Mittwoch, 16. Juni 2021

Vipassana 2.0

„Hello Julia, this is Kala from Vipassana team“, lese ich am 1.Juni morgens um 00:12 Uhr auf meinem Handydisplay.

Krasse Scheiße.

Sie haben mich tatsächlich doch noch angenommen! Ich habe mich seit Corona bereits 3 x erfolglos auf die Meditation beworben (1 x in Deutschland, dann zusammen mit Harri für Mauritius und dann für Dubai) und jedes Mal kam dann die Absage wegen Corona. Und jetzt habe ich eine Zusage, dass ich ab dem 4.06. dabei sein darf. Nur drei Tage, um mich mental auf 10 Tage Meditation vorzubereiten. Ganz ehrlich: HILFE!

Ich fliege gerade mit meiner Rakete in Lichtgeschwindigkeit durch das Universum der Selbstständigkeit und ab Freitag wird der Treibstoff für 10 Tage abgedreht.

10 Tage jeden Tag 10,5 Stunden meditieren, kein Kontakt zur Außenwelt. Kein Handy, kein Buch kein Stift. Keine Arbeit. Zum ersten Mal nach 2,5 Jahren Selbstständigkeit! 10 Tage P-A-U-S-E. 10 Tage weitestgehend schweigen, 10 Tage nur 2 Mahlzeiten pro Tag und 10 Tage lang null Privatsphäre und ein Zimmer teilen mit einer fremden Frau.

Dieses Mal Meditation Level 2.0, denn ich bin Meditationshelfer und werde bei der Vorbereitung der Meditation helfen und erfahren, was es bedeutet, ohne eine Gegenleistung und ohne Danke zu geben.

Craaaazy.

Aber egal. Kala, ich bin dabei!

 

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2. Juni

Es ist 15:45 Uhr und ich frage nach einem Taxi. „Können Sie mich zum SEHA Center fahren?“, frage ich und der Taxifahrer grinst. „You need corona test?“, fragt er und grinst. Yes. Ich brauche einen PCR-Test. Da ich Depp mir einen Termin bei einem Corona Drive Thru organisiert habe, brauche ich jetzt zusätzlich einen Taxifahrer, der mit mir da durchfährt.

Steht auf jeden Fall auf der Liste der Dinge, die ich schon immer mal machen wollte: Mit dem Taxi zum Corona Drive Thru und mir diesen Teststab durch das geöffnete Taxifenster in die Nase schieben lassen. YAY.

16:20 Uhr

Wir stehen jetzt schon ungefähr 18 Minuten in der Schlange zum PCR-Test und ich versuche, mich in meinen pakistanischen Taxifahrer Fazal hineinzuversetzen (auch wenn Empathie laut Harald grundsätzlich nicht so meine Superpower ist). Während er sich vermutlich gerade über den deutschen Trottel auf dem Rücksitz freut, der ihm seine Wartezeit bezahlt, sitze ich hinten und sehe zu, wie mein Geld verbrannt wird. Danke, Corona.

Wobei diese Drive Thru Idee eigentlich ganz genial ist. Ich überlege, ob ich stumpf am Registration Point einen Cheeseburger, 6 Chicken Mc Nuggets und eine Cola bestellen soll um einmal den verwirrten Blick des Mitarbeiters zu sehen. Aber lassen wir das. An Corona-Teststationen ist ja nicht besonders viel Humor gefragt.

Kurze Zeit später hab ich endlich meinen Stab in der Nase. Wer hätte gedacht, dass ich das mal – mit Blick auf den Taximeter – kaum abwarten kann!


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Wieder angekommen im Hotel, arbeite ich ohne Pause zwei Tage wie ein Bandarbeiter bei VW, um ganz entspannt in meine wahrscheinlich erstmal nicht ganz entspannten 10 Tage Vipassana zu starten.

Um 11:40 werde ich am 2. Juni plötzlich von einem schrillen Feueralarm unterbrochen. „Ist das jetzt ernst gemeint?“, frage ich mich und öffne vorsichtig die Tür. Auf dem Flur steht Joie aus Ruanda, die ebenso verwirrt wie ich guckt. „Und was jetzt?“ frage ich sie. „Keine Ahnung!“, sagt sie und schlendert gemütlich über den Flur. „Lass uns mal den Fahrstuhl nehmen“, schlägt sie vor und drückt die „0“.

„Also falls das ernst gemeint ist, wäre das keine ganz so gute Idee“, grinse ich.

Joie und ich laufen also plaudernd die Treppe herunter und unterhalten uns ein wenig darüber, wo sie herkommt und wie lange sie schon in Dubai ist.

Unten angekommen, lacht uns das Hotelpersonal ein wenig aus und sagt „Habt ihr nicht die Zettel für den Feueralarmtest gesehen? Die hängen überall!“ Und tatsächlich. Sie hängen überall. An der Rezeption und sogar an der Tür des Fahrstuhls, in den wir gerade noch trotz eines potenziellen Feuers ganz gemütlich einsteigen wollten.

Noch lustiger hätte es wahrscheinlich ausgesehen, wenn wir völlig panisch die Treppe heruntergerannt wären so wie sich das eigentlich für einen Feueralarm gehört. Stattdessen haben wir uns jetzt unbewusst einigermaßen ok verhalten. Im Ernstfall wären wir also erfolgreich irgendwo plaudernd zwischen Etage 5 und 6 gewesen während unser 4-Sterne-Palast gerade abfackelt.

 

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Nach zwei krassen Arbeitstagen habe ich fast alles geschafft, was ich schaffen wollte. Ich fühle mich jetzt aber als hätte mich ein Panzer überrollt. Das Einzige, was mir nun allerdings noch fehlt, sind Klamotten. Wer hätte denn auch gedacht, dass ich jetzt bei 40 Grad Pullover und Hosen shoppen gehe, weil im Meditationszentrum kurze Kleidung verboten ist?

Um 19 Uhr mache ich mich also einen Tag vor Start der Meditation auf den Weg ins Shoppingcenter und stürze mich wie Alman-Anette auf jedes Sonderangebot, was ich finde. Zum ersten Mal hab ich richtig Bock darauf, bewusst hässliche Walla-Walla-Klamotten aus dem Sale zu kaufen. Klamotten, die ich nie wieder auf der Straße tragen werde und die danach selbst von der Altkleiderspende aussortiert werden, weil sie zu hässlich sind.

Zuerst gehe ich zu Mini Sou, einem Laden, der Tiger ähnelt, und organisiere mir einen Wecker. Ein Wecker im 21. Jahrhundert. Ich bin entzückt, dass es die Dinger überhaupt noch zu kaufen gibt! "This one RRRRRRRIIIIING. Whole house wakes up!! And this one beep beep. Very soft beep. Only for you" erklärt mir der Mitarbeiter in lustigem Englisch die unterschiedlichen Modelle. Im Meditationszentrum muss ich schließlich mein Handy an Tag ZERO abgeben und irgendwie sicherstellen, dass ich um 4 Uhr meinen Arsch aus dem Bett kriege. Richtig gelesen. 4 Uhr! Heiliger Bimbam. Wenn ich dann noch mit Modell RRRRRRRIIIIING aus meiner Tiefschlafphase geholt werde, laufe ich direkt am Morgen schon Amok. Daher entscheide ich mich ieber für Modell "beep-beep".

Anschließend gehe ich zuerst zu Forever 21, dann zu H&M und lande zu guter Letzt bei SPLASH. Splash ist das Wühltisch-Mekka für alle Schnäppchenjäger und heute auch mein persönliches Paradies. Bereits zweifach reduzierte hässliche Hose für 35 dirham in Grün. Nehme ich. Gibt’s auch noch in einer zweiten hässlichen Farbe (so ein komisches Lila). Nehme ich. T-Shirt für 9 dirham in Grau. Gekauft. Dazu noch ein blauer Pullover. Perfekt. Mein Outfit steht.

Die Leute in der Schlange hinter mir an der Kasse müssen denken, dass Deutsche einfach null Geschmack haben. Mir ist es auch etwas peinlich, dass die Kassiererin bei jedem Kleidungsstück „ONLY 35 dirham“ sagt und es erst in der Luft ganz demonstrativ für alle sichtbar ausschüttelt und dann faltet.

 

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Als ich um fast 22 Uhr zurück in mein Hotelzimmer komme, freue ich mich wie Alman-Anette, die gerade die deutschlandweit ersten verfügbaren Corona-Schnelltests bei ALDI um fünf nach 7 ergattert hat. Ich habe alles geschafft, was ich schaffen wollte.

 

Liebes Meditationszentrum. Ich bin bereit.

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