„Herzlichen willkommen zum großen Wer-wird-Millionär-Zocker-Special", sagt eine Männerstimme unter tobendem Applaus des Publikums. "Diese acht Kandidaten riskieren heute Kopf und Kragen auf dem Weg zu 2 Millionen Euro:
Monika Maske aus Duisburg. Sie machte
zu Beginn der Pandemie 4-stellige Umsätze mit selbstgeschneiderten Stoffmasken.
Fiona Flagge aus Köln. Als Erste tauschte
sie ihr Profilbild gegen eine Regenbogenflagge und setzte damit ein politisches Zeichen.
Petra Pieks aus Oldenburg. Sie
hat inzwischen mehr Stempel in ihrem Impfpass als der Durchschnittsbürger auf
seiner Kaffee-Bonuskarte.
Erich Einfach aus Weener. Er war
der Erste, der den legendären EASY-Shopper im EDEKA Center Weener testen
durfte.
Susi Schnell aus Flensburg. Bereits am
6.März 2021 ergatterte sie die ersten Corona-Schnelltests um 7 Uhr morgens bei Aldi an
der Supermarktkasse.
Gerfried Genau aus Dielerheide. In
seinem Job kommt er jedem Corona-Infizierten auf die Spur und leitet Quarantänemaßnahmen
erfolgreich ein.
Karla Klug aus München. Sie ergatterte
insgesamt 3 Impftermine und suchte sich am Ende den besten mit Biontech aus.
UUUUND
Shubra aus Indien. Die
Lebensexpertin der Extraklasse weiß genau, was wann zu tun ist und ist sich für
keinen Rat zu schade.
- Musik – Scheinwerferflackern –
Applaus
„Und hiiiiier ist…Güüüüüüüntheeeeer
Jauch!“
Das Publikum applaudiert.
„Guten Aaabend!“, sagt Jauch und
betritt grinsend unter Jubel und Beifall den Saal. „Herzlichen willkommen zu
unserem großen Zocker-Spezial, meine Damen und Herren! Das ist genau die
richtige Stimmung für diese Sonderfolge an diesem Sonntagabend. Man wird hier
nämlich nicht nur einmal Millionär, sondern man hat die Chance, Doppel-Millionär zu werden! Wie die
genauen Regeln sind, erkläre ich später nochmal kurz. Ersparen kann ich keinem
unserer Kandidaten jedoch diese kleine Auswahlfrage“, sagt Günther Jauch und
blickt zu den Teilnehmern, die leicht nervös auf ihren Stühlen hin und
herrücken und auf ihre Displays starren.
„Wir beamen uns in das
Vipassana-Zentrum in Dubai und ich habe folgende Frage für Sie mitgebracht: Bitte
ordnen Sie die folgenden Begriffe chronologisch nach dem Zeitpunkt ihres
Geschehens.“
„Julia hat…“, sagt Jauch mit
erhobener Stimme,
A: Die Glocke 2 Minuten zu früh
geläutet
B: Den Fernseher 3 Dezibel zu
leise eingestellt
C: Ihre Körpertemperatur 30
Minuten zu spät gemessen
D: Die Raumtemperatur 2 Grad zu
hoch eingestellt
Es ertönt einige Sekunden eine dynamische
Wartemusik, bis mit einem „Düschhhhhh“ die Zeit endet.
„Juliaaa hat“, fährt Günther
Jauch fort, „Die Glocke 2 Minuten zu früh geläutet. Anschließend hat sie den
Fernseher 3 Dezibel zu leise eingestellt. Die Raumtemperatur war ganze 2 Grad
zu hoch und zum Schluss hat sie ihre Körpertemperatur gemäß Corona-Regelung 30
Minuten zu spät gemessen und dokumentiert! A-B-D-C.“
Pling Pling Pling Pling
Die Namen der Teilnehmer mit der
richtigen Antwort erscheinen grün markiert auf einem blau hinterlegten Display.
„SHUUUUUBRA aus Indien!“, sagt
Jauch unter tobendem Applaus des Publikums.
Die Frau im grünen Gewand mit dem
weißen Schal über ihrer Schulter erhebt sich und grinst mit einem süffisanten
„War-doch-klar-dass-ich-es-auf-den-Stuhl-schaffe-Lächeln“ in die Kamera als sie
auf Jauch zugeht. Jauch möchte ihr die Hand geben, doch sie lehnt mit
angewinkelten Armen winkend ab und deutet eine kleine Verneigung an.
„Bestzeit! 0,1 Sekunden!“, sagt Jauch
euphorisch und grinst die Teilnehmerin in ihrem indischen Sari freudig an als sie ihren
Hintern auf den lederüberzogenen Hocker schwingt. „Meine Damen und Herren, das
ist ja der Waaaaahnsinn! Das ist ja schneller als die deutsche Bahn!“, lacht Jauch.
„So etwas hat es seit 1999 in dieser Show noch nicht gegeben. Ihre Finger waren
ja schneller als der Blitz!“
Jauch ist völlig aus dem
Häuschen. Shubra nickt.
„SHUBRA aus Indien,
selbsternannte Lebensexpertin, Ordnungscoach und Arbeitsbeschafferin. Nicht nur
eine äußerst interessante Karriere, die sie hingelegt hat, sondern auch eine
Waaaaahnsinns-Zeit“, heißt Günther Jauch die Dame mit breitem Grinsen auf ihrem
Platz willkommen. „Frisch geschieden ist sie, Single ist sie, keine Kinder und
wohnhaft Indien oder auch zeitweise in den Meditationszentren dieser Erde“
beschreibt Jauch die leicht kritisch blickende Frau und schiebt das Wasserglas mit
einem Nicken auf dem kleinen Pult 10 cm nach vorne.
„Herr Jauch, das Wasser gehört DA
nicht hin!“, flüstert Shubra und schüttelt den Kopf.
Jauch schaut leicht verdattert
mit einem Grinsen in die Kamera.
„Da haben Sie natürlich völlig Recht“, erwidert er freundlich und schiebt das Glas mit einem sanften Stupser zurück an seinen ursprünglichen Platz. „Na wenn ich es heute nicht bis zur Million schaffe, dann lediglich, weil da jetzt Wasserspuren neben meinem Display sind!“, sagt Shubra mit einem aufgesetzten Lächeln. „Wie soll ich mich denn so auf die Fragen konzentrieren, Herr Jauch?“
Ein Fernsehmitarbeiter mit
schwarzen Kopfhörern und Basecap in dunkelblauem Poloshirt schleicht sich unauffällig
ins Bild und poliert die kleine Ablage, auf der das Glas steht.
„Danke“, flüstert Jauch und
wendet sich wieder Shubra zu.
„Mööögen Sie uns verraten, wen Sie heute
mitgebracht haben?“, fragt Jauch und lässt seinen Blick durch das Publikum
schweifen bis sein Blick an einem leeren Platz endet.
Shubra zieht die Mundwinkel nach
oben.
„Ich komme allein zurecht, Herr
Jauch!“ antwortet sie und schüttelt energisch den Kopf. Das Publikum
klatscht. „Ich brauche niemanden, denn wenn ICH die Antworten nicht kenne, dann auch NOBODY ELSE.“
„Respekkkt!“ sagt auch Jauch mit
scharfer Betonung auf das „s“ und tippt nickend auf sein Display. „Dann brauche
ich Sie wahrscheinlich auch nicht zu fragen, ob Sie den Zusatz-Joker
wollen…richtig?“
„Fragen müssen Sie mich gemäß der
Regelungen dieses deutschen Fernsehformates trotzdem, aber das heißt ja nicht,
dass ich ihn brauche, Herr Jauch. Lassen Sie mich kurz überlegen“, sagt Shubra
und schließt meditativ für einige Sekunden die Augen.
„Natürlich brauche ich keinen
Zusatzjoker!“, lautet nach einigen Sekunden der Stille die Antwort.
„Nun gut. Kein Zusatzjoker, keine
Begleitung: Dann kann es ja losgehen“, fährt Jauch fort.
„Starten wir mit der 500-€-Frage.
Das wird Ihnen gefallen, Frau…wie lautet eigentlich ich ihr Nachname?“
„Das geht Sie und das deutsche
Fernsehen rein gar nichts an, Herr Jauch. Wenn ich hier erstmal die Millionen
abgeräumt habe, werden Sie ihn beim Ausfüllen des Überweisungsbeleges noch früh
genug erfahren!“, grinst Shubra.
„Ok…nun gut nun gut“, sagt Jauch
und blickt sichtlich irritiert in die Kamera.
„Düdüdüdüüüüümmmmm“, ertönt es
aus dem Lautsprecher und ein heller Scheinwerfer schwenkt einmal durch den
Saal.
„Fraaaaaage Nummer 1! Welche der
folgenden Aussagen ist korrekt? Julia darf…
A: Frei darüber entscheiden, wann
sie an der Meditation teilnimmt
B: Zwischen 15:30 Uhr und 17 Uhr
eine Pause machen
C: Frei wählen, ob sie in der
Meditationshalle hinten oder vorne sitzt
D: Den Wasserkanister wechseln,
wenn sie Zeit hat“
Jauch grinst die Teilnehmerin über
den Rand des Displays an. „Das sollte doch ein Kinderspiel für sie sein, oder?“
Shubra kneift die Augen zusammen
während sich ihre Stirn in Falten legt.
„Was ist das für eine EXTREM schwachsinnige Frage, Herr Jauch. Ohne mein Einverständnis wird hier gar nichts
genehmigt!“ sagt Shubra und haut wutentbrannt das Wasserglas vom Pult.
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KLIIRRR
Ich werde aus meinen Gedanken
gerissen als ich nach dem Abwasch der Utensilien vom Mittagessen grinsend einen
Edelstahl-Becher neben Bharati auf den Boden fallen lasse. „Pick it up,
slave!“, flüstert Bharati und lacht.
Ganz ehrlich: Wenn ich mir hier nicht ab und zu solche Phantasie-Storys in den Kopf rufe, werf ich Shubra wahrscheinlich spätestens heute Abend ihren Zucker-Puffreis mit der bewusst falsch ausgewählten Suppenkelle samt Kelle und wahrscheinlich sogar samt Puffreis-Edelstahldose mit Deckel an den Kopf. Zum Glück bin ich nicht allein und Bharati ist zumindest bis Tag 5 hier.
Gegen 12:30 Uhr mache ich mich auf
den Weg zur Meditationshalle und halte mein Gesicht kurz in die Sonne und
schließe kurz die Augen. Nicht ausrasten, Julia. Auch wenn du heute scheinbar
schon wieder so einiges falsch gemacht hast. Alles was sie braucht, ist jemand,
der ihr das Gefühl gibt, das geilste Zebra der Zebrabande zu sein. Und vielleicht
eine Umarmung und ein bisschen Liebe.
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Als Shubra mir nach den
Nachmittags-Meditationseinheiten um 16 Uhr das Thermometer in die Hand drückt, bin
ich leicht verwirrt. Zum einen, weil das mal wieder gar nicht meine Aufgabe
ist, die Temperatur der Teilnehmer zu messen und in eine Tabelle einzutragen. Zum
anderen, weil die Temperaturangabe in Fahrenheit auf dem kleinen Display erscheint.
„YOU DO IT!“, sagt sie. „I am too busy!“
Womit sie denn so superbusy ist, frage
ich schon gar nicht mehr, aber ich weise sie darauf hin, dass das Thermometer
nur Fahrenheit anzeigt. Sie huscht einmal um das Gebäude, kommt mit einem
anderen Thermometer zurück und verschwindet auch direkt wieder ohne dass ich
irgendwelche Fragen stellen kann.
Na gut. Dann wollen wir mal
dieser neu gewonnenen Aufgabe nachgehen.
Ich schaue auf das Display des
Infrarotthermometers und mache einen Test an meinem Arm. 36,6. Nächste
Teilnehmerin: 36,5. Dann 36,6; nochmal 36,6 und 36,5. Ich glaube, dass ich
gerade erfolgreich die Außentemperatur in 16-facher Ausführung dokumentiere,
aber scheiß drauf. Könnte ja durchaus vorkommen, dass ich mal wieder etwas falsch mache.
Ich lege das fertig ausgefüllte
Blatt zusammen mit dem Klemmbrett und dem Thermometer auf dem Tisch vor der
Halle ab.
Nach dem Abendessen und dem
Herauspicken sämtlicher Erdnüsse aus Shubra’s Puffreis-Portion („I don’t like it!“)
frage ich Bharati, ob SEVAK eigentlich Sklave bedeutet. Ich blicke auf die
Karte, die an dem blauen Umhängeband befestigt ist, das ich seit vorgestern
trage: DHAMMA SEVAK steht dort.
Ich stelle mir kurz vor, wie
Shubra in einer Quizshow ein „L“ kauft und die Buchstaben von SEVAK ein wenig
umsortiert.
DHAMMA SKLAVE.
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