Nach einer abenteuerlichen Fahrt mit der Fähre komme ich nach Sonnenuntergang am Hafen von Koh Tao an. Mit abenteuerlich meine ich, dass ich zunächst draußen auf dem Deck saß bevor der Wind anfing, in mein Gesicht zu peitschen und es Strömen regnete. So konnte ich wenigstens ein einziges Mal in diesem Urlaub meine sonst völlig sinnlose Strandmatte als Unterlage für meinen Po zum Einsatz bringen. Glücklicherweise musste sich niemand übergeben (zumindest nicht auf unserem Deck), obwohl das Boot recht wackelig unterwegs war.
Als ich den Hafen verlasse, ist da sofort dieses vertraute Gefühl, das ich mit diesem Ort verbinde. Ich war ja bereits 2014 in Koh Tao und habe dort meinen erweiterten Tauchschein gemacht und einige Tage auf der Insel verbracht. Im Gegensatz zu Koh Phangan und Koh Samui ist diese Insel sehr viel kleiner, mit vielen schmalen Gassen, Shops und Ständen und fühlt sich irgendwie familiärer und gemütlicher an.
Das ist genau die Atmosphäre, die ich jetzt brauche, um meine kleine Depression zu überwinden, weil ich nach zweieinhalb Wochen gemeinsamer Reise plötzlich alleine bin. Und als könnte dieser Tag mir nicht noch mehr aufs Gemüt schlagen, erblicke ich direkt beim Betreten meines Zimmers eine Kakerlake.
Ich sage euch was: Ich habe keine Angst, aus einem Flugzeug zu springen, rückwärts einen Bungee-Sprung zu machen, in Australien in einem Feld voller Spinnen Kürbisse zu pflücken oder in 30 Metern Tiefe zu tauchen, aber Kakerlaken geben mir den Rest. Du kannst mich in Deutschland beauftragen, eine Spinne in der Hand nach draußen zu bringen, aber wenn ich eine Kakerlake sehe, dann kannst du andere beauftragen, mich an der Hand nach draußen zu bringen.
Ich habe keine Ahnung, warum das eigentlich so ist, aber ich habe so ziemlich die schlimmsten Erinnerungen an Begegnungen mit Kakerlaken: Erstens, als ich auf den Philippinen in ein Fake-Taxi gestiegen und fast gekidnappt worden bin und anschließend eine Kakerlake in meinen Rucksack gekrabbelt ist oder zweitens, als ich im Zentrum von Australien an dieser Tankstelle gearbeitet habe, wo nicht nur die Arbeit die Hölle war, sondern ich auch noch abends in meinem Bett lag und die Kakerlaken die Wände hochgelaufen sind. Ich glaube, ich habe sowas wie ein Kakerlaken-Trauma. Kakerlakophobie. Auch wenn Mariana auf unseren gemeinsamen Reisen immer durch ihre "La Cucaracha"-Gesänge versucht hat, mein Trauma umzuschreiben und in eine humorvolle Situation zu verwandeln. Vielleicht hat das aber auch nicht ganz so gut geklappt, weil sie dabei selbst kreischend auf einem Stuhl stand.
Die Arbeit im Roadhouse habe ich damals übrigens wirklich nur für das Geld gemacht. Sonst hätte sie mir auch ohne Kakerlaken absolut den Rest gegeben. Die Besitzerin war maximal unfreundlich, der gerade erst eingestellte Koch hat mit einer Bohrmaschine Löcher in die Toiletten gebohrt, um Frauen zu beobachten und ich wurde wie ein Sklave behandelt.
Vielleicht habe ich genau das unterbewusst mit den Kakerlaken verknüpft.
Und so stehe ich auch jetzt in meinem Zimmer und versuche, mit geöffneter Zimmertür die Kakerlake nach draußen zu scheuchen. Ich bitte das Hotelpersonal, das hässlichste Tier der Welt (selbst Blobfische gefallen mir besser) aus meinem Zimmer zu entfernen. Genau genommen würde ich mir wünschen, dass sie die ganze Bude abfackelt, um sicherzugehen, dass definitiv keine Kakerlake mehr in meiner Nähe ist.
Als ich letztes Jahr auf Bali war, hat mir Pam übrigens erzählt, man solle immer unter die Matratzen schauen, weil sich dort die Kakerlaken am liebsten verstecken. Jetzt weiß ich nicht, ob mich der Gedanke mehr traumatisiert oder die Umsetzung. Ich frage also die Hotelmitarbeiterin, deren zweiter Vorname auch „Karies“ sein könnte, ob sie die Kakerlake aus meinem Zimmer entfernen kann. Sie antwortet „gleich“ und widmet sich wieder ihrer Tätigkeit hinter der Bar, wo sie gerade einen Smoothie für eine andere Person zubereitet.
So versuche ich - indem ich den Stuhl im Zimmer verrutsche - die Kakerlake irgendwie zu entfernen und frage mich dabei, was denn eigentlich mein Problem ist. Es ist ja schließlich NUR eine Kakerlake. Die Mitarbeiterin gibt mir dann ebenfalls mit den Worten „it’s nature“ zu verstehen, dass ich mich nicht so anstellen soll und fegt die Kakerlake mit einem Besen durch die Balkontür nach draußen.
Danach google ich, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass Kakerlaken durch Türspalte und Ritzen kommen, sich unter Matratzen aufhalten oder im Schlaf über mich drüberkrabbeln und finde heraus, dass die Wahrscheinlichkeit seeeehr gering ist. Dennoch kann ich es mir nicht nehmen lassen, die Türschwelle wie ein Amateur-Handwerker mit reichlich Klopapier abzudichten und eines meiner anderen Handtücher wie einen Zugluftstopper vor die andere Tür zu legen.
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Am nächsten Tag mache ich zum ersten Mal gefühlt gar nichts außer ein wenig zu arbeiten, zu entspannen, durch die Gassen zu laufen und mir eine Massage zu gönnen. Am Nachmittag halte ich kurz bei "Dive Point Koh Tao", denn ich habe beim Blick auf meinen Tauchschein festgestellt, dass ich dort damals meine Ausbildung gemacht habe. Auch dieses Mal möchte ich unbedingt einen Tauchgang auf Koh Tao machen. Als ich den kleinen Shop betrete, werde ich herzlich von einer Thailänderin mit Baby auf dem Arm empfangen. Ein deutscher Mann mit schulterlangen, rotblonden Haaren und schwarzem Stirnband steht gerade hinter dem Tresen und füllt einen Zettel aus. Ich plaudere ein wenig mit ihm und entscheide ich mich kurzerhand, einen Tauchgang für den nächsten Tag zu buchen. "Ich bin Sven, aber dein Tauchlehrer wird Steve sein. Der ist auch klasse!"
Als mein Wecker um 6.30 Uhr am nächsten Tag klingelt, überlege ich zunächst, ob ich der Tauchschule schreiben und den Tauchgang auf den nächsten Tag verlegen soll. Ich soll um 7.45 Uhr bei der Tauchschule sein. Der Plan ist, für zwei Tauchgänge rauszufahren und dann gegen Mittag wieder zurück am Hafen zu sein. Allerdings bin ich so müde, dass ich am liebsten absagen und meinen Wecker auf 10 Uhr stellen würde. Es wird sich später herausstellen, dass es die absolut richtige Entscheidung war, den Arsch aus dem Bett zu bewegen.
"Hey, ich bin Steve", begrüßt mich ein Mann mit ebenfalls rot-blonden Haaren und Bart und erklärt mir, dass er heute mein Tauchlehrer sein wird. Steve kommt aus Südafrika und arbeitet seit zwei Jahren bei Divepoint auf Koh Tao.
Wir gehen gemeinsam zum Hafen und betreten das Boot, das hinter 2 weiteren Tauchbooten versteckt ist. Steve zeigt mir das Boot, sucht mir einen passenden Wetsuit und Flossen in meiner Größe, drückt mir eine Taucherbrille in die Hand und erklärt mir, wie ich das Equipment zusammenbauen soll. Obwohl ich schon bestimmt mehr als 40 Tauchgänge habe (ich habe immer noch kein Logbuch), fühle ich mich bei jedem Tauchgang wieder wie ein Anfänger. Ich habe sogar heute Morgen bei YouTube Videos geschaut, wie man seine Tauchausrüstung korrekt zusammenbaut, obwohl ich das schon zig Mal gemacht habe. Nicht weil ich Angst vor dem Tauchen habe, sondern weil ich einfach Respekt habe, nachdem ich bei einem Nachttauchgang 2014 miterleben durfte, dass auch mal etwas schief gehen kann und man das nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte.
Bekloppter als bei meinem Tauchgang in Afrika kann es - so glaube ich - allerdings nicht werden. Denn da haben sie uns einfach auf offenem Meer nach dem Tauchen vergessen. Seltsamerweise hat mich das deutlich weniger traumatisiert als die Kakerlaken.
Ich bin also positiver Dinge!
Nachdem ich mein Equipment in eine dunkelblaue Plastikbox gelegt habe, setze ich mich oben auf das Deck. Vorher mache ich mir noch einen Kaffee. Ich muss ja zugeben, dass ich es liebe, mir auf Booten in einem Plastikbecher einen Instant-Kaffee mit Milchpulver und Zucker zuzubereiten und in mir immer sofort ein entspannt-vertrautes Gefühl aufsteigt. Auf einem schaukelnden Boot einen Instant-Kaffee zu trinken, ist für mich wirklich ein Highlight und ausschließlich mit positiven Erinnerungen verknüpft. Und so sitze ich kurze Zeit später mit meinem Instant-Kaffee auf dem Deck und beobachte die anderen Taucher.
Ich setze mich umgekehrt ganz nah an das Geländer, lasse meine Füße über der Reling baumeln und mir den Wind ins Gesicht wehen während ich meine Tasse Glücksgefühle genieße.
"In fünf Minuten erkläre ich euch den Ablauf", sagt Steve und zeigt mir vorher noch Mr. White. Das ist eine helle Katze, die auf dem Boot lebt. "Die war 2014 auch schon da", erklärt mir Steve. Ich erinnere mich nicht so genau.
"Also das sind Barrakudas. Das sind Korallen. Das sind Nacktschnecken. Und "these are angelfish", sagt Steve und malt mit seinem Finger einen Heiligenschein in der Luft um seinen Kopf.
"Ja...und das hier sind Walhaie", erklärt Steve mir und meinen zwei weiteren Tauch-Buddies, einem Italiener und einem Mann aus den USA. Er tippt in seinem Tauchbuch, das aus laminierten DIN A3-Seiten mit Abbildungen von Fischen besteht, auf den dunkelblau-grau gepunkteten, riesigen Fisch.
"Aber wir werden die doch nicht sehen?", frage ich vorsichtig. Ich halte es für eine überflüssige Info, über Walhaie zu sprechen, weil gerade gar keine Saison ist und ich nicht einmal wusste, dass man Walhaie in Thailand sehen kann.
Meine Frage bleibt zunächst unbeantwortet.
„Are you ready?“, fragt mich Steve, als ich in voller Tauchausrüstung am Rand des Bootes stehe. Ich habe meinen Regulator bereits im Mund und presse meine Taucherbrille mit zwei Fingern gegen mein Gesicht. Dann springe ich vom Boot.
Das Wasser ist angenehm-warm. Ich puste meine Weste ein bisschen stärker auf, rücke meine Brille noch einmal zurecht und treibe jetzt auf dem Rücken auf den Wellen neben dem Boot.
Wir schwimmen einige Meter auf dem Rücken an den anderen Booten vorbei. Dann halten wir uns am Seil des vordersten Bootes fest und Steve bittet uns, noch einmal tief durchzuatmen und zu entspannen. Die Wellen schwappen mir ein wenig ins Gesicht und ich versuche, mich zu fokussieren.
Gaaaaanz ruhig bleiben, Julia.
Steve zeigt mit dem Daumen nach unten und gibt uns so zu verstehen, dass wir jetzt gemeinsam abtauchen. Ich halte mein Inflator-Ablassventil über meinen Kopf und lasse langsam die Luft aus meiner Tarierweste. Dann steige ich am Seil in die Tiefe hinab.
Tzschhhhh
1 Meter
2 Meter
5 Meter
7 Meter
10 Meter
15 Meter
17 Meter
21 Meter
Zu Beginn eines Tauchgangs bin ich immer etwas nervös und presse wiederholt meine Brille gegen mein Gesicht und mache einen Druckausgleich. Allerdings fühle ich mich bei diesem Tauchgang von Anfang an sehr gut austariert. Mit insgesamt 4 kg Blei scheine ich zum ersten Mal seit langer Zeit rein zufälligerweise die absolut perfekte Menge Blei für meinen Gürtel ermittelt zu haben. Vielleicht sollte ich endlich anfangen, ein Logbuch zu führen, um beim nächsten Mal direkt Bescheid zu wissen.
Wir tauchen an einem Fels-Tauchplatz namens Chumphon Pinnacle.
Chumphon Pinnacle ist einer der spektakulärsten Tauchplätze von Koh Tao und besteht aus mehreren Felsspitzen, die in etwa 14-18 Metern Tiefe beginnen und bis auf etwa 30-35 Meter steil hinabfallen.
Wir sehen Engelfische, Anemonen, Korallen und Schwämme und so einige recht unspektakuläre Fische, die im leicht getrübten Wasser teilweise nur schwer zu erkennen sind. Leider haben wir nicht ganz so viel Glück mit der Sicht und gerade beim Aufsteigen am Ende unseres Tauchgangs nach etwa 50 Minuten sieht das Wasser ein wenig so aus wie ein Aquarium, in das gerade Fischfutter geworfen wurde.
Und dann - kurz bevor wir auftauchen- passiert es.
Steve schaut mich mit weit aufgerissenen Augen an und macht mit seinen Händen eine Wow-Bewegung. Die sieht so aus, dass er mit seinen beiden, zur Faust geschlossenen Händen an seiner Stirn startet und sie dann schnell fingerspreizend von der Stirn wegbewegt. Ich habe zunächst keine Ahnung, was gerade passiert und er mir und Unterwasser-Tauchersprache sagen will. Bis mir plötzlich ein Walhai mit seinem etwa 1,5 Meter breiten Maul entgegenschwimmt und ich meinen Augen selbst nicht trauen kann.
Ich habe nach dem Tauchgang in dem getrübten Wasser eigentlich nichts mehr erwartet (wir wollten ja auch gerade auftauchen) und dann kommt uns plötzlich tatsächlich ein etwa vier Meter langer Walhai entgegen. In unseren Tanks sind zwar nur noch 50 Bar, die Luftmenge, bei der man normalerweise auftaucht, aber wir bleiben noch einige Minuten unter Wasser, um das Zauberwesen zu beobachten.
Ich habe ja schon an mehreren Orten Walhaie gesehen: Zuerst beim Schnorcheln in Australien, dann auf den Philippinen und zuletzt zwischen Bali und Lombok. Aber so einem Tier in komplett freier Natur und völlig unerwartet beim Tauchen zu begegnen, ist noch mal eine ganz andere Nummer und ein Überraschungsmoment der etwas anderen Art.
Ihr müsst euch einfach vorstellen...okay, so einfach kann man sich das glaube ich nicht vorstellen..., dass ihr euch unter Wasser umschaut und euch plötzlich ein vier Meter langer Fisch entgegenschwimmt, der euch mit geöffnetem Maul problemlos verschlingen könnte - obwohl er das natürlich niemals tun wird, weil er sich von Plankton ernährt.
Völlig fasziniert von dem, was wir gerade gesehen haben, klettern wir die Leiter hoch zurück aufs Boot.
"Wir werden unseren zweiten Tauchgang nochmal an dieser Stelle machen und vielleicht haben wir Glück", sagt Steve.
„Das war AMAZING!“
Als wir etwa 20 Minuten und einen Instantkaffee später wieder abtauchen, schwimmt uns schon wenige Minuten später der nächste (oder derselbe?) Walhai entgegen.
Und so verbringen wir unseren gesamten Tauchgang, etwa 55 Minuten, damit, beim Pinnacle Dive Point zu bleiben und den Walhai zu beobachten, der immer wieder die Felsen umkreist und sich von den zahlreichen Tauchern, die mit uns (ähnlich fasziniert) das Tier beobachten, gar nicht irritieren lässt.
"Wir hatten heute SO ein Glück", sage ich zu Steve als ich meinen Wetsuit ausgezogen und gewaschen habe und wieder auf dem Deck sitze.
"SOWAS habe ich noch nie erlebt in den zwei Jahren, in denen ich hier bin", sagt Steve. "Natürlich haben wir schon mal einen Walhai gesehen, aber doch nicht 55 Minuten am Stück!"










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