Als um 3:30 Uhr Bharati’s Wecker klingelt, fühle ich mich noch leicht betrunken vor Müdigkeit. Bharati steht normalerweise immer um 2 Uhr auf (whaaaat?) und hat an Day Zero vorgeschlagen, dass wir ja noch 30 Minuten eher aufstehen und ganz gemütlich in der Küche einen Tee trinken können. Also machen wir uns um 3:40 Uhr auf den Weg nach draußen. Vorbei an der Meditationshalle und dem Pool durch den von Palmen eingerahmten Weg bis hin zum Speisesaal.
Bharati und ich teilen uns einen
zuckersüßen Instant-Chai-Tee und essen zwei Ingwerkekse. Wieder bei den Zimmern
angekommen, schnappe ich mir um 4:20 Uhr die beiden goldenen Glocken und mache
meine Dingdingding-Wakeup-Tour und laufe einmal an allen Zimmern entlang. In
meinem Kopf schreie ich ganz laut „WAAAAAAAAKE UP“ wie der Ranger im
Dschungelcamp und in der Realität schüttele ich abwechselnd die Glocke in
meiner linken und meiner rechten Hand und tanze vor den Zimmern entlang und
wackle mit der Hüfte als ob ich gerade bunte Maracas schütteln würde.
Um 4:30 sitze ich vorne links an
der Wand auf meinem blauen Kissen in der Meditationshalle und versuche, mich
zwischen Magenknurren und Müdigkeit auf die Technik zu konzentrieren. Einatmen
und ausatmen. Manchmal macht mein Bauch allerdings echt so peinliche Ich-will-Frühstück-Geräusche,
dass ich mehr an meinen Bauch als an die Meditation denke und ihn in Gedanken
bitte, noch 2 Stunden mal eben die Fresse zu halten. Lieber Bauch, noble silence,
please. Kommunikation ist hier verboten und das gilt auch für dich mein Freund!
Diese Halle und die extreme Stille verstärken das Geräusch zusätzlich, so dass ich
mich regelmäßig selbst über die Lautstärke erschrecke.
Gegen 6 Uhr laufe ich zum
Speisesaal. Ich schnappe mir die Dose mit den Ginger-Cookies und gönne mir
erstmal noch ein paar weitere Kekse. Bevor hier irgendjemand zum Frühstücken
eintrifft und ich die Frühstücksutensilien auf dem Plastiktisch vorbereite, unternehme ich einen Bestechungsversuch: Nimm das, du nerviger Bauch und
beschwer dich den Rest des Tages nicht!
Mein Bauch ist extrem harmlos gegen Shubra, die gerade den Speisesaal betreten hat und mir wie in einer schlechten Arbeitsunterweisung erklärt, wie die Dinge zu laufen haben. Den Namen Shubra konnte ich mir einige Zeit nicht merken, aber seitdem ich an ein Zebra denke, was mit Quer- statt mit Längsstreifen ausgestattet ist und aus der Reihe tanzt, funktioniert das ganz wunderbar. Ich beame mich dann immer gedanklich in einen Zoo und höre den Zoodirektor über ein Megafon sagen: „Meine Damen und Herren, haben Sie schon unser einzigartiges SHUBRA in Gehege Z gesehen? Es tanzt ein wenig aus der Reihe und Sie werden es daran erkennen, dass die Streifen ein wenig anders angeordnet sind. Die Streifen schützen Zebras und auch Shubras im Allgemeinen vor gefährlichen Angreifern. Sie erzeugen eine Art Blendeeffekt, der die Angreifer verwirrt. Unser Shubra zeichnet sich zudem dadurch aus, dass es sich nur schwer in die restliche Herde integrieren lässt und es ihm etwas an Sozialkompetenz mangelt. Das einzigartige Shubra hält sich aufgrund seiner Andersartigkeit für den Anführer der Herde und zeigt den Zebras, wo es lang geht. Sie werden es leicht daran erkennen, dass sich unsere Zebras in der Nähe des Shubras etwas angespannt verhalten.“
„Julia, ordne die Sachen SO an!“,
werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Shubra nimmt jedes der auf dem Tisch
geparkten Utensilien und verschiebt alles um etwa 10 cm nach links.
„Nimm diesen Löffel für die
Cornflakes, nicht den!“
„Nimm den Toast mit deinen Händen
vom Teller und nicht mit der Zange!“
„Der Fernseher hat die falsche
Lautstärke!“
„Deine Kekse gehören NICHT auf
den Tisch!“
„Trinke keinen Tee am Tisch. Das
ist nicht erlaubt!“
„Der Ventilator zeigt in die
falsche Richtung!“
Blaaaa.
Leute, Leute. Kann hier bitte mal
jemand das Shubra mit einem Lasso einfangen und zurück in den Stall bringen und
einfach die Tür zumachen?
Als der Gong um 6:30 Uhr ertönt
und die Teilnehmer kommen, steht Bharati neben mir und hilft beim Servieren.
Shubra schnappt sich hingegen einen Teller und stellt sich ganz vorne in die
Schlange. Sie flüstert mir zu, dass sie jetzt erstmal selbst eine Runde
frühstücken wird (sie hat mir ja schließlich eine Einweisung gegeben und muss
sich jetzt stärken) und Bharati mir bei allem helfen wird.
„Zu wenig!“, zeigt sie mit ihrer
Hand als ich ihr Cornflakes mit dem definierten Löffel in ihre
Edelstahlschüssel gebe um mir nur 3 Sekunden später zu vermitteln, dass es
jetzt VIEL ZU VIEL ist. Sie kippt die Hälfte der Cornflakes aus ihrer Schüssel
zurück in die große Plastikschale. Die Marmeladenportion ist zu klein, die
Butterportion zu groß. Das Melonenstück gefällt ihr optisch nicht und ich habe
ihr 5 statt der mir gestatteten 4! Mandeln pro Teilnehmer gegeben. Eine Mandel zu
viel! Shame on me.
Falsch, alles falsch.
Nach einer Meditation am Vormittag
geht die Einweisung in mein neues Sklavendasein bei der Vorbereitung des
Mittagessens munter weiter.
„Chapati wird 2x gefaltet und WIR
verwenden keine Zange“, reißt sie mir den Teigfladen aus der Hand und
demonstriert, wie man ein Fladenbrot shubra-gemäß akkurat faltet. Als ob ich
der Dulli vom Dienst bin, der gerade an einem Fladenbrot-Origami-Kurs teilnimmt
und die erste Basislektion verschissen hat.
„Die Klimaanlage ist falsch eingestellt!“, sagt sie kurze Zeit später und reduziert die Temperatur um 1 !!! Grad. Wow. Komplett falsch.
Als ich ihr wieder als Erste der
Schlange das Essen serviere, verneigt sie sich vor mir als ich ihr das doppelt gefaltete Fladenbrot auf den Teller lege. Ich habe da sofort den kleinen Affen von den Simpsons im Kopf, der
freudig zwei Becken gegeneinanderschlägt und mir auf diese Art Applaus gibt.
Ich habe es doch tatsächlich geschafft, ein Fladenbrot akkurat zu falten! Respekt, Julia. Es ist faszinierend, in welcher Geschwindigkeit du dazulernst!
Ihre Salatportion ist natürlich wieder
viel zu klein und ich soll doch bitte mehr Paprika aus dem Salat picken, denn
das mögen Shubras ganz besonders gerne. Beim Gemüsecurry soll ich darauf
achten, dass bloß kein Blumenkohl auf ihrem Teller landet und beim Labneh habe
ich 4 Umdrehungen zu wenig gerührt.
„Ich bin der Manager!“, erklärt
sie, als Bharati am Nachmittag fragt, warum sie uns hier wie ein Sklaventreiber
in der Gegend herumscheucht. Anschließend verschwindet sie zum „chillen“ in ihr
Zimmer. Bharati und ich teilen uns 4 Stunden Meditation. „Ich bin
soooooo beschäftigt und brauche eine Pause!“
Am Nachmittag habe ich in
Vorbereitung auf die „Evening snacks“ natürlich erfolgreich die Limetten falsch
geschnitten. Hätte man mir vorher gesagt, dass der Saft von geviertelten
Limetten besser oder anders schmeckt als der von halbierten, dann hätte ich das
wahrscheinlich schon 32 Jahre so gemacht. Aber es ist ja schließlich nie zu
spät, die wirklich lebensbereichernden Tipps auch in hohem Alter noch in den
Alltag zu integrieren. Ich bin für Optimierungen offen: Also immer her damit.
„Magst du meinen
Special-Puffreis?“, fragt das bekloppte Zebra grinsend und hält mir kauend die Schüssel
mit glänzendem Puffreis unter die Nase. Sie hat eine Special-Puffreis-Kreation
gezaubert (Puffreis vermengt mit Wasser und Zucker, der aber ihrer Meinung nach
KEIN Zucker ist!) und ich bin begeistert von dieser Rezeptkreation, die dem Zusammenschütten
der zwei Komponenten eines „Müller mit der Ecke“-Desserts gleicht. Ein „Ich-hab-mir-zuviel-auf-den-Teller-geschüttet“
getarnt als Großzügigkeit. Huiii. Wer möchte nicht gern den bereits
angeschlabberten Puffreis von einer fremden Person aufessen, die ähnlich viele
Sympathie-Punkte abräumt wie Deutschland beim Eurovision Song Contest? Ich
nicht.
„DON’T WASTE IT for Dhamma!“, hat
sie mich nämlich noch beim Frühstück zurechtgewiesen und jetzt steht sie hier
mit ihrer Monsterportion Zucker-Puff Spezial. Ich musste mir vor einigen
Stunden unter Beobachtung einen weiteren Toast schmieren, um meine übrig
gebliebenen 2 g Butter und 3 g Marmelade vom Frühstück aufzubrauchen. Soll sie ihren
Kack-Puffreis jetzt auch alleine aufessen.
„No, thanks.“
Die Abend-Meditation bringt mich
wieder etwas runter und als wir den Dhamma-Talk (einstündiges Informationsvideo
von S.N. Goenka über die Hintergründe und Technik von Vipassana schauen), weiß
ich wieder, warum ich eigentlich hier bin. Der Tag endet mit einer weiteren
Meditation zu viert mit Bharati, Shubra und der Lehrerin und einem kurzen
Austausch darüber, wie der Tag so war.
War super.
Ich bin auf dem besten Weg, ein
professionell ausgebildeter Sklave zu werden!
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