„Hellooooo“, begrüßt uns die kleine Thailänderin mit den kinnlangen, glatten Haaren und dem kurzen Pony freundlich, als wir in unserer Unterkunft „The Liveliwoods“ einchecken.
Wir haben schon wieder eine wilde Fahrt hinter uns. Gestern sind wir aus unserer Unterkunft in Koh Kut ausgecheckt und haben nochmal einen Zwischenstopp zum Check-Up beim Krankenhaus gemacht. Anschließend sind wir mit der Fähre nach Trat gefahren und von dort aus etwa 5 Stunden mit dem Bulli zurück nach Bangkok. Weitere 45 Minuten Taxifahrt später waren wir dann in unserer Unterkunft in der Nähe des Don Mueang Flughafens, von dem wir heute Morgen nach Surat Thani geflogen und anschließend mit dem Taxi hierher gereist sind.
Die Taxifahrt vom Flughafen in Surat Thani war etwas abenteuerlich. Ich habe es in Bangkok schon fast vermisst, nicht wie in 2014 abgezockt zu werden. Denn seitdem es Bolt, Uber und Co. gibt, ist es zumindest in der Stadt nicht mehr ganz so einfach, blauäugige Touristen hinters Licht zu führen. Anders ist es in Surat Thani. Zuerst wollte uns ein Mann eine Taxifahrt für 1.500 Baht anbieten und wir haben aufgrund der Preise, die wir aus Bangkok kennen, abgelehnt.
Dann haben wir versucht, uns über Bolt eine Fahrt für 384 Baht zu buchen. Als der Fahrer ankam, hat er versucht, den Preis neu zu verhandeln und vor Ort mehr als zu verdoppeln. Auch diese Fahrt haben wir dann wieder storniert.
Marieke hat sich kurzerhand die Uber-App installiert und dort eine Fahrt für 500 Baht gefunden. Allerdings ist kurze Zeit später nicht etwa das in der App angezeigte Fahrzeug aufgetaucht, sondern eine Frau, die wirkte, als hätte sie spontan Uber als neue Einnahmequelle für sich entdeckt. Ihr Fahrzeug hatte nicht nur ein anderes Kennzeichen, sondern sah auch komplett anders aus als in der App. Sie wollte ebenfalls den Preis neu verhandeln und ich konnte mich dabei nur auf ihr riesiges, dunkles Muttermal im Gesicht konzentrieren, aus dem ein halber, unrasierter Bart wuchs und war deshalb etwas abgelenkt. Scheinbar hat sie Marieke gefragt, ob wir sie in den Knast bringen werden als wir ihr neues Angebot abgelehnt haben.
„Are you gonna arrest me?!“
Wir haben erst zuversichtlich den Kopf geschüttelt und sie dann keine 5 Minuten später direkt in der App als Scam gemeldet damit wir unser Geld zurückbekommen.
Vielleicht braucht sie auch mal so einen kleinen Überraschungsmoment wie wir als wir gecheckt haben, dass sie mit völlig anderem Kennzeichen in der App registriert ist.
Nachdem ich unsere Taschen mehrfach hoch auf die erste Etage des Flughafens und dann wieder herunter getragen habe (je nachdem, wo man uns einsammeln wollte), haben wir uns dann doch für den ersten Taxifahrer entschieden. Er verlangte zwar auch einen zu hohen Preis, ist aber zumindest ehrlich genug, seinen Scam von Anfang an sichtbar zu machen und nicht erst im Nachhinein auffliegen zu lassen. So konnten wir wenigstens mit dem Abzockpreis kalkulieren, der uns zuerst genannt wurde.
Wir haben den Mann allerdings überredet, auf der etwa einstündigen Strecke mit uns nochmal beim Krankenhaus zu halten damit Marieke ihren Verband wechseln lassen kann. Jedoch mussten wir beim Krankenhaus nach Aufnahme aller Daten feststellen, dass die Wartezeit zwei Stunden beträgt und haben dann beschlossen, weiterzufahren.
Und so sind wir jetzt nach einer absoluten Odyssee an Fahrten mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln und drei gebrochenen Rippen endlich heil (oder zumindest nicht kaputter als kaputt und ganz vorbildlich auch nicht mit einem Roller) im Khao Sok Nationalpark angekommen.
Wir müssen herzhaft lachen, weil die süße Dame vom Empfang die englischen Wörter so komisch betont, dass man den Eindruck bekommt, sie wäre von wirklich allem, was sie hört, total überrascht oder begeistert.
„Sie hat drei gebrochene Rippen…kannst du uns mit dem Gepäck helfen?“, frage ich und beiße in ein Stück Melone, das sie mir soeben unter die Nase gehalten hat.
„Oooooh, ahhhhh, bwoken oh noooo nooo..
…not so good!“
Nee, nicht so gut, aber wir machen jetzt das Beste draus. Auch wenn wir gestern noch etwas darüber gestritten haben, wann der richtige Moment ist, Mama zu informieren. Ich habe nämlich befürchtet, dass ich für den Unfall verantwortlich gemacht werde und jetzt selbst keine Reisen mehr machen darf, obwohl das ja gar nicht meine Schnapsidee war, einen Roller zu mieten und mit dem Gesicht im Infoschild zu bremsen.
——
Während meine Schwester sich bei einem Medical Center den Verband wechseln lasse, trage ich schon mal unsere Backpacks in das Zimmer.
Außerdem erkundige ich mich bei unserer süßen Empfangsdame nach möglichen Touren.
„Ich habe online eine Elefanten-Auffangstation gefunden, die wir besuchen können“, sage ich zu Marieke als sie wieder frisch verbunden aus dem Taxi steigt.
„Ok. Cool! Lass uns das machen!“
Gesagt, gebucht, getan.
In unserer Fantasie ist es eine Station, in der – wie der Name Elephant Conservation Center schon sagt – Elefanten aufgefangen werden, die aus schlechten Verhältnissen kommen. Die Realität sieht allerdings etwas anders aus.
Als wir beim Elephant Conservation Center ankommen, bekommen wir zunächst ein paar Anweisungen und einen Willkommensdrink. Wir schließen unsere Sachen ein und laufen zusammen mit ein paar anderen Leuten auf den Parkplatz des Centers.
„Now we feed da elepent“, erklärt uns eine zierliche Mitarbeiterin in grünem Safari-Outfit. Sie drückt jedem Pärchen ein kleines Körbchen mit Bananen in die Hand und ist völlig aus dem Häuschen.
Dann wird ein Elefant mit Halsband aus einer Bambushütte freigelassen und läuft zusammen mit einem Mann auf uns zu. Während wir da also auf dem Parkplatz stehen, dürfen wir den Elefanten mitten zwischen Pickup-Trucks mit Bananen füttern.
Uns beschleicht bereits an diesem Punkt das leise Gefühl, dass das Center nicht ganz so ethisch korrekt ist, wie wir geglaubt haben.
Die Frau, die uns durch das Center führen wird, erklärt uns ein bisschen über unseren Elefanten.
Zuerst einmal gibt sie uns in gebrochenem Englisch eine völlig plausible Erklärung dafür, warum unser Elefant nicht etwa in einer Herde lebt, sondern lieber seine Zeit allein verbringt: „Dis elepent female but tinks he is a boooi! And she lesbian!“, sagt die Frau mit breitem Grinsen.
Sie erklärt uns, dass unser weiblicher Elefant scheinbar lesbisch ist und sich gleichzeitig für einen männlichen Elefanten hält und deshalb lieber alleine ist.
Ich glaube, die Verwirrung ist mir bereits zu diesem Zeitpunkt ins Gesicht geschrieben.
Ich drehe mich zu Marieke um und flüstere: „Das ist wohl ein Translefant, den wir hier füttern.“
Ich hoffe, der Elefant will jetzt nicht auch noch mit they/them angesprochen werden, trägt Regenbogenfarben und geht regelmäßig auf den Christopher Street Day.
Ich muss ein bisschen lachen.
Genderwahnsinn hin oder her, aber das ist schon wirklich eine bekloppte Begründung, dass jetzt plötzlich auch ein Herdentier in Thailand aufgrund einer Identitätskrise seine Zeit angeblich lieber allein verbringt.
Ich kann es mir nicht nehmen lassen, Chat GPT zu fragen, ob es wirklich Trans-Elefanten gibt auch wenn ich mich bei Eingabe der Frage schon sehr sehr dumm fühle.
Wie zu erwarten, gibt es keine validen Quellen, die bestätigen, dass Elefanten denken könnten, sie hätten ein anderes Geschlecht. Wir sind ja schließlich auch in einem Elephant Conservation Center und nicht in Deutschland, wo es inzwischen deutlich mehr als nur zwei Geschlechter zu geben scheint.
They / them Trans-Elefant wurde auf jeden Fall von uns mit reichlich Bananen gefüttert und dann heißt es, dass wir jetzt mit he-she-it einen Spaziergang machen werden.
Dazu sollen wir an der linken Seite über einen schmalen Steg laufen während der Translefant rechts neben uns von dem anderen angeblichen Tierschützer mit Worten dazu bewegt wird, nach vorne zu gehen.
Die Frau erklärt uns, dass das die tägliche Routine des Elefanten sei. Der Elefant ist also nicht nur lesbisch und transsexuell, sondern gleichzeitig auch jemand, der sich stark an seine Routinen hält – zufälligerweise genau an diejenigen, die das Conservation Center vorschreibt. Zufälle gibt’s, die gibt’s gar nicht!
Als wir mit dem Elefanten am Ufer des Flusses angekommen sind, spricht Marieke vorsichtig die Frage aller Fragen aus:
„Ist das eigentlich ethisch korrekt, was hier passiert?!“
Stille.
Es folgt auf den kurzen Moment des Schweigens genau dieser Blick, der einem verrät, dass sie sich so ertappt fühlt als hätte man sie gerade beim Klauen von Bonbons an der Supermarktkasse erwischt.
Die Frau verfällt sogleich in einen Rechtfertigungs-Alarmmodus:
„Elepent now take a bath in ribba but only ib elepent do like watah todeh!“
Sie erklärt uns, dass der Elefant jetzt rein theoretisch die Möglichkeit hätte, im Fluss zu baden – aber natürlich nur, wenn er beziehungsweise sie es wirklich will!
Ich frage mich, wie das funktionieren soll, wenn dies schon explizit als Programmpunkt in den Buchungsdokumenten angegeben wird, aber fast vergessen:
He-she-it Elepent hat ja mindestens genauso strikte Routinen wie ein Fitness-Influencer bei der Wettkampfvorbereitung und das alles ist scheinbar Teil des natürlichen Tagesablaufes von transsexuellen, lesbischen Elefanten in freier Natur.
Eigentlich hatten wir nur Elefantenfüttern und nicht den ganzen Quatsch drumherum gebucht und waren uns deshalb sicher, dass hier alles mit rechten Dingen zugeht.
Jetzt steht aber der Elefant im Wasser und die anderen Mitglieder unserer Gruppe machen Fotos während der andere Guide mit Matsch ein Herz auf seinen Bauch malt.
Ein paar Leute nehmen eine Bürste aus einem Plastikkorb, der auf den kieselartigen Steinen steht und schrubben das Tier. An diesem Punkt haben Marieke und ich bereits beschlossen, dass wir gleich gehen werden.
Die Frau hat nun bereits seit einigen Minuten realisiert, dass wir nicht ganz so begeistert sind und schaut uns besorgt an. Sie versucht jetzt mit allen Mitteln zu rechtfertigen, wie sehr hier auf das Wohl der Elefanten geachtet wird.
Marieke nimmt das zum Anlass für eine weitere Frage: „Und was würde der Elefant machen, wenn er jetzt nicht hier baden würde, sondern die freie Entscheidung hätte?“, fragt sie.
Ich muss innerlich lachen, weil ich schon zu gespannt auf die Antwort bin.
„Er würde wahrscheinlich irgendwo herumstehen oder liegen“, erwidert die Frau und nickt.
„But he old elepent. He like to chill in bamboo house! Sleep sleep all day but this his routine two times!“
Ja, das haben wir ja jetzt bereits verstanden, dass dieser Elefant eine ganzzz spezielle Routine verfolgt, die auch rein zufälligerweise deckungsgleich mit der des Centers ist.
Nachdem der Elefant noch durch eine Art Waschanlage geschleust und anschließend zum Start seiner Spaziergang-Route zurückgeleitet wird, sollen wir einen Elefanten-Protein-Riegel aus zermatschten Bananen- und Kraftfutter basteln.
„He need some proteiiiiins!“, quiekt die Frau und stellt eine Pinke Plastikschale mit Bananen und braunen Bröseln auf dem Holztisch vor uns ab.
Wie gesagt: Unser Elefant ist Fitness-Influencer mit ganz strengen Routinen und kann es sicher kaum abwarten, den selbstgebauten Proteinriegel zu inhalieren.
Ich schüttle meinen Kopf. Marieke und ich tauschen einen kurzen Lass-uns-gehen-Blick aus.
Wir sagen, dass wir jetzt leider gehen müssen, da wir dieses Programm nicht gebucht und noch eine wichtige Anschlussaktivität haben. Die Frau nimmt es zum Glück ohne Widerworte so hin und fährt uns zurück zum Resort.
„Na, das war ja mal ein Reinfall“, stellen Marieke und ich auf dem Rückweg fest. „Wir haben heute ordentlich Karmapunkte verloren!“
Umso schöner wird allerdings unsere nächtliche Tour mit einem Paddelboot, die um 19 Uhr nach dem Sonnenuntergang am Ufer des Sok Flusses startet. Hierbei müssen wir nicht etwa selbst paddeln (das wäre mit den gebrochenen Rippen auch gar nicht möglich), sondern sitzen mit einer Stirnlampe bewaffnet in einem blauen Schlauchboot und halten im Dunkeln nach Tieren Ausschau.
Unser Paddelboot gleitet langsam über das dunkle, klare Wasser, das den Himmel spiegelt während sich das sanfte Plätschern in Kombination mit Naturgeräuschen einfach magisch anfühlt. Grillen zirpen in unterschiedlichen Rhythmen, Frösche und Geckos quaken aus dem Unterholz und überall raschelt es irgendwo ohne dass man genau weiß, wer oder was sich dort bewegt.
Das Licht unserer Stirnlampen streift Baumstämme, Wurzeln, Blätter und das Ufer während unser Guide mit uns den menschenleeren Fluss heruntertreibt und ebenfalls die Umgebung nach Tieren absucht. Inmitten des Dschungels fühlt es sich fast etwas mystisch an, um diese Uhrzeit allein über den Fluss zu treiben.
Schon nach kurzer Zeit sehen wir, wie eine Schlange sich um einen Ast schlängelt, der vom Ufer ins Wasser ragt und beobachten einen Frosch, der auf den Rand unseres Schlauchbootes gehüpft ist. Außerdem hören wir immer wieder Geräusche, die so klingen, als ob jemand in der Ferne in einen Lautsprecher reden würde und sehen zwei schwarz-gelbe Schlangen, die wie schwerelos über die Wasseroberfläche gleiten.
Unterwegs halten wir am Ufer, verlassen unser kleines Boot und unser Guide schnitzt uns aus Bambus in wenigen Minuten zwei Kaffeebecher und zwei Löffel und bereitet uns dann am Feuer in den Bambusbechern eine heiße Schokolade zu.
Wir stehen in der unberührten Natur des Dschungels und trinken beim Knistern des Feuers unseren Kakao.
Diese Tour gleicht so ziemlich jedes beschissene Elefanten-Center aus und wir fühlen uns ganz beseelt als wir etwa drei Stunden später wieder bei unserer Unterkunft ankommen.















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