"Und jetzt?", frage ich.
"Was machen wir nun?"
Banda wedelt mit seiner Hand. Er wirkt recht unbeeindruckt von der Tatsache, dass das Boot viel zu weit von uns entfernt ist.
"Dich sieht doch niemand!", sagt Walter und schüttelt den Kopf während er ungefähr 1,5 m von uns entfernt an der Oberfläche treibt.
"Wie soll man das aus der Entfernung sehen?!"
Banda zieht seine gelbe Schwimmflosse aus und wedelt damit in der Luft herum. Also wenn DAS jemand aus DER Entfernung sieht, dann muss derjenige entweder im vorigen Leben ein Raubvogel gewesen sein oder rein zufälligerweise ein Fernglas dabei haben. Ich bezweifle es.
Das kann doch wirklich alles nicht wahr sein. Erst dieser beschissene Tauchgang und jetzt vergessen die uns einfach auf dem offenem Meer und sind an eine andere Stelle zum Schnorcheln gefahren. Das passiert auch echt nur hier in Afrika mit den ganzen Sparmaßnahmen. Lieber ein Boot und 4 Leute im Ozean vergessen als Sprit für zwei Boote finanzieren zu müssen selbst wenn man bei der Tour schätzungsweise 3000 Prozent Marge hat.
"Das ist doch viel zu weit zum Schwimmen!", sagt Walter als Banda uns auffordert, ein wenig Richtung Boot zu paddeln. Man merkt ihm seine Wut langsam an. Irina paddelt ein wenig hinter ihm und hält sich bedeckt.
Ich versuche, möglichst nah an Banda zu bleiben um nicht auch noch von den Wellen weggetrieben zu werden.
"Haaaaallohooo mambooooo", ruft Banda und fuchtelt jetzt ein bisschen wilder mit seiner Flosse in der Luft herum. Normalerweise haben Tauchlehrer auf offenem Meer immer so ein aufblasbares Ding dabei, mit dem sie auf sich aufmerksam machen können, aber bei unserem Premium-Tauchgang wird alternativ eine Schwimmflosse benutzt. Ganz tolle Idee.
"Man, man, man. Sowas hab ich in 400 Tauchgängen noch nicht erlebt", sagt Walter zu mir und schüttelt den Kopf.
Ich fülle meine Weste mit ein bisschen mehr Luft bis sie komplett gefüllt ist. "Dreh dich einfach auf den Rücken", sagt Banda. "Das ist nicht so anstrengend."
"Einfach", wiederhole ich in Gedanken und bin inzwischen extrem genervt, dass ich während des Tauchgangs schon dagegen ankämpfen musste, nicht an die Oberfläche zu treiben und jetzt damit beschäftigt bin, irgendwie auf einem Fleck zu bleiben oder mich zumindest nicht noch weiter vom Boot zu entfernen.
Nach etwa 10 Minuten ohne Boot auf offenem Meer werden wir so langsam etwas nervös. Also zumindest Walter, seine Frau und ich. Banda wiederholt hingegen immer wieder, dass das Boot gaaaaanz bestimmt gleich kommt.
Na wenn er da so zuversichtlich ist, dann hoffen wir mal das Beste. Wobei ich ehrlich gesagt auch noch davon überzeugt bin, dass uns früher oder später jemand einsammeln wird. Wann auch immer früher oder später ist.
Ein paar Minuten später (ich habe das Zeitgefühl verloren) wedelt Banda immer noch mit seiner Flosse in der Luft herum.
Bewegt sich gerade tatsächlich eines der Boote in unsere Richtung?
"Now its coming", sagt Banda und lächelt zufrieden.
Juhu. Na endlich. Hat ja auch lange genug gedauert.
Als das Boot bei uns ankommt, verliert Walter komplett die Fassung und lässt seiner Wut Raum.
"Du bist echt ein richtiger Vollpfosten. So ein mega Idiot", sagt er zum Kapitän.
"Du hast ECHT keine Ahnung von deinem Job! Wie kann man nur so unprofessionell sein?"
"Der Anker hing fest!", rechtfertigt sich der Kapitän und bringt Walter damit erst so richtig in Fahrt: "Ja, sag ich doch. Du hast keine Ahnung von deinem Job du Vollidiot! Sowas habe ich noch nie erlebt"
"Don't call him Idiot!", fordert Mitarbeiter Nr. 3 Walter mit erhobenem Zeigefinger auf und hängt die Leiter an unserer Seite über das Boot.
Er ist wirklich ein Idiot, stimme ich Walter in Gedanken zu.
Ich ziehe meine Tauchweste und dann meine Flossen aus und klettere auf das Boot.
"Hooow was it?", fragt mich der Kapitän mit fettem Grinsen als ich mich im hinteren Teil des Bootes auf die Bank setze.
"Richtig scheiße!", antworte ich ehrlich und versuche, niemanden mit meinen Blicken zu töten.
"Am liebsten würde ich jetzt direkt wieder "nach Hause" fahren oder zumindest einfach runter von diesem Boot."
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Walter und seine Frau hatten eigentlich noch einen zweiten Tauchgang gebucht (ich zum Glück nicht) und sagen diesen ab.
Wir bleiben noch kurz am selben Fleck damit die beiden Kinder der Französin noch eine Runde schnorcheln können. Ich nutze die Zeit, um meinen Neoprenanzug auszuziehen. Wenige Minuten später brechen wir auf zu unserem Tour-Highlight: Lunch auf Wasini Island.
Klingt traumhaft und klang es auch in unserer Beschreibung, aber in der Realität gibt es dort nichts (wirklich nichts!) zu sehen. Zumindest nichts, was 90 Dollar und die Tourbeschreibung rechtfertigen würde.
"Lunchtime, Guys", sagt einer der Guides und deutet auf einen freien Plastiktisch, der zwischen weiteren bereits besetzten Tischen mit essenden Touris aufgebaut ist.
Und damit die Tour auch an dieser Stelle keine freudige Wendung nimmt, ist unser Tisch direkt vorm Toilettenhäuschen ohne Klospülung aufgebaut so dass uns beim Essen ein schöner Toilettengeruch in die Nase zieht. Auch das paar Räucherstäbchen, das auf der Mauer platziert ist, kann den Plumpsklo-Geruch nicht ausgleichen.
Na dann mal "Guten Appetit!"
"Spoil yourself with sumptuous sea food, fresh crab, fillet fish, or delicious grilled chicken or vegetarian all prepared Swahili style with a touch of finesse." Frei übersetzt bedeutet das: Verwöhnen Sie sich mit üppigen Meeresfrüchten, frischen Krabben, Fischfilet oder köstlichem, gegrilltem Hähnchen oder vegetarischem Essen. Alles nach Swahili-Art mit einem Hauch Finesse.
Ich will ja nix sagen, aber "Ein Hauch Finesse" = Reis pur mit einem ungewürzten, gegrillten Stück Fisch. Guide Michelin würde spätestens an dieser Stelle auch den letzten nicht vorhandenen Stern aberkennen.
Aber dass Vision und Realität bei dieser Tour auch beim Mittagessen ein klein wenig voneinander abweichen, wundert mich jetzt ehrlich gesagt auch nicht mehr.
Umso mehr freue ich mich, als ich endlich wieder in Diani ankomme. Ich lasse mich bei Kokkos absetzen, um den Tag wenigstens mit einem leckeren Stück Kuchen und einem Kaffee ausklingen zu lassen, denn das "leckere Dessert", das uns in der Tourbeschreibung versprochen wurde, existierte leider auch nur auf dem Papier.
Bitte erinnert mich daran, dass ich nie wieder so eine typische Touristen-Tour auf einer Reise buche. Es gibt bessere Wege, 90 Dollar zu verbrennen.
Danke.
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Am nächsten Tag packe ich meine Sachen und lasse mich morgens ein letztes Mal für ein tolles Frühstück zu Kokkos fahren. Ich werde heute Diani verlassen, um nach Mombasa an einen anderen Strand zu fahren. Vielleicht kann ich dort nochmal tauchen gehen und eine andere Erfahrung sammeln.
Um 11 Uhr holt mich Dencan, den ich gestern Abend auf meinem Heimweg von Kokkos zum Apartment als Tuktuk-Fahrer kennengelernt habe, ab. Ich habe ihn am Vorabend gefragt, ob er mich vielleicht nach Mombasa fahren könnte.
Wir fahren nochmal kurz beim Apartment vorbei damit ich meine Sachen abholen kann. Ich lege mein Geld auf den Tisch und den Schlüssel für Karen unter die Fußmatte. Dann geht's los Richtung Mombasa.
Auf den Weg plaudere ich ein wenig mit Dencan und erfahre mehr über sein Leben als Tuktuk-Fahrer. Er ist 27, hat 5 Geschwister und lebt schon seit ein paar Jahren in Diani. Sein Geld verdient er mit Tuktuk-Fahrten, aber auch einem Wäscheservice. Er hat sich nämlich nach eigenen Angaben vor einiger Zeit eine "Profi-Waschmaschine" als Zusatz-Einnahmequelle zugelegt. Damit reinigt er für die umliegenden Hotels Teppiche, Handtücher und Co. Das erklärt jetzt auch, warum er mir gestern Abend noch schrieb, dass er noch nicht wüsste, ob er mich gegen 11 abholen kann, weil er noch seinen Teppich waschen muss. Gestern Abend schickte er mir eine Stunde nach seiner ersten Nachricht ein Video von seinem Teppich. Ich war zunächst etwas verwirrt, warum mein Tuktuk-Fahrer mich so im Detail über seine Teppichreinigung informiert und was der Teppich überhaupt mit meiner Fahrt nach Mombasa zu tun hat. Jetzt verstehe ich, dass er von einem Kundenauftrag geredet hat.
Aber Dencan hat sogar noch einen dritten Job: Ab und zu hängt er Fernseher auf, hilft dabei, das Wlan einzurichten oder reinigt Toiletten. "Mein Traum ist es, eine weiße Frau zu finden", erzählt er mir, denn die kenianischen Frauen sind seiner Meinung nach alle zu faul. "Die liegen alle nur zuhause rum und essen Chips", meint er. Als ich ihm dann erzähle, dass ich bereits vergeben bin, fragt er mich, ob ich ihm dann nicht wenigstens die Nummer meiner Schwester oder so zur Verfügung stellen könnte. Irgendjemanden werde ich ja wohl kennen, der einen African Man heiraten und eventuell nach Kenia auswandern will. "Sie könnte dann jederzeit nach Afrika kommen und wir würden uns gegenseitig supporten."
Leider nein, leider gar nicht.
"Aber wenn du eine weiße Frau für mich findest, sag mir Bescheid, ok?", fragt er mich anschließend mehrfach und fügt hinzu, dass er gestern Abend noch zu Gott gebetet hat, dass ich Single bin und wir vielleicht heiraten können. Ich schaue auf das Kreuz, das von der Decke des Tuktuk-Dachs baumelt und muss herzhaft lachen.
Leider ist die Vorstellung von unserer romantischen Hochzeit nach einer gemeinsamen Tuktuk-Fahrt trotz seiner Gebete ziemlich schnell wie eine Seifenblase zerplatzt.
"Sind alle kenianischen Frauen faul?", frage ich nach. "Oh yes. Und verdammt teuer. Man muss ja mit Schafen oder Kühen bezahlen und das muss man sich erstmal leisten können. Ich muss ja selbst erstmal Millionär werden", antwortet er.
Ich lache und forsche nach: "Du willst Millionär werden? Wie viel arbeitest du denn eigentlich so?"
"Ich denke mindestens 14 Stunden pro Tag, aber manchmal auch 22. Zwischendurch ein kurzer Power-Nap und weiter geht's. Ich denke, dass man hart für sein Geld arbeiten muss und das ist mein Life-Goal."
Uff.
Wenn man bedenkt, dass sein Traum von einer Million umgerechnet gerade einmal knapp über 6.000 € bedeuten und er dafür rund um die Uhr ackert, dann ist das ganz schön heftig.
"Wow!", antworte ich. "Machst du denn nie Pause oder Urlaub?"
"Nein. Nie."
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Wir quatschen noch ein wenig weiter und nach etwa 1,5 Stunden Fahrt kommen wir in Mombasa an. Dencan setzt mich an einem Hotel ab, das ich spontan über Google gefunden habe.
"Das passt schon. Du kannst mich hier rauslassen", sage ich.
"Und danke für diese interessante Fahrt!"
Ich drücke Dencan noch ein kleines Trinkgeld in die Hand und hüpfe aus dem Tuktuk.
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