„Be wild and free“. Ein Satz,den ich jeden Tag lese.
Er steht auf einem Poster, das ich
jeden Tag sehe, wenn ich meine Wohnung in Hamburg betrete. Ich habe es „damals“
von Jasmin übernommen, die vor 2,5 Jahren nach Thailand geflogen und seitdem
nicht wieder zurückgekommen ist. Sie hat ihre Wohnung, ihren Job und bis auf
ein paar Kisten alles aufgegeben, um „wild and free“ zu sein. Seitdem lebt sie
in Thailand, war zwischendurch mal ein bisschen reisen, hat sich im Ausland
ver- und wieder entliebt, verschiedene digitale Jobs ausprobiert und ist
zuletzt auf Koh Phangan gestrandet.
„Guck mal. Ich hab das Poster immer noch“, schreibe ich Jasmin im Mai und sende ihr kurz nach meinem Umzug in meine neue Wohnung ein Foto von ihrem Poster. Wir hatten die ganze Zeit über immer mal wieder zwischendurch in Kontakt und ich habe gespannt ihre Reise verfolgt.
„Ich überlege, im September oder
November nach Asien zu fliegen“, schreibe ich Jasmin. Zu diesem Zeitpunkt
schwanke ich noch zwischen Laos, Kambodscha und Thailand. „Vielleicht komm ich
nach Thailand. Dann können wir uns treffen.“
Irgendwie möchte ich echt gern nochmal nach Thailand und es mir von einer anderen Seite anschauen. Und zwar von spirituellen Seite, die ich bis vor ein paar Jahren noch belächelt habe. Mein altes Ich hat damit nämlich flatterhosentragende Hippies mit fettigen Haaren oder Dreadlocks assoziiert, die von Yogastunde zu Yogastunde pilgern und zuhause ihre Teebeutel mehrfach verwenden. Die mit Greta zum nächsten Klimastreik antreten, sich zum Müllsammeln im Park treffen, veganen Matcha Latte trinken und ihren CO2-Fußabdruck ganzzz genau im Blick haben, wenn sie mal wieder mit dem Lastenfahrrad durch die Stadt radeln.
Mein neues Ich geht selbst zum Ecstatic Dance, Naked Ecstatic Dance (ja, Nackttanz), Eisbaden, zur Kundalini Aktivierung, Breathwork, Kakaozeremonien, Spiri Festivals, zum Mantra- oder Kirtansingen oder zu Lichtreisen, bei denen man sich unter eine Lampe legt und Thetawellen im Hirn aktiviert werden ("Ich geh da nicht mit und provoziere epileptische Anfälle", sagt Harry immer). Trotzdem habe ich mir bis dato immer noch kein Lastenfahrrad oder einen Jutebeutel zugelegt und falls ihr das alles noch nie gehört habt: Genauso ging es mir 2014 auch als ich noch zum Tauchen und Eimersaufen nach Thailand geflogen bin.
Ich hab letztens sogar selbst eine Thetahealing-Ausbildung gemacht und könnte jetzt anbieten, dass wir mal gemeinsam in dein Unterbewusstsein abtauchen und ein paar Glaubenssätze auflösen. Trotzdem werde ich keine Kräuterhexenpraxis eröffnen und Heilsitzungen anbieten oder auf dem nächsten Weihnachtsmarkt so ein geheimnisvolles Zelt aufbauen, in dem man sich von mir die Tarotkarten legen lassen kann.
Also wer sich nach alledem jetzt fragt, wer mir denn so sehr ins Hirn geschissen hat, dass ich „vom traditionellen Alman-Weg abgekommen bin“: Ich weiß es nicht. Fest steht, dass ich zuhause bei einer Tasse zeremoniellem Kakao mit Räucherstäbchen und Salbei rumwedeln und trotzdem eine Woche später auf Malle am Ballermann auf dem Tisch tanzen und mir eine Säule Wodka in die Birne zimmern kann.
Ich lebe jetzt einfach das Beste aus beiden Welten! Heute Mantrasingen, morgen Rockfestival.
Meine Wohnung
sieht -Zitat Sonja- aus wie eine Wellnessoase und Harry fragt mich regelmäßig, auf welche
Mandalas oder Traumfänger er denn ohne Fernseher starren soll. Und das „Be wild and free“-Poster
erinnert mich täglich daran, dass es mal wieder Zeit für eine wilde Reise ist.
Also gesagt, getan.
Jasmin und ich
verabreden uns ganz anders als geplant für Bali („In Thailand war es letztes
Jahr im November so regnerisch“) und ich buche mir im August meinen Flug.
Ich war zwar schon zweimal auf Bali, aber es gibt definitiv auch dort ein paar Sachen, die ich damals noch gar nicht wahrgenommen habe und mir unbedingt anschauen möchte. Nein Mama, ich lasse mir nicht von irgendeinem ominösen Heiler die Dämonen austreiben. Zumindest ist das - bis jetzt! - noch nicht geplant. Ich hab aber schon ein paar Instagram-Reels rund um eine "Rebirthing Massage", Chakrenreinigung und Ecstatic Dance gesichtet.
Wie immer reise ich auch dieses Mal
nach dem Motto „Be wild and free“. Ich habe einen Flug, keine Unterkunft, keine
Pläne, aber zumindest die feste Absicht, Jasmin zu treffen.
Und ich werde euch wieder ein bisschen auf meine Reise mitnehmen, weil Sonja‘s Papa schon sehnsüchtig auf die nächste Staffel „Planlos geht mein Plan los“ wartet und ich dieser Bitte gern nachkommen möchte. Also hallo Papa von Sonja: Ich schreib das für dich! Zumindest kann man dir den Wunsch kaum abschlagen, denn wenn Sonja davon berichtet, wie ihr Papa sehnsüchtig auf meine nächsten Reiseberichte wartet, klingt das immer wie ein Kind, das sich auf den anstehenden Trip ins Disneyland freut.
„Julia, du kannst doch sonst auch einfach von
deinem Alltag berichten“, meinte Sonja letztens. „Einfach so ein regelmäßiges
Update aus deinem Leben oder so ein paar lustige Kurzgeschichten.“
Vielleicht bald.
Erstmal gibt es ein Wiedersehen mit Jasmin auf Bali und den nächsten Reisebericht.
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