Bis zu meinem Flug am 17. November sind es noch ein paar Monate.
Also vielleicht erzähle ich euch doch mal eine kleine Alltagsstory.
Ich nutze nämlich in der Zwischenzeit die Gelegenheit, mich wieder auf das Kennenlernen neuer Leute einzustimmen und habe dafür ein paar verrückte Events besucht und mich außerdem vor kurzem bei einer App namens „gemeinsam erleben“ registriert.
Gefühlt bin ich nach meinem Umzug vor fast 2 Jahren von Bremen nach Hamburg irgendwie ja immer noch „neu in Hamburg“.
Zumindest fühle ich mich so wenn ich mal wieder Stadtteile nicht richtig zuordnen kann. Letztens war ich in Pinneberg zum Eisbaden verabredet (auch eine spannende Story,aber dazu später mehr) und unser Gastgeber Marco hat vorab extra darauf hingewiesen, dass es die Dorfstraße in Tangstedt in Hamburg doppelt gibt. „Tangstedt, Kreis Pinneberg wichtig!!!“ hat er in unsere „Naked Eisbaden“-Gruppe geschrieben.
Wie es zu diesem skurrilen Gruppennamen gekommen ist, verrate ich euch vielleicht später.
Nunja, zurück zum Eisbaden und vorab für euch zur Info: Ich wohne seit Anfang Mai in Lurup und der Kreis Pinneberg ist quasi nebenan, denn zwei Parallelstraßen zu meiner Straße beginnt bereits Schleswig-Holstein und darin liegt ja auch der Landkreis Pinneberg.
Am Tag des Eisbadens setze ich mich also nichtsahnend ins Auto, haue die Dorfstraße ins Navi und wundere mich 30 Minuten später, dass das Haus,vor dem ich stehe,ganz anders als auf Marco‘s Bild aussieht und irgendeine spontane Erdplattenverschiebung dazu geführt hat, dass Pinneberg auf einmal nicht mehr nur 10, sondern plötzlich 30 Kilometer entfernt ist. Ich habe das nicht einmal hinterfragt, denn die Strecken in Hamburg sind ja bekanntlich lang. Das fällt außerdem in die typische Julia-Kategorie namens „Erst handeln, später denken“. Zu weiteren Aktivitäten dieser Kategorie gehört auch: Schrank aufbauen und im Nachgang die Anleitung lesen (wenn du dich wunderst, dass plötzlich ein Brett übrig ist,obwohl der Schrank doch eigentlich komplett aussah und du dich vorher noch für deine krass kurze Aufbauzeit und Handwerkerskills gefeiert hast) oder Termine festlegen und erst später den Kalender checken oder Lampen anbringen und danach prüfen ob die Sicherung auch wirklich draußen war. Hätte ich ja sonst beim Anbringen der Lampe bestimmt auch gemerkt.
Daher zu meiner Verteidigung: Ich bin nicht blond oder geografisch eine Niete, ich bin einfach für immer: „Neu in Hamburg“. Zumindest verhalte ich mich einfach wie ein debiler, frisch zugezogener Orientierungsloser, tarne mich mit meinem Bremer-Kennzeichen als Dauergast und hab mich damit denke ich ebenfalls qualifiziert, in einer App namens „Gemeinsam erleben“ noch ein paar neue Leute kennenzulernen und mich damit mental schon mal auf meinen Trip nach Bali vorzubereiten. Beim Reisen lernt man schließlich auch ständig neue Leute kennen und ist auf das Knüpfen sozialer Kontakte angewiesen ist. Klingt doch logisch,oder?!
Die App war jedenfalls schon damals in Wuppertal und Bremen eine gute Wahl, um neue Leute kennenzulernen. Auch in Hamburg habe ich darüber schon eine Truppe gefunden, mit der ich nun regelmäßig in einer Halle voller Sand auch im Herbst Beachvolleyball spielen kann. I love it. Werde ich aber im November und Dezember vorübergehend gehen echten Strand eintauschen.
Ich durchstöbere in der App supergern die anstehenden Aktivitäten und entscheide mich dann trotzdem regelmäßig gegen „Schachnachmittag in Altona“, „Babytreff Hamburg“ oder „Buchclub-Treffen“.
Allerdings graut es mir immer davor, selbst eine Aktivität einzustellen, weil es in der App natürlich auch immer ein paar Kanacken gibt, die einen Aufruf zu einer Aktivität dann als Blind-Date missverstehen. Sie sind dann ganz enttäuscht, wenn man tatsächlich nur eine ruhige Brett- und keine wilde Bettspielparty veranstalten möchte. Zumindest ist mir das in Bremen einmal passiert als ich zum Kaffeetrinken aufgerufen habe und dann drei verwirrte Nerds bei der Bar Celona aufgetaucht sind. Die wollten was „gemeinsam erleben“. Fragt sich nur, was eigentlich.
Dieses Mal bin ich guter Dinge, denn ich suche Leute, die Bock haben, mit Marco und mir einen Escaperoom zu spielen. „Ein Freund und ich haben Gutscheine bei Groupon gekauft und suchen jetzt Mitspieler für zwei Escapegames…nur 18,90€ pro Spiel…also ein echter Schnapper!“, tippe ich voller Vorfreude in das Beschreibungsfeld für meine soeben erstellte Aktivität „Escapegames bei Escapeventure“. Zur Sicherheit ergänze ich aber noch, dass wir nach Mitspielern mit Escaperoom-Erfahrung suchen. „So kann ich zumindest schon mal ein paar hirnlose Deppen aussortieren“, denke ich. Es wird ja wohl kaum jemand erneut einen Raum spielen, der beim ersten Mal schon gnadenlos verkackt hat. Wobei auch ich schon Sachen wiederholt habe, in denen ich gnadenlos verkackt habe. Meine Führerscheinprüfung zum Beispiel (nein, Mama… das belastet mich nicht mehr,aber ich finds witzig!). Hier wird das ganz bestimmt nicht passieren, dass sich komische Leute melden. Amen.
Also gesagt, getan. Meine erste Aktivität ist online! Jetzt heißt es also nur noch abwarten bis sich ein paar megacoole Leute melden, mit denen man in Zukunft hoffentlich nicht nur weitere Escapegames zocken, sondern auch tiefgründige Gespräche führen und ein paar Pferde stehlen kann.
Das kann ja was werden!
Ich lege mein Handy zur Seite und trinke zufrieden einen Schluck von meinem Milchkaffee, den ich zwischenzeitlich auf dem Tisch vor mir abgestellt habe. Juhuuu. Bald gibt’s wieder Escapegames und ich liiiiiiiiiiiebe Escapegames doch mindestens so sehr wie Harry das Propellergeräusch von Helikoptern.
Ein paar Minuten später ploppt schon eine Anfrage von Stefan auf meinem Display auf. „Na das geht ja schnell“, freue ich mich und lese die Benachrichtigung. „Stefan hat Interesse, bei…teilzunehmen“.
Ich klicke auf das profilbildlose Profil: 58 Jahre. Fitnesslevel: In schlechter Form (seine eigene Angabe,denn ich sehe ja kein Bild) und kein Dating.
Kein Dating ist schon mal super.
„Ok,aber warum hat der Typ kein Profilbild“, frage ich mich.
Bevor ich dazu überhaupt Forschungen anstellen kann, blinkt schon mein Posteingang mit einer ungelesenen Nachricht.
„Hallo Julia, du hast dich ja schon auf meinem Profil umgeschaut, scheinst aber noch mit der Aufnahme bei der Escape-Room-Aktivität zu zögern. Falls du gern ein Foto sehen würdest, bin ich hier hinten im Bild: Escape-Room Abenteuer bei Final Escape in Lübeck (Da kannst du auch sehen, dass wir ein gutes Team im Escape Room waren).“
Kleine Anmerkung am Rande: Wie kann man denn an einem Foto sehen,ob das Team gut war?, frage ich mich. Bei Escaperooms macht man doch schließlich immer anschließend ein obligatorisches„WE DID IT“-Foto auch wenn man 23 von 20 möglichen Tipps beansprucht und den Spieleleiter in die Verzweiflung getrieben hat. Auf seinem Foto steht jedenfalls: „We did it! 59 Minuten.“ Wenn man bedenkt, dass die maximale Spielzeit 60 Minuten beträgt, dann weiß ich nicht, ob das so eine valide Indikation für ein gutes Team ist. Egal. Ich lese weiter.
„Da du noch viele Plätze durch die Doppelbuchung besetzen musst, empfehle ich, in der Gruppe "Unternehmungslustige Hamburger" in einem Beitrag auf die Aktivität zu verweisen. Normalerweise sind dort Escape-Rooms sehr schnell besetzt. Es erscheint mir dabei aber sinnvoll, für die Einzelanmeldung für Artefacts keinerlei Erfahrungen zu fordern, da dieser vom Anbieter doch explizit als für Einsteiger geeignet ausgewiesen wird. VG Stefan“
Alles klar. Das klingt doch ganz solide. Du kannst mitmachen, Stefan.
Und doch wundert es mich, warum er so wahnsinnig bemüht ist, meine Aktivität zu füllen. Vielleicht bin ich es auch einfach nicht gewohnt, dass sich sogar Fremde mehr um die Planung meiner Aktivitäten kümmern als ich selbst.
„Hallo Stefan. Du kannst gern dabei sein!“
—-
Ich sitze auf der schwarzen Bank vor dem Eingang zu unserem Raum namens Doc Eisenbarth. Marco und Dennis,den ich vom Volleyball kenne, sind schon da. Fehlt also nur noch Stefan. Na da bin ich ja mal gespannt.
„Ding-Dong“, tönt die Klingel und die Mitarbeiterin öffnet die Tür.
Hinein tritt ein Typ mit Schnurrbart, Halbglatze und beigem Mantel, der selbst wie der wilde Professor Doc Eisenbarth aussieht, um den sich gleich unser Escaperoom drehen wird.
„Hallo ich bin Stefan“, nuschelt der etwas verwirrt wirkende Mann und streift seinen beigen Mantel ab. Darunter kommt ein kariertes Hemd zum Vorschein, das das perfekte Outfit für die Almhütte auf dem Bremer Freimarkt sein könnte. Danach redet er noch ein paar schwer verständliche Sätze und ich weise ihn darauf hin, dass seine Schnürsenkel offen sind.
Zum Glück kann man Gedanken nicht hören, aber ich habe keine Ahnung, aus welcher Anstalt der Typ gerade geflohen ist. Dass wir gleich zusammen im Doc Eisenbarth Escaperoom angekettet werden, gibt mir ganzzz komische Vibes.
„Wie kann das sein?“, frage ich mich, denn seine Nachrichten klangen doch ganz wortgewandt. Und dann fällt mir ein, dass das auch der nächste Chat-GPT-Profinutzer sein könnte. Dazu auch eine kleine Story am Rand: Ich habe dieses Jahr zum ersten Mal einen Mitarbeiter fest eingestellt und erst nach 2! Wochen gerallt, dass er alle Nachrichten mit Chat GPT schreibt und eigentlich Legastheniker ist. Vielleicht sollte man sich mit Rechtschreibschwäche nicht auf einen Marketingjob bewerben. Ich meld mich ja schließlich auch nicht zum Stabhochsprungtraining an, wenn ich nur ein Bein hab.
Und ich meld mich auch nicht zum Escaperoom an, wenn meine Synapsen nicht richtig vernetzt sind.
Fakt ist: Wenn du mit Stefan einen Escaperoom spielst, trägt er genauso sehr zum Lösen der Rätsel bei wie es mein hervorragender Orientierungssinn beim Geocaching tun würde.
Er hat sich jedenfalls erfolgreich in die Liste skurriler Persönlichkeiten eingereiht und mich fürs nächste Level im Kontakteknüpfen freigeschaltet.
Jetzt bin ich gespannt, was für wilde Begegnungen in Bali auf mich warten.
P.S.: Jasmin kenne ich übrigens auch aus einer Facebook-Gruppe.
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