Freitag, 12. Dezember 2025

Eat potato every day

„Heute können wir das wohl Mama erzählen, oder?“, fragt mich Marieke, als wir bei einer Portion Sticky Rice & Mango in einem kleinen Café sitzen. Wir haben gerade Kirsten getroffen, die ebenfalls aus Deutschland kommt. Sie hat uns angeboten, uns in ihrem Reisegästebuch zu verewigen. "Schreibt einfach das, was euch in den Sinn kommt!" 

Gesagt, getan. 

Ich konnte es mir nicht nehmen lassen, sie mit meinem Eintrag vor waghalsigen Rollertouren zu warnen und ihr und den anderen Reisenden (die hoffentlich den Gästebucheintrag lesen) den Tipp zu geben, lieber ein Taxi zu nehmen statt unkontrolliert gegen Info-Schilder zu brettern. 

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„Ich bin ja SO gespannt, wie Mama reagiert“, sage ich. Wir sind jetzt wieder in unserer Unterkunft angekommen und ich schließe die Tür. Eigentlich bin ich gar nicht gespannt, sondern eher AN-gespannt, denn vielleicht droht mir gleich ein lebenslanges Urlaubsverbot (mit Ausnahme der ostfriesischen Inseln und natürlich der Mosel). Auch wenn ich natürlich weiß, dass auch da - ähnlich wie bei unserer Roller-Aktion selbst - Verbote dafür da sind, um zur Kenntnis genommen und gebrochen zu werden.

„Bist du bereit?“, fragt mich Marieke, die gerade links neben mir auf ihrem Bett Platz genommen hat. Sie hält mir grinsend ihr Handy unter die Nase: "Also ich ruf da jetzt an....ja?!"

„Na, wenn es sein muss“, antworte ich und lehne mich gemütlich an die Wand.

Das kann ja was werden! Also entweder kann Mama jetzt die restliche Zeit unserer Reise nicht mehr schlafen – wobei sie mal gesagt hat, dass sie das ohnehin nicht kann – oder sie wird begreifen, dass das mit dem Roller wirklich ein äußerst dummer Einzelfall ist, der ganz allein auf menschliches Versagen zurückzuführen ist.

Düüüüd. Düüüüd. Düüüüd.

"Hallo...na ihr! Wie geht's euch?!", ertönt es am anderen Ende der Leitung.

Ich würde am liebsten sagen: "Bis auf drei Rippenbrüche und eine mit 7 Stichen genähte Wunde ganz prickelnd", aber verkneife es mir.

Unser Ziel: Erstmal eine angenehme Gesprächsatmosphäre aufbauen, um dann ganz elegant mit der Wahrheit um die Ecke zu kommen. So ähnlich wie im Mitarbeitergespräch, wenn man sich der so genannten Sandwich-Technik bedient. Falls ihr nicht wisst, wie ich das meine: Etwas Positives voranstellen, um es dann mit etwas Negativem wieder zunichte zu machen und dann positiv zu enden als sei das eben Gesagte nicht ganz so schlimm.

„Du-hu, Mama, wir müssen dir was erzählen“, sagt Marieke, nachdem sie erst einmal ein wenig von unserem Tag erzählt hat.

„Ja, uns geht’s gut. Alles wunderbar hier. Wir haben heute einiges unternommen. Die letzten Tage waren wir im Nationalpark. Und dann haben wir noch eine Nachttour gemacht. Das war auch ganz toll. Alles super hier, 


...aber...achja...es gibt da EVENTUELL noch etwas, was wir dir sagen wollten.“


„Also Mama...es könnte eventuell sein, dass ich einen kleinen Rollerunfall hatte“, sagt Marieke. Ich muss bereits bei dem Wort eventuell fast meine Cola ausspucken, die ich gerade trinke.

„Also, wir haben uns einen Roller geliehen, und ich möchte an dieser Stelle betonen, dass das WIRKLICH komplett meine Idee war und Julia damit nichts zu tun hat“, fährt sie fort.

Ich schlucke meine Cola herunter und habe eine ähnliche Form von Genugtuung wie Eltern, die beim Fußballspiel ihrer Kinder am Rand stehen und beobachten, dass der Sohnemann genau das macht, was ihm zugetragen wurde.

„Ja, Mama. DAS STIMMT! Ich habe nichts zu tun mit dieser Schwachsinnsidee!“, rufe ich rein.

„Jetzt lass mich doch erstmal kurz erzählen“, ermahnt mich Marieke. „Aber ja, Mama, Julia hat damit wirklich nichts zu tun.“

Ich muss grinsen. Vielleicht schafft sie es, mir den Arsch zu retten.

"Also du wirst jetzt sagen, dass du es wusstest...aber naja...du wusstest es ja auch", fügt meine Schwester hinzu.

„JA! Ich habe es euch ja gesagt!“, sagt Mama. „Aber ihr hört ja nicht auf mich!“

„Ja, das hast du“, erwidert Marieke. „Aber es gab auf der Insel wiiiirklich keine Möglichkeit, sich fortzubewegen. Da gab es halt nirgendwo Taxis...und dann dachten wir – äh ich –, dass es eine richtig gute Idee sein könnte, einen Roller zu leihen. Da war auch übrigens nicht viel Verkehr.“

Als sie das ausspricht, müssen wir beide bereits so doll lachen. Dann fügt Marieke auch noch hinzu: „Jetzt wirst du bestimmt wieder sagen: Ich wusste es.“

„Ja, das werde ich auch“, antwortet Mama. „Und was ist passiert?“


„Joa...ähm...ich bin ein bisschen von der Straße abgekommen beim Abbiegen und hatte vielleicht ETWAS zu viel Geschwindigkeit. Ja, und dann war da so eine Infotafel, in die ich reingefahren bin. Und jetzt habe ich eine Wunde unter dem Knie und drei Rippen sind gebrochen“, erklärt Marieke.

Ich muss schon wieder laut lachen.

„Ihr verarscht mich doch gerade, oder?“, fragt Mama skeptisch. „Ist das wirklich wahr?“

„Ja, das ist wirklich wahr“, bestätigt Marieke.

„Ich sende Papa mal ein Beweisfoto von der Infotafel“, füge ich hinzu.

"Was ist denn passiert?“, hören wir Papa im Hintergrund fragen und Marieke sagt: „Stell mal auf laut, Mama, dann müssen wir das nicht doppelt erzählen.“ Dann erklärt sie den beiden noch einmal ganz ausführlich, wie wir mit besten Absichten einen Roller geliehen haben und unsere Fahrt bereits nach etwa zehn Minuten beendet wurde.

„Aber uns geht es echt gut, Mama. Mach dir keine Sorgen.“

Und dann kommt es tatsächlich anders, als ich dachte. Mama sagt nicht etwa, dass wir nie wieder reisen dürfen und sie ab sofort unsere Aktivitäten mit einer Fußfessel und GPS überwachen möchte, sondern antwortet:

„DU bist ja sowas von dumm! Julia ist schon zigmal gereist und dann lässt man dich einmal in die weite Welt ziehen und du machst direkt das Dümmste, was du tun kannst. In den ganzen Jahren, in denen Julia gereist ist, ist ihr nicht so ein Quatsch passiert, aber dich kann man echt nicht alleine rumrennen lassen.“

Das ist der Moment, in dem ich innerlich voller Genugtuung nicke. Das ist genau die Antwort, die ich gebraucht habe. Es scheint ja so, als würde ich die mütterliche Reise-Unbedenklichkeitsprüfung weiterhin bestehen.

„Ja, du bist echt richtig dumm!“, wiederholt Mama. „Aber das Glück ist ja mit den Dummen. Es scheint ja wieder einigermaßen gut gegangen zu sein. Wie kann man nur so dumm sein und gleichzeitig immer Glück haben?!“

„Ja, das Glück ist doch immer mit den Dummen, Mama“, antwortet Marieke und muss laut lachen.

„Ja, und wie geht es jetzt weiter?“, fragt Mama.

„Na, wir gehen regelmäßig ins Krankenhaus! Die haben das alles abgecheckt und wir können eigentlich alles machen – halt nur nicht wandern und auch nicht schwimmen, aber mit Tramadol läuft das schon. Das Zeug ballert richtig“, antwortet Marieke. „Ich baller mir halt ordentlich Schmerzmittel rein und dann machen wir hier trotzdem unsere Aktivitäten.“

„Na, dann ist ja gut“, sagt Mama mit einer Stimme, die mir verrät: Eigentlich ist wieder gar nichts gut. Aber wie sagt Papa immer so schön: Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.

Als das Gespräch beendet ist, können Marieke und ich nicht aufhören, zu lachen. Wenn ich eine Punktzahl für den Ausgang des Gesprächs vergeben müsste, würde ich sagen: zwölf von zehn zu meinem Vorteil. Dabei hatten wir uns die letzten Tage wirklich ein wenig in den Haaren darüber, wann wir das Geheimnis um die Rollerfahrt lüften. Ich dachte nämlich, dass jetzt der ganze gute Eindruck, den ich mir auf all meinen Reisen über die Jahre feinsäuberlich aufgebaut habe, mit der zehnminütigen Rolleraktion wie eine Seifenblase zerplatzt ist. 

Manchmal kommt es eben anders, als man denkt. Und manchmal würde es anders kommen, WENN man denkt.

Als wir ein paar Tage später auf Koh Phangan ankommen, kann ich es mir trotzdem nicht nehmen lassen, Papa ein wenig zu beruhigen und zu sschreiben: „Hallo Papa...du hast vielleicht unsere Instagram-Stories gesehen, aber wir waren echt nicht lange bei der Fullmoon-Party und sind jetzt wieder im Hotel.“ 

Sicher ist sicher. Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme damit Mama und Papa jetzt nicht auch noch denken, dass Marieke sich richtig einen reinsäuft, mit drei gebrochenen Rippen über den völlig überfüllten Haad-Rin-Beach spaziert, wahrscheinlich noch bei diesen typischen Feuermännern über ein brennendes Seil hüpft und am Ende mit Neonfarben bunt angemalt besoffen am Strand liegt.

Tatsächlich waren wir aber zumindest ein kleines bisschen angetrunken und am Abend zuvor hat Marieke es wirklich zugelassen, dass einer dieser Feuerkünstler mit zwei brennenden Bällen eine Feuerspirale um ihren Kopf gemacht hat als wäre es ein Heiligenschein. 

„Jetzt lass dir nicht auch noch die Haare abfackeln, du Depp“, habe ich zu ihr gesagt. Sie war wieder einmal in vollem Vertrauen, dass nichts passieren würde und sollte dieses Mal zum Glück recht behalten.

Bei der Fullmoon-Party haben wir dann tatsächlich die Vernunft walten lassen und waren nur bis 23 Uhr am Strand. Wir haben uns mit ein paar lustigen Australiern ausgetauscht, die uns auf ihrem Handy Fotos ihres Hostels gezeigt haben, das sie spontan gebucht haben. Es sieht wie eine Gefängniszelle aus und hat eine Toilette mitten im Zimmer. 

Dann sind wir ein bisschen über den Strand spaziert und haben zwar festgestellt, dass es eine richtig geile Party sein könnte, uns aber immer wieder daran erinnert, dass wir bei unserer Rolleraktion richtig viel Glück hatten und das Glück jetzt nicht noch mehr herausfordern müssen.

Um uns dann noch ein wenig näher mit dem Thema Glück zu beschäftigen, haben wir - nachdem wir den Australier beobachtet haben - uns dazu entschieden, uns von einem Mann, der auf einem Teppich im Sand sitzt, Tarotkarten lesen zu lassen. Der Australier meinte, dass er bereits zum zweiten Mal dort ist, weil ihm seine Karten vom Vorabend nicht gut gefallen haben und er noch ein Happy End braucht.

„Na, dann mach du zuerst“, sage ich zu Marieke und drücke dem Mann 500 Baht in die Hand. Der Typ hat wirklich verstanden, wie man hier in Thailand ordentlich Geld verdient ohne sich dabei großartig Mühe zu geben.

Er fordert Marieke auf, aus einem Kartenstapel zunächst drei kleinere Stapel zu bilden, indem sie zweimal Karten vom großen Stapel abheben soll. Dann formt er die drei Stapel erneut zu einem großen Stapel (wow, was für eine Kunst) und breitet sie wie einen Fächer vor Marieke. "Now take 10!" fordert er sie auf, insgesamt zehn Karten zu ziehen.

Dann dreht der Mann alle Karten um. Er legt sie vor sich auf den roten Teppich, auf dem auch wir sitzen und sagt zu jeder Karte einen passenden Satz. 

„Du bist erfolgreich. Du wirst viel Geld verdienen. Du wirst einen tollen Mann haben. Mann im Ausland. Du hast eine tolle Familie. Geldsegen. Big Business!“, sagt der Mann und tippt auf die einzelnen Karten.

Ich hätte ja gedacht, dass er – wie ein professioneller Tarotkartenleser – einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Karten herstellt, aber so kann man sich natürlich auch superleicht sein Geld verdienen. Er hat einfach die Bedeutung der einzelnen Karten auswendig gelernt und nennt diese stumpf und mit minimaler Anstrengung seinem Gegenüber - oder besser gesagt seinen meist betrunkenen Kunden, die sich bei der Fullmoon-Party ordentlich einen reinsaufen und wahrscheinlich sowieso von egal welcher Aussage komplett fasziniert sind.

„Wow, das klingt ja viel zu gut, um wahr zu sein“, sage ich zu Marieke und denke, dass das vielleicht auch nur ein Trick ist, damit man sich – total beflügelt von den Tarotkarten – eine weitere Legung bucht oder ordentlich Trinkgeld dalässt.

"So und jetzt bist du dran!", sagt Marieke. Ich nehme auf dem Teppich vor dem Mann platz und wiederhole die Karten-Prozedur. Bevor ich allerdings meine Karten ziehen darf, bestäubt der Mann meine Hände mit Babypuder mit den Worten: "Is bor cleaning!"

Anmerkung an dieser Stelle: Falls mein Englisch hier kacke ist, ist das lediglich eine Wiedergabe der gesagten Worte; nicht aber Ausdruck meiner fantastischen Skills.

"Now 10!"

Ich ziehe 10 Karten.

Bei mir scheint es jedoch komplett anders auszusehen. Noch während ich die Karten umgekehrt aus dem Stapel ziehe, sagt Marieke zu mir: „Ich habe gerade gesehen, dass du ein Herz...ein aufgespießtes Herz mit drei Schwertern gezogen hast.“

„Oha“, antworte ich und ziehe weitere Karten.

Der Mann sagt nicht etwa, dass mir wie meiner Schwester das allergeilste Leben bevorsteht, sondern: „Getrübte Freude. Enttäuschung. Streit. Gerechtigkeit und Entscheidungen. Die Wahrheit kommt ans Licht. Verrat. Verletzung aus alter Beziehung.“  Aber auch: "One million dollar business idea!"

"But changes. Eberytink will be good!"

Ich schaue verwirrt auf mein Kartendeck. "Das heißt jetzt...was?", frage ich.

Ich bitte ihn, das doch einmal zu wiederholen, da ich den Gesamtzusammenhang, den er ja selbst auch nicht hergestellt hat, nicht verstehe.

Der Mann wiederholt das soeben Gesagte ohne jeglichen Zusammenhang und sagt dann:

„ Eberytink will be good! Eat potato every day.“

„Hä?“, sage ich. „Habe ich das gerade richtig verstanden?“

„Eat potato every day“, wiederholt der Mann in gebrochenem Englisch. 

"Na dann..", sage ich zu Marieke. 

Ich soll also einfach jeden Tag Kartoffeln essen und dann wird (egal, was die Karten jetzt bedeuten) alles gut. Das sind ja gute Nachrichten! Obwohl mir Marieke's Karten deutlich besser gefallen haben.

Ich würde sagen, diese Tarot-Kartenlegung ist ungefähr so professionell wie in diesen kleinen Zelten, die es oft auf dem Weihnachtsmarkt gibt. Vielleicht werde ich das auch noch einmal ausprobieren.

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Um sicherzustellen, dass meine Zukunft rosig wird, setze ich das Kartoffelmantra direkt in die Tat um und starte mein Frühstück am nächsten Tag mit einem Kartoffelsalat, den ich auf dem Buffet des Coco Palm Beach Resorts entdeckt habe, in dem wir untergebracht sind. 

„Eat potato everyday“, sage ich zu Marieke und schnappe mir eine der kleinen grauen Schälchen, die in der Mitte des Buffets platziert sind.

Kartoffelsalat zum Frühstück ist mir neu, aber hier in Thailand gibt es schließlich – und das vor allem in den einfachen Unterkünften – komische Sachen zum Frühstück. So auch teilweise überbackene Nudeln oder Kartoffelbrei. Also warum nicht direkt mit ein paar Kartoffeln in den Tag starten damit - was auch immer - gut wird.














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