Wir sitzen am Abend zu dritt in der Meditationshalle auf der blauen Matte. Die Stimmung ist so abgekühlt wie Bremen nach der ersten Hitzewelle.
Ladies and Gentlemen, es ist Zeit
für eine Ansprache. Shubra zückt ihr Notizbuch und ihren Kugelschreiber: „Also
wenn wir nun auf euren Wunsch hin definieren, wer was zu tun hat, dann möchte
ich hiermit die exakten Uhrzeiten und Tätigkeiten von euch schriftlich
festhalten und genau wissen, wann ihr wo seid!“ Bharati und ich gucken etwas
verwirrt. Hat sie gerade „von euch“ gesagt? Sie möchte minutengenau definieren,
wann wir wo sind? Sind wir hier im Jahr 1950 und zelebrieren gerade die
Gründung der Stasi oder was?
„Sagt mir, wann ihr wo seid!“, wiederholt Shubra und fängt an, alle Aufgaben inklusive Uhrzeit zu definieren. „Wer von euch läutet
um 4:20 Uhr die Glocke?“ „Wer von euch übernimmt die erste Meditationseinheit
von 4:30 Uhr bis 6?“ „Wer von euch ist um 6 Uhr im Speisesaal und bereitet das
Frühstück zu?“ „Wer von euch…“
Moooooment mal.
„Kurze Frage: Und was machst du
den ganzen Tag?“, platzt es aus mir heraus.
„ICH hab schon echt genug zu tun“, erwidert sie.
Wer glaubt, dass sie genug zu tun hat, der glaubt auch, dass ein Zitronenfalter hauptberuflich die Zitronen faltet.
„Was genau?“, hake ich nach - so wie mir Harri das mit den Einkäufer-Fragetechniken (bei welchen ich mich übrigens in jedem Streit irgendwann geschlagen gebe) beigebracht hat. „Ich stelle sicher, dass die Handwerker die Klimaanlagen ordnungsgemäß reparieren, dass die Putzfrauen regelmäßig die Küche putzen und dass ihr vernünftig arbeitet.“
Wow und aha. Wenigstens gibt sie zu,
dass sie den ganzen Tag nur chillt.
Die Tür geht auf und Bharati’s
Mann, der ebenfalls Helfer für 10 Tage ist, steht wedelnd mit einer
Thermosflasche in der Tür. Bharati erhebt sich von ihrem Platz und nimmt die
Flasche entgegen. Als sie wieder neben uns sitzt, sagt Shubra: „ES SIND KEINE
FLASCHEN IN DER MEDITATIONSHALLE ERLAUBT! UND VOR ALLEM NICHT AUF DIESER MATTE!“
Ui.
Ich verkneife mir ein Grinsen.
Die ekelige Thermosflasche hat die heilige Matte berührt, auf der auch gerade
der heilige Hintern von Shubra von allen Anstrengungen des Tages zur Ruhe
kommt.
„DIE REGEL IST SO DEFINIERT UND
DAS GILT AUCH FÜR DICH!“, weist sie Bharati zurecht.
Und dann passiert es.
BLUBB BLUBB ZISCHHHH
Bharati explodiert wie die
Vulkaninsel Krakatau im Jahre 1883. Damals war der Donnerhall auf einem Drittel
der Erde zu hören, es regnete Asche und Tsunamis verwüsteten die umliegenden
Küsten. Die Serie ohrenbetäubender Eruptionen war zum Teil noch mehr als 4.000
Kilometer entfernt zu hören. Die bis zu 800 m hohe Formation aus Vulkangestein
zerbrach und krachte ins Meer.
KRAWUMMMMM
Die Tür geht auf und die
Meditationslehrerin betritt den Raum. Shubra steht kurze Zeit später auf und geht.
„JUST ACCEPT IT!“, erklärt uns
die Meditationslehrerin als die Asche des indonesischen Bharati-Vulkans sich
wieder etwas abgekühlt hat. Sie schüttelt ihren Kopf in einer Art, die ich so
noch nicht gesehen habe. Der Kopf dreht sich nicht um die eigene Achse von
links nach rechts, sondern es sieht eher so aus als hinge der unsichtbare Sekundenzeiger
einer Kuckucksuhr an ihrem Kinn, der 2 x pro Sekunde von links nach rechts schwingt.
„Ihr könnt sie nicht ändern. Ihr
könnt nur euch ändern!“
„Just accept it.“
Mir steigen vor Wut die Tränen in die Augen. Ich gucke nach oben und blinzle. Danke für diese wundervolle Tischkalenderweisheit, die auch exakt so bei Thalia käuflich in einem dieser bunt illustrierten "Mit 365-tollen-Sprüchen-durch-das-Jahr-Kalender" zu erwerben sein könnte.
Soll ich jetzt wie Dobby aus Harry Potter warten, dass jemand von euch vorbeikommt und mir eine Socke schenkt oder ist SEVAK hier tatsächlich das Synonym für SKLAVE?
„Just accept it“, wiederholt die
Lehrerin und schaut mir in die Augen.
„Ist Shubra hier eigentlich der Boss und
soll uns diktieren, was wir zu tun haben oder ist das frei erfunden?“, frage ich.
„Nein. Sie ist genau wie ihr ein Sevak.“
Die Tür geht auf und Shubra betritt mit Giri die Halle.
Wenn ich Giri sehe, dann hab ich immer Inka Bause
von „Bauer sucht Frau“ und ihre charmanten Anmoderationen im Kopf: „Der
großzügige Giriraj („giriratsch“) kommt mit der sichtlich sauren Shubra in die
Mitte der mittelgroßen Meditationshalle und sorgt im trubeligen Tratsch für
herrliche Harmonie.“
Na das ist doch mal ein Vorschlag.
-----------------------
Tag 3, 7:30 Uhr
Endlich ist Ruhe im Karton! Und
zwar in mehrfacher Hinsicht.
1. Shubra wird rausgeworfen, wenn
sie nicht den neuen Plan von Giri befolgt, denn es gab auch in der
Vergangenheit schon zahlreiche Beschwerden (sie ist nun schon seit April hier
im Zentrum). Das heißt: Sie hat nix mehr zu melden und hat fast komplett aufgehört, überhaupt mit uns zu reden. JUHU.
2. Die Kakerlake Hubert, die ich
gerade mit einem Becher vom Badezimmerboden über die Fliesen im Schlafzimmer
bis nach draußen gezogen habe, chillt jetzt auf dem Rücken und mit den Fühlern
kreisend ein paar Meter vor unserem Zimmer in der Sonne.
Hubert heißt Hubert, weil ich sonst direkt wegrennen würde. Mit diesem Namen im Kopf kann ich mir zumindest vorübergehend ausmalen, dass er im Herzen ein ganz süßer Käfer ist, den es optisch einfach hart getroffen hat.
Auch Mariana hätte wahrscheinlich beim Anblick von Hubi den Zimmerwechsel beantragt und dabei „La Cucaracha“ gesungen.
Ich erinnere mich direkt an Aruba, wo sie erfolgreich eine Kakerlake – die allerdings
wesentlich agiler als Hubert war – mit einem umgedrehten Papiereimer gefangen
und singend über den gesamten Hotelflur gezogen hat, um sie dann direkt vor
einem anderen Zimmer lachend freizulassen.
Ich möchte an dieser Stelle jedoch
darauf hinweisen, dass Hubert NICHT ganz so aktiv wie La Cucaracha Original
war. Hubert lag bereits vorher schon wie ein Mallorca-Sauftourist nach 3 Säulen
Wodka-Lemon auf dem Rücken. Ich hörte ihn noch ganz leise „Saufi saufi“ singen,
als ich ihn beinah ertrinkend auf den Fliesen unseres nassen Badezimmerbodens
fand und mich zu einer Rettungsaktion mit meiner bunten Tasse verpflichtet
fühlte. Hart, aber herzlich an einen
sicheren Ort: So hätten es die mallorquinischen Rettungssanitäter schließlich auch
getan.
----------
Der restliche Tag verläuft
überraschenderweise völlig anders als der Bechertransport von Hubert: Reibungslos. So langsam kehrt die Entspannung
zurück und ich kann mich wieder auf die Meditation konzentrieren.
Mein Magic Moment am Nachmittag:
Shubra schnappt sich ohne Ankündigung Huberts Kakerlaken-Transportbecher aus unserem Zimmer und sagt: „Ich möchte einer Teilnehmerin Flohsamenschalen und etwas Wasser gehen
Verstopfungen vorbeibringen!“ und verschwindet schneller als ich
überhaupt antworten kann wieder aus der Tür.
Na dann mal Prost! Hoffen wir mal,
dass der Darm mit der Kraft von Flohsamenschalen und des inzwischen von uns
gegangenen Hubert wieder frei wird!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen