Mein Hotel ist so die Kategorie „Mon Cherie“. Von außen glatt und glänzend und ganz schön anzusehen und von innen? Man muss es mögen! Etwas altbacken mit dem roten Schnörkelteppich, den bordeauxroten Vorhängen mit dem goldenen Wellenmuster und der restlichen gelb-braunen Einrichtung.
Die Tischplatte meines Glastisches steht angelehnt an einen der beiden gemusterten Sessel auf dem Boden (Top-Tisch würde ich sagen) und das Telefon neben dem Bett hat auch schon ein paar Jahre auf dem Display.
Ich frage mich ja so ganz
grundsätzlich, wer eigentlich die Bewertungskriterien für die Sternvergabe bei
Hotels festgelegt hat. Der Unterschied zwischen drei und vier Sternen ist meist
Second-Hand- vs. 1-Euro-Shop (unter 3 ist Flohmarkt und 1 ist
Altkleidersammlung) und bei 4 vs. 5 ist die Entfernung meist ungefähr so groß
wie die Distanz, die ein Astronaut für eine Mondlandung zurücklegen muss. Ab
Stern 5 ist dann alles vertreten von Leffers bis hin zu Luis Vuitton ohne dass
weiter differenziert wird außer über den Preis. Mit zu vernachlässigenden Add-Ons wie
zum Beispiel ein vergoldeter Fön, Handtücher mit besonders flauschigen
Cashmere-Fasern oder ein Zimmerservice, der einem auf den Sack geht. Es soll ja
Menschen geben, die das super finden: Jeden Tag ein aufgeräumtes Zimmer. Ist
bestimmt auch super, wenn eine gewisse Grundordnung herrscht. Bei mir müsste
der Zimmerservice allerdings erstmal ein Praktikum bei den Ludolfs auf dem
Schrotthaufen absolvieren, um unterscheiden zu können, was weg kann und was
nicht. Beruflich bin ich auf einer Skala von 1 bis ordentlich eine 10 und
privat eine minus 5. Mama weiß, wovon ich rede. Ich habe mir mein privates Ordnungssystem bei Peter Ludolf persönlich angeeignet. Glaubt ihr mir jetzt nicht, weil es bei einem Besuch immer aufgeräumt ist, aber kommt bloß nicht unangekündigt vorbei!
Zugegeben: Ich mag ein bisschen ramschi-ramschi. Klingt komisch, aber das gibt mir das Gefühl von „Zuhause“. Nicht, dass ich selbst in einer Wohnung mit vergilbten Tapeten oder altmodischem Schnörkelteppich leben würde oder mir 5 Sterne nicht leisten könnte. Aber ich entscheide mich grundsätzlich nie freiwillig für 5 Sterne. Warum? Weil ich einfach keinen Bock habe, mit der High Society am Frühstücksbuffet zu dinieren und mein Poached-Egg-Toast mit Avocado und Fleur de sel mit Messer und Gabel zu verspeisen. Mal übertrieben gesagt.
Bei 4 Sternen kann ich im Prinzip rumlaufen wie der letzte Penner und passe immer noch ins Konzept und sehe besser aus als die Deko im Speisesaal. Bei unter vier Sternen könnte man sogar barfuß oder im Schlafanzug zum Frühstück spazieren und es würde als trendiges Sommeroutfit durchgehen. Die Erfahrung mit nur 2 Sternen war mir aber ganz ehrlich auch zu krass. Die durfte ich nämlich damals mit Bibi in unserem 5€-pro-Nacht-Türkeiurlaub machen. Da hat morgens erst eine Katze vom Frühstücksbuffet genascht und sich durch die Frischhaltefolie geknabbert, die bei 30 Grad das Essen bedeckt hat. Anschließend hat ein besoffener Engländer beim Schwimmen (eimaliger Anblick!) in den Pool gekotzt und abends hat dann ein anderer Engländer Bier aus seinem Lederschuh getrunken. Bibi und ich haben uns dann an Tag 2 von der Polizei aufgabeln und zur nächsten Apotheke fahren lassen, weil selbst unserem Körper das 2-Sterne-Essen mit der Katze nicht mehr so recht zugesagt hat. Also das war dann selbst uns zu wenig Stern am Hotel. Meine Empfehlung: Ab 4 Sternen und unter 5 geht alles klar!
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8:30 Uhr, Speisesaal
Ich sitze auf einem der mit türkisfarbenem Leder überzogenen Holzstühle und mein Blick schweift durch das „New Seasons Restaurant“. Also wenn das hier die New Season ist, dann frage ich mich, wie die letzte Saison zuende ging. Gerade im Fahrstuhl habe ich noch eine Abbildung davon auf dem digitalen Display gesehen. Ich frage mich, wann oder wo das Foto entstanden ist oder wo ich den Grafiker mit diesen Photoshop-Skills treffen kann. Der Unterschied von Foto vs. Realität ist ein bisschen so wie die McDonalds’s Burgerwerbung vs. echter Burger.
In der Mitte des Raumes steht ein L-förmiger Tresen. An der rechten Seite zahlreiche Warmhaltebehälter und dekorativ gefüllte Gläser mit eingefärbtem Reis und Pasta in verblichenen Farben von Gelb über Grün bis hin zu Rot. Soll das Kunst sein oder kann das weg? Auf den dahinterliegenden Regalen eine eingestaubte Deko und ein paar Wunderlampen. Am Kopfende der linken Seite eine Toastmaschine mit so einem rotierenden Band. Daneben ein Brotkorb sowie einzelne Schalen mit Gemüsesticks, Oliven und Hummus. Dahinter ein Kaffeebehälter, Plastiksticks zum Umrühren und ein paar Teebeutel.
Klingt nach Romantik pur? Ist es auch! Mein Tag ist auf jeden Fall gerettet: Es gibt Hummus.
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10:30
Nachdem ich meine Sachen ausgeräumt habe, fahre ich in den 14. Stock und bin bereit, mir mal ein wenig die Sonne auf den Hintern scheinen zu lassen. So, wie ich es bereits an der Passkontrolle geplant habe. Ich sitze keine 5 Minuten auf dem Holzgartenstuhl an der linken Seite des Pools, da kommt auch schon der erste Apu um die Ecke.
Seit der Geschichte mit Raghav von 2018, die ich euch hier bis dato erfolgreich vorenthalten habe, schrillen meine kleinen Inder-Alarmglocken relativ schnell, wenn ein – ich nenne ihn einfach mal wieder Apu Nahasapeemapetilon von den Simpsons – um die Ecke kommt. Dafür müsste ich euch aber erstmal eine kurze Zusammenfassung von Raghav geben und mich zurück ins Jahr 2018 beamen:
2018 habe ich einen etwas seltsamen Inder (mal mild ausgedrückt) in (Wunder oh Wunder! Dreimal dürft ihr raten!) Indien kennengelernt, der angeblich ein millionenschwerer Bänker ist, der in New York an der Wallstreet arbeitet. Das ist mir allerdings erst bewusst geworden, als wir gemeinsam zum Taj Mahal gefahren sind. Bis dahin dachte ich, er sei ein „ganz normaler Inder“. Naja, was ist schon ein ganz normaler Inder.
Damals fing es am Taj Mahal an zu
regnen und ich sollte mal kurz seine vier 10 cm dicken Geldscheinstapel in
meiner Tasche verstauen und vor dem Regen schützen. Dabei habe ich mich
kurzzeitig wie ein Zuhälter gefühlt. Anschließend ist Raghav im TukTuk zurück
zum Bahnhof fast ohnmächtig geworden und ich dachte, er kollabiert gleich auf meinen
Schoß. Wir waren gemeinsam als Dankeschön für meine Hilfe bei seinem
(inszenierten?) Ohnmachtsanfall essen und dann hat er mir seine Wallstreet-Story
erzählt. Ob die wahr ist? Keine Ahnung! Am Ende dachte er allerdings, dass er
mich kaufen kann und hat mich an meinem letzten Tag in Indien mit Cashmeretüchern,
Kerzen und Klamotten zugeschüttet und wollte mir gerne 150.000 Dollar auf mein
Konto überweisen und mich damit zu seiner gekauften Frau machen.
Wild, aber wahr.
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„You from Russia?“, spricht mich
Apu mit gesenktem Blick grinsend von der Seite an. „No“, versuche ich meine
Antwort kurz zu halten. „You from Germany?.“ Ich nicke und ergänze „Sorry, aber
ich muss arbeiten.“ „Is Germany safe?“, fragt er. Ich nicke. „Was arbeitest du?“,
fährt er fort und ergänzt:„Ich arbeite in einem Pharmakonzern und wir verkaufen Ware an
Deutschland“ (krasser Zufall…was wäre bloß die Antwort gewesen, wenn ich „Russia“
gesagt hätte?). „So…is Germany safe?“, wiederholt er als ich wieder auf meinen
Laptopbildschirm gucke. Junge Junge, bist du der Bruder von Raghav oder wer hat
dich gesendet? „Yes it is SAFE!“, antworte ich leicht genervt mit einem Fake-Grinsen und sage erneut, dass ich
arbeiten muss. „Ok. Ich möchte in Deutschland arbeiten. Kannst du mir deine
Nummer geben, damit ich dich in ein paar Monaten nochmal fragen kann, ob es
immer noch SAFE ist?.“
Ich sage „Nein“. Er fragt „Why?“ Ich
sage „just beacause“. Er hat ab.
Diskussion beendet.
Bitte nicht nochmal ein Haufen
hässliche Cashmeretücher und stinkende Kerzen. Wenn du 150 k ohne Heiratserwartungen dabei hast und einfach nur loswerden willst damit dein Gepäck leichter wird: Immer her damit.
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