„Hä?! Wovor?!“, frage ich.
„Na, vor dem Rollerfahren heute.“
„Nein…
...oder vielleicht ein bisschen“, antworte ich.
Wir lassen uns nach dem Frühstück über den Shuttle-Service des Resorts zur Hauptstraße bringen und laufen ein paar Meter nach links. Dann fragen wir bei einer Unterkunft, vor der ein paar Roller geparkt sind, ob sie uns einen Roller leihen können.
„Nein, aber wenn ihr noch weiter lauft, kommt ihr zu meiner Schwester“, erklärt uns die Frau am Tresen des Kuba Lounge Cafés. Sie fährt fort: „Lita Thai Massage. Da könnt ihr euch einen Roller mieten.“
„Alles klar, danke.“
Wir laufen weiter bis wir auf der linken Seite einen kleinen Massagesalon erblicken, vor dem in türkisfarbenen Zweiteilern gekleidete Frauen mit Hochsteckfrisur auf Plastikstühlen auf potenzielle Kunden warten.
„Verleiht ihr Roller?“, frage ich und blicke auf die vor dem Salon geparkte Flotte.
„Yes, bi do“, antwortet eine Frau in lachsfarbenem Shirt und lächelt uns an.
„Und wie viel kostet das?“, frage ich.
„Two hundrit fibty baht.“
„Okay. Dann bitte zwei Stück.“
Zwei Stück, weil wir beide keine Ahnung haben, wie man eigentlich Roller fährt und es uns nicht zutrauen, unsere allererste Rollerfahrt - beziehungsweise für mich nicht die erste, aber die erste seit ein paar Jahren - zu zweit auf einem Scooter zu bestreiten und dann zusammen zu crashen. Wenn man zu zweit fährt, muss man nicht nur den Roller, sondern auch das Gleichgewicht beherrschen. Das ist bei amateurhaften Fähigkeiten sicherlich keine ganz so gute Idee für eine heilige Jungfernfahrt. Einen Roller pro Person nehmen und uns langsam herantasten - so lautet die Devise!
Als die kleine Frau mit den dunklen Haaren und dem Dutt nach Helmen Ausschau hält, öffnet meine Schwester auf ihrem Handy die Google-Suche. Ich frage parallel unauffällig ChatGPT: „Wie fährt man Roller? Erklär mir im Schnelldurchlauf die Knöpfe.“
„Na, fragst du wieder deinen besten Freund Chatty?“, belächelt mich meine Schwester nachdem ich meine Frage leise in mein Handy gesprochen habe.
„Na klar!“
Ich muss lachen.
Dann frage ich: „Haben die Thailänder eine Rollerversicherung, falls etwas kaputt geht? Oder warum lassen sie einfach jeden Idioten einen Roller mieten?“
Chat GPT sagt: "Für Touristen oder Mietende sind viele Vermieter pragmatisch: Preis, Bequemlichkeit und Nachfrage stehen im Vordergrund - formale Risiken, Versicherung oder Papiere sind oft zweitrangig bzw. werden nur sporadisch kontrolliert."
Irgendwie ist es ja ganz schön dämlich, dass wir hier beim Rollerverleih stehen und ernsthaft Google und ChatGPT konsultieren, wie man überhaupt einen Roller fährt. Und irgendwie ist es auch ganz schön skurril, dass man hier ohne jeglichen Nachweis von Kompetenz für umgerechnet 6,74 Euro einen ganzen Tag einen Roller mieten kann. Vielleicht hätten wir vorher mal eine Fahrstunde nehmen sollen.
Mama hat bestimmt nicht ohne Grund gesagt, dass wir bitte auf keinen Fall in Thailand Roller fahren sollen. Und wir haben ihr hoch und heilig versprochen, dass wir das nicht tun werden.
Aber was verspricht man nicht alles einer ängstlichen Mutter, um sie zu beruhigen. Wir wollen doch auch etwas Spaß auf dieser Reise haben und nicht nur mit E-Bike gemütlich an der Mosel cruisen.
Und so stehen wir jetzt hier vor einem der geparkten Roller, begutachten die einzelnen Knöpfe und versuchen möglichst unauffällig zu wirken, weil wir nicht zu erkennen geben möchten, dass wir keinen Plan haben.
„Was bedeutet eigentlich dieser Knopf?“, fragt meine Schwester und tippt neugierig auf den Knopf rechts unter dem Gaspedal.
„Ich glaube, das ist der Startknopf“, antworte ich.
„Und wo kann man blinken?“
„Links! Wir müssen rechts Gas geben, links ist die Bremse für hinten und rechts die Bremse für vorne", erkläre ich meiner Schwester.
Ich freue mich, dass ich mein soeben erworbenes Wissen direkt in der Praxis zum Einsatz bringen und direkt kompetent wirken kann!
„Okay“, sagt Marieke und nickt. Ich möchte an dieser Stelle übrigens betonen, dass sie diejenige ist, die mich bei völliger Inkompetenz zu dieser Aktion angestiftet hat. Also weißt du Bescheid, Mama.
Dann kommt auch schon die Frau vom Massagesalon mit zwei schwarzen Helmen aus der Tür. Wir machen Witze darüber, dass die Helme wie eine Kokosnussschale aussehen.
Ich setze mir den Helm auf den Kopf und sage: „Hätte auch ne Kokosnuss sein können" und muss laut lachen.
„Na, wenn DAS mal sicher ist“, sagt Marieke und schaut mich skeptisch an.
„Das sind echt zwei Kokosschalen“, erwidere ich. „Wenn man damit crasht, ist das…glaube ich…nicht so sicher", füge ich hinzu.
Aber da das nicht passieren wird, spielt das ohnehin keine Rolle!
Ich frage, ob ich noch einmal kurz auf die Toilette gehen kann. Währenddessen schiebt die Frau zwei Roller – einen blau-schwarzen und einen rot-schwarzen – elegant in Richtung Straße.
„Das sind dann wohl unsere Roller“, sagt meine Schwester als ich zurückkomme.
„Please, can you explain it?“, sagt Marieke zu Mrs. Rollerverleih und muss dabei ein bisschen lachen. Das ist einer dieser Momente, in dem man versucht, eine verdammt dumme Frage durch Humor wie einen Scherz wirken zu lassen und - falls die Gegenseite komisch reagiert - es immer noch wie einen blöden Joke aussehen lassen kann.
Ich denke mir: „Du Vollidiot! Hast du gerade ernsthaft verraten, dass das unsere allererste Rollerfahrt ist und wir keine Ahnung haben? Nicht, dass sie uns die Roller nicht mehr gibt!“
Zum Glück sage ich das nicht laut, aber man kann meine Gedanken an meinem Gesichtsausdruck ablesen.
Die kleine Frau setzt sich auf einen der beiden Roller und demonstriert uns nach perfekter Chat GPT-Anleitung die einzelnen Funktionen: „Hier müsst ihr Gas geben. Hier könnt ihr bremsen. Hier blinken. Ganz wichtig: Ihr müsst die Bremse drücken, wenn ihr den Startknopf betätigt…das war’s auch schon! Easy!“
„Okay. Vielen Dank.“
Als könnten wir uns nicht noch mehr zum Otto machen, sagt meine Schwester ernsthaft voller Stolz und mit breitem Grinsen: „I have never done this before." Die Frau vom Rollerverleih muss erneut lachen.
Sie guckt uns kurz skeptisch an und ich versuche ad hoc, die Situation etwas aufzulockern. Ich fange an zu singen: „You’ll never see me agaiiiiiiin“ aus dem Song „Cry for you“ von September und tanze auf der Stelle.
„You’ll never see me again.
So now who’s gonna cry for you?
You‘ll never see me agahahahaiiin no matter what you do!
Forever and ever.
Life is now or never.
Forever never comes around.
Forever and ever.
Life is now or never.
Forever’s gonna slow you down!
You‘ll see never me agahahahaiiin…“
Die Frau steigt mit in den Song ein und lacht mich freudig angesichts dieser spontanen und völlig unerwarteten Gesangsperformance an.
Danach demonstriert sie zuerst meiner Schwester und dann mir, wie man den Roller bedient und läuft noch einmal kurz zurück zum Office.
Wenn ich mir das so durch den Kopf gehen lasse, ist es völlig wild, dass man mit seinem Autoführerschein automatisch die Lizenz erwirbt, einen Roller fahren zu dürfen und nicht einmal Ahnung haben muss, wie man so ein Teil bedient.
Während die Frau im Office ist (und ihren Massagekollegen hoffentlich nicht erzählt, dass wir verdammt unfähig wirken), stehen Marieke und ich bereits vor unserer ersten Roller-Herausforderung: Wie zum Teufel geht die Klappe auf, so dass wir unsere Sachen unter dem Sitz verstauen können?!
Wir begutachten kritisch den Roller und fühlen uns wie echte Profis als wir rein zufälligerweise den Knopf an der rechten Seite entdecken, mit dem wir die Klappe öffnen können.
Die Klappe springt auf und ich sage: "Tadaaaaa…geht doch!"
Marieke erwidert: "Wie hast du das denn gemacht?!" und schaut mich an als ob es etwas völlig spektakuläres wäre, was ich gerade getan habe. Ungefähr so wie eine Mutter, die gerade die ersten Schritte ihres Kindes zu Gesicht bekommen hat und begeistert in die Hände klatscht.
Ich erkläre ihr kurz die Funktion und dann verstauen wir unsere Wasserflaschen und Handtücher unter dem Sitz. Muss ja nicht sein, dass wir so viel in unserem Rucksack auf dem Rücken herumschleppen.
Dann kommt auch schon Mrs. Massagesalon zurück. Sollte sie sich mit den anderen Ladies besprochen haben, ob die zwei deutschen Kartoffeln tatsächlich einen Roller leihen dürfen oder man die Entscheidung revidieren sollte, so lautet die Antwort "ja, dürft ihr", denn sie bittet uns, zu zahlen bevor wir losfahren. Wie auch die jungen Thaimädels machen auch die Massageladies wirklich alles für Geld und das ganz ohne dass sie uns nach einem Führerschein oder einer Unterschrift für eine Versicherung oder einer Kaution gefragt hat.
Nachdem wir also zusammen 500 Baht (nicht einmal 14 €) für einen ganzen Tag Rollermiete gezahlt haben, setzen wir uns unsere Gefährte und schieben diese vorsorglich auf die andere Straßenseite.
Meine Schwester sagt: „Sicher ist sicher. Wir können ja wenigstens schon mal auf der richtigen Seite starten.“
Ich finde, dass das eine richtig gute Idee ist und folge ihr. Hier ist schließlich Linksverkehr.
Auf der anderen Straßenseite testen wir noch einmal die einzelnen Knöpfe, starten unsere Roller und fahren los. Wir sind stolz wie bolle, dass wir es ohne einen Unfall zum nur 200! Meter entfernten Café geschafft haben, wo wir auf Chris warten wollen.
„Das haben wir schon mal geschafft!“, sage ich als ich meinen rot-schwarzen Roller auf dem Rasen abstelle. "Ich hoffe, das Ding kippt nicht um...sieht ja ein bisschen schräg aus."
"Das passt schon!", sagt Marieke. Ich liebe es, wie wir zwei Amateure uns gegenseitig für die kleinsten Roller-Errungenschaften loben.
Als wir genüsslich unseren Iced Latte schlürfen, sage ich: „Das war echt eine super Idee, schon mal ein bisschen Erfahrung zu sammeln. Dann wirken wir gleich nicht wie die kompletten Vollidioten. Und außerdem ist es viel angenehmer, hier zu warten.“
Marieke nickt.
Ich nehme eine Schluck von meinem Kaffee und bin jetzt zuversichtlich, dass das eine blessurenfreie Tour wird nachdem wir so gut gestartet sind.
„Da war sie“, sagt Marieke und ergänzt: „Ich glaube, Chris ist gerade hier vorbeigefahren.“
„Mist. Ich habe ihr doch den Standort gesendet“, antworte ich und tippe in mein Handy: „Du bist an uns vorbeigefahren.“
Nur wenige Minuten später stellt Chris ihren Roller vorm Café ab.
„Wir haben das ganz schön zugeparkt hier“, stellen wir fest. Unsere Einpark-Künste sind -abgesehen davon, dass mein Roller schräg steht- ganz grundsätzlich auch nicht die besten, aber danach haben wir ja auch niemanden gefragt und hier ist auch niemand, der sich wie ein Alman aufregen könnte, dass unsere Roller nicht in einer vorgezeichneten Parklücke stehen.
„Chris! Wir haben es unversehrt bis zu diesem Café geschafft“, erzähle ich stolz mit breitem Grinsen. "Voll gut, oder?!", ergänze ich als wäre es eine Strecke von 200 Kilometern und nicht Metern, die wir gerade erfolgreich zurückgelegt haben.
„Na, das ist schon mal gut“, grinst sie. "Ist an sich auch nicht allzu schwer, wenn man den Dreh einmal raus hat!"
"Ich glaube, das geht schon", sagt Marieke.
Als wir wieder losfahren wollen, stellt sie fest, dass ihr Tank komplett leer ist und die Anzeige bereits blinkt.
„Ich glaube, wir müssen erstmal tanken...können wir das mal tun bevor wir losfahren?", bittet uns Marieke.
"Na das war jetzt nicht sonderlich klug von euch", sagt Chris. "Hättet ihr doch vorher machen können!"
"Ein Glück, dass uns das noch aufgefallen ist. Ist doch gut!", antwortet Marieke.
Unsere größte Angst ist nicht, dass wir vom Roller fallen, sondern vielmehr, dass uns mitten auf einem Hügel die Tankfüllung ausgeht und wir den Berg rückwärts wieder herunterrollen oder heulend auf der Straße stehen und den Roller nicht festhalten können. Exakt so wie ich im Januar dieses Jahr beim Skifahren auf der roten Piste stand nachdem wir von der grünen Piste abgekommen waren und mich dann bei der Abfahrt erstmal ordentlich auf die Fresse gelegt hab und heulend im Schnee lag.
Dieses Mal nicht!
Also gehen wir vorsorglich erstmal tanken.
Auf der linken Seite kommen wir vor einer Zapfsäule zum Stehen und Marieke sagt: "Ich hab KEINE Ahnung, wie das gehen soll. Lass mal lieber da vorn zu dem Typen, der uns das einfüllt!"
Gesagt, getan.
„Bitte voll tanken“, sage ich zu dem „Tankwart“, der gerade mit einer mit Benzin gefüllten Glasflasche, einer Blechgießkanne und einem Trichter bewaffnet vor mir steht und den Preis in die Tasten seines Taschenrechners haut.
„Fibty Baht, one litre“, erklärt er und zeigt mir das kleine Feld, auf dem erst eine 50 und dann eine 150 sichtbar wird nachdem er mal 3 multipliziert hat.
Chris schaut mich skeptisch an: „Das ist doch viel zu viel! Ich habe gestern zwei Liter getankt und bin den ganzen Tag – nein sogar zwei Tage – um die ganze Insel gefahren. So viel brauchst du definitiv nicht!“
„Naja, lieber zu viel als zu wenig“, erwidere ich. „ICH muss aber definitiv mehr tanken. Meine Anzeige blinkt schon“, rechtfertigt sich Marieke, die gerade neben mir geparkt hat.
Man merkt schon, dass wir keinerlei Risiken eingehen wollen und lieber unserer netten Frau vom Rollerverleih ein paar Liter Benzin für umme in den Rachen werfen als auf dem nächsten Hügel abzusaufen. Vorausschauendes Fahren war schon damals in der Fahrschule einer der wichtigsten Grundsätze und gilt sicherlich auch für Roller.
Wir lassen uns dann aber doch auf einen kleinen Kompromiss ein und beschließen, die beiden Roller mit je zwei beziehungsweise drei Litern für die nächsten Hügel zu füttern.
Dann drehen wir in die entgegengesetzte Richtung um und geben Gas.
In mir kommt ein bisschen Stolz auf, als ich auf meine Anzeige schaue und sehe, dass ich gerade mit 20 km/h über die Insel düse. Ich fühle mich verdammt schnell und muss an meine Führerscheinprüfung denken, bei der ich beim ersten Mal – und wie gesagt: Ich habe zweimal verkackt – nicht einmal aus dem ersten Gang rauskam und furchtbar stolz war, das Auto überhaupt vorwärts zu bewegen und mir der Prüfer erklären musste, dass es weitere Gänge gibt. Damals dachte ich auch, 20 kmh wären verdammt schnell.
Und jetzt fahre ich 20 km/h mit dem Roller und fühle mich, als ob ich mit Highspeed über die Straßen der Insel fliegen würde.
Tatsächlich kommen relativ schnell die von uns so gefürchteten Hügel – und auch die meistere ich mit Bravour. Ich frage mich jedoch, ob es normal ist, dass sich relativ schnell ein krampfartiges Gefühl zwischen Zeigefinger und Daumen einstellt, wenn man immer mit der rechten Hand Gas geben und gleichzeitig bremsen muss.
"Immer schön auf die Straße konzentrieren, Julia."
In meinem linken Rückspiegel erblicke ich nach einigen Metern Rollerfahrer, die – so scheint es mir – leicht genervt hinter uns fahren, weil es angesichts der hügeligen Straßenführung nicht ganz so einfach ist, uns zu überholen. Scheinbar sind wir doch nicht so schnell wie ich dachte. Dabei fühle ich mich doch wie Karla Kolumna, die rasende Reporterin von Neustadt und finde es „sensationell“ wie ich mich bisher beim Rollerfahren schlage.
Ich versuche, ein wenig an die Seite zu fahren und wir werden anschließend von gleich mehreren Rollerfahrern überholt.
Die Abweichung zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung in Bezug auf die Geschwindigkeit scheint groß zu sein. Für mich ist es Lichtgeschwindigkeit, für die anderen scheinbar ungefähr das Tempo, mit dem ein Müllwagen in einer 30er Zone unterwegs ist.
„Ich hab das mit dem Gasgeben endlich verstanden. Juhu!“, sagt Marieke als wir kurz am Straßenrand hinter Chris halten, die sich kurz einen Überblick verschafft, in welche Richtung wir fahren müssen.
Dann fahren wir auf eine Straßengabelung zu, die nach links und rechts führt...



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