Sonntag, 24. November 2024

Mit Starbucks-Kaffee auf Taxisuche

Schon als ich aus dem Flieger steige, strömt mir warme Luft ins Gesicht. Ich laufe in eine große Halle, in der gerade ein paar Reisende noch online ihr Visum beantragen. Ich zücke mein Handy, scanne den QR-Code, der auf einem Plakat abgedruckt ist und beantrage mein „Visa on arrival“


Anschließend Visakontrolle, Zoll und Gepäckband. Das ging auf jeden Fall extrem schnell da an der Passkontrolle mit Selbstscannern gearbeitet wird, bei der etwa 20 Reisende gleichzeitig durch die Kontrolle können. Jetzt muss ich nur noch kurz Geld wechseln und dann nach einem Taxi mit fairen Preisen suchen. An Taxis an sich mangelt es hier definitiv nicht, aber an ehrlichen Angeboten.


Ich beschließe, mich für einen Iced Latte in den Starbucks zu setzen damit ich mein Handy kurz aufladen kann. Und natürlich auch, weil ich Kaffee liebe!


Ich nutze die Gelegenheit, den Starbucks-Mitarbeiter zu fragen, was denn so ein Taxi nach Ubud kostet. „Der wirklich wahre ehrliche Preis ohne Scam. Komm hau mal raus!“


„Ach. Keine Ahnung. Lad dir die Grab-App runter!“, erwidert der grinsende Mann mit seiner schwarzen Schirmmütze.


Gesagt, getan. 5 Minuten später ist die App installiert und sie sagt mir: 460.900 Rupien. Das sind etwa 27,50 € für 42 Kilometer. Mehr als ich dachte.


Ich schließe die App und laufe mit meiner soeben gewonnenen Preisreferenz los. Die App ist eigentlich immer recht fair, aber mit ein paar Tricks geht das auf jeden Fall noch günstiger. Denn das Handeln gehört hier einfach dazu und macht auch echt Spaß, wenn man ein bisschen Übung hat. Also schauen wir mal, was möglich ist. 


Bereit, über den Tisch gezogen zu werden und mich trotzdem zu wehren (das übe ich dieses Jahr generell etwas intensiver), wandert mein Blick durch die Eingangshalle des Ngurah Rai Airports in Bali.


Überall stehen hauptsächlich männliche Mitarbeiter mit Taxifahrer-Outfit oder auch Schildern und buhlen um ihren nächsten Fahrgast.


„Taxi, taxi . Cheap, cheap!“


Ich muss grinsen, denn irgendwann fällt mir auf: Mit einem Starbuckskaffee in der Hand nach einem billigen Taxi zu suchen, ist bestimmt nicht die klügste Idee. Die Ausstrahlung ist so „Hey ich hab Geld, aber warte kurz…ach nee doch nicht!“ Fast wie ein Obdachloser, der Geld sammelt und dafür keinen Pappbecher, sondern einen Stanley Cup vor sich aufgebaut hat währenddessen er dann noch auf einer Premium-Heizdecke sitzt.


Ich beschließe, den Kaffee schnell auszutrinken und laufe weiter. 


Der nächste Taxistand, an dem ein Mann in türkisfarbenem Shirt steht und mir zuwinkt als hätte er den ganzen Tag auf mich gewartet, ist meiner. 


„Good price maaam taxi taxi!“, grinst er mich an bevor ich überhaupt nach einem Taxi fragen kann.


Oh wie hab ich dieses „MAAAAM“ und „good price“ vermisst. Das ist bestimmt das Erste von weiteren 7384 Malen, die ich das in den nächsten drei Wochen hören werde.


Na dann mach mal gute Preis, Brudi!


Ich fahre mit meinem Finger über die Spalten einer laminierten Karte mit den Preisen, die mir soeben eine Mitarbeiterin unter die Nase gehalten hat. 650.000 Rupien. Die spinnen ja wohl. Die gleiche Fahrt, die gleiche Straße, ein wahrscheinlich schäbigeres Auto vs. Grab und fast 200.000 extra. Das ist ja wie Red Bull bei Aldi vs. an der Tankstelle.


Leider nein, leider gar nicht. 


„Lass uns doch 300.000 sagen!“, schlage ich vor. Erstmal kurz unterbieten damit wir uns dann irgendwo in der Mitte treffen können. Vertriebsseminar-Anfängerkurs. Klingt nach einem Plan,oder?


„Issss faaar. Veby faaaa“, sagt die Mitarbeiterin am Tresen und schüttelt den Kopf.


„Ubud faaaa ewäi MISSSS!“


Na dann halt nicht. Und tschüss!


Ich drehe mich um mit einem „No thanks“ und einer Bewegung wie von Bruce Darnell um. So wie wenn er auf dem Laufsteg unerwartet die Richtung wechselt. 


Dann laufe ich ein paar Meter auf die nächsten Taxifahrer zu. Die Devise lautet: Ignorieren bis sie traurig sind, dass man gegangen ist. Machen manche Mütter im Supermarkt ja auch mit ihren kleinen Kindern oder manche Menschen im Privat- oder Berufsleben. Über die Methode lässt sich streiten, aber hier ist sie ein Erfolgsgarant.


„Triiiiii fibtyyy“, winkt mich die kleine Balinesin wedelnd zurück.


350.000. Na geht doch! „Unser Fahrer hat zuuuufälligerweise genau jetzt in this moment Feierabend und wohnt auch reeeein zufälligerweise in Ubud. Er kann dich mitnehmen. Ok MISS?“


Was ein Zufall das doch immer ist, dass der Sonderpreis verfügbar ist, wenn du es selbst nicht mehr bist. Mach dich rar, werd zum Star. Gilt auch hier in Bali. Iris hat im Flieger noch gesagt, dass ihr Handeln unangenehm ist. 


Es geht aber gar nicht darum, dass du 2 € sparst. Es geht darum, dass du nicht bei einer Tour der einzige Depp bist, der den vollen Preis gezahlt hat während alle anderen selbst noch bei der Hälfte abgezogen wurden. Wir sind hier ja nicht bei der Wohlfahrt!


Das ist ja sogar günstiger als in der App. 21 € statt 27. Die Wahrheit rund um einen fairen Preis liegt wahrscheinlich bei 15.


„Aber ihr seid echte Taxifahrer und das ist jetzt nicht der Freund von einem Freund von einem Freund,oder?“, frage ich. Ich hab da ja so meine skurrilen Erfahrungen gemacht und ich muss so kurz vor Weihnachten die Nerven meiner Mama schonen. „He seem company…offischell täxi from ehrpod“, ergänzt sie. Ok. Cool. 


Let‘s go.


Ich folge dem Taxifahrer in türkisblauem Shirt und steige in sein schwarzes Auto. Parallel öffne ich Google Maps, um zu überprüfen, ob er auch wirklich den richtigen Weg fährt.


„You häb schildrin än hosbän?“, fragt mich der Fahrer als wir gerade links in eine Seitenstraße einbiegen.


Nee, hab keine Kinder und bin auch nicht verheiratet!


Nicht einmal hier auf Bali spart man sich die Frage, die einem auch in Deutschland jenseits der 30 um die Ohren fliegt. Wobei sie glaube ich hier deutlich weniger übergriffig gemeint ist.


Ich bin irgendwie kein Typ für Haus-Heiraten-Kind, einen Job, in dem ich 40 Jahre von 9 bis 5 arbeite und darauf hoffe, bald in Rente gehen und dann vielleicht mein Leben genießen zu können. Ich lebe lieber jetzt mein Leben und kann bestimmt -wenn ich es dann immer noch möchte- auch in ein paar Jahren noch Kinder bekommen :-) 


Wahrscheinlich werde ich aber in diesem Leben nicht mehr in irgendeinem Tanzsaal namens Peters Fetenstube mit einem Standardtanz meine Hochzeit zelebrieren. Am besten noch mit über 100 Leuten, wo ich die Hälfte aus „Pflichtbewusstsein“ und „Man macht das ja so“ eingeladen habe. Und dann warten wir alle an unseren mit weißen Tischdecken bekleideten Tischen applaudierend darauf, dass das Personal diese absolut langweilige Hochzeitssuppe (die ich und wahrscheinlich auch kein anderer Mensch jemals freiwillig in einem Restaurant als leckere Vorspeise bestellen würde) in verschnörkelten Suppenschalen in den Saal transportiert. Danach läuten wir schlürfend das Dinner des angeblich schönsten Tages meines Lebens ein. Den Rest des Abends schießen wir in einer Fotobox Bilder mit an Zahnstocher geklebten Hüten, Kussmündern und Co., die wir uns auch später noch zum Pur Partymix auf der Tanzfläche vors Gesicht halten. Um Mitternacht gibt es dann noch Torte und vielleicht auch Currywurst damit wir genug Energie haben, um getreu meines Mottos bei dieser Art von Hochzeitsfeier zu „Wahnsinn“ von Wolfgang Petry das Tanzbein zu schwingen.


„So ein Waaaahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle? Hölle, Hölle, Hölle!“


Am nächsten Tag kommen dann am besten noch alle zum Spiegelei-Essen vorbei. Allein bei dieser Vorstellung schreit alles in mir ganz laut „Nein“. Das bin einfach nicht ich (ich wette, dass Mama gerade herzhaft gelacht hat). Das hätte aber sehr viel Potenzial, nicht der schönste, sondern der absolut schlimmste Tag meines Lebens zu werden, wenn ich dann zu meinem Kleid auch noch so eine gelockte Hochsteckfrisur mit 3 Tonnen Haarspray aus Brigittes Haarmonie-Haarsalon tragen muss, die ich seit meiner Geburt kein einziges Mal freiwillig getragen habe. 


Heißt aber nicht, dass es nicht ok ist, wenn jemand genau das für sich möchte! Sollte ich aber mal so eine peppige Hochzeitsfete beim Bingobär gewinnen, werde ich sie dankend verschenken oder gegen eine Hochzeitsreise eintauschen, bei der ich erstmal den Aufenthalt im 5-Sterne-Hotel über eBay verkaufe und das Geld nehme, um einen weiteren Flug zu buchen.


„You only häb 5 years for märry an kids“, fährt er fort. 


„Maybe“, antworte ich und grinse.


„Wie viele Kinder hast du?“


„Ich hab 4. Die sind 22, 21, 18 und 11. Hochzeit ganz früh mit 22!“, sagt er und hält mir stolz ein Bild seiner Familie unter die Nase.


Dann erzählt er mir noch, dass seine Tochter studiert, er jeden Tag 10h Taxi fährt und dass er seine jüngste Tochter am schönsten findet.


—-


Angekommen in einer Straße namens Jl. Sri Wedari, hüpfe ich aus dem Auto und hieve meinen dunkelblauen Rucksack auf die Schultern. 


„Ich bin gleich da“, schreibe ich Jasmin. „Muss jetzt nur noch die Unterkunft finden.“


Ich biege in eine kleine Gasse ein. 


„Die Unterkunft war glaube ich eine Fehlentscheidung, aber ich freu mich auf dich“, antwortet Jasmin. 


„Das macht nix, Jasmin. Sind ja nur ein paar Tage und nix kann schlimmer als Indien sein! Bis gleich!“


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