"Bämm. Ich hab's geschafft!", freue ich mich und lasse mich hechelnd und völlig verschwitzt wie nach einer zweistündigen Sporteinheit auf den Sitz fallen. Bis gerade war ich nicht ganz sicher, ob das Flugzeug nach Äthiopien heute ohne oder mit mir startet, aber spulen wir kurz zurück.
Es ist 16:23 Uhr und ich bin unfassbar pünktlich am Hamburger Flughafen. Unfassbar pünktlich,weil mein Flieger erst um 20 Uhr geht, aber ich versuchen werde, mir einen Platz in einer früheren Maschine zu ergattern. "Man kann ja mal nett fragen" und "Du hast immer so viel Glück,Julia."
Mit meinem neuen blauen Backpack auf dem Rücken mache ich mich auf den Weg zum Lufthansa-Schalter. Ich betone das mit dem neuen Backpack jetzt übrigens immer, weil mein uralter grüner eBay-Rucksack und treuer Reisebegleiter (Anno 2011) eigentlich schon seit 2012 Schrott ist und nicht mal 3 Monate überlebt hat. Das nennt sich Quality made in China. Der Rucksack kam schon 2011 nach seinem vierten Gepäckbandausflug mit abgerissenen Gurten vom Band zurück und wurde dann in liebevoller Handarbeit von mir wieder festgenäht. "Wir haben früher in der Schule wenigstens noch gelernt, wie man eine Nähmaschine bedient", würde Mama jetzt sagen, aber Nadel und Faden haben damals auch ihren Dienst erfüllt.
Seitdem verstehe ich nicht nur die schlechten Rucksackbewertungen auf eBay, sondern reise auch mit einem geflickten Backpack, der jederzeit komplett auseinanderfallen könnte. Außerdem - und das ist ja jetzt schon über 10 Jahre her - wünsche ich mir fast jedes Jahr zu Weihnachten oder zum Geburtstag einen neuen Backpack. Leider habe ich die unzähligen Amazon-Gutscheine, die ich dafür bekommen habe, bisher immer für völlig andere Dinge eingelöst. Da aber mein alter Rucksack im Rahmen meiner Loslass-Aktion erfolgreich ausselektiert wurde, musste drei Tage vor Abflug endlich ein neues Exemplar her. Ich habe also über 10 Jahre gebraucht, um mir in 5 Minuten einen neuen Rucksack zu bestellen, der mich jetzt echt glücklich macht.
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"Ich fliege erst um 20 Uhr und habe dann nur 55 Minuten Umsteigezeit in Frankfurt. Ich hab echt Schiss,dass ich das verkacke", lache ich den superjungen Lufthansa-Mitarbeiter an. "Wann fliegst du denn weiter?", schaut er mich fragend an.
"Also mein Anschlussflug ist ja schon um 22:05 Uhr und wir kommen erst um 21:10 Uhr an. Kannst du mich nicht einfach auf 18 oder 19 Uhr umbuchen?",
"Theoretisch ja, aber leider sind die beiden Flüge schon überbucht. Ich müsste dich auf die Warteliste setzen und dann verlierst du nicht nur deinen 20-Uhr-Flug, sondern kannst um 18 Uhr eventuell auch nicht fliegen."
Ok. Dann lieber nicht. Dann warte ich jetzt noch 3,5 Stunden.
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Als wir um 21:15 auf die Landebahn rollen, stelle ich fest, dass sich meine Umsteigezeit soeben auf nur 50 Minuten verkürzt hat. "Wir müssen hier noch etwas warten und können noch nicht zum Terminal da der Platz aktuell noch von einem anderen Flieger belegt ist. Alle, die einen Anschlussflug nach Kapstadt haben, werden gleich direkt am Terminal abgeholt und mit einem Bus zu ihrem Anschlussflug gefahren", ertönt es aus den Lautsprechern.
"...und alle Anderen: Rennt um euer Leben ihr kleinen Bitches", führe ich den Satz in meinem Kopf fort und muss ein bisschen lachen.
Unser Flugzeug steht jetzt seit ein paar Minuten auf der Stelle. Neben mir im Gang warten schon ungeduldig (ca. seitdem die Räder die Landebahn geküsst haben) ein paar typische Almans wie Tiere darauf, dass die Luke endlich aufgeht. Kennt ihr diese Menschen, die sich noch vor Erlischen des Anschnallzeichens abschnallen und dann völlig panisch anfangen, ihre Taschen aus den Staufächern zu reißen um dann 10 Minuten blöd im Gang herumzustehen statt einfach sitzen zu bleiben? Das ist als wenn ich sicherheitshalber schon um 17:50 Uhr anfange zu kauen obwohl mein Ofengemüse erst um 18 Uhr fertig ist.
"Ach übrigens", fährt der Pilot fort. "Ein wichtiger Hinweis für alle anderen: Wir kommen anders als geplant an Terminal A an. Das ist relativ zentral. Es dürften also alle Gates relativ schnell erreicht werden."
Ich schaue auf die Uhr. 21:26 Uhr. Boarding für den nächsten Flug: 21:20 Uhr.Das Gate schließt etwa um viertel vor 10. Also entweder brauche ich jetzt eine Zeitmaschine oder extraschnelle Füße.
Ok, Julia. Bereite dich schon mal mental auf die gleich anstehende Ironmanqualifikation in der Disziplin "Laufen" vor. Die meisten Startplätze (vor allem für den Ironman Hawaii) werden schließlich auch an Amateure vergeben.Das ist jetzt deine Chance, dich zu qualifizieren.
"Die sind ja echt lustig", denke ich und ziehe die Schnürsenkel meiner Sportschuhe etwas fester.
Nachdem alle Almans aus dem Gang verschwunden sind (und hoffentlich in tiefster Zufriedenheit den Flieger als Erstes verlassen konnten obwohl ihr Anschlussflug erst in 4 Stunden geht), schnappe ich mir meinen Rucksack und laufe von ganz hinten nach ganz vorne. "Ist es realistisch, das zu schaffen?" frage ich den Flugbegleiter als ich vorne ankomme und halte ihm mein Ticket unter die Nase.
"Ui. Ich würde nix garantieren", erwidert er und ergänzt: "Vielleicht wenn du schnell bist."
Ein kurzer Blick aufs Handy-Display. Es ist 21:31. Es bleiben also 14 Minuten, um zum Gate zu rennen, durch die Passkontrolle zu kommen und mein hart erarbeitetes Visum zu präsentieren.
Ich renne ich los.
Aus dem Weg, ihr Langsamlatscher und Im-Weg-Rumsteher.
Ich fliege über die Rollbänder wie eine afrikanische Gazelle und schubse jeden aus dem Weg, der auf der linken Seite steht. Zwischendurch renne ich an normal gehenden Menschen vorbei und rufe: "Wohoo. Kleine Sporteinheit am Abend", um das Ganze etwas lustiger zu gestalten. Auf den Rollbändern fühle ich mich beim Rennen mindestens so schnell wie Usain Bolt, der laut Google in seiner Karriere zwischenzeitlich eine Höchstgeschwindigkeit von 44,72 km/h erreichte. Das ist auf jeden Fall deutlich schneller als meine Durchschnittsgeschwindigkeit bei meiner ersten Führerscheinprüfung, bei der mich der Prüfer mit 15 km/h in der 30er-Zone gefragt hat, ob es auch noch mehr als einen Gang gibt. Kein Scherz. Ich bin damals auch relativ schnell durchgefallen,weil ich voller Angst war und anschließend fast einen Fußgänger plattgemäht hätte. Aber jetzt...jetzt bin ich bereit, Vollspeed zu geben und in den 5.Gang zu schalten!
Ich flitze an der Passkontrolle im Zickzack durch die Seitenabsperrungen und klatsche völlig aus der Puste und lachend meinen Pass auf den Tresen. Anschließend nehme ich wieder Geschwindigkeit auf und nähere mich wie Road Runner Gate B43.
Am Gate angekommen, ist es 22:39 Uhr. Kurzer Visa-Check und tadaa: Ich hab es im Gegensatz zu meiner damaligen Führerscheinprüfung tatsächlich geschafft.
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Völlig nassgeschwitzt laufe ich durch die Gänge zu meinem Platz 30J, um dann festzustellen,dass mein Platz bereits besetzt ist.
"Kein Problem. Ich kann gern deinen Platz nehmen", sage ich und grinse.
"Oh. Das ist ja VOLL nett von dir. Danke", erwidert der junge Mann, der es sich auf meinem Platz bequem gemacht hat.
Und dann lasse ich meine Tasche auf 30H fallen und freue mich über das Flugkarma, das mir soeben eine komplett freie Reihe für die nächsten 6 Stunden beschert hat.
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