Donnerstag, 24. Juni 2021

DHAMMA SEVAK

 „Herzlichen willkommen zum großen Wer-wird-Millionär-Zocker-Special",  sagt eine Männerstimme unter tobendem Applaus des Publikums. "Diese acht Kandidaten riskieren heute Kopf und Kragen auf dem Weg zu 2 Millionen Euro:

Monika Maske aus Duisburg. Sie machte zu Beginn der Pandemie 4-stellige Umsätze mit selbstgeschneiderten Stoffmasken.

Fiona Flagge aus Köln. Als Erste tauschte sie ihr Profilbild gegen eine Regenbogenflagge und setzte damit ein politisches Zeichen.

Petra Pieks aus Oldenburg. Sie hat inzwischen mehr Stempel in ihrem Impfpass als der Durchschnittsbürger auf seiner Kaffee-Bonuskarte.

Erich Einfach aus Weener. Er war der Erste, der den legendären EASY-Shopper im EDEKA Center Weener testen durfte.

Susi Schnell aus Flensburg. Bereits am 6.März 2021 ergatterte sie die ersten Corona-Schnelltests um 7 Uhr morgens bei Aldi an der Supermarktkasse.

Gerfried Genau aus Dielerheide. In seinem Job kommt er jedem Corona-Infizierten auf die Spur und leitet Quarantänemaßnahmen erfolgreich ein.

Karla Klug aus München. Sie ergatterte insgesamt 3 Impftermine und suchte sich am Ende den besten mit Biontech aus.

UUUUND

Shubra aus Indien. Die Lebensexpertin der Extraklasse weiß genau, was wann zu tun ist und ist sich für keinen Rat zu schade.

- Musik – Scheinwerferflackern – Applaus

„Und hiiiiier ist…Güüüüüüüntheeeeer Jauch!“

Das Publikum applaudiert.

„Guten Aaabend!“, sagt Jauch und betritt grinsend unter Jubel und Beifall den Saal. „Herzlichen willkommen zu unserem großen Zocker-Spezial, meine Damen und Herren! Das ist genau die richtige Stimmung für diese Sonderfolge an diesem Sonntagabend. Man wird hier nämlich nicht nur einmal Millionär, sondern man hat die Chance, Doppel-Millionär zu werden! Wie die genauen Regeln sind, erkläre ich später nochmal kurz. Ersparen kann ich keinem unserer Kandidaten jedoch diese kleine Auswahlfrage“, sagt Günther Jauch und blickt zu den Teilnehmern, die leicht nervös auf ihren Stühlen hin und herrücken und auf ihre Displays starren.

„Wir beamen uns in das Vipassana-Zentrum in Dubai und ich habe folgende Frage für Sie mitgebracht: Bitte ordnen Sie die folgenden Begriffe chronologisch nach dem Zeitpunkt ihres Geschehens.“

„Julia hat…“, sagt Jauch mit erhobener Stimme, 

A: Die Glocke 2 Minuten zu früh geläutet

B: Den Fernseher 3 Dezibel zu leise eingestellt

C: Ihre Körpertemperatur 30 Minuten zu spät gemessen

D: Die Raumtemperatur 2 Grad zu hoch eingestellt

Es ertönt einige Sekunden eine dynamische Wartemusik, bis mit einem „Düschhhhhh“ die Zeit endet.

„Juliaaa hat“, fährt Günther Jauch fort, „Die Glocke 2 Minuten zu früh geläutet. Anschließend hat sie den Fernseher 3 Dezibel zu leise eingestellt. Die Raumtemperatur war ganze 2 Grad zu hoch und zum Schluss hat sie ihre Körpertemperatur gemäß Corona-Regelung 30 Minuten zu spät gemessen und dokumentiert! A-B-D-C.“

Pling Pling Pling Pling

Die Namen der Teilnehmer mit der richtigen Antwort erscheinen grün markiert auf einem blau hinterlegten Display.

„SHUUUUUBRA aus Indien!“, sagt Jauch unter tobendem Applaus des Publikums.

Die Frau im grünen Gewand mit dem weißen Schal über ihrer Schulter erhebt sich und grinst mit einem süffisanten „War-doch-klar-dass-ich-es-auf-den-Stuhl-schaffe-Lächeln“ in die Kamera als sie auf Jauch zugeht. Jauch möchte ihr die Hand geben, doch sie lehnt mit angewinkelten Armen winkend ab und deutet eine kleine Verneigung an.

„Bestzeit! 0,1 Sekunden!“, sagt Jauch euphorisch und grinst die Teilnehmerin in ihrem indischen Sari freudig an als sie ihren Hintern auf den lederüberzogenen Hocker schwingt. „Meine Damen und Herren, das ist ja der Waaaaahnsinn! Das ist ja schneller als die deutsche Bahn!“, lacht Jauch. „So etwas hat es seit 1999 in dieser Show noch nicht gegeben. Ihre Finger waren ja schneller als der Blitz!“

Jauch ist völlig aus dem Häuschen. Shubra nickt.

„SHUBRA aus Indien, selbsternannte Lebensexpertin, Ordnungscoach und Arbeitsbeschafferin. Nicht nur eine äußerst interessante Karriere, die sie hingelegt hat, sondern auch eine Waaaaahnsinns-Zeit“, heißt Günther Jauch die Dame mit breitem Grinsen auf ihrem Platz willkommen. „Frisch geschieden ist sie, Single ist sie, keine Kinder und wohnhaft Indien oder auch zeitweise in den Meditationszentren dieser Erde“ beschreibt Jauch die leicht kritisch blickende Frau und schiebt das Wasserglas mit einem Nicken auf dem kleinen Pult 10 cm nach vorne.

„Herr Jauch, das Wasser gehört DA nicht hin!“, flüstert Shubra und schüttelt den Kopf.

Jauch schaut leicht verdattert mit einem Grinsen in die Kamera.

„Da haben Sie natürlich völlig Recht“, erwidert er freundlich und schiebt das Glas mit einem sanften Stupser zurück an seinen ursprünglichen Platz. „Na wenn ich es heute nicht bis zur Million schaffe, dann lediglich, weil da jetzt Wasserspuren neben meinem Display sind!“, sagt Shubra mit einem aufgesetzten Lächeln. „Wie soll ich mich denn so auf die Fragen konzentrieren, Herr Jauch?“

Ein Fernsehmitarbeiter mit schwarzen Kopfhörern und Basecap in dunkelblauem Poloshirt schleicht sich unauffällig ins Bild und poliert die kleine Ablage, auf der das Glas steht.

„Danke“, flüstert Jauch und wendet sich wieder Shubra zu.

 „Mööögen Sie uns verraten, wen Sie heute mitgebracht haben?“, fragt Jauch und lässt seinen Blick durch das Publikum schweifen bis sein Blick an einem leeren Platz endet.

Shubra zieht die Mundwinkel nach oben.

„Ich komme allein zurecht, Herr Jauch!“ antwortet sie und schüttelt energisch den Kopf. Das Publikum klatscht. „Ich brauche niemanden, denn wenn ICH die Antworten nicht kenne, dann auch NOBODY ELSE.“

„Respekkkt!“ sagt auch Jauch mit scharfer Betonung auf das „s“ und tippt nickend auf sein Display. „Dann brauche ich Sie wahrscheinlich auch nicht zu fragen, ob Sie den Zusatz-Joker wollen…richtig?“

„Fragen müssen Sie mich gemäß der Regelungen dieses deutschen Fernsehformates trotzdem, aber das heißt ja nicht, dass ich ihn brauche, Herr Jauch. Lassen Sie mich kurz überlegen“, sagt Shubra und schließt meditativ für einige Sekunden die Augen.

„Natürlich brauche ich keinen Zusatzjoker!“, lautet nach einigen Sekunden der Stille die Antwort.

„Nun gut. Kein Zusatzjoker, keine Begleitung: Dann kann es ja losgehen“, fährt Jauch fort.

„Starten wir mit der 500-€-Frage. Das wird Ihnen gefallen, Frau…wie lautet eigentlich ich ihr Nachname?“

„Das geht Sie und das deutsche Fernsehen rein gar nichts an, Herr Jauch. Wenn ich hier erstmal die Millionen abgeräumt habe, werden Sie ihn beim Ausfüllen des Überweisungsbeleges noch früh genug erfahren!“, grinst Shubra.

„Ok…nun gut nun gut“, sagt Jauch und blickt sichtlich irritiert in die Kamera.

„Düdüdüdüüüüümmmmm“, ertönt es aus dem Lautsprecher und ein heller Scheinwerfer schwenkt einmal durch den Saal.

„Fraaaaaage Nummer 1! Welche der folgenden Aussagen ist korrekt? Julia darf…

A: Frei darüber entscheiden, wann sie an der Meditation teilnimmt

B: Zwischen 15:30 Uhr und 17 Uhr eine Pause machen

C: Frei wählen, ob sie in der Meditationshalle hinten oder vorne sitzt

D: Den Wasserkanister wechseln, wenn sie Zeit hat“

Jauch grinst die Teilnehmerin über den Rand des Displays an. „Das sollte doch ein Kinderspiel für sie sein, oder?“

Shubra kneift die Augen zusammen während sich ihre Stirn in Falten legt.

„Was ist das für eine EXTREM schwachsinnige Frage, Herr Jauch. Ohne mein Einverständnis wird hier gar nichts genehmigt!“ sagt Shubra und haut wutentbrannt das Wasserglas vom Pult.

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KLIIRRR

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen als ich nach dem Abwasch der Utensilien vom Mittagessen grinsend einen Edelstahl-Becher neben Bharati auf den Boden fallen lasse. „Pick it up, slave!“, flüstert Bharati und lacht.

Ganz ehrlich: Wenn ich mir hier nicht ab und zu solche Phantasie-Storys in den Kopf rufe, werf ich Shubra wahrscheinlich spätestens heute Abend ihren Zucker-Puffreis mit der bewusst falsch ausgewählten Suppenkelle samt Kelle und wahrscheinlich sogar samt Puffreis-Edelstahldose mit Deckel an den Kopf. Zum Glück bin ich nicht allein und Bharati ist zumindest bis Tag 5 hier.

Gegen 12:30 Uhr mache ich mich auf den Weg zur Meditationshalle und halte mein Gesicht kurz in die Sonne und schließe kurz die Augen. Nicht ausrasten, Julia. Auch wenn du heute scheinbar schon wieder so einiges falsch gemacht hast. Alles was sie braucht, ist jemand, der ihr das Gefühl gibt, das geilste Zebra der Zebrabande zu sein. Und vielleicht eine Umarmung und ein bisschen Liebe.

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Als Shubra mir nach den Nachmittags-Meditationseinheiten um 16 Uhr das Thermometer in die Hand drückt, bin ich leicht verwirrt. Zum einen, weil das mal wieder gar nicht meine Aufgabe ist, die Temperatur der Teilnehmer zu messen und in eine Tabelle einzutragen. Zum anderen, weil die Temperaturangabe in Fahrenheit auf dem kleinen Display erscheint.

„YOU DO IT!“, sagt sie. „I am too busy!“

Womit sie denn so superbusy ist, frage ich schon gar nicht mehr, aber ich weise sie darauf hin, dass das Thermometer nur Fahrenheit anzeigt. Sie huscht einmal um das Gebäude, kommt mit einem anderen Thermometer zurück und verschwindet auch direkt wieder ohne dass ich irgendwelche Fragen stellen kann.

Na gut. Dann wollen wir mal dieser neu gewonnenen Aufgabe nachgehen.

Ich schaue auf das Display des Infrarotthermometers und mache einen Test an meinem Arm. 36,6. Nächste Teilnehmerin: 36,5. Dann 36,6; nochmal 36,6 und 36,5. Ich glaube, dass ich gerade erfolgreich die Außentemperatur in 16-facher Ausführung dokumentiere, aber scheiß drauf. Könnte ja durchaus vorkommen, dass ich mal wieder etwas falsch mache.

Ich lege das fertig ausgefüllte Blatt zusammen mit dem Klemmbrett und dem Thermometer auf dem Tisch vor der Halle ab. 

Nach dem Abendessen und dem Herauspicken sämtlicher Erdnüsse aus Shubra’s Puffreis-Portion („I don’t like it!“) frage ich Bharati, ob SEVAK eigentlich Sklave bedeutet. Ich blicke auf die Karte, die an dem blauen Umhängeband befestigt ist, das ich seit vorgestern trage: DHAMMA SEVAK steht dort.

Ich stelle mir kurz vor, wie Shubra in einer Quizshow ein „L“ kauft und die Buchstaben von SEVAK ein wenig umsortiert.

DHAMMA SKLAVE.

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