Samstag, 23. November 2024

SLEEP

Mein zwölfstündiger Flug nach Singapur war recht unspektakulär. Außer dass ich ziemlich eingequetscht saß, weil meine beiden Sitznachbarn -zwei große Männer- schon von Natur aus breitere Schultern haben. Ich habe mich ein bisschen wie damals gefühlt als ich mit Corinna und Markus zu dritt in einem VW Bulli durch Australien gereist bin und wir darin nachts zu dritt wie die Sardinen in der Büchse lagen. Das waren noch Zeiten! Sarah hat mich kurz vor Abflug gefragt, ob die Männer denn wenigstens nett sind,aber wir haben während des ganzen Fluges kaum Worte gewechselt. Der Typ links neben mir kam auf jeden Fall aus Russland (ich konnte Buchstaben auf seinem Handydisplay erspähen, die ganzzzz stark nach Russisch aussahen) und links daneben saß ein Holländer. Dachte ich zumindest,denn ich konnte mir vorstellen wie ein paar holländische Worte aus seinem Mund kommen. Ich habe die beiden Wodka-Igor und Frikandel-Piet getauft so wie sich das gehört. 


Piet hat mir am Anfang Platz gemacht damit ich zu meinem Fensterplatz komme und mit Igor hatte ich lediglich eine kurze Unterhaltung beim Essen. Nämlich als ich meinen Becher statt in die dafür vorgesehene Tablettmulde einfach so auf dem Tablett abgestellt habe und meine Cola Zero dann ganz elegant kurz vor ihrem Abgang vom Tablett gefangen habe. Sogar mit links! Da hat mich Igor mit großen Augen für meine „good reaction“-Skills gelobt und ich habe kurz gelacht. Im Gegenzug für sein Lob hab ich ihm dann kurz danach noch einen Geheimtipp gegeben wie er den kleinen Käse aus der verschweißten Folie bekommt. Es sah recht gewaltsam aus wie er die Folie gezogen und dann erfolglos versucht hat,sie mit dem Holzmesser zu zerschneiden.  „Hey Igor,das Ding hat so eine Aufreißecke“, hab ich gesagt und auf die eingerissene Ecke an seinem zerstörten Käse getippt.


„Ah. Cool. Danke.“


Wieder zwei Sachen gelernt: „Glücklich ist, wer nicht vergisst, wie ein folierter Käse zu öffnen ist“ und „Ab in die Mulde mit Becher und Dose, ersparst du dir ne nasse Hose.“


Ich sollte im nächsten Leben Flugzeug-Poet werden.


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Nachdem ich mal bei der Toilette war, habe ich festgestellt, dass der Holländer aka Frikandel-Piet gar kein Holländer, sondern ein Ire ist. Ich muss ihn also nochmal für euch und mich umtaufen und habe ihn Ed genannt, denn ich kenne einfach keinen irischen Namen außer Ed Sheeran. Ich habe ihn gefragt, ob sein Ladekabel funktioniert, weil ich nur noch 7 Prozent Akku bei 9h 29 Flugzeit habe. Keine Überraschung, sondern noch so ein Julia-Klassiker. Danach haben wir zu dritt alle Ladekabel rausgeholt und und abwechselnd mit jedem Kabel alle USB-Anschlüsse getestet. Das süße holländische KLM-Personal dachte bestimmt, dass sich der Club der Handysüchtigen heute zur konspirativen Akku-Aufladerunde  in Reihe 59 I bis K verabredet hat. Liebes KLM-Team, es gibt einen Stern Abzug für Strommangel auf diesem ewig langen Flug, aber die kaputten USB-Anschlüsse haben zumindest für einen Hauch Kommunikation gesorgt. 


Ich glaube aber, Ed dachte, dass mein Englischniveau maximal auf Grundschullevel ist, denn er hat mit mir gesprochen als ob ich entweder geistig behindert wäre oder gerade meinen Level A1 Englisch-Grundkurs verkackt hätte. Aber sehr freundlich der Ed.


Sonst ist nichts weiter passiert. Oh. Vielleicht doch. Obwohl ich ja so ein Flugzeug-Murmeltier bin und meist den ganzen Flug schlafe, dachte ich, ich teste mal diese Melatonin-Fruchtgummis aus den USA und beame mich ins Land der Träume. „SLEEP - For a healthy sleep cycle“ steht auf der lila Packung mit Zipverschluss. Mit Melatonin, Theanin und Botanicals. An dieser Stelle: Mama, spar dir das googeln. Das ist alles legal! Man bekommt das Produkt in den USA bei Walmart, 7 Eleven oder in kleinen Shops.


„Ein fantastisches Produkt mit müdemachendem Melanin, beerigen Botanicals und fruchtigem Fruchtgeschmack“, wie meine Kollegin Sonja sagen würde. Sie liebt diese Alliterationen im Inka-Bause-Style und setzt sie ganz gern zur Beschreibung von Produkten ein. Daher habe ich mir das mal abgeschaut damit ihr jetzt vielleicht auch Bock auf SLEEP habt.


Hier kommt also schon mal mein Instagram-Post, falls es das Produkt mal nach Deutschland schafft:


„Macht den Tag zur Nacht - Foodies! Jetzt wird geschlafen!


Wer braucht schon muntermachendes Koffein, wenn er müdemachendes Melatonin haben kann?


Nascht euch in den Schlaf mit den fruchtigen Fruchtgummis von SLEEP. Mit beerigen Botanicals, fruchtigem Fruchtgeschmack und müdemachendem Melanin ist das tolle Traumland nur einen Drops entfernt. 


Erhältlich in der grandiosen Geschmacksrichtung Blackberry Zen!


Perfekt für Flüge, die Arbeit und den nächsten Partyabend, falls ihr lieber im Bett bleiben möchtet!


Entdeckt und ergattert von Julia bei 7 Eleven.“


Sorry, ich bin kurzzeitig etwas abgedriftet. Also zurück zu meinem Erfahrungsbericht und der lila Packung.


Noch 3 Fruchtgummis in der Packung. Genug für eine Dosis, zu wenig für zwei. Also habe ich beschlossen, einfach 3 zu naschen für vielleicht dreimal so erholsamen Schlaf. Außerdem muss ich meine Food-Waste-Bilanz etwas ausgleichen nachdem ich vorhin diesen Antipasti-Karton mit der gefüllten Kirschpaprika, dem Tomatendip und den Silberzwiebeln (mhhh ganz toll für einen Flug) ungeöffnet hab zurückgehen lassen. Also nix verschwenden.


Als mir danach eine Stunde lang schlecht war, hab ich innerlich schon Pläne geschmiedet, wie ich entweder in meine dunkelblaue KLM-Tüte kotze oder über die beiden schlafenden Männer klettern muss, um spontan zur Toilette zu kommen.


Hab ich SLEEP vielleicht überdosiert oder was ist das? Ich will schlafen und nicht kotzen. 


Ich hole die Tüte aus der Tasche. Also die leere Magic Botanical Sleep Drop Tüte und nicht die KLM-Kotztüte. Vielleicht sollte ich die Anweisungen auf der Packung nachträglich nochmal lesen damit ich mir aller Konsequenzen bewusst bin (das ist wieder so wie mit dem Schrankaufbau). Erst handeln, dann denken. 


Egal, Julia. Du hast zum letzten Mal mit vielleicht 10 Jahren aufgrund von Krankheit gekotzt (2 x Alkohol zählt nicht) und heute wird wohl auch nix passieren. Ist ja schließlich 25 Jahre gut gegangen. Also lenke ich mich ab mit einer digitalen Runde Kniffel und versuche, den Computer zu besiegen bis mir nicht mehr schlecht ist und ich einschlafe.


Pünktlich zum „Frühstück“ um 14:30 Uhr Ortszeit werde ich wieder wach. Hat ja gut geklappt mit den Zauber-Fruchtgummis. Die kann ich 1A weiterempfehlen in der richtigen Dosis, falls mal ein längerer Flug ansteht.


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Um etwa 16:30 Uhr verlasse ich in Singapur den Flieger. Alle Weiterreisenden werden direkt in den Warteraum vor dem Gate gebracht. „In 40 Minuten geht’s weiter und es werden noch neue Fluggäste hinzukommen.“


Als ich erneut auf 59K Platznehmen möchte, sitzen in der Reihe schon ein Mann und eine Frau.


„Ihr seid auch deutsch, oder?“, frage ich, denn das habe ich direkt an der Optik und der Antwort auf mein „Hi“ erkannt.


Wir kommen ein wenig ins Gespräch. Iris und Wolfgang haben gerade 4 Tage in Singapur verbracht und sind nun auf dem Weg nach Bali. Sie kommen aus der Nähe von Düsseldorf und haben sich vor 12 Jahren kennengelernt und wirken auf mich immer noch ganz verliebt, wenn Iris sich an ihn rankuschelt und mir mit breitem Grinsen erzählt, dass ihr Wolfgang Marathonläufer ist.


Iris hatte vor einiger Zeit einen schweren gesundheitlichen Vorfall, der sie wachgerüttelt und erkennen lassen hat, dass es ihr niemand dankt, wenn sie sich weiterhin ins Büro schleppt und ihre Träume auf „irgendwann“ verschiebt. Zum Glück ohne gesundheitliche Folgeschäden. „Wir sind ganz fit und mein Wolfgang läuft Marathon.“ Also haben die beiden beschlossen, jetzt möglichst viel von der Welt zu sehen und ihr Leben in vollen Zügen in den Ländern dieser Erde und auf unterschiedlichen Kontinenten zu genießen.


Inspiriert von diesem tollen Gespräch, steige ich nach 2 Stunden Flugzeit ganz beseelt in Bali mit dieser Erkenntnis aus:


„Leb dein Leben.“

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