Dienstag, 3. Dezember 2024

Pam

„Oh, man, sorry!“‘ sagt die Frau mit dem grauen Kurzhaarschnitt und klappt ihren Laptop zu.


Wir kommen beim obligatorischen Toast mit Ei im kleinen Restaurant des H2O Resorts beim Frühstück ins Gespräch.


„Ich bin übrigens Pam aus Kanada“, sagt sie nach einer Weile und gibt mir die Hand. „Und ich bin Julia aus Deutschland!“, antworte ich.

Wir plaudern eine Weile. 


Pam ist fast 70 Jahre alt und wohnt auf einer kleinen Insel zwischen Kanada und Vancouver Island. Sie reist mehrere Wochen im Jahr, um dem kanadischen Winter zu entkommen und ist jetzt seit einer Weile in Asien unterwegs.

„Ich muss gerade noch ein paar wichtige Sachen regeln und deswegen war ich hier gerade am Laptop“, sagt Pam.


Um kurz vor halb zehn schaue ich auf die Uhr: „Ich muss gleich los, denn ich habe mich zu so einem „Booty-Workout“ angemeldet. Wenn ich schon mal in so einem Yoga-Resort bin, möchte ich wenigstens einen Kurs mitmachen.“


„Viel Spaß dabei!“, sagt Pam und ergänzt: „Falls du Lust hast, dass wir uns später treffen und vielleicht ein bisschen die Insel erkunden, dann lass uns doch gerne Nummern austauschen.“ 


Ich kritzle schnell meine Nummer in ihr kleines Notizheft und mache mich auf den Weg zum Fitnesskurs, der draußen auf einer runden Plattform unter einem Bambusdach mit Palmenblättern stattfindet.


Nach dem schweißtreibenden Workout gehe ich noch einmal kurz ins Restaurant, um den Wassermelonen-Shake zu trinken, der uns nach dem Kurs für etwas mehr als einen Euro angeboten wird. Ich sage das so, weil der Australier es uns wie flüssiges Gold zum Schnapperpreis angepriesen hat. „It‘s SO good and refreshing!“ Irgendwie ist bei den Amerikanern und Australiern immer alles SO good, SO amazing, SO awesome. Best drink in the whole wide world.


Wobei der Kurs tatsächlich echt richtig gut war und er mir nicht zuviel versprochen hat und der Shake ist auch ganz lecker.


„Also falls du Lust hast, den Tag gemeinsam zu verbringen, lass es mich gerne wissen. Wenn du stattdessen lieber alleine sein möchtest, ist es aber auch kein Problem“, lese ich auf meinem Handydisplay.


Ich liebe es, dass es immer so unkompliziert ist. Alles kann, nix muss. Ich könnte rund um die Uhr von Menschen umgeben sein; kann mich aber genauso jederzeit dafür entscheiden, den Tag allein zu verbringen.


„I would love to!“, antworte ich.


Die Pam scheint mit fast 70 eine richtig coole Socke zu sein und ich hab echt Lust, mehr über sie zu erfahren.


„Ich muss nur noch kurz duschen und dann bin ich ready!“, antworte ich ihr. 


Nachdem ich kurz unter die Dusche gesprungen und mich umgezogen habe, hole ich Pam in einer der kleinen Hütten ab, die auf der linken Seite aufgereiht direkt vor dem Hinterhof liegen, wo sich mein Zimmer befindet.


Ich schaue etwas verwirrt. Hat sie nicht gerade noch vor einer anderen Hütte gesessen?!


„Ich hab mich einfach hierhin gesetzt und irgendwann dann auch gemerkt, dass ich vor dem völlig falschen Zimmer sitze“, lacht Pam. „Der Typ meinte dann aber, dass ich da ruhig sitzen bleiben kann, aber JETZT bin ich wirklich bei meinem Zimmer.“


„Was für eine süße Maus“, würde meine jetzt Schwester sagen. Und das ist sie wirklich. Ich freue mich jetzt schon darauf, mit ihr den Tag zu verbringen.


Pam und ich beschließen, um die Insel zu spazieren und unterhalten uns dabei wortwörtlich über „Gott und die Welt“. Wortwörtlich, denn immer wieder dröhnen zwischendurch auch heute wieder Gebete aus den Lautsprechern der Moschee dieser überwiegend muslimischen Insel.


„Es klingt echt scheußlich!“, sind Pam und ich uns einig. Manchmal müssen wir laut lachen, weil der „Gesang“ so jodelnd-krampfig klingt und ich Pam frage, ob der Typ in seinem Turm vielleicht Hilfe benötigen könnte. Mich würde mal interessieren, was die da die ganze Zeit labern.


—-


Pam und ich halten zwischendurch an und setzen uns am Strand in eine kleine Bambushütte, um einen Eiskaffee bzw. ein Bier zu trinken.


Wenn man stramm durchläuft, braucht man nicht einmal eine Stunde, um die gesamte Insel zu umrunden. Meine Mama würde in ihrem „Spaziertempo“ vielleicht 30 Minuten brauchen, aber wir lassen es ganz ruhig angehen.


Wir sitzen eine ganze Weile in der Bambushütte am Strand während uns ein angenehmer Wind um die Ohren weht. Dabei erzählt Pam mir so einiges aus ihrem Leben. 


Ich finde es immer wieder spannend, die Geschichten anderer Reisender zu hören. Dieses Mal ist es für mich ganz besonders interessant, denn Pam ist mit 68 Jahren eine der ältesten Backpacker, die ich bisher getroffen habe. Ich finde es echt bewundernswert, dass sie auch in diesem Alter noch so offen ist, andere Länder zu erkunden und sie wirkt auf mich dadurch auch wesentlich jünger als sie tatsächlich ist. Ich habe den ganzen Tag soviel gelacht und muss euch Pam unbedingt näher vorstellen:


Pam ist 68 Jahre alt und kommt aus Kanada. Sie lebt in einem Bauwagen auf einer kleinen Insel vor Vancouver Island und befindet sich gerade in einem Rechtsstreit mit ihrer Baufirma. „Der Vollpfosten hat billige Steine genommen und dann hat das Abwassersystem nicht funktioniert und die ganze Scheiße kam hoch! Das kannst du dir nicht vorstellen, Dschulia! Das hat mich alles so sehr gestresst, dass ich einen Schlaganfall bekommen habe! Aber zum Glück geht’s mir jetzt ganz gut. Nur meine Synapsen schalten manchmal nicht mehr so schnell wie sonst. Wie du merkst, war ich ja vorhin auch ein bisschen verwirrt mit der Hütte. Das hatte ich früher nie.“


Pam hat zwei Schwestern, einen Bruder und einen Sohn namens Jeff. Ihr Enkel heißt Tucker. Ich stelle mir darunter so richtig typische Amis vor, denn die Namen sind schon wie aus einem Katalog.


„Ich sag Tucker immer, dass er ein paar Jahre beruflich Gas geben und dann einfach sein Leben genießen soll. Er ist zwar erst 10, aber zieht sich ja immer meine Facebook-Posts rein und weiß genau wo sich seine coole Oma so rumtreibt. Mein Sohn ist dann immer ganz erstaunt, dass Tucker mehr über meine Reisen weiß als er.“


Sie hat sogar zwei Jahre in Jamaika gelebt. Ihren damaligen Mann hat sie am Strand aufgegabelt. „Das war so ein heißer Rasta-Boy, Dschulia. Der war auch viel jünger als ich und hat Bootstouren bei so einer Glass Bottom Boat Company organisiert. Ich bin jeden Tag bei ihm mitgefahren bis ich irgendwann Hausverbot bekommen hat. Ich wollte ja unbedingt auch mal das Boot steuern, obwohl ich keine Lizenz hatte und dann hat mein Mann vorn auf dem Boot einen Handstand gemacht und wir sind leider an seiner Chefin vorbeigedüst. Die Leute am Strand haben uns aber applaudiert, weil es ein meeega Kunststück war!“ 


Über die Zeit in Jamaika hat sie sogar ein Buch geschrieben, dessen Titel ich leider vergessen habe.


Pam hat nur solche Geschichten auf Lager.


Ihr Vater war ihrer Meinung nach ein „selbstbestimmter Narzisst“ und wollte alles kontrollieren. Sogar seinen Todeszeitpunkt. Mit 103,5 Jahren hat er dann seine eigene Abschiedsparty organisiert. „Inzwischen ist es in Kanada möglich, sich die letzte Spritze geben zu lassen“, erklärt Pam. „Er wollte, dass wir uns an dem Tag so richtig schön besaufen“, fährt sie fort. „Wir haben schon morgens angefangen, uns einen reinzukippen und er hat die erste von insgesamt 4 Spritzen intus gehabt während er sich mit uns noch die Shots gegönnt hat.“


Ich muss lachen und finde das gleichzeitig ziemlich faszinierend. 


„Und du glaubst es nicht, Dschulia. Einen Tag vorher wollte er unbedingt nochmal mit über 100 Jahren ins Fitnessstudio und seine Beine trainieren! Er hat dann an so einer Maschine Leg Lifts gemacht, obwohl er ja längst einen Gehwagen hatte!“


Ich stelle mir das bildlich vor und muss herzhaft lachen. 


„Wir waren sogar noch spazieren und ich meinte zu ihm: Dad, pass auf, dass du dich heut nicht auf die Fresse legst. Morgen ist ja dein großer Tag!“


Pam ist schon durch Asien gereist und nach Mexiko. In Mexiko ist sie damals mit einer Freundin in eine Bar gegangen und sie wären fast von zwei Männern entführt worden. „Wir haben mit denen den ganzen Abend verbracht und dann kam mir das aber komisch vor. Die Männer wollten unbedingt, dass wir in ihr Auto steigen Dates angeblich keine Taxis um diese Uhrzeit mehr gäbe. Dann kam auf wundersame Weise doch ein Taxi vorbei. Der Fahrer meinte, dass er sonst nie nachts um diese Uhrzeit fährt, aber seine Intuition ihm gesagt hat, dass er einen wichtigen Auftrag hat und nochmal aufstehen sollte.“


„Wow“, sage ich. „Das war echt ein Wink vom Universum!“


„Wenn wir da zu denen eingestiegen wären, hätten wir nicht überlebt, Dschulia!“, sagt sie voller Überzeugung. 


„Ich glaube aber ganz stark daran, dass mir das Universum immer den richtigen Weg zeigt und ich auf meine Intuition hören sollte.“


Ja, Pam. Das glaube ich auch.


Ihren „Weg“ hat sie sich vor kurzem sogar auf ihrem Oberarm verewigen lassen. „Es ist mein erstes Tattoo mit fast 70!“ Dafür ist sie zu einer Frau gegangen, die auf Basis der Numerologie ihres Geburtsdatums ein individuelles Muster gezeichnet hat. 


„Ich fühle mich immer zwischen dem Abenteuer und der Entspannung hin- und hergerissen und das hat voll gepasst, was die Frau mir gesagt hat!“


Dann erzählt sie mir noch, dass ihr Nachbar bei einer Gasexplosion in die Luft gegangen ist und seine Frau überlebt hat, weil sie genau zu dem Zeitpunkt der Explosion auf der Toilette war.


Ihr seht, dass wir einiges zu besprechen hatten.


Auf dem Rückweg zum H2O bin ich voller Dankbarkeit für diese inspirierende Begegnung. Pam überlegt sogar, ob sie mit fast 70 noch mal ein neues Business starten soll, denn sie hätte Lust, etwas mit Schmuck oder Glas zu machen und möchte sich kreativ austoben.


Es ist nie zu spät, was Neues zu starten!


——-


„Was ist los?“, frage ich Pam, die mir besorgt entgegenkommt als ich mich gerade auf die Liege am Pool gesetzt habe.


„Und warum kommst du aus dieser Richtung?“


„Ich glaube, ich habe mein Handy gerade im Shop vergessen als wir Wasserkaufen waren…und ich war gerade nochmal da und es ist weg.“


„Lass uns nochmal hingehen, sage ich!“


„Es ist ein ganz neues iPhone“, sagt Pam und fügt ein „ich schau nochmal in meinem Zimmer“ hinzu.


Als sie wegläuft, denke ich zwar „Oh scheiße“, aber bin zutiefst davon überzeugt, dass wir das Handy wiederfinden.


Und dann beginnt unsere wilde Handyjagd…

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