Freitag, 6. Dezember 2024

Auf Handyjagd

Und dann beginnt unsere wilde Handyjagd…




Ich fühle mich ein bisschen wie in einem Live Exit-Game und stelle mir vor, dass Pam und ich gerade einen unbekannten Raum betreten haben, dessen Rätsel wir innerhalb der nächsten 60 Minuten lösen müssen. In meinen Gedanken spricht unser Spieleleiter folgendes Intro:


„Liebe Spieler, herzlich willkommen auf Gili Air. Ihr befindet euch in der Nebensaison auf einer verlassenen Insel und euer Handy wurde entwendet nachdem ihr es in einem kleinen Shop vergessen habt. Bitte bringt das Handy innerhalb der nächsten 60 Minuten zurück und findet heraus, wer es gestohlen hat.“


——


„Lass uns nochmal zurückgehen“, schlage ich Pam vor. „Und dann rufe ich dich an und wir gucken, ob es im Shop klingelt.“


„Ich war ja gerade da und sie meinten, sie haben es nicht“, erwidert Pam.


„Mhhh. Lass uns nochmal dein Zimmer durchsuchen. Vielleicht hast du es doch irgendwo unbemerkt abgelegt?“


Pam und ich drehen erfolglos ihr komplettes Zimmer auf links. „Es ist hier nicht, Dschulia. Es ist weg. 2000 Dollar einfach futsch.“


„Wir finden es wieder“, beruhige ich Pam und versuche währenddessen, sie anzurufen. „Das Handy ist auf jeden Fall noch an.“


Ich bin zwar kein iPhone-Experte, aber ich weiß, dass es eine Funktion gibt, die man nutzen kann, wenn man sein Handy verloren hat.


„Geh mal auf „find my iPhone“ und schau nach, ob es dort angezeigt wird!“, schlage ich vor.


Pam holt ihr iPad raus und wir googeln zunächst ein wenig wie man das iPhone tracken kann. Dann geht Pam auf die entsprechende Seite und tatsächlich blinkt dort ein Punkt stellvertretend für ihr Handy auf.


Ich zoome ein bisschen ran und versuche, die Straße zuzuordnen.


„Es ist wirklich nicht mehr beim Shop“, stelle ich fest. 


„Oh shit. Jemand hat es gestohlen! Der Punkt ist ganz in der Nähe von der Moschee!“


„Und jetzt ist die Person in der Moschee und bittet um Vergebung oder was geht hier ab?“, witzelt Pam.


„Maybe!“, sage ich und muss ein bisschen lachen. Ich bin mir nämlich jetzt SO sicher, dass wir nur noch zur Moschee spazieren und es dort irgendeinem Deppen aus der Hand reißen müssen. Vielleicht kniet er ja gerade noch auf dem Gebetsteppich.


„Wir finden es auf jeden Fall wieder!“, sage ich zu Pam. „Es ist ja aktuell noch an und der Dieb hat es noch nicht ausgeschaltet. Das ist schon mal gut.“


„Welcher Vollidiot nimmt den einfach mein Handy mit?!“ Pam schüttelt den Kopf.


Dann überlegen wir kurz, was wir jetzt tun können. 


„Wir laufen einfach zur Moschee und lassen das Handy klingeln, aber wird brauchen auf jeden Fall irgendeinen Einheimischen, der mit uns kommt“, schlage ich vor. „Lass uns mal den Typen fragen, bei dem ich vorgestern das Ticket für das Schnorcheln gekauft hab. Der wirkte echt sympathisch und wird uns bestimmt helfen.“


„Gute Idee!“, stimmt mir Pam zu.


„Jetzt haben wir einen Plan!“


Wir nehmen das iPad mit und laufen los. Allerdings können wir nicht so richtig zuordnen, wo genau das Handy eigentlich angezeigt wird. Es ist zwar ganz in der Nähe der Moschee, aber scheinbar doch in einer der Wohnungen.


——


„Wir brauchen deine Hilfe!“, erklärt Pam als wir nur 2 Minuten später den Ticketverkäufer an seinem kleinen Stand erreichen. 


„Ich habe mein Handy verloren und es wird hier in der Straße bei der Moschee angezeigt. Ich glaube, jemand hat es geklaut. Kannst du uns helfen, es zu finden?“


„Kein Problem!“, sagt der Mann mit den Dreadlocks und nickt.


„Thank you!“


„Los, steig auf!“


Er bittet Pam, auf seinem E-Roller Platz zu nehmen.


Wie cool ist das denn?!


Pam hat vorher schon zu mir gesagt, dass der Weg zum Shop doch weiter als erwartet ist und jetzt nimmt der Typ sie einfach auf dem Roller mit damit wir keine Zeit verlieren.


„Du kannst das Rad nehmen“, sagt der Verkäufer zu mir und deutet auf ein mintgrünes Fahrrad, das man sich ebenfalls in seinem Shop leihen kann.


„Okay, let's go!“


Ich fühle mich jetzt wirklich ein bisschen so als wären wir gerade auf irgendeiner spektakulären Mission auf der Jagd nach einem gefährlichen Verbrecher.


Ich tippe die Adresse der Moschee in mein Handy ein und fahre los.


Als wir rechts in eine kleine Straße abbiegen und von weitem schon die Moschee erblicken, halten Pam und ihr Fahrer an.


„Wow, hier ist ja eine Polizeistation“, sagt Pam voller Vorfreude, denn sie glaubt, dass jemand ihr Handy hier abgegeben haben könnte. „Ja, es kann doch echt kein Zufall sein, dass ausgerechnet in dieser Straße die Polizei ist“, stelle ich fest.


Der Ticketverkäufer (dessen Name ich nicht kenne) klopft an eine hölzerne Tür. Ein Mann in türkisfarbenem Gewand mit Gebetskappe schiebt die Tür zur Seite und eröffnet mir den Blick auf seine Polizeistation.


Falls ihr dachtet, dass sich darin ein Schreibtisch befindet, an den wir uns gleich setzen und unseren Fall schildern werden, liegt ihr leider falsch. Und falls ihr dachtet, dass es überhaupt irgendeine Sitzgelegenheit oder etwas anderes in dem Raum gibt, was offensichtlich nach Polizeistation aussieht, liegt ihr ebenfalls falsch. 


Die Polizeistation sieht eher wie eine Ausnüchterungszellle aus, denn sie ist ein komplett leerer Raum, in dem eine Matratze auf dem Boden platziert ist. Herzlich willkommen auf Gili Air wo sogar bei der Polizei nix los ist. Die Insel macht ihrem Namen so langsam alle Ehre.


Der Typ hat sich ernsthaft eine Matratze in seine „Polizeistation“ gelegt und wir haben ihn vielleicht gerade aus seinen Träumen gerissen. Ich muss ein wenig lachen. Bestimmt freut er sich, dass er jetzt endlich mal einen Auftrag hat.


Ich würde mir ja echt die Kugel geben, wenn ich Polizistin auf Gili Air wäre, nichts zu tun hätte und mir dann mehrmals am Tag das Gelaber von der Moschee in voller Lautstärke reinziehen müsste. 


„Hey, kannst du uns helfen?“, frage ich den Polizisten, der mit seinem Gewand eher wie ein Mitarbeiter in einem Spa aussieht. 


Er nickt.


Dann schildert unser Ticketverkäufer dem Polizisten die Situation.


Kopfschütteln.


Ich sehe, wie sich Pams Vorfreude in Enttäuschung verwandelt. 


„Lass uns nochmal schauen“, schlage ich vor. Hier in Asien kann man sich ja nicht einmal sicher sein, ob nicht der Polizist selbst das Handy mitgenommen hat.


„Ich kann dir Wifi geben“, sagt unser Ticketverkäufer zu Pam.


„Das Handy muss doch ganz hier in der Nähe sein.“ Tatsächlich blinkt es weiterhin in der Nähe der Moschee. 


Ich bin echt erstaunt darüber, dass unser „Polizist“ sich weder Notizen macht, noch sonderlich bemüht ist, das Problem zu lösen. Dem muss man ja richtig in den Arsch treten damit der seinen Job macht.


„Sag mal, kannst du vielleicht mitkommen?“ frage ich ihn. „Irgendein Typ hier in der Nähe hat das Handy gestohlen und ich denke, dass es hilfreich sein könnte, wenn du mitkommst.“


Er nickt - auch wenn er so wirkt als würde er am liebsten seine Matratze mitnehmen.


„Schau mal, da ist auch eine Funktion mit der man einen Klingelton erzeugen kann“, sage ich zu Pam. Ich zeige auf ihr iPad und drücke auf den Knopf. Dann laufe ich Richtung Moschee und schaue mich um. Das kann doch nicht sein, dass das Handy weg ist.


Wenige Sekunden später hat mich Pam eingeholt. 


„Dschulia, ich höre was!“


„Ich nicht“, antworte ich. „Bist du dir wirklich sicher?“


„Doch, ich höre was!“, wiederholt Pam ganz aufgeregt. „Da klingelt mein Handy!“


Mit unserem Ticketverkäufer und dem Polizisten im Schlepptau, laufen wir Richtung Moschee. Als wir sechs gegenüberliegende Apartments auf der linken Straßenseite erreichen, erblicken wir einen Mann aus dessen Fahrradkorb gerade ein schriller Klingelton ertönt.


„Da ist mein Handy!“, ruft Pam aufgeregt und läuft dem Mann entgegen, der gerade ihr pinkes iPhone aus dem Fahrradkorb zieht und völlig verdutzt schaut.


Als der Mann den Polizisten erblickt, hält er Pam das Handy unter die Nase als wäre er nun selbst völlig überrascht, dass es auf mysteriöse Weise in seinen Fahrradkorb gelangt ist.


„Hast du es geklaut?“, frage ich ihn, denn es ist nicht zu übersehen, dass der Mann sich ertappt fühlt.


Wer jetzt glaubt, dass der Polizist seine Daten aufnimmt oder mit dem Mann redet: Fehlalarm. Mache ich gerade etwa seinen Job?


„Ich habe das Handy im Store vergessen. Hast du es mitgenommen?“, fragt Pam, die inzwischen wieder grinsend ihr Handy in der Hand hält wie ein Kind das gerade ein Überraschungsei an der Supermarktkasse bekommen hat.


„Ich arbeite im Store“, behauptet der Mann. „Weil ich ja nicht wusste, wem das Handy gehört, habe ich es mitgenommen.“


Hier kannst du dir echt die wildesten Lügen zusammenreimen und nicht einmal dann fragt die Polizei nach ob du auch wirklich da arbeitest. Der Typ scheint echt keinen Bock auf seinen Job zu haben.


In Deutschland hätte die Polizei ihn wahrscheinlich in 3 Minuten zerlegt. Hier gibt sie sich mit so einer billigen Lüge zufrieden, denn der Typ würde noch in Arbeitskleidung stecken, wenn er tatsächlich ein Shop-Mitarbeiter wäre.


Aber egal: Pam hat ihr Handy zurück! 


Sie stellt den Klingelton aus und die Freude ist ihr ins Gesicht geschrieben.


„Yeeeeah! Wir haben es gefunden, ich habe es dir doch gesagt!“, sage ich und hüpfe aufgeregt auf der Stelle. Ich war mir wirklich SO sicher, dass wir es wiederfinden und doch ist das wieder eine dieser „wie kann man denn nur so ein Glück haben?“ -Situationen, die ich in meinem Leben sehr oft habe.


„It's a miracle!“, sagt Pam. „Und du warst mein Glücksbringer, Dschulia!“


„Ich hab’s dir doch gesagt, Pam.“


„Später stoßen wir erstmal mit einem Cocktail darauf an!“


Wir bedanken uns bei dem Polizisten (für was eigentlich?) und dem Ticketverkäufer und laufen zurück zum Resort.


Mission completed.


——-


Den restlichen Abend verbringen Pam und ich damit, unseren Live-Escaperoom-Erfolg zu feiern, denn wir haben es tatsächlich geschafft, in einem fremden Land auf einer fremden Insel ein geklautes Handy wieder zu finden. Das gibt es doch nicht!


Bei Tapas und einer Cola lassen wir den Tag Revue passieren. Ich freue mich so für Pam, dass sie ihr Handy zurück hat.


—- 


Als ich wieder in meiner Unterkunft angekommen bin, bin ich mir immer noch nicht sicher, ob ich nach Gili Trawangan oder zurück nach Bali fahren soll.


Ich schaue auf Booking.com nach Unterkünften auf Gili Trawangan, aber entscheide mich dafür, möglichst flexibel zu bleiben. Ich kann die Entscheidung ja auch immer noch morgen treffen. 


Beim Frühstück am nächsten Tag bin ich mir sicher: Ich möchte unbedingt noch einmal nach Gili Trawangan und falls es mir dort nicht gefällt, kann ich immer noch zurück. Ich halte mir jetzt einfach alles offen und hoffe, dass ich nette Leute kennenlerne damit sich der Trip wenigstens lohnt.


Ich buche auch erstmal keine Unterkunft, sondern werde gleich nach dem Frühstück zum Hafen laufen und mir dort spontan ein Ticket buchen und dann schauen, was passiert.


——-


Um kurz nach 11 Uhr steige ich auf das Speedboot, das mich zusammen mit anderen Reisenden nach Gili Trawangan bringen wird. Auf dem Boot sitzen bereits ein paar Menschen.


„Fährst du auch nach Gili Trawangan?“, frage ich das Mädchen mit dem Pastelllila Kleid und den schulterlangen blonden Haaren, die rechts von mir sitzt.


„Ach, du bist auch Deutsch. Ich habe es mir ja schon fast gedacht!“, lache ich.


Wir plaudern eine Weile.


„In welcher Unterkunft bist du denn untergebracht?“, fragt mich Josie.


„Ich habe noch keine Pläne“, antworte ich. „Planlos geht mein Plan los. Ich dachte eigentlich, dass ich mir die Unterkünfte am Strand anschaue und dann spontan entscheide bevor ich wieder in irgendeiner Bruchbude einchecke.“


„Also wenn du magst, können wir uns ja später nochmal treffen“, sagt Josie.


Und dann antworte ich intuitiv: „Ich komme einfach mit zu deiner Unterkunft und buche mir dort auch ein Zimmer.“


Josie (Josephine) kommt aus Frankfurt. 


Es ist eine verrückte Ironie des Schicksals, dass mir das Universum nach der Rebirthing Massage jetzt eine selbstständige Hebamme in mein Leben gesendet hat.


Dass ich am Ende meine komplette restliche Reise mit Josie verbringen werde, war in diesem Moment noch nicht absehbar…








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