Am 4. Juni sitze ich um 9 Uhr in meiner hässlichen grünen Hose an der Rezeption und warte, dass mich Kiran abholt. Kiran ist freiwilliger Helfer an DAY ZERO (Anreisetag für die Meditation) und wird mich hier aufgabeln und mit ins 80 km entfernte Ras al Chaimah nehmen. Day Zero erinnert mich irgendwie an Ground Zero und ich hoffe, dass es hier etwas entspannter zugehen wird.
Es ist ein komisches Gefühl, zu wissen, dass ich jetzt erstmal 10 Tage offline sein werde. Zum ersten Mal in 2,5 Jahren! Abgeschnitten von der Außenwelt. Wer hätte gedacht, dass ich das mal freiwillig zulasse? Arbeiten ist immerhin mein persönliches Netflix und mein Sofa ist für mich nur ein raumfüllendes Dekorationsobjekt in meiner Wohnung. Ich verabschiede mich noch schnell von allen wichtigen Menschen als würde ich gleich den Planeten für immer verlassen und installiere eine kreative Abwesenheitsnotiz für meinen Mailaccount: „Kaum zu glauben, aber wahr: Julia ist nicht da!“
Als wir gegen 11 Uhr am Meditationszentrum ankommen, hüpfe ich aus dem Auto und sage: „Craaaazy. Das sieht hier ja aus wie Lego!“ Ich werde von 2 Augenpaaren verwirrt angeschaut. Frei nach dem Motto: „Die Deutsche hat jetzt schon Halluzinationen und wir sind gerade erst angekommen!“. Das hier ist nämlich kein typisches Meditationszentrum, sondern eine Life-Version der Lego-Ritterburg, mit der mein Bruder und ich als Kinder gespielt haben. Der Unterschied ist, dass ich dieses Mal selbst die Legofigur sein darf. Und natürlich, dass mein Bruder dieses Live-Gebilde nicht zertreten und mich zum Heulen bringen kann.
Ich schnappe mir meinen Backpack
und werde von Ashok zuerst durch die Rezeption und dann zu meinem Zimmer mit
der Nummer 10 geführt. Den Namen kann ich mir übrigens super mit einer
Arschloch-Eselsbrücke auf Anhieb merken. Ich schmeiße meine Sachen auf das Bett
so wie es sich für einen echten Ordnungs-Legastheniker gehört und dann bekomme ich einen kleinen Rundgang. Zimmer,
Meditationshalle und Speisesaal. Ein Weg, der wie im Freizeitpark von
künstlichen Baumstümpfen eingerahmt ist und durch einen Garten mit Dattelpalmen
führt. Auf dem Rasen mehrere Hollywoodschaukeln aus Stahl, ein goldener Brunnen
mit Löwenköpfen und eine kleine überdachte Hütte mit Bänken.
Ein von Palmenblättern überdachter Pool mit trübem Wasser und dahinter die rechteckige Meditationshalle, die mich irgendwie an den Speisesaal von Harry Potter erinnert.
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Gegen 14 Uhr sitzen Bharati, Shubra, Askoh, Kiran, Giri und ich auf dem mit blauem Laken überzogenen Teppich in der Meditationshalle der Männer. Ich stelle fest, dass ich auch jetzt noch wie eine ungelenkige vietnamesische Stabheuschrecke bin und immer noch keinen Schneidersitz beherrsche. „Also Julia…du bist ja 10 Tage hier und du bist für den Speisesaal verantwortlich", sagt Giri und schaut mich an. "Bharati ist für die Glocke zuständig und Shubra wird sich um die Meditationshalle kümmern“, fährt er fort. "Falls du irgendwelche Fragen hast, wende dich am besten an Shubra. Sie ist jetzt schon den 4. Kurs in Folge Helferin und kennt sich bestens aus“, fügt er mit breitem Grinsen hinzu. Shubra nickt zufrieden.
Ich nehme meinen blauen Kugelschreiber
und mache mir ein paar Notizen auf meinen zusammengetackerten Blättern, die mir
Giri gerade gegeben hat:
- Aufstehen um 4.
- Teilnehmer wecken, meditieren
- Frühstück machen, meditieren
- Mittagessen vorbereiten,
meditieren
- Meditieren, meditieren
- Abendsnacks
- Aufräumen
- Meditieren
- Glocke läuten nicht vergessen
Ein Programm so abwechslungsreich wie die Orgel-Playlist der katholischen Kirche!
"Und ganz wichtig: Make sure to take a rest!" Also falls da irgendwo zwischen Meditation und Arbeiten noch Platz ist.
- Feierabend gegen 22 Uhr
Rechne, rechne. 18-Stunden-Tag.
Ganz ehrlich. Meine Legofiguren
hatten damals ein entspannteres Leben. Auch wenn sie ab und zu von Andre durchs
Wohnzimmer gekickt wurden.
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Um 15 Uhr kommen die Teilnehmer an und werden gebeten, ihre Wertsachen und ihr Handy an der Rezeption abzugeben. Ich laufe zu meinem Zimmer und hole meinen Laptop. Als ich ihn in den cremefarbenen Stoffbeutel stecke, fühle mich als würde ich gerade mein Kind in einen Müllsack stecken und in der Babyklappe abgeben. Ich bin kurz davor, ein paar Tränen zu vergießen so wie es sich für eine echte Laptop-Mama gehört. Seit 2018 trage ich dich nun Tag und Nacht bei mir, mein Business-Baby. Bitte komm auch eine Woche ohne mich klar.
„Gebt mir mein Baby bloß heil zurück und passt gut auf!“
Ich möchte ebenfalls mein Handy
abgeben, aber werde von Giri gebeten, es zu behalten. „Als Helfer dürft ihr
reden und auch Kontakt zur Außenwelt haben. Wir haben auch eine WhatsApp-Gruppe
für den Austausch“, erklärt er. Ich bin verwirrt und runzle die Stirn. Ey Giri,
ich dachte, wir kommunizieren hier ausschließlich per Gedankenübertragung,
Morsezeichen oder Gebärdensprache und jetzt sagst du mir, ich darf als Helfer
reden?!
„Also Giri, ich möchte auf keinen
Fall in diese WhatApp-Gruppe“, sage ich als hätte man mir gerade eine dieser
mysteriösen Gruppenanfragen über Social Media gesendet oder mir eine Einladung zu
einem Kettenbrief gesendet. „Am liebsten würde ich gern auch mein Handy
abgeben, Giri." Wenn ich es behalte, können wir uns jetzt direkt von
meiner Konzentration verabschieden und sie hier gemeinsam an der Rezeption
begraben. Das wird wie der Versuch sein, mit einem eingeschalteten Radio
während einer Autofahrt die Verkehrsdurchsagen zu überhören. „Wenn etwas
wichtig ist, sage ich es Shubra“ schlage ich vor.
Giri nickt.
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Wieder angekommen in meinem
Zimmer, klopft Bharati an die Tür. „Ist es ok für dich, wenn ich mit dir in
einem Zimmer schlafe?“, fragt sie. „Na klar!“, antworte ich und denke insgeheim:
„Fuck“. So ein Zimmer allein…das wäre schon was! Aber wir sind hier nicht im
Hotel, sondern bei Feng Shui Palace. Bharati zückt ihr Handy und schaut auf den
Kompass, den sie soeben aufgerufen hat. Sie dreht sich ein paar Mal im Kreis
und sagt dann: „Also Julia, dein Kopf darf auf keinen Fall auf diese Seite. DAS
IST NORDEN!.“ Klingt so, als wäre Norden für sie das, was für mich Rosinen sind. Davon sollte man definitiv Abstand halten. „Norden?“, wiederhole ich und schaue sie fragend an. „Ja, Norden
ist ganz ganz schlecht“, sagt sie und tippt auf den Kompass. Ich schaue ihr nach und stelle fest, dass
sie das Kopfende des großen Bettes meint, was an der rechten Zimmerwand steht.
„Wenn ich nicht normal herum in
diesem Bett schlafen darf, wie dann?“, frage ich mich. „Du musst deine Füße unbedingt
hier zur Wand richten. Sonst Baaaad Energy", erklärt sie. Ok. Dann schlafe ich also falsch
herum in diesem Bett. Ich werde mich wie ein Volldepp fühlen, der das Prinzip
eines Bettes nicht verstanden hat oder jeden Tag sein T-Shirt ganz bewusst auf
links anzieht, aber Feng Shui regelt.
Um 17 Uhr spaziere ich zusammen
mit den Teilnehmern in den Speisesaal. Erstmal den Bauch vollschlagen bevor
hier meine unfreiwillige 10-Tages-Diät à la Frauenklatschblatt startet („3 kg
in 10 Tagen. Wie Sie mit REIS ihre Bikinifigur erreichen“). Das kann ja was werden. Als ich mich gerade hinsetzen
möchte, drückt mir Shubra einen Suppenlöffel in die Hand. „YOU SERVE!“, sagt
sie bestimmend und schleust mich hinter den Plastiktisch, auf dem die 6
Edelstahltöpfe in einer Linie aufgereiht sind. „Hier ist dein Haarnetz. Trag
Handschuhe!“, fügt sie hinzu.
Und dann stehe ich da etwas
verloren mit meiner Suppenkelle in der Hand wie ein Azubi in der Betriebsgastronomie an Tag
1 seiner Ausbildung. Während sie gemütlich am Tisch sitzt und Dal löffelt, mache
ich den Job, den eigentlich sie machen soll.
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