18 Uhr
Ich stehe auf dem Platz vor den Zimmern mit einer goldenen Glocke in meiner Hand. Dingding dingdingding dingdingding. Ich freue mich ja ehrlich gesagt schon mega darauf, die ganzen Teilnehmer mit exakt diesem ultranervigen Geräusch morgen früh um zwanzig nach vier aus dem Schlaf zu klingeln. 2018 wurde ich mit der Glocke herumgescheucht und jetzt darf ich das auch mal ausprobieren. Yay.
Das hat irgendwie was vom pawlowschen Hund. Glocke = antanzen, Leute!
Dingding. Kommt her und lasst euch konditionieren. Dingding!
Nur 2 Minuten später sind alle Teilnehmer um mich herum versammelt und schauen mich fragend an, was denn hier jetzt wohl so abgeht. Shubra hängt gerade tiefenentspannt ihre Wäsche auf den Wäscheständer („I am sooooo busy, Julia“) und hat mir den Auftrag gegeben, alle Teilnehmer gemäß Meditationshallenplan in eine Reihenfolge zu bringen: „A, B, C, A, B, C, Julia. Hier ist der Plan.“ Ich starre verwirrt auf den Plan der Halle und frage mich, warum sie nicht einfach AAAAA, BBBBB, CCCCCC vorgeschlagen hat. Das ist doch viel logischer “Nein, Julia, mach mal A, B, C, A, B, C.“ Na wenn sie das sagt, dann wird das wohl der smarteste Weg sein, die Leute zu sortieren. Shubra macht das hier schließlich schon zum vierten Mal. Ich halt den Plan in die Luft und blicke zu den Teilnehmern. „Aaaalso, Leute. Ich bring euch jetzt in eine Reihenfolge, so dass ihr dann gleich in der Halle easy euren Platz findet“, sage ich. 16 Mädels nicken. Ich frage mich zwar immer noch, warum ABCABCABC, aber ok. Dann fangen wir mal an!
Als ich erneut auf den Plan blicke, stelle ich fest, dass es kaum einen „normalen“ Namen gibt und ich mich gleich erstmal eine Runde mit meiner Aussprache blamieren werde. Woher die wohl alle kommen? „Bitte korrigiert mich, wenn ich euren Namen falsch sage, ok?“, grinse ich und starte mit VOLHA. Ich sage „WOLL-HA!“ und werde verwirrt angeschaut. Upsi. „My name is „Olja“ sagt ein großes Mädchen und tritt nach vorne. Woher soll ich denn auch wissen, dass der Name überflüssige Buchstaben enthält, die man sich auch sparen könnte? „Soooo. Und jetzt du Marijaa (Marijaaaaaaa)“ fahre ich fort und lege eine Betonung auf das doppelte „a“. Nach Eshareh (Es-ha-reh statt Eschari), Jeinisha (Dschenischa) und Shagufta muss ich selbst etwas lachen. Ich hoffe, dass ich mir das nun so merken kann.
Als ich alle Mädels in meine ABC-Reihenfolge gebracht habe, sage ich: „Bleibt mal bitte so stehen!“ und gehe zu Shubra und ihrem Wäscheständer. „Shubra, was soll ich jetzt tun?“, frage ich mit einer Stimme wie der geheimnisvolle Uhrenverkäufer aus der Sesamstraße (Schlemihl heißt der, falls ihr euch mal eine Kostprobe bei YouTube holen wollt). „Dauert noch ein bisschen“, sagt sie.
Ich gehe zurück. „Ok. Merkt euch einfach mal die Reihenfolge. Ich sag euch gleich Bescheid.“
Um 18:30 Uhr fühle ich mich wie Mr. Bean, als ich mit den Teilnehmern in der Halle stehe. Eigentlich sollen sie nacheinander eintreten, aber ich habe das mit der Reihenfolge erfolgreich verkackt. Als ich auf meinen Papierplan gucke und ihn mit der Halle vergleiche, stelle ich fest, dass ich einen wesentlichen Aspekt übersehen habe: Ganz unten steht „Teacher“. Und das eigentlich so auffällig, dass ich es hätte checken müssen, aber solche logischen und offensichtlichen Dinge waren noch nie meins. Das bedeutet, dass der Plan aus Sicht der Meditationslehrerin geschrieben wurde, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Tadaa, meine komplette Reihenfolge ist genau falsch herum und somit für den A....! Aber ok. Nix anmerken lassen, Julia. Du hast den Plan. Beziehungsweise: Du hast ihn ja tatsächlich in deiner Hand, aber du tust jetzt einfach so als wenn du ihn auch von Anfang an richtig gelesen hättest. ABCABCABC lautet die Devise. Oder ist es jetzt CBACBACBA?
Die gute Nachricht: Keiner darf reden und kann etwas dazu sagen, falls es auffällt, wie planlos du trotz Plan bist. Die schlechte Nachricht: Ich habe absolut keine Ahnung, wer welches Mädchen ist (außer WOLL-HA, an die erinnere ich mich) und muss jetzt selbst sprechen, um das wieder auszubügeln.
Ich ernte ein paar unauffällige, aber dennoch verwirrte Blicke von der Meditationslehrerin, als ich erfolgreich das erste Mädchen auf
ein falsches Kissen gesetzt habe. Zumindest weiß ich jetzt, dass DAS nicht der
richtige Platz war. Haha. Nach ein bisschen verwirrtem Umsortieren und dem
Ausstrahlen von Kompetenz und Durchblick bei völliger Ahnungslosigkeit sitzen tatsächlich
alle nach etwa 5 Minuten auf ihren Plätzen.Mit AAAAA, BBBBB, CCCCCC hätte ich das in 1 Minute geschafft, aber Shubra wollte es so.
Die indisch anmutende, zierliche Lehrerin sitzt mit perfekt gekreuzten Beinen auf ihrem mit weißem Laken überzogenen hölzernen Stuhl und drückt den Play-Knopf ihres Ipads. Es ertönt die Stimme von S.N.Goenka. Eine kurze Einweisung in die Technik. „Beobachte deinen Atem. Wie die Luft rein- und wieder rausströmt. Lege den Fokus auf deine Nasenspitze und den Naseneingang.“
Ich atme tief ein und wieder aus.
„Egal ob die Luft durch das linke Nasenloch oder das rechte Nasenloch oder durch beide Nasenlöcher strömt. Just observe.“ Sehr witzig, denn bei mir ist die Antwort immer rechts. Mein linkes Nasenloch funktioniert durch eine Nasenscheidewand mit der Krümmung des schiefen Turms von Pisa ungefähr exakt so gut wie die Eismaschine bei McDonalds im Sommer: Meistens gar nicht.
„Just observe.“ Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen.
KNACK. RRRRUMMMMS.
Ich öffne meine Augen und blicke verwirrt in die Halle. Beherrsch dich und fang nicht an zu lachen, Julia.
Kamla – eine ältere Frau, die wir hinten rechts auf einen Plastikstuhl gesetzt haben – liegt samt Stuhl und unveränderter Sitzposition auf dem Boden der Meditationshalle. Ihre Beine baumeln lustig herunter während Rücken und Oberschenkel immer noch in einem 90-Grad-Winkel zueinander sind. Ein paar Mädels helfen ihr schneller hoch als ich vom vorderen Teil der Halle zu ihr laufen kann. Obwohl sie in ihrem roten Gewand eine gefühlte Ewigkeit wie versteinert mit ihrem Stuhl am Hintern auf dem Boden liegt. Das erinnert mich an einen hilflosen Marienkäfer, der gerade auf den Rücken gefallen ist.
Es bleibt also nur noch meine Aufgabe als Meditationshelfer, zusammen mit Bharati das abgebrochene Plastikstuhlbein sowie den jetzt dreibeinigen Plastikstuhl in die Kammer zu tragen, die sich vor der Halle befindet. Seriös bleiben und nicht lachen, Julia. „Lass uns einfach zwei Stühle übereinander stapeln“, schlägt Bharati vor. "Das sollte richtig stabil sein!" Seriös bleiben und nicht lachen, Julia. „Ok, sehr sehr gute Idee, Bharati. Das dürfte stabil genug sein.“ Beim nächsten Crash dann vielleicht 3 Stühle? Seriös bleiben und nicht lachen, Julia.
Es sieht jetzt schon etwas witzig aus, wie Kamla in ihrem roten indischen Gewand auf den zwei übereinandergestapelten Stühlen sitzt. Aber offiziell soll ich ja jetzt gar nicht in der Gegend herumschauen, sondern mich mit geschlossenen Augen auf meine Atmung konzentrieren. Seriös bleiben und nicht lachen, Julia. Atme einfach durch dein rechtes und einzig wahres voll funktionsfähiges Nasenloch und konzentriere dich auf die Technik.
Mhhhhhhhh.
Nach ungefähr einer Stunde haben wir die erste Meditationseinheit erfolgreich (oder auch weniger erfolgreich) überstanden. „Take rest, take rest“, sagt die Meditationslehrerin zunächst auf Hindi und dann in witzigem Englisch.
Ich habe meinen ersten bzw. eigentlich nicht mal ersten (heute ist ja noch Day Zero) Tag als Meditationshelferin gemeistert.
Dann mal umgedreht ins Bett. Mit
den Füßen Richtung Norden.
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