Um 16 Uhr versammeln wir uns alle vor unserem Jeep, wo Jeff schon auf uns wartet. Simi hat mir so einen Anti-Mücken-Stick geliehen so dass ich nun bereits stolze Besitzerin von zwei Gegenständen meiner selbst erstellten Safariliste bin.
"Wenn ich bald als Ärztin nach Afghanistan gehe, werde ich mich weitere sieben Mal impfen lassen", sagt Andreia. Sieben Mal? Das klingt ja fast so wie die Impf-Flatrate, die so einige während der Coronapandemie in Anspruch genommen haben. Sieben Piekser, um sich als Dankeschön nicht nur einen Aufkleber im Impfpass, sondern eventuell auch eine Bratwurst und ein paar Nebenwirkungen zu sichern,die es angeblich nicht gibt.
"S-i-e-b-e-n?!", wiederhole ich lachend. "Die ganzen Mücken mögen mich eh nicht."
Und das ist wirklich wahr. Ich bin für Mücken glaube ich so eine wandelnde Citronella-Kerze,auf die sie keinen Bock haben. Seitdem wir hier sind, habe ich noch keine Stiche wahrgenommen. Ich öffne die Tür und klettere auf meinen Sitz.
-----
Der Parkeingang befindet sich ganz in der Nähe unseres Camps. Wir fahren nur ein paar Minuten und halten dann vor zwei kleinen Betonhäuschen, wo Jeff sich um die Bezahlung der Parkgebühren kümmert. Während wir warten, kommen von allen Seiten Frauen zu uns. Ausgestattet mit buntem Perlenschmuck, Tüchern, Schlüsselanhängern und kleinen Afrika-Figuren aus Holz, klopfen sie an die Scheiben und wollen uns etwas verkaufen. "Hello,sister, was findest du gut?" "Hello,sister, vielleicht dieses Armband? Es besteht aus Kupfer!" "Hakuna Matata. Which one?" Ich muss lachen als eine der Frauen die blonde Finnländerin links von mir zum 15. Mal fragt,welche Armbandfarbe sie gut findet nachdem sie schon 14 Mal "No,thanks" gesagt hat. Selbst als sie ganz demonstrativ die Fensterscheibe zuschiebt, fragt die Frau mit den bunten Ohrringen nochmal nach.
Dann kommt Jeff zurück und wir fahren los
------
Schon ganz am Anfang des Parks fahren wir an einer Zebra-Herde vorbei, die auf einer Weide grast. Wir sehen in der Ferne ein paar Elefanten zwischen den Büschen und sehr viele kleine Antilopen, die auch ab und zu vor dem Jeep über den Weg hüpfen. Jeff hält bei jedem Tier an.
Die Finnländer bewaffnen sich mit ihrer Profi-Kamera mit dem 30 cm langen Objektiv (kein Scherz!) und schießen aus allen möglichen Blickwinkeln Fotos.
Düd-düd-ratsch. Düd-düd-ratsch.
Da sie den Kameraton angelassen haben, bekomme ich eine ungefähre Vorstellung davon, wie viele Fotos es wohl sind. Es gibt die meiste Zeit nicht einmal eine Pause zwischen den Bildern außer wenn Eve ihrem Freund die Kamera gibt und umgekehrt. Parallel macht jeweils derjenige, der gerade nicht die Profi-Kamera ordentlich zum Glühen bringt, Fotos mit dem iPhone.
Düd-düd-ratsch. Düd-düd-ratsch. Düd-düd-ratsch.
Es müssen schon zu Beginn hunderte von Bildern sein obwohl wir heute noch 3 Stunden und morgen 9 Stunden Safari vor uns haben.
Was zum Teufel wollen die mit so vielen Bildern?!
-----
Immer,wenn wir ein Tier sehen, gibt uns nicht Jeff, sondern Simi ein paar Infos. "Das da drüben ist ein männliches Warzenschwein. Da vorne auf dem Baum sitzt der XY-Vogel. Das Zebra da drüben ist ungefähr X Jahre alt. Diese Antilope ist auf jeden Fall weiblich." So langsam verstehe ich, was es mit seiner Wildlife-Aussage auf sich hat. Simi ist sowas wie der Crocodile Dundee der afrikanischen Dornstrauchsavanne. Er kann dir aus 100 m Entfernung den Tiernamen, das Geschlecht, das ungefähre Alter und alle weiteren Besonderheiten nennen.
"Woher weißt du das alles!?",frage ich. "Du bist das wandelnde Lexikon der Tiere,Simi!"
Ich bin froh,dass ich gerade eine Hyäne gesichtet und spontan mit meinem kürzlich erworbenen "Ugly 5"-Wissen punkten und alle Tiere inklusive Sweepee Rambo benennen konnte.
Wenigstens versorgt uns Simi mit ein paar Infos, denn Jeff scheint nicht sonderlich viel Bock zu haben. Immer, wenn wir ein Tier sichten, tritt er auf die Bremse und schnappt sich sein Handy.
-------
Als wir um etwa 18:30 Uhr zurück ins Camp kehren, freue ich mich richtig, diese Tour gebucht zu haben. Auch wenn ich gerade unter einen kalten, rostigen Dusche stehe und an der Wand eine Nacktschnecke ihre Schleimspur zieht während ich das Duschgel abspüle. Ich bin so gespannt,welche Tiere wir morgen noch in freier Wildbahn sehen.
Beim Abendessen erzählt uns Wildlife-Simi ein bisschen mehr über seine Erfahrungen aus dem indischen Dschungel. Wir essen gerade Reis, Spinat, Linsen und Chapati. Einige haben sich zusätzlich etwas vom Hähnchen- und Rindfleisch genommen, aber da ich keine Lust auf einen Delhi-Belly in Afrika habe, verhalte ich mich ab sofort wie ein Vegetarier. Ich behaupte auch auf Nachfrage,dass ich einer sei. So wie Harald in den USA immer so tut als würde er "Thomas" heißen damit er seinen Namen bei Starbucks und Co. nicht extra buchstabieren muss. "Die interessiert das eh nicht, ob ich Harald oder Thomas heiße",sagt er immer und trotzdem muss ich lachen, wenn sie "two flat whites for Thomas" rufen.
Simi erzählt uns,dass er regelmäßig auf Tigersuche ist. "Die Chance ist 50/50, dass man es überlebt, aber ich liebe das Gefühl,wenn die Angst einem von den Fußspitzen in den Kopf steigt. Dann weiß ich wieder,dass ich lebe und dankbar sein darf."
Als Beweis zeigt er uns zwischendurch Bilder von ihm im Dschungel, einem seiner Freunde, mit dem er zuletzt auf einen Tiger gestoßen ist und das Tiger-Beweisbild.
Er empfiehlt uns außerdem,dass -sollten wir mal von einem Bären verfolgt werden - wir am besten beim Rennen Sachen nach links und rechts werfen damit der Bär diesen zum Schnüffeln hinterherrennt und wir ein paar Minuten Zeit gewinnen. Ein wirklich grandioser Tipp,den ich mir gern zu Herzen nehmen,falls ich zufälligerweise mal einem Bären begegne.
"Also, Julia. Wenn du mal nach Indien kommst,dann kann ich dich ja gerne mal auf Tigersuche mitnehmen...und euch übrigens auch! (er schaut Andreia und Joana an) "Wir gehen dann zu Fuß los und schauen, ob wir ihn finden."
Mir ist ja so einiges zuzutrauen,aber "Nee, lass mal, Simi. Das reicht, wenn einer von uns so bekloppt ist."
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen