie ist das auch so eine Art Kompensationsmechanismus. Je absurder eine Situation wird, desto lustiger finde ich sie. Man muss das Leben einfach mit Humor nehmen. Und wenn ich mich nicht regelmäßig in solche Situationen begeben würde, dann könnte ich euch hier nur vom Buffet im 5-Sterne-Hotel berichten. Wäre doch langweilig, oder?


„Ich frag mich echt, woher die ganzen guten Bewertungen kommen?“, sagt Jasmin.


Es ist weder so, dass die Unterkunft sonderlich billig ist; noch haben wir uns bewusst für 0 Sterne entschieden, die ich der Bruchbude geben würde. Sagen wir fairerweise einen Stern für die zentrale Lage.


Die Unterkunft kostet fast 20 € inklusive Frühstück. Mal als Referenz: Für ein Hostel zahlst du vielleicht 6 € pro Nacht und diese Bude hat auf Booking ganze 8,6 von 10 Punkten. Das fällt mit 179 Bewertungen in die Kategorie „fabelhaft“ und es ist daher häufig ausgebucht. Hier mal das Bild von Booking damit ihr nicht denkt, wir wären völlig bescheuert, dass wir uns freiwillig wortwörtlich in so einen Müll einquartieren. Auf einem der Bilder ist sogar der Seifenspender als Zeichen für Hygiene abgebildet!















Schauen wir uns mal die Bewertungen an.


Stefanie aus Deutschland schreibt: sehr freundliche Familie, hilfsbereit, gutes Frühstück, schöner Innenhof, super Lage zum Zentrum, aber ruhig


Sarah aus Österreich sagt: "Sehr, sehr freundliche Besitzer, gutes Frühstück, netter Innenhof, Zimmer sehr sauber und wie auf den Bildern, sehr zentral."


Das Bild ist wahrscheinlich vom Tag der Eröffnung oder so.


Jedenfalls sieht hier nix wie auf den Bildern aus. Das ist als ob du dir ein Bic Mac Werbefoto anschaust und dann am Counter die Reste vom Tablett bekommst. 


Ich quatsche noch ein bisschen mit Jasmin und wir verabreden uns für unser Frühstück am nächsten Tag um 9.


Anschließend lege ich meinen Backpack auf die Holzablage links von der Tür, packe noch ein paar Sachen aus und springe unter die Dusche.


Was für ein Tag!


————-


„You want blekfas?“, fragt uns die kleine Balinesin mit den dunklen Haaren, die im Nacken zu einem Zopf gebunden sind als wir aus dem Zimmer kommen.


„Yes!“


„Bananenpfannkuchen oder Toast und Eier?“, werden wir gefragt. 


Ich habe fast vergessen, dass mich diese ekligen Bananenpfannkuchen echt lange nicht mehr verfolgt haben. Also entscheide ich mich natürlich für Rührei und Toast. 


Als wir 10 Minuten später an unserem Tisch sitzen, schaue ich auf die zweite und nach oben offene Ebene des Hauses. Man erreicht sie über eine kleine Betontreppe. Ich schaue der Frau dabei zu, wie sie ein paar Früchte aus dem Kühlschrank nimmt und rühre dabei in meinem Kaffee herum.


Währenddessen hoppelt ein weißer Albino-Hase auf einem kleinen tiefergelegenen schmalen Streifen vor dem Plateau zwischen Blumentöpfen und Pflanzen umher. Er blickt uns mit seinen roten Augen an und ich frage mich, ob er auf diesem kleinen Betonstreifen gefangen ist. Nach vorne geht’s 3 Meter nach unten ins Erdgeschoss und nach hinten ist er von einer Stufe eingezäunt, die vll für einen Sprung etwas zu hoch ist. Also hoppelt er mehr oder weniger auf der Stelle und knabbert dabei die Wassermelone, die unsere Gastgeberin ihm hingeworfen hat. Seit wann fressen Hasen eigentlich Wassermelone?


Bevor ich eine Antwort auf die Frage finde, läuft die Frau die Treppe herunter und stellt zwei Teller auf dem Tisch ab. Rührei, zwei Scheiben Toast, Butter und die obligatorische Fruchtmarmelade ohne Frucht. 


„Lass uns morgen mal woanders frühstücken“, schlägt Jasmin vor als uns ein Duft in die Nase weht, der eine Kombi aus Bauernhof und Müllhalde ist.


——


Den Rest des Tages verbringen wir in einem wirklich!!! wunderschönen balinesischen Café, in dem gerade ein Hangdrum-Workshop stattfindet.


Abends gönne ich mir dann noch eine Deep Tissue Massage und überlege ein wenig, was ich in den nächsten Tagen unternehmen möchte. 


Das klingt jetzt alles etwas bekloppt, aber ich bin echt glücklich, hier zu sein! 


Die Wärme, die Energie und überall -bis auf im Jaga Roni House- Räucherstäbchenduft und bunte Blumen.


Bali hat einfach so einen ganz besonderen Vibe, der sich nicht in Worte fassen, sondern nur erleben lässt. Falls ich jemals auswandern würde, würde ich mich zwar nicht für Jaga Roni House, aber definitiv für Bali entscheiden. 





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